Erste Wanderung, um den Vater aufzusuchen

[17] Einst blieb er ungewöhnlich lange aus; dies beunruhigte meine Mutter so sehr, daß sie mir und meinem Unglücksbruder Simon zumutete, ihn in Karlshafen, einem neuangelegten hessischen Städtchen, aufzusuchen, weil er ihr geschrieben hatte, daß er zu Tietelsen, unweit Karlshafen, eine Wirtschaft gekauft habe.

Unsere unerfahrne Jugend machte uns sogleich bereitwillig, und die Begierde, bald unsern Vater zu sehen, siegte über alle Bedenklichkeiten, die einige bedachtsamere Freunde dem Vorhaben meiner Mutter entgegensetzten. Es war im Juni des Jahres 1771, als wir uns, von den Segenswünschen unsrer guten Mutter begleitet, leicht bepackt auf den uns unbekannten Weg machten. Nach einer Reiseroute, welche der Vater meiner Mutter zugeschrieben hatte, nahmen wir unsern Weg über Langensalza, Mühlhausen und Heiligenstadt, ohne uns aufzuhalten.[17]

Eine Tagreise von Karlshafen hatten wir uns eben am Wege niedergesetzt, um unsre Barschaft zu überzählen, als mein Bruder folgendes Gespräch einleitete:

Simon: Was fangen wir an, wenn unsere paar Groschen alle sind und wir den Vater nicht fänden?

Ich: Je nun, dann sagen wir, wir sind Hannegörge Sachsens Kinder, dann werden uns die Leute schon so viel geben, daß wir wieder nach Hause kommen können.

Eben wollte mir mein Bruder einen Einwurf machen, als zwei Reisende zu uns traten und uns frugen, wo wir hinwollten.

Wir: Nach Karlshafen.

Sie: Was wollt ihr denn da machen?

Wir: Unsern Vater aufsuchen.

Sie: Wer ist denn euer Vater?

Wir: Er heißt Hannegörge Sachse.

Sie: Wo seid ihr denn her?

Wir: Aus Sachsenland.

Sie: Daß Gott, ihr Kinder, wir kennen euern Vater; ihr werdet ihn schwerlich antreffen, denn er ist in Wanfried.

Jetzt brachen wir in bittere Tränen aus und wollten wieder umkehren; aber die beiden Männer sprachen uns wieder Mut ein und sagten, wir sollten mit ihnen gehen, sie wollten uns nach Karlshafen zu Herrn Kümmel bringen, bei welchem unser Vater einzukehren pflege.

Als wir dahin kamen, erfuhren wir leider, daß diese Leute uns die Wahrheit gesagt hatten, denn man versicherte uns, daß unser Vater in Geschäften auf der Weser sei und wohl so bald nicht kommen würde. – Schon flossen unsre Tränen von neuem; da legte sich die Frau Wirtin ins Mittel und sagte: »Weinet nicht, Kinder, bleibt bei mir, bis euer Vater kömmt; er wird so lange nicht aus sein.« Diese mitleidige gute Frau bewirtete uns auf das beste, und um uns zu beschäftigen, gab sie uns Erbsen, Linsen, Buchnüsse und dergleichen zu lesen, welches wir mit Freuden taten.[18]

Da der Vater nach vierzehn Tagen noch nicht da war, mußten wir von diesem und jenem Spottreden darüber anhören, die uns durch die Seele gingen, deswegen benutzten wir mit Freuden eine Gelegenheit, die sich uns darbot, frei mit nach Wanfried zu kommen. – Des schlechten Wetters wegen mußten wir den ganzen Tag über im Schiffsraume stecken und des Nachts auf dem harten, feuchten Boden schlafen, ohne daß irgend jemand nach uns gefragt oder sich um uns bekümmert hätte, da die Mannschaft vollauf zu tun hatte.

Den andern Tag kamen wir zwar nach Wanfried, erfuhren aber auch hier mit Entsetzen, daß der Vater nicht da wäre. Zum Glück trafen wir in dem Gasthofe, wo wir einkehrten, Fuhrleute an, die sich unserer erbarmten und uns bis Mühlhausen mitzunehmen versprachen. Diese guten Leute warfen uns unterweges so viel von ihren Mahlzeiten zu, daß wir uns immer sättigen konnten; wo sie einkehrten, hatten wir freie Herberge und dankten Gott, als wir durch sie unsrer Heimat wieder näher kamen.

