Das Burgtheater vor vierzig Jahren.

[74] Unter den Schauspielern der Mainzer Bühne entstand eine absonderliche Bewegung, als sich im Dezembermond des Jahres 1862, kurz vor Beginn der Vorstellung, die Nachricht zwischen den Kulissen verbreitete: der Theateragent Ferdinand Röder sitze im Parkett. Das Loch im Vorhang wurde von den Darstellern belagert, man zeigte einander den Gewaltigen, dessen weiße Bartkoteletten, wenn er sie rechts und links durch die Finger zog, die nachbarlichen Sperrsitznummern beschatteten. Er war vor Jahren selbst Schauspieler gewesen und hatte unter dem Beinamen »der schöne Ferdinand« starken. Eindruck auf Frauenherzen gemacht, war aber klug genug, bevor er als Liebhaber verknöcherte, eine Theateragentur aufzutun mit unerhörtem Erfolg, der hin zum König aller Theateragenten machte. Wir spielten an diesem historischen abend »Minna von Barnhelm,« doch Ferdinand Röder, welcher fürchten mochte, daß es seinem Renommee schaden könne, wenn er sich mehr als einen Akt von Lessings Lustspiel anschaue, erschien im ersten Zwischenakt auf der Bühne, geführt von dem Direktor Ernst. Zunächst steuerte er auf Hedwig Raabe los, die später so berühmt gewordene Niemann-Raabe, die an diesem Abend die Franziska spielte, und verwickelte sie in ein geschäftliches Gespräch. Wer seine Ohren spitzte, konnte hören, was er mit ihr verhandelte, denn leise Rede war ihm nicht gegeben. Die Tausende für Gage und Spielhonorar flatterten in der Luft herum, bis ihm einfiel, daß seine Zeit kostbar sei und er noch andere Geschäfte in Ordnung bringen müsse. Mit fliegendem Backenbart, der ihn wie Gischt umbrandete, den[74] hellen Überrock weit zurückgeschlagen, den Daumen im Westenausschnitt rauchte er auf mich zu.

»Unser Just, Herr Schöne,« stellte mich der Direktor vor. »Sie wissen ja, wer ich bin,« sagte der Allmächtige, den ich nie gesehen; »wollen Sie mit mir in Geschäftsverbindung treten?« Ich hatte für kostspielige Theateragenten wenig Herz; bisher war es mir fast immer gelungen, ohne ihre Beihilfe meine Engagements abzuschließen. Ich blieb ihm gegenüber in kühler Salamanderstimmung und sagte ruhig: »Warum nicht? – Wenn Sie mir eine gute Stellung verschaffen können.« Meine Gelassenheit machte ihn aufbrausen. »Können! Können! Es handelt sich nur um mein Wollen! Und ich will! Sie werden von mir hören!« Damit drehte er sich kurz um, so daß ich glauben mußte, er gehe beleidigt fort, doch vor Ablauf einer Woche schickte er mir aus Wien einen überraschenden Brief:

»Es ist möglich, daß ich Sie ans Burgtheater bringen kann. Ich habe Direktor Laube von Ihnen erzählt, der sich für Sie zu interessieren scheint. Sie möchten sich bei ihm um ein Gastspiel auf Engagement bewerben, läßt er Ihnen sagen; das andere würde sich finden. Kommt es zu einem Kontraktabschluß, haben Sie drei Jahre hindurch von allen Ihren Bezügen fünf Prozent Provision an mich zu zahlen.«

Ich nahm meine beste Feder und bot mich Laube an. Umgehend erhielt ich von ihm eine eigenhändige Antwort in seiner charakteristischen Lateinschrift, die sich Lewinski ganz zu eigen gemacht hat. Laube schrieb auf einem ungeheuern Bogen: »Wien, 7. Januar 1863. Ich habe Ihren Brief vom 2. Januar erhalten, werter Herr, und bin ganz bereit, ein Gastspiel für Sie bei meiner Behörde in Antrag zu bringen. Ein Gastspiel auf Engagement; drei Rollen, sobald Sie Ihrer Verpflichtungen ledig sind in Mainz, und – wenn Sie keine neuen Verpflichtungen eingegangen sind, denn Sie müßten hierbleiben können, wenn Sie reüssieren. Die Wahl der Rollen wir mir aber schwer, so lange ich[75] Sie nicht persönlich kenne. Das Beste wäre, wir bestimmten die erst, nachdem Sie hier eingetroffen wären und ich Sie ausführlich gesprochen hätte. Man ersieht dann leichter, was zur Persönlichkeit paßt. Didier (Grille), Peter (Gustel von Blasewitz), Mack (Königsleutnant) sind mir bis jetzt aus Ihrem Repertoir in die Augen gefallen. Nennen Sie mir selbst sechs Rollen, die Sie möchten, und sagen Sie etwas Ausführliches über sich selbst, namentlich aus welchem Teile Deutschlands Sie stammen, und welche spezielle Richtung des heiteren Genres Ihnen am nächsten liegt und am besten steht. Ebenso auch, ob Sie sich anspruchslos genug fühlen, hier eine Karriere zu beginnen, bei welcher Sie doch immerhin noch eine Weile von Beckmann, Meixner, Baumeister aus erster Linie zurückgehalten würden. Ihrer Antwort entgegensehend grüße ich Sie als Ihr ergebener Laube.«

Ich hatte das Schreiben eines Sekretärs im Auftrage des Herrn Direktors erwartet, in herkömmlichen Phrasen, und erhielt einen eigenhändigen Brief Laubes, einfach und fachlich, jeder Satz ein Hammerschlag, der den Nagel auf den Kopf traf. Den Brief zu beantworten war eine Lust: ich merkte, daß Laube etwas vom Individuum haben wollte, und gab mich, wie ich war, in einer kleinen biographischen Skizze. Natürlich vergaß ich nicht, das Bekenntnis abzulegen, daß meine Wiege in Dresden gestanden. Laubes umgehende Antwort, die jeder Anrede entbehrte, lautete: »Also aus Dräsen?! – Es bleibt abgemacht, daß Sie nach Schluß Ihres Mainzer Engagements hierher kommen und auf Engagement gastieren. Vergessen Sie nicht, mir ewig vierzehn Rage vorher anzuzeigen, daß Sie abreisen, damit ich mich darauf einrichte. Von Rollen denke ich an Didier, Mack und Tümpel (›Ein Lust spiel‹) oder ›Schöne Müllerin‹. Sie bestens grüßend Ihr ergebener Laube.« – Wären nicht die Briefe in meiner Hand gewesen mit dem Siegel der »k.k. artistischen Direktion des Burgtheaters,« ich hätte zu träumen geglaubt; Hedwig Raabe erhielt gleichzeitig von Laube[76] einen Gastspielantrag, aber sie hatte schon einen Namen mit Wertprägung, ich dagegen, Haus im Glück, kam mir vor wie der verwunschene Prinz. Die Österreicher unserer Gesellschaft und alle, die das Wiener Straßenpflaster kannten, wußten die Reize der Kaiserstadt so zu schildern, daß das »goldene« Mainz völlig seinen Glanz verlor. Besonders der Pflegevater der Gallmeyer pries mich glücklich, daß ich Wien und seine Pepi sehen dürfe, die sich dankbar und großmütig gegen den früheren Pfleger erweise. Jeder aber wußte ein Stücklein von Laube zu erzählen, und die Legende wob ihre Fäden um ihn. Während der Probe sollte er verborgen auf der Bühne sitzen, in eine spanische Wand eingerollt, und bei dem geringsten Verstoß der Schauspieler wie ein bissiger Wachthund aus seiner Hütte herausfahren. Beneidenswert sei bei alledem das Los der k.k. Hofschauspieler doch; sie würden vom Hof und Publikum über alle Maßen verhätschelt, so sehr, daß man sie zu den Proben und Vorstellungen von ihrer Wohnung in einer Equipage abhole. Freilich würden die Verbrecher, die man zur Hinrichtung nach der Spinnerin am Kreuz bringe, ebenfalls in den Wagen der Hofschauspieler nach dem Orte ihrer Bestimmung gebracht – und das war keine Fabel. – Endlich kam der ersehnte 16. April, mit ihm der Schluß der Mainzer Bühne und meine Abreise nach Wien, die ich verabredetermaßen vierzehn Tage früher dem Direktor Laube gemeldet hatte. Dank den Mainzer Instruktionen wußte ich genau, was ich bei meiner Ankunft im Wiener Westbahnhof zu tun hatte; ich warf mich einen Komfortabel, und nach deutschen Fahrbegriffen raste mein Einspänner die Mariahilfer Straße hinunter und prellte in der inneren Stadt beim »Hotel Wandl« vor. Im frühen Morgensonnenschein legte ich mich nach langer Fahrt zur Nervenberuhigung ins Bett und schlief über die Mittagsstunde hinaus, bis mich der Hunger weckte. »In Wein speist man nie im Hotel!« hatte man mir eingeprägt, also machte ich mich auf den Weg, ein Spielhaus[77] zu suchen. Auf dem Kohlmark las ich ein Schild: »Café Daum.« Das wird das richtige sein, dachte ich; in rheinischen Cafés spielt man zu Mittag, nimmt dort alle möglichen Getränke, am seltensten Kaffee – warum nicht in Wien? Eine hoheitsvolle Persönlichkeit, faltenlos aufgebügelt, mit dem gepflegtesten Backenbart, neigte sich bei meinem Eintritt zu mir herab und fragte im vornehmen Flüsterton nach meinem Begehr. »Bringen Sie mir geschwind eine Suppe, und was sonst fertig ist, ich habe einen Bärenhunger.« Ich hatte keine Ahnung, wie furchtbar ich mit dieser Bestellung den »Louis beim Daum« beleidigte, den großen Zahlkellner im ersten Café. Er trat einen Schritt zurück, maß mich mit dem Blick des Sonnenkönigs, brachte die Hand wie abwehrend zwischen uns und versicherte, daß ich hier am unrechten Orte sei, ich wolle vermutlich in das Bierhaus »Zum Lothringer« gehen, das sich ein paar Häuser weiter hinauf befinde. Hoher Louis! Nimm heute meinen Dank für deine Zurechtweisung, ja – ich gehörte in den »Lothringer,« denn es war ein Nest der Hofschauspieler. Hier verzehrte der alte Ludwig Löwe nach dem Theater sechs harte Eier, weil er einen »falschen Appetit« verspürte; hier qualmte Josef Wagner wortlos seine dicken Zigarren; hier saß Meister Laroche mit seinem tugendhaften Hunde, der Punkt elf Uhr der Kneipe den Rücken kehrte, nach Hause ging und den Hausmeister wachbellte, damit er ihm das Tor aufsperre, wofür Laroche ein Sperrsechserl erlegen mußte. Hier verspeiste Meixner im höchsten Zorn einen Fasan, der ihm zu billig war, weil er auf dem Jagdplatz den Fasan mit Federn teurer bezahlen müsse als hier einen gebratenen mit Rotkraut. Im »Lothringer« speiste ich Jahre hindurch zu Mittag, im Verein mit Nachwuchskollegen und jungen Journalisten, die es später zu Hofräten und bevollmächtigten Ministern brachten. Also nochmals Dank, Louis, für die vielen angenehme Stunden, die mir deine Zurechtweisung verschaffte! – Mein erstes Mittagessen in Wien hatte sich[78] so spät hinausgezogen, daß ich nicht mehr daran denken konnte, mich Direktor Laube vorzustellen; es trieb mich ins Burgtheater, das ich mit Gefühlen betrat, wie sie einer haben mag, der mit einem überlegenen Gegner zum erstenmal zusammentrifft. »Hier werden fremde Schauspieler in Grund und Boden gespielt,« war der Gedanke, den ich nicht los werden konnte. Es mußte so sein, denn Hedwig Raabe hatte vor einigen Wochen im Burgtheater gastiert; ihre reizvolle Persönlichkeit, ihr eigenartiges starkes Talent hatten Eindruck gemacht – aber ein Engagement war nicht zustande gekommen.

Mit den Linien des Mainzer Schauspielhauses stand die unschöne Form des Burgtheaters in argem Kontrast, und doch lag über den Räumen eine Weihe, von der man sich ergriffen fühlte, vielleicht weil man sich bewußt wurde, daß der Kronleuchter mit seinen Öllampen eine hundertjährige große Theatervergangenheit bestrahle, daß man sich innerhalb der Mauern einer kaiserlichen Hofburg befinde.

Der Theaterzettel versprach ein Lustspiel in vier Aufzügen von Meilhac, »Ein Attaché,« das gestern seine Erstaufführung erlebt und einen großen Erfolg errungen hatte. Die modernen französischen Lustspiele, die Laube meist selbst übersetzte, vielmehr bearbeitete, weil der dem Geschmacke des deutschen Publikums Konzessionen machen, über Zensurbedenken hinweg helfen mußte und seinen Schauspielern die Rollen nach dem Leibe zuschnitt, hatten nur nach und nach Boden gewinnen können. So wurden Sardons »Gute Freunde« bei der Premiere sanft abgelehnt, ein Stück, das, nach einigen Jahren von Laube wieder aufgenommen, nicht oft genug gespielt werden konnte, nachdem das Publikum an modernen französischen Komödien Geschmack gewonnen hatte. Als das Orchester eine Ouvertüre aus den blauen Heften gespielt, die ihr vierzigjähriges Jubiläum hinter sich haben mochten, wurden durch das Aufziehen des Fügerschen Vorhanges dem Zuschauer die Wunder des Festsaales im *schen Gesandtschaftshotel zu[79] Paris enthüllt. Ein leises Mitleid regte sich in mir bei diesem Anblick – ich kam auf die Vermutung, der arme Gesandte, Baron von Scharpf, sei gepfändet worden, und man habe ihm nur das Allernotwendigste für die Repräsentation gelassen: rechts einen vergoldeten Tisch, ein kleines Sofa und zwei Stühle und links einen vergoldeten Tisch, ein kleines Sofa und zwei Stühle. Aber das waren Gedanken, die rasch verflogen, als die Schauspieler anfingen zu sprechen. Ich hörte eine Weile zu und stutzte – – die reden ja gar nicht wie Schauspieler – das sind Menschen im wirklichen Leben – das ist keine Kunst, das ist Natur! Nach und nach dämmerte es in mir auf: »Heute siehst du zum erstenmal ein Lustspiel, wie es gespielt werden muß.« Fast eben so bewunderungswürdig wie die Darsteller wollte mir das Publikum erscheinen. Ungezwungen unterhielt man sich im Zuschauerraum vor Beginn des Stückes und während der Zwischenakte, das Orchester spielte offenbar nur zu dem Zwecke, die Konversation anzuregen; ein Diener des Hofzuckerbäckers Demel, der »Nummero,« durchstreifte die Gänge des Parketts und rief eintönig: »Gefrorenes, Limonade, Mandelmilch« aus – aber bei dem Glockenzeichen, das den Beginn des Spieles ankündigte, wurde es mäuschenstill, und mit dem Aufziehen des Vorhanges prägte sich Aufmerksamkeit auf den Gesichtern aus. Man hing an den Lippen der Darsteller, nicht die feinste Pointe ging verloren, man lachte gern und lachte von Herzen. Applaus fiel nicht häufig, aber manchmal, nach einer besonders gelungenen Szene, ließ sich ein halb unterdrücktes bestimmendes Gemurmel vernehmen, und die Köpfe der Zuschauer neigten sich zueinander, Worte der Bewunderung flüsternd. Ich dachte, jetzt brauchen sich nur zwei Hände zu regen, dann bricht der Jubel los; ich wollte den Anstoß geben, da hielt mein Nachbar meinen Arm: »Tun Sie's nicht, 's wär schad'! Das war der feinste Burgtheater-Applaus.«

Sie kannten sich, Schauspieler und Publikum; ich glaube,[80] es wäre für ganz natürlich befunden worden, wenn sich jemand aus der Prosceniumsloge gebeugt und einem Darsteller, der ihm eben das Herz bewegt, kräftig die Hand geschüttelt hätte. Man muß Fichtners Abschied beigewohnt haben, um einen Begriff zu bekommen, in welchem Rapport Künstler und Publikum miteinander standen; als der Liebling schied, war es, als ob ein zärtlich geliebter Sohn von seiner Familie herzbrechenden Abschied nähme. In den beiden Ausläufern der vierten Galerie, am Bühnenausschnitt, versammelte sich allabendlich eine feine Blüte des Publikums; wenig Geld in der Tasche, aber Ideale im Herzen, mußten sie sich ihre Plätze durch frühzeitiges Anstellen an der Einlaßtüre teuer erkaufen. Nicht am wenigsten mag es Fichtner gefreut haben, als er ihren Lorbeerkranz aufnahm, dessen Schleife die Widmung trug: »Von den Stammgästen des vierten Stockes.« So war es vor vierzig Jahren im Burgtheater.

Selig-betrübt verließ ich das ehrwürdige Haus; wohl hatte ich Herrliches gesehen, aber ich mußte auch, daß eine Krähe unter Adlern eine traurige Rolle spielen würde. Nach unguter Nacht kam der entscheidende Tag, der mich mit Direktor Laube zusammenführen sollte. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß er gegen ein Uhr in seinem Bureau Besuche entgegennähme, also stieg ich vorzeitig, klopfenden Herzens, die Albrechtsrampe hinter der Augustinerkirche hin auf und erfragte bei einigen livreebekleideten Würdenträgern der Tore die bescheidene Stiege, die zu dem Bureau des artistischen Direktors vom Burgtheater führte. Auf mein Läuten öffnete ein blatternarbiger Riese die Türe; sein überhängende Schnurrbart verriet den ehemaligen Feldwebel. Es war, wie ich später erfuhr, der Herr Repertoir-Inspizient Rister, Erfinder der übersichtlichen Tabellen der Burgtheaterstücke, mit allen dagewesenen Rollenbesetzungen, die noch heute angewandt und geschätzt werden. Rister tummelte auch sonst den alten Kranzleischtmmel und verrichtete für Laube alle untergeordneten Schreibearbeiten. Er hat manchen Brief an Laube aus[81] dem Papierkorb gerettet, denn er war ein Sammler von Theaterkuriositäten, zugleich ein lebendiges Nachschlagebuch der Geheimgeschichte des Burgtheaters.

Herr Rister fragte nach meinem Begehr, und als er erfahren, um was es sich handelte, fragte er: »Jessas, ja! Der Direktor erwartet Sie schon a paar Täg! Jetzt ist er auf der Prob' – er wird leicht noch a Weil' dauern, aber kommen tut er g'wiß. Nehmen S' einstweilen auf dem Sofaderl Platz.« Er machte eine einladende Bewegung, zog seine Uhr, fragte zu sich: »Heut wird's spat mit'm Mistgrüberl« und ging wieder in das Direktionszimmer. Das Mistgrüberl war eine kleine Weinstube, wo sich der Herr Repertoir-Inspizient nach den Amtsstunden bei einigen Vierteln zu erholen pflegte. Ich stand allein im Vorzimmer, schaute aus dem einzigen Fenster nach dem sonnbeglänzten äußeren Burghof, wo die ersten jungen Kastanienblätter an braunwolligen Stengeln schlapp herunterhingen, ein Bild meines Selbstvertrauens. Dann ließ ich mich auf das zweisitzige Sofa nieder, hart wie der Rost des heiligen Laurentius, und wartete. Auf einmal riß es draußen an der Glocke, ich schnellte auf, Rister stürzte in das Wartezimmer herein: Das is er!« und öffnete die Türen. Gravitätisch trat ein untersetzter Mann, im bequemen, keiner Mode angehörenden Überrock, der von einer Spange in der Taille zusammengehalten wurde, in das Vorzimmer. Ein schwarzer, glanzloser Filszylinder deckte den Kopf; die Beinkleider hatten unter an der Außenseite einen kleinen Einschnitt, der gestattete, daß sich der Vorderteil der Hofe bequem über den Stiefel breiten konnte. Einen Stock er unter den Arm geklemmt. Aus dunkler Krawatte starrten wehrhafte Vatermörder, in steten Kampf begriffen mit einem struppigen, drahtartigen Bart, der die Oberlippe und das ganze Kinn breit bewuchs. Sein Blick richtete sich beim Eintritt gewohnheitsgemäß zuerst auf das kleine Ledersofa, vor dem ein junger Mann stand, der ihm eine tiefe Verbeugung machte. Laube erwiderte den Gruß,[82] indem er lautlos die Hand an den Zylinder legte; dann suchte er nach seiner Stiellorgnette, besah sich den neuen Mann und entschwand, stumm wie die Ahnfrau, in das Direktionszimmer. Das war Laube!

Ich hatte erzählen hören, daß er in Wien bei dem ersten Schneider arbeiten lasse, aber zu dessen Verzweiflung nach einem Schnitt, wie er seiner Zeit in der Paulskirche zu Frankfurt üblich gewesen war.

Kaum daß mein erstarrtes Blut wieder zu kreisen begann, öffnete Rister die Türe: »Der Herr Direktor laßt bitten.« Wie ich ging und stand, folgte ich der Einladung; in der Verwirrung vergaß ich sogar, den Überzieher abzulegen, in den ich fest eingeknöpft war. »Also Sie sind Herr Schöne!« klang es mir in scharf akzentuierten Worten entgegen. Ich suchte die Augen an das Helldunkel zu gewöhnen (die Rouleaux waren zum Schutze gegen die Mittagssonne heruntergelassen), wurde auch alsbald sehend, denn der geschulte Rister zog einen Vorhang zur Hälfte auf. Laube saß, mit dem Rücken gegen den Schreibtisch, in einer Stellung, als ob er mich so recht mit aller Bequemlichkeit genießen wolle. »Habe Sie schon vor einigen Tagen erwartet. Konnten Sie denn nicht früher kommen?« Ich versicherte die Unmöglichkeit. »Das ist schlimm! Samstags muß ich das Repertoir für die Woche machen – Sie waren nicht da – ich konnte nicht mit Ihnen rechnen. Wir verlieren acht Tage; ich kann Sie erst im nächsten Repertoir unterbringen. Und nun lassen Sie sich einmal ansehen. Treten Sie ein paar Schritte zurück und knöpfen Sie sich auf.« Mein Überzieher flog herunter. Laube nahm seine Lorgnette längere Zeit in Anspruch, dann ließ er sie fallen; ein behagliches Lächeln glitt über seine Züge: »Sie haben Anlage zu einem Burgschauspieler« – ich muß ein höchst erstauntes Gesicht gemacht haben, denn seine Augen funkelten vergnüglich – »ja! Ich glaube, Sie werden dick.« Ach so! Mit einem Aufschnellen der geschlossenen Hand, einer Bewegung, die[83] ihm eigen war, wies er mir einen Stuhl in seiner Nähe an. »An welche Auftrittsrollen haben Sie also gedacht?« – »Herr Direktor,« sagte ich, einen Seufzer unterdrückend, »ich war gestern abend im Burgtheater.« – »Was haben wir denn gleich gespielt?« fragte er, mit der Hand über Augen und Bart fahrend. – »Ein Attaché,« sagte ich, im weichen Dialekt des Elbflorenzlers, der mir manchmal über die Lippen kam. – »At–ta–sché–sché!« betonte Laube jede Silbe haarscharf. – »Wie bliebt?« fragte ich in aller Unschuld. – »Attaché! – alter Sachse. Nun, was haben Sie für einen Eindruck gehabt?« fragte der Direktor, noch stolzerfüllt von dem jüngsten Erfolg. – »Einen niederdrückenden.« – Laube rückte mit dem Stuhle. »Was! Wieso?« – »Ich bin niedergedrückt worden – ich habe alle Courage verloren und möchte Sie bitten, mich in möglichst wenig herausfordernden Rollen auftreten zu lassen; dem Publikum kann ich nicht imponieren, und Sie werden auch aus kleineren Aufgaben ersehen, ob Sie mich vielleicht doch brauchen können.« Laube wendete mir ein wenig den Kopf zu, mehr die Augen, und es war mir, als ob ein warmer Strahl daraus mich träfe, der mich wohlig überrieselte. Er pausierte und sagte dann: »Mja! Sie können recht haben, Kommen Sie, wir wollen Ihr Rollenverzeichnis durchsehen.« Wir einigten uns bald die drei Auftrittsrollen: Didier (Grille), Tümpel (Ein Lustspiel), und Henning (Störenfried). »Die Rollen schicke ich Ihnen gleich zu; Sie wohnen im Hotel Wandl? teures Pflaster im Hotel – Samstag erhalten Sie das Repertoir, auf dem Proben und Vorstellungen für die Woche ersichtlich sind. Gehen Sie fleißig ins Burgtheater, daß Sie kugelfest werden. Ihre Billets werde ich für Sie an der Kasse deponieren lassen. Apropos! Für alle drei Gastrollen habe ich Ihnen ein Honorar von zweihundert Gulden ausgewirkt. Ein schönes Stück Geld. Ich hoffe, Sie werden damit zufrieden sein.« Ich erklärte mein vollkommenes Einverständnis; er reichte mir die Hand,[84] und ich konnte gehen. Vor der Türe merkte ich, daß mein Herzklopfen wie weggeblasen war – Laube hatte es weggeredet. Wie man vor ihm Beängstigungen haben konnte, war mir jetzt unerklärlich; man sprach mit ihm wie mit einem alten Bekannten, ich glaube früher schon mit ihm verkehrt zu haben – – halt! da hatte ich's! Seine Briefe! – er sprach, wie er schrieb. Seine Briefe waren er selbst. Laubes Augen sah ich noch von mir; da hinein hatte die Natur alle Schönheiten gelegt, die sie ihm mitgeben wollte. Sie hatten zwar äußerliche Mängel, aber die Sterbe waren von klarer Tiefe und Ausdrucksfähigkeit; sie strahlten alle Vorgänge der Seele wider; und wie lustig konnten die Augen sein! – sie lachten für sich ganz allein. Seine Stimme war herb, aber volltönig, ihre Klangfarbe dunkel und etwas gedrückt; die Worte wurden herrlich akzentuiert, jede Silbe kam zu ihrem Recht, er war ein Meister der Rede. Ernst, Gemüt und sonnigen Humor konnte er mit seiner Stimme zum Ausdruck bringen, und es war für uns ein Fest, wenn er in der Leseprobe eine Rolle übernehmen mußte. Der Direktor hatte einen starken Eindruck auf mich gemacht, mir unbändig gefallen; hätte ich nur gewußt, was ihm seine Lorgnette von mir erzählt, und was er sonst von von mir dachte!

