Abenteuer in Hamburg

[79] Bei unsrer Ankunft daselbst war das Tor noch geschlossen und uns gesagt, daß es vor acht Uhr nicht geöffnet würde. Nachdem wir einige Zeit hatten warten müssen,[79] wurde für die Fußgänger die Pforte geöffnet, und nun ging es an Vorzeigung der Pässe. Aber wie erschrak ich, als ich auch meine Brieftasche herauszog und darin meinen Paß vermißte, noch mehr aber, als der Visitator mir sagte: »Je, mein Jünkchen, wenn Er keinen Paß hat, so halten wir Ihn fest.« Zum Glück beteuerten auf meine Berufung die Fuhrleute, daß er vermutlich bei dem Wirte in Steinbek liegengeblieben wäre, bei dem sie ihn gesehen hätten. Wollt ich daher wohl oder übel, so mußt ich nach Steinbek zurückwandern. Der Wirt merkte gleich, was geschehen war, und sagte, ich hätte von Glücke zu sagen, daß sie mich im Tore nicht festgehalten hätten. Ich möchte mir dieses zur Warnung dienen lassen und überhaupt mich in Hamburg vor den Seelenverkäufern in acht nehmen, welche jungen Menschen nachstellten.

Diese Warnung war mir ein Donnerschlag, und in größter Furcht vor einem solchen Schicksal trat ich, nach eingenommenem Frühstück, mit meinem Passe den Rückweg nach Hamburg an.

Bei meiner Ankunft fand ich das Tor geöffnet und wurde gar nicht angehalten. Eine geraume Zeit ging ich schüchtern in Hamburg herum, ohne es zu wagen, mich nach dem Kampt zu erkundigen, aus Furcht, einem Seelenverkäufer in die Klauen zu geraten. Endlich faßte ich mir doch ein Herz und frug einen Schrader oder Fruchtablader, wie ich am sichersten nach dem Kampt käme. – Dieser maß mich mit den Augen und sagte: »Säcker, der Kampt ist von hier noch gar weit, aber ich will Ihn zurechtweisen.«

Er führte mich nun hinter der Alster weg durch eine Allee, welche man den Jungfernstieg nennt; es ging immer außerhalb der Stadt weg; schon waren wir über eine halbe Stunde lang gegangen, und noch sah ich kein Ende. Da geriet ich auf den Gedanken, daß dieser Mann mich wohl irreführe, und blieb auf einmal stehen. »Nu, was wird's? was horchst du?« rief er, »ich glaube gar, du fürchtest dich vor mir!«[80]

Verlegen über seine Anrede, stotterte ich endlich ein »Ja« hervor und sagte, daß man mir vor den Seelenverkäufern bange gemacht hätte.

»Gott bewahre mich«, antwortete er darauf, »solch ein Mensch bin ich nicht; dieser Weg, den ich dich führe, ist näher als der Weg durch die Stadt, und weil ich gerade in der Gegend zu tun habe, so will ich dich zurechtweisen.« Er tat es und brachte mich wirklich bis an Herrn Ipsens Haus, vor welchem ein großer Speiseschild ausgehängt war. Ich erschrak nicht wenig, als ich bei meinem Eintritt in die Stube eine Menge Werber und Soldaten erblickte, und argwöhnte schon, daß der Herr von Fabrici falsch an mir gehandelt hätte. Fast wär ich wieder umgekehrt, ohne meine Empfehlungsschreiben abgegeben zu haben, hätte mich der Wirt nicht gefragt, zu wem ich wolle. Als er meinen Empfehlungsbrief gelesen hatte, hieß er mich freundlich willkommen und lud mich ein, am gedeckten Tische Platz zu nehmen. Es war eben Mittagszeit und ein Geschrei wie bei einer Auktion; einer rief: »Für drei Schillinge Braten und Salat!« Ein anderer: »Mir für sechs Schillinge Schweinefleisch mit Kohl«, während ein dritter Kalbfleisch mit Sauce, ein vierter Rindfleisch mit Meerrettich und ein fünfter Sauerbraten mit jedesmal hinzugesetztem Preise verlangte.