Vor Mühlhausen verließen wir sie unter Tränen des Dankes und setzten an demselben Tage unsern Weg noch bis Großengottern fort, wo wir gegen Abend ankamen. – Am Ende des Dorfes hatten wir uns ermüdet niedergesetzt und klagten eben einander unsern Hunger, als eine betagte Frau mit einem Wassereimer auf uns zukam und uns frug, wohin wir wollten. – »Heim«, antworteten wir, »wir haben unsern Vater verloren!«

»Daß Gott erbarm«, rief sie, ging nach dem Brunnen, schöpfte Wasser und hieß uns auf dem Rückwege, ihr zu folgen, welches wir uns nicht zweimal sagen ließen. Kaum waren wir in ihrer Stube, so hieß sie uns setzen und brachte bald darauf jedem von uns einen Schmierkäsefladen, den wir mit dem größten Heißhunger verzehrten, während sie sich hinter das Spinnrad setzte und allerhand Fragen an uns tat, die wir ihr mit der größten Unbefangenheit beantworteten. – Das gute Mütterchen[19] hatte gewähnt, unser Vater sei gestorben; als wir ihr aber diesen Irrtum benommen und uns für ihre Mahlzeit bedankt hatten, sagte sie: »Heute kommt ihr doch nicht mehr nach Hause, und da ihr kein Geld habt, wo wollt ihr denn bleiben?« – »Unter einem Baume, wenn es nicht anders ist«, war unsre Antwort. »Nein«, erwiderte sie, »das sollt ihr nicht! Ich will euch schon ein Nachtlager machen und morgen noch einen Matzfladen mit auf den Weg geben, wo ihr wohl noch andere mitleidige Herzen finden werdet, die euch ein Stückchen Brot mitteilen.«

Dankbar nahmen wir ihr Anerbieten an und verließen sie früh unter guten Wünschen. Sie hatte wahr gesprochen; von gutherzigen Menschen unterstützt, kamen wir, nach dreiwöchentlicher Abwesenheit, wieder in unsrer Heimat an.

Ohne rechts oder links zu blicken, gingen wir dem Dorf entlang stumm und in uns gekehrt unserm Hause zu; wehmütig und angstbeklommen traten wir in den Hof, und das Haar sträubte sich mir zu Berge, als ich die Stubentüre öffnete und die Überraschung der erstaunten Mutter gewahr wurde. Wir vermochten kein Wort hervorzubringen als: »Mutter, wir haben den Vater – nicht gefunden!« – »Nicht?« rief sie mit einem herzdurchschneidenden Schrei und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl.

Nach einer langen Pause wagten wir es erst, ihr in abgebrochnen Sätzen unsre Reiseabenteuer zu erzählen; tausendmal wurden wir durch gegenseitiges Weinen und Schluchzen und durch Zweifel der Mutter unterbrochen, ob unsre Erzählung auch wahr sei und ob wir wirklich in Karlshafen gewesen wären. Erst als wir unsre Reisegeschichte zehnmal wiederholt und jeden Einwurf wie Katechismusfragen beantwortet hatten, fing sie an, uns Glauben beizumessen, und versank in melancholischen Schmerz. In dieser Stimmung blieb sie wohl vierzehn Tage lang, wo ein Brief meines Vaters eintraf, in dem er[20] ihr schrieb, wie leid es ihm tue, daß wir ihn nicht angetroffen hätten; er sei während unsrer Anwesenheit auf dem Lande gewesen, um Frucht aufzukaufen, mit welcher er nächstens nach Thüringen kommen würde. – Einige Tage darauf kam er wirklich, und als meine Mutter ihm die Unmöglichkeit schilderte, sich und die fünf Kinder in der großen Teurung zu erhalten, so brachte er wieder die Zumutung aufs Tapet, daß sie ihr Haus und sonstiges Eigentum verkaufen und ihm mit uns nach Tietelsen, seiner neuerkauften Meierei, folgen möchte.

Da sie aber erklärte, daß sie lieber in ihrer Heimat mit den Kindern Hungers sterben als in ein Land ziehen wollte, wo, wie sie gehört hätte, Leibeigenschaft herrsche, so sagte er: »Nun so bleib und behalte drei Kinder, den Hannetöffel und den Simon will ich mitnehmen.«

Dieser Beschluß blieb unabänderlich und nötigte die gute Mutter, das Nötige zu unsrer Abreise selbst instandzusetzen.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 17-21.
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