Jeden Abend sah mich das Burgtheater, das ein reiches Repertoir vor mir entrollte: »Krisen,« »Minna von Barnhelm,« »Was ihr wollt,« »Kabale und Liebe.« Jeden Abend wurde ich enthusiasmiert, um nachher in einen tiefen moralischen Abgrund zu versinken. So kam der Vormittag heran, an dem auf dem Repertoir um elf Uhr eine Probe zur »Grille« angesetzt war, Szenen des Didier. Das war auf mich gemünzt. Diese Szenenprobe hatte mich lange vorher beunruhigt; ich nahm die oftgespielte Rolle zur Hand und suchte meine Auffassung mit dem Burgtheaterstil in Einklang zu bringen – aber wo war er? Ich langte danach, aber er ließ sich nicht fassen. Es war dreiviertel elf Uhr,[85] ich erwartete jeden Augenblick den Kellner mit der Meldung daß die Hofequipage da sei, die mich zur Probe abholen solle. Die Meldung kam nicht. Ich lief unruhig im Zimmer hin und her, endlich hinunter zur Einfahrt, um, wenn der Wagen käme, gleich einzusteigen. Er kam nicht. Zwei Minuten vor elf Uhr stieg mir der entsetzliche Verdacht auf, daß er überhaupt nicht kommen würde, daß er nur ein Spiel der Phantasie meiner Mainzer Kollegen sei. Ich fange sofort zu laufen an, denke einen kürzeren Weg als über den Kohlmarkt einzuschlagen, wähle eine Seitengasse und verlaufe mich. Ich war wie gekocht, als ich endlich den Eingang zum Bühnenraum des Burgtheaters finde, vor dem ein Theaterdiener mit einem verflixten Lächeln steht und mich mit den Worten empfängt: »I bitt', Herr von Schöne, die Herrschaften warten schon – i werd' vorausgehn.« Ich passiere verschiedene Dunkelheiten, fühle mich von einer leitenden Hand ergriffen, stolpere über kleine Stufen, selbstschließende Türen schlagen mir an den Kopf, dann werde ich durch eine Kulissengasse geschoben und stehe auf der Bühne des Burgtheaters, mit dem feuchten Taschentuch in der einen, mit dem Hut in der anderen Hand, mich ehrfurchtsvoll vor der Versammlung verbeugend. Ich fühle, daß ich in eine eisige Atmosphäre geraten bin. Schauspieler und Schauspielerinnen stehen in Gruppen beieinander. – Einige sehen nach der Taschenuhr und lassen sie hörbar zuknipfen. »Das kommt gleich zur ersten Probe zu spät,« glaube ich auf allen Gesichtern zu lesen. Laube saß am Regietisch, nahe am Souffleurkasten, auf drei Seiten von einer spanischen Wand gegen den Zug geschützt, die Füße auf einem Angorafell ruhend, die Beine in eine Decke gehüllt; sein Stock lag auf dem Tisch. Nachdem er sich überzeugt, daß der Verbrecher gegen die Burgtheater-Punktlichkeit endlich da ist, wickelt er sich langsam aus der Decke und geht einige Schritte auf mich zu. Ich vermag kaum die Bitte um Entschuldigung zu stammeln und denke gar nicht daran, die Ursachen meines[86] Zuspätkommens humoristisch darzulegen, was vielleicht versöhnend gewirkt hätte; Laube mochte etwas dergleichen erwarten; da es ausblieb, stellte er mich mit vier Worten dem Künstlerpersonal vor. »Nun wollen wir aber endlich anfangen.« – Der Himmel möge Schauspieler vor Szenenproben behüten, denen er ohnehin nie seinen Segen gibt; sie scheinen nur erfunden zu sein, und die Disziplin zu lockern. Ein Stück »steht,« das heißt es ist zwanzig-, vierzigmal gespielt worden. Nun kommt ein Gast, kein reisender Virtuos, der in diesem Stück auftreten will. »Wir brauchen natürlich nur Ihre Szenen zu probieren,« sagt man ihm; »das Stück steht. Wünschen Sie nur eine – oder vielleicht zwei Szenenproben?« Diese Frage ist geeignet, den Gast in gelinde Verzweiflung zu bringen; er möchte doch seine Partner und deren Spielweise gründlich kennen lernen, und nun eine solche Frage, in der die gewünschte Antwort schon angedeutet wird! Der ansässige Schauspieler, dem das abgespielte Stück höchst zuwider ist, markiert nur, deutet nur an. Lange Sätze werden heruntergerasselt, wenn nicht gar der größte Teil der Reden weggelassen und gleich zur Schlußperiode übergegangen wird. Danach soll nun der Gast sein Gegenspiel einrichten! Auch die Dekorationen können häufig nur markiert werden. »Requisiteur!« ruft dann der Regisseur, »stellen Sie doch die Rasenbank hierher – nicht so nahe an die Wand – so! Sehen Sie Herr, das ist Ihr Sofa, und – Theaterleute! Bohrt hier mal eine Türe fest – da geht es in Ihr Schlafzimmer.« In dieser Wohnung, die er nie vorher gesehen, soll sich der Gastspieler in der Vorstellung heimlich fühlen! So schlimm was er im Burgtheater freilich nicht, aber eine entfernte Ähnlichkeit mit der angedeuteten Szenenprobe war immerhin vorhanden. Die »Grille« wies eine erstaunliche Reihe von Wiederholungen auf; man hatte sich an der Fanchon der Goßmann nicht satt sehen können – da durfte man sich nicht wundern, daß sämtliche Nuancen bei der Szenenprobe unter den Tisch fielen. Ich mußte mich[87] auf Überraschungen bei der Vorstellung gefaßt machen, die auch nicht ausblieben. Am frischesten zeigte sich Laube. Nachdem seine Verstimmung über mein Zuspätkommen gewichen, erwachte seine Teilnahme, er fing an zu lächeln, lachte sogar ein paarmal auf, korrigierte, wünschte einige »Drucker« und wickelte sich schließlich aus der Decke heraus, um mir einen wirksamen Abgang vorzuspielen, der sich freilich nicht zur sklavischen Nachahmung empfahl – Laube war zu grotesk – aber ich erfuhr deutlich, was er meinte. Später hatte ich Gelegenheit, ihn am Regietisch zu beobachten, ein lehrreiches und vergnügliches Studium. Er war wie ein fein empfindliches Wetterglas, dessen Quecksilbersäule merkwürdige Sprünge machte. Wurde sein Regisseurherz in einer humoristischen Szene erfreut, so strahlte sein Gesicht; erst lachte die Augen, und kam es noch besser, ließ er sich durch ein helles Lachen von innen heraus erschüttern. Lastete aber ein Druck auf ihm, machte sich Talentlosigkeit breit, verstanden ihn die Schauspieler nicht, oder wollten sie ihn nicht verstehen, da ließ seine Spannkraft nach, er lehnte sich in den Stuhl, neigte den Kopf zur Seite, machte sich von der Decke frei, legte einen Fuß über den anderen und klopfte mit dem Stock vernehmlich an die Stiefelsohle. Es war das Armesünderglöckchen, das er läutete. Dem Darsteller, besonders im heiteren Genre, überließ er mehr schauspielerische Freiheit, als man heute anzunehmen scheint; er ließ ihm die Zügel locker und half wirksame Einwürfe und verstärkte Aktschlüsse zu erfinden. Das Tempo suchte er zu beschleunigen, Rede und Gegenrede mußten im nervösen Dialog wie Blitz und Schlag einander folgen. »Da darf kein Sonnenstrahl dazwischen,« war sein Lieblingswort. War er mit einer Auffassung nicht einverstanden, unterbrach er plötzlich: »Warum machen Sie das so?« Saß man fest im Sattel und konnte stichhaltige Gründe vorbringen, sänftigte sich sein Gesicht, und er sagte: »Ja – es geht so auch – ich hätte es anders gemacht – aber bleiben Sie bei Ihrer[88] Auffassung und führen Sie sie konsequent durch.« In Streitsachen war Laube ein Richter kurzer Hand. Während des Dekorationswechsels auf der Szenenprobe kam der alte Wagediener Schendel, vorsichtig auf den Fußspitzen gehend und seinen Hut wie einen Rosenkranz zwischen den Fingern kreisen lassend, auf den Regietisch zu. »Jetzt – Herr Direktor – da muß i mich schon beklagen,« fing er an; »der Theatermeister Weber is gar so viel ein grober Ding. Wissen S', was er mir antragen hat? I sollt' ihn –« – »Genug!« schnitt ihm Laube das Wort ab, »ich kann mir's denken.« – »Ja, Herr Direktor, döshat er mir antragen.« – »Nun, Schendel,« fragte Laube mit unbeugsamem Ernst, »haben Sie es getan?« – »Aber na! Herr Direktor, na!« – »Das war gescheit, das haben Sie nicht nötig. Adieu.« Vollständig befriedigt balanzierte der alte Wagendiener auf den Zehen den Weg zurück, den er gekommen war. So legte Laube im Handumdrehen mit Humor einen Konflikt bei, wozu ein Nachfahre von ihm den grünen Konferenztisch, einen Protokollführer und das ganze Regiekollegium benötigt hätte.

Der letzte Akt der »Grille« hielt nur noch die Familie Barbeaud und Fanchon zusammen, die anderen Darsteller waren längst in die Frühlingsluft gegangen, es wurde immer stiller im alten Hause, bis endlich der Souffleur das Buch zuklappte und unter dem Podium verschwand. Laube schälte sich aus seiner Umhüllung, sah nach der Uhr, grüßte und wandte sich zum Gehen. Ich hing an seinem Blick – »vielleicht gibt er die einen Wink, ihm zu folgen,« dachte ich, – »vielleicht will er dir etwas sagen.« – ich verbeugte mich, er legte, militärisch grüßend, die Hand an den Hut und ging wirklich fort, ohne meine Begleitung zu verlangen.

An 27. April kündeten die Zettel des Burgtheaters das Gastspiel eines Schauspielers vom Mainzer Stadttheater an, der als Didier in der »Grille« auftreten würde; und als meine Stunde geschlagen hatte, machte ich mich auf den Weg,[89] der an dem berühmten »Burgtheaterbankerl« vorüberführte. In der kurzen Zeit meines Hierseins war mir dessen Bedeutung klar geworden. Es stand unter dem Vordache, das den Eingang zum Burgtheater schirmte, da, wo es sich an die kaiserliche Reitschule anlehnte, gegenüber der Michaelerkirche. Hier, unter diesem Vorbau, wurden Dekorationen abgeladen und nicht ohne Schwierigkeiten auf die Bühne befördert; hier wurden die großen Garderobenkörbe der Hofschauspielerinnen von den Wagen gehoben und durch eine kleine rechtsseitige Türe nach den Ankleidezimmern geschleift, während durch den unscheinbaren Mitteleingang die Reiter sich nach der Reitschule und ein Teil des Publikums nach den Sperrsitzen begaben; dieser Vorbau war in guter Jahreszeit der Salon der k.k. Hofschauspieler, wo sie Besuche empfingen und den Burgtheaterfreunden die Honneurs machten. Das berühmte Bankerl, dessen Rückenlehne die Mauer der Reitschule bildete, war der Gesellschaftsdiwan, der acht bis zehn Personen Platz gewährte. Der treueste Stammgast war Kanzleidirektor Hofrat von Raymond, der Mittelsmann zwischen dem obersten Direktor, Graf Lauckoronsky, und dem artistischen Direktor Laube. Logeninhaber, Dichter und andere auf der Menschheit Höhen stehende Persönlichkeiten ließen sich gerne auf einige Augenblicke unter ihren Lieblingen nieder; selbst die am Abend beschäftigten Künstlerinnen, die mit den Theaterwagen angefahren kamen, konnten dem Anreiz kaum widerstehen, sich wenigstens für ein Minütchen mit einzuklemmen. Es war aber auch verlockend: hier erfuhr man der neuesten Stadt- und Theaterklatsch, die Börsenwitze und die aus dem Opernorchester; zugleich gelangte man zur Patenschaft aller Scherze, die auf dem Bankerl das Licht der Welt erblickten. Eigentlich war es eine rechte Lästerbank, das wußte jeder aus Erfahrung; alle, die sich dem Bankerl von weitem näherten oder es verlasen mußten, wurden von den Sitzenbleibenden durch die Hechel gezogen. Der Schauspieler Herzfeld, Träger einer köstlichen Perücke, die offenbar[90] viel zu kurz geraten war, da sie den ganzen Nacken und einen großen Teil des kahlen Hinterkopfs unbedeckt ließ, stand einmal unvorsichtig vom Bankerl auf und ging über die Straße nach der Michaelerkirche. »Ein merkwürdiger Kerl, der Herzfeld,« sagte Baumeister, ihm nachsehend; »man weiß nie, ob er kommt oder geht.« Nur ungern stand man allein auf; man beteiligte sich am liebsten an einem Massenaufbruch. Damit zerstreute sich auch die Korona der allerjüngsten Enthusiasten von der letzten Galerie, die in angemessener Entfernung sich angestellt hatten, um die Bühnenhelden als Menschen in der Nähe bewundern zu können.

An dieser Lästerbank führte mich am ersten Gastspielabend mein Schicksalsweg vorüber. »Jetzt haben sie dich!« dachte ich bei einer Entfernung von zwan zig Schritten, grüßte sehr verbindlich, als ich vorüber ging – und: »macht's gnädig!« stieg ein Stoßgebetlein in mir auf. Ein Theaterdiener, »Ansager,« wie die offizielle Titel lautete, war mir Wegweiser bis zu den Garderoben. Erst schritten wir die steinernen Stufen der Reitschule hinauf, bis wir zu einem hölzernen Treppchen kamen, das nach dem Ankleideraum der Hofschauspieler abzweigte. Als mir die Tür geöffnet wurde, vernahm ich ein Blasinstrument. »Der Garderobe-Herrichter blast wieder Tschakan,« sagte mein Führer; »wissen S', das is so a böhmisches Klarinetterl; es is a Deutschböhm', aber doch a Böhm', und da muß er halt Musik machen; z' Haus leid'ts sei Frau net, da blast er denn hier bis gegen sechsen hin, wann d' Herren kommen.« Heute mußte er früher als sonst seine Übungen einstellen, denn ich hatte mich zeitig auf den Weg gemacht. Trotzdem empfing er mich sehr freundlich. »I bitt', Herr von Schöne« – er adelte mich, wie es alle Theaterdiensten taten – »Sie kommen ins Löwe-Kammerl.« Ich sah ihn fragend an. – »In die Garderobe des Herrn von Löwe, mein' ich. Wissen S', mir sein neunundzwanzig Hofschauspieler und haben bloß dreiundzwanzig Kammerln, da muß mer sich behelfen, si gut's geht. Die Herren[91] Gäst' bekommen immer die besten Kammerln, von die Reschischör, die gab nix zu tun ham. Wann d' Gäst engagiert werden, ham's zuerscht ka eigne Garderob', sie müssen sich heut' in dem Kammerl anziehen und morgen in dem, bis amal aus frei wird; dann erben sie sich in immer bessere hinauf, wann's was können, bis s' z'letzt als Reschischör in a Kammerl mit an Fenster kommen – wann sie's mögen. Schaun S', da hint am End vom Gang, wo das Tischerl unter der Öllampen steht, ziagt sich der Herr Bedientenspieler an, der kriegt in sein Leben ka Kammerl.« In keinem Schiffsraum hatte ich ein so enges Wirrnis von Kabinen gesehen wie in diesem Ankleideraum der Hofschauspieler. Es war ein Korridor, der mit den Logen der dritten Galerie parallel lief, von diesen durch eine Mauer getrennt. Seine Breite betrug gewiß nicht mehr als sechs Meter, und doch waren rechts und links kleine Garderoben angebracht. Mit welchem Raffinement hatte der damalige Theatertischler seines Werkes gewaltet, daß er die engen Schachtelungen mit einem Tisch, manche auch mit einem Waschtisch, ein bis zwei Stühlen, vielleicht gar mit einem künstlich angebrachten Schrank herzustellen vermochte. Die abschließenden Bretterwände der Kammerln waren nicht ganz bis zum niederen Plafond hinauf geführt, um durch den Spalt den Zutritt der sogenannten Luft zu gestatten. Die Garderoben zur Linken boten den überflussigen Luxus von drei oder vier Fenstern, die nur in den Vormittagsstunden mit Vorsicht geöffnet werden durften. Die Luft war erfüllt von dem Wohlgeruch der Ritterstiefel und Ledergurte, dem Magazinstaub der Kleidungsstücke, die bereits für den nächsten Abend an den Außenwänden der Kammerln hingen. Dazu noch die vielen Kerzen an den Toilettenspiegeln, mehrere Öllampen und die Spiritusmaschinen für die Brenneisen der Friseure. Eine Heizvorrichtung ist mir nie aufgefallen. Oder sollte ein kleiner eiserner Ofen der Wärmespender gewesen sein, der in einem Einschnitte zwischen den rechtsseitigen Kammerln für die drei Friseure[92] stand? Dieser merkwürdige war mit Lithographien, Schauspielerporträts, historischen Persönlichkeiten, Couplets und Zeitungsausschnitten tapeziert. Dazwischen klebten abgelegte Schnurrbärte der Herren Hofschauspieler zum weiteren Gebrauch für die Statisten. Glockenapparate, durch welche die Friseure zu den sich kostümierenden Schauspielern zitiert werden konnten, waren nicht vorhanden. »Fortmülleeer!« schmetterte es aus einem Kammerl, und »komm' schon, Herr von Fichtner!« scholl es aus der Friseurecke zurück. »Ignaz!« »Scheibenhofer!« Jeder Friseur erkannte an der Stimme und Art des Rufens seinen Mann. Wenn das Spiel auf der Bühne begonnen hatte, kamen hier die Herren »Garderober« zusammen, um zu klatschen, unfehlbare Spielmethoden, durch die man Unsummen in der kleinen Lotterie gewinnen mußte, zu erörtern und auf Tod und Leben zu kurieren, denn sie waren fast alle Heilkünstler, und jeder schwor auf sein Rezept; aber jeder von ihnen schwor auch auf seinen »Herrn.« Manch rührendes Vasallenverhältnis hatte sich zwischen einem alten Schauspieler und seinem alten Garderobier entwickelt, die sich um keinen Preis mehr voneinander getrennt hätten.

Ein Durchbruch in der rechtsseitigen Mauer führte über einige Stufen hinunter zu den Künstlerlogen im dritten Stockwerk, die von dem Zuschauerraum völlig abgeschlossen waren, zwei Herrenlogen, direkt am Proscenium, und zwei daneben für die Damen. Die erste Loge, zunächst dem Vorhang, wurde zumeist vom Nachwuchs bevölkert; auf einer erhöhten Bank saßen im Schatten, den Blicken des Publikums entzogen, manche der im Stück beschäftigten Schauspieler in vollen Kostüm. In dieser Loge entwickelte sich starker Enthusiasmus, und obwohl ein strenges Applausverbot existierte, schlugen doch manchmal, versteckt unter der Logenbrüstung, die Hände heftig aufeinander. Die zweite Loge nahmen die Regisseure ein und die Schauspieler, »die was konnten.« Gewöhnlich kamen die Regisseure nur zu[93] Erstaufführungen und Gastspielen, Laroche auch nach Beendigung eines jeden großen Diners, das er mitgemacht. Es war ihm Ehrensache, seine gute Tafellaune in die Loge zu führen. »Guten Abend, Kinder, wie geht's euch?« Dann stützte er die Hände auf die Logenbrüstung, legte die Rechte schattend über die Augen, winkte grüßend einigen Bekannten im Publikum zu, und mit einem »gute Nacht, Kinder, unterhaltet euch!« ging er wieder, nachdem er sich dem versammelten Volke gezeigt. In den Zwischenakten leerten sich die Logen; man traf sich im Vorraum, um eine andere Luft zu schöpfen, wenn auch keine bessere, und sich von der schweigenden Aufmerksamkeit während des Aktes im heitern Geplaudert zu erholen. Im alten, engen Burgtheater war Gelegenheit, daß sich die Kollegen intim kennen lernten, was im neuen Hulfe, mit seinen Weitläufigkeiten, kaum der Fall sein dürfte. – Von den Garderobenräumen führte ein schmaler, hölzerner Treppengang, ein förmlicher Schlauch, hinunter nach der Bühne. Halbwegs machte er einen Absatz, wo wieder drei Garderoben angebracht waren, die Baumeisters, der Ankleidesalon des Laroche und zwischen beiden eine kleine Kabine, die 1866 durch Erbschaft an mich fiel, als das große Sterben über die Burgschauspieler gekommen war. Von vier führte, o Wunder! ein eisernes, etwas gewundenes Teppchen vollends auf die Bühne. Zunächst der obersten Stufe dieser Treppe hing, künstlich an der Wand befestigt, eine Art Polichinellkasten, mit rotem Ledertuch überzogen. Er bot dem Einfinder dieses Observatoriums, Laroche, einen Sitz, von dem er durch die erste Kulissengasse die Vorgänge auf der Bühne beobachten wollte, wozu es selten genug kam. Ein anderes Kuriosum war eine eiserne Wasserkiste in den oberen Garderobenräumen, die, mit einem Holzdeckel versehen, auf kleinen Scheibenrädern ruhte, um sie bei Ausbruch eines Feuers schnell an die gefährdete Stelle zu bringen, so nahe die verschiedenen Stufen im Gange es gestalteten. »Die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand –.«[94] Das alte Burgtheater, das sich unter ihrem Schutze ausleben durfte, muß ihre stille Liebe gewesen sein. Über hundert Jahre haben sie es gnädig vor dem zündenden Funken bewahrt, der das alte, ausgedörrte Gebäude, mit den hölzernen Winkelwerken, in wenigen Minuten in ein Flammenmeer verwandelt hätte – trotz der eisernen Wasserkiste.

Jetzt merkte ich, daß es hohe Zeit wurde, an mich zu denken; denn die Ankleider erwarteten bereits ihre Herrn, und ich hörte auch schon einigen plaudernd die Stiege heraufkommen, die sich gemächlich im Gange mehrfache Haltestellen zum Gespräch gönnten, bevor sie mit der Seelenruhe lebenslänglich engagierter Hofschauspieler ihre Kabinen bezogen. Meine provisorische Garderobe war ihres angestammten Herrn würdig: sie erschien in der Umgebung der anderen beinahe fürstlich, sie hatte ein Fenster, einen großen Schrank, eingesessene Lederstühle und zwei Tische. Der unantastbarer Besitz des Raumes war dokumentiert durch einen an der Wand hängenden Garderobenrock Löwes und einige diskrete Kleidungsstücke, die ihm näher waren als der Rock. Draußen auf dem Gange summte es durcheinander wie in einem Bienenkorb, aus einem Kammerl erscholl lieblicher Gesang, Friseure wurden, gerufen, ihre Brenneisen klapperten, und der Geruch von überhitzten Haaren strich über die Garderoben hin. Dazwischen erklangen die mahnenden Glockenzeichen, die mir Herzweh machten, weil sie mich dem gefürchteten Augenblick immer näher brachten – eine halbe Stunde – fünfzehn Minuten – fünf Minuten – –! Plötzlich schrillte das Zeichen zum Anfang von der Bühne herauf, und die »Grillen«-Ouvertüre hub an. Da half kein Herzklopfen, ich mußte hinunter auf die Bretter. Die Bühne lag im milden, rötlich-warmen Lichte einer mäßigen Anzahl wohlgeputzter, selten qualmender Öllampen. Glückliche Darsteller, die im Schutze dieser Beleuchtung sich einer ewigen Jugend erfreuten! Das mollige Licht wollte keine häßlichen Entdeckungen bloßlegen, es umhüllte mehr mit seinem Schein,[95] als es zeigte. Wer innerliche Jugend besaß, brauchte die äußeren Schäden der Zeit wenig zu fürchten; echte und gerechte Burgschauspieler blieben immer jung. Aber das Publikum, verwöhnt durch Beleuchtungszauber anderer öffentlicher Lokale, fing an, über die Dunkelheit auf der Bühne zu klagen, und so bohrte sich die Neuzeit mit Gasröhren auch durch das alte Gemäuer der Burg und drückte das unerbittliche Licht zuerst in die Fußlampen der Bühne, später auch in die Lampen der Kulissenwände. Die Temperatur, die im Sommer wahrhaft tropisch auf den Burgschauspielern lastete, wurde dadurch noch mehr gesteigert; es gab Abende, wo man zwischen den Kulissen 26 Grad Reaumur vom Thermometer ablesen konnte. Dabei durfte in den Theaterstunden keinerlei Luftzufuhr stattfinden; Türen, die nach der Straße führten, waren ungangbar gemacht, mit Werg austapeziert und alle Ritzen sorgfältig verstopft worden. Wenn in einem Zwischenakte Dekorationen aus einem Gang auf die Bühne hereingebracht werden mußten, erscholl vorher der Warnungsruf: »Aufgemacht wird!« und im Nu waren von der Bühne die geschminkten Gesichter wie weggefegt, so empfindlich waren die Schauspieler gegen Luftwechsel. – War es heute heiß oder kalt? Ich wußte es nicht, mir brannte der Kopf im Lampenfieber, bei dem Aufziehen des Vorhanges drängte das Blut zum Herzen zurück, und so ging es im Wechsel hin und her, bis zu meinem Auftreten. Das Podium wogte, und die Lampen brannten schwarz – einen Augenblick – dann ward es wieder hell, und ich fühlte festen Boden unter den Füßen. Jetzt lernte ich meine Mitspieler erst kennen – Mama Haizinger, Papa Laroche! Ein solches Elternpaar hatte ich freilich in der »Grille« noch nicht gehabt – wie kam ich in diese Familie? Mehr noch verblüffte mich mein Zwillingsbruder. An ihm konnte ich ermessen, was der Landry auf den Bühnen, wo ich bisher den Didier gespielt, für ein »böser Bruder« gewesen war. Sein Auftreten hatte immer dem Publikum begreiflich machen[96] wollen, daß er der erste Liebhaber des Stückes, nicht daß er ein verliebter Bauer sei; er sprach ein geschraubtes Deutsch und stelzte auf der Bühne herum, wie er es für sein »Fach« angemessen hielt. Aus dieser Gespreiztheit waren mir Vorteile erwachsen, denn ich versuchte; im Gegensatz zu Landry, durch Natürlichkeit zu wirken. Nun aber kam ich an Baumeister-Landry, der mich mit seiner breiten Naturwahrheit gänzlich an die Wand drückte. Er erzielte so reiche humoristische Wirkungen, die ich für die alleinige Domäne des Didier gehalten, daß ich aus dem Staunen nicht herauskam. Im letzten Akt freute ich mich eine kleine Standrede, die ich den Eltern zu halten hatte, und von der ich mir eine Wirkung versprechen konnte, denn sie hatte eine gute Schlußpointe. Mama Haizinger und Laroche hörten dem frech gewordenen Didier staunend zu, bis zu der Stelle seiner Rede: »Glaubt nur nicht, daß Landry je eine andere nimmt als Fanchette! Eher geht er lieber zu den Kapuzinern –« da stießen beide einen komischen Entsetzensschrei aus und verklammerten sich ineinander, daß das Haus in hellen Jubel ausbrach. Es war ein Extempore, das auf der Szenenprobe nicht einmal angedeutet wurde und mich etwas außer Fassung brachte. Meine Rede