Zur Vermehrung meiner Angst saß mir an der Tafel gegenüber ein dänischer Offizier, welcher mich sehr aufmerksam beobachtete und dann frug: »Mit Erlaubnis, Sie sind gewiß hier fremd!« Eben preßte mir die Angst ein schüchternes »Ja« heraus, als Herr Ipsen mir ein Gerücht Schweinebraten und Salat brachte und mich zum Essen nötigte. Es hungerte mich, und ich begann zu essen; aber der Bissen blieb mir im Munde stecken, und ich dachte, es ist richtig, du bist verkauft, als der Offizier Herrn Ipsen an sich zog und sich in dänischer Sprache mit ihm besprach, wobei er mich fest im Auge behielt. Meine Verlegenheit mochte ihm Spaß machen, endlich sagte er lächelnd zu mir: »Fürchten Sie nichts! Hier sind[81] Sie gut aufgehoben.« Ich antwortete kein Wort, sondern dachte: o wenn du doch nur diesmal glücklich aus der Patsche wärst, in Hamburg sollten sie dich gewiß nicht wieder sehen! – Das war ein ewiges Kommen und Gehen; wurde ein Platz neben mir ledig, so war er im Nu von einem andern Gaste wieder besetzt, ohne daß ich selbst es gewagt hätte, meinen Stuhl zu verlassen. Ich saß wie angenagelt! So ging es fort bis um zwei Uhr, wo die Gäste sich bis auf den Offizier verloren. Er las die Zeitungen und überreichte mir auch ein Blatt unter den Worten: »Hier, sehen Sie sich in der Welt um, Sie werden noch mancherlei erfahren!« – Jawohl, dacht ich, und das Schlimmste vielleicht schon heute! Ich tat kaum einen Blick auf das Blatt und wollte aufstehen, als dem Offizier Kaffee gebracht wurde; allein er vertrat mir den Weg und bat, ich möchte bleiben! Dir wird es gut gehen! seufzt ich in Gedanken und blieb. Er tat verschiedene Fragen an mich, die mich nötigten, ihm Rede zu stehen. Endlich kam der Wirt und entschuldigte sich, daß er mich unter so vielen Menschen hätte allein lassen müssen, er sei indem erst mit seinen Geschäften fertig geworden. »Es ist Ihnen wohl bei diesem Herrn recht bange geworden?« frug er mich. – »Jawohl«, antwortete ich naiv, »es war mir immer, als ob ich vor Angst zum Fenster hinaussetzen müßte!« – Beide brachen über dieses Geständnis in ein lautes Gelächter aus und versicherten mich, daß ich von keinem von beiden etwas zu fürchten hätte. Darauf sagte Herr Ipsen, daß er Auftrag erhalten hätte, mir eine sichere Gelegenheit nach Stade auszumachen, deswegen wollte er mit mir den Nachmittag nach Altona gehen.

Während er sich ankleidete, frug er den Offizier, ob er noch nichts weiter entdeckt hätte. »Nein«, antwortete dieser, »da sind einmal wieder hundert Taler in den Dreck geworfen! Es ist mir ein verfluchter Streich, indes – was hilft es, ich muß sehen, wie ich mich schadlos halte!«[82]

Ich ging mit Herrn Ipsen nach Altona, da wir aber hier keine Gelegenheit fanden, so führt' er mich in eine große Tabagie auf dem Hamburger Berge, um eine Bouteille Porterbier zu trinken. Potztausend, wie sperrt ich Mund und Ohren auf, als ich hier ein Gewühl von mehreren hundert Menschen beiderlei Geschlechts sich fröhlich herumtummeln und belustigen sah! Ich dachte, ganz Hamburg war in dem Hause versammelt. Als wir abends nach Hause gingen, sagte Herr Ipsen: »Junger Mensch, was werden wir nun anfangen? Der Abend ist lang! Sind Sie schon im Schauspiel gewesen?« – Auf meine Verneinung fuhr er fort: »Nun gut, so will ich Sie dahinführen, da wird es Ihnen gefallen.« Als wir in das Schauspielhaus kamen, begann eben die Musik, aber was für Musik! So was hatten meine Ohren noch nie gehört, ich war ganz entzückt! Als vollends der Vorhang aufgezogen wurde und die Handlung des Stücks wirklich begann, da schien mir alles Hexenwerk, besonders, als es zu donnern und zu blitzen anfing. Voll ängstlicher Furcht faßte ich Herrn Ipsen an dem Rockschoß und frug ihn, was denn das wäre und wo das noch hinauswolle. Herr Ipsen konnte mir für Lachen nicht antworten und hielt sich beide Seiten. Das Stück endigte mit erschrecklichem Geräusche unter Blitz und Donner, und ich konnte nicht begreifen, wie ein Mensch über so was ruhig sein oder gar aus vollem Halse lachen könnte.

Beim Herausgehen in dem Gewühle von Menschen hatt ich meinen Führer verloren und war durch einen andern Ausgang auf die Straße gekommen; die vielen brennenden Laternen und die nach allen Seiten hinströmenden Menschen hatten mich ganz verwirrt gemacht, daß ich nicht wiederfinden konnte, wo ich hergekommen war. Ich wußte meiner Angst kein Ende; in einer großen Stadt, fremd und unbekannt in der Nacht auf freier Straße, ohne zu wissen wohin und in peinlicher Furcht, vielleicht einem Seelenverkäufer in die Hände zu fallen, das war meine Lage, als ein Mensch mit raschen[83] Schritten auf mich zukam. Meine Angst gab mir den Mut, ihn zu fragen, wo man nach dem Kampte zugehe. »Je ne le sais pas«, antwortete mir derselbe und ging flüchtig vorüber. Ich war ganz bestürzt über die Antwort in einer mir fremden Sprache und ging auf gut Glück weiter, als mir wieder jemand aufstieß, an den ich jene Frage wiederholte. – »Freund, ich bin selbst fremd«, antwortete er mir und ging ebenfalls vorüber. Es ärgerte mich, daß ich nicht berichtet wurde, und wagt' es nun nicht, wieder zu fragen, aus Furcht, in unrechte Hände zu kommen oder in einen Kampt zu geraten, aus dem ich nicht wieder zurückkönnte. Ich ging daher sachte fort aus einer Straße in die andere bis um Mitternacht, wo ich einem Nachtwächter begegnete, welcher sich erbitten ließ, mich für eine Belohnung von acht Schillingen zurechtzuweisen.

Herr und Frau Ipsen hatten meinetwegen die größte Angst ausgestanden und befürchtet, daß ich in unrechte Hände gekommen sein müsse, deswegen hatten sie die Sache dem Polizeikommissär jenes Viertels angezeigt, welcher nach allen verdächtigen Häusern Polizeidiener ausgeschickt hatte, die endlich mit der Erklärung zurückgekehrt waren, daß man keine Spur von mir habe auffinden können.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 79-84.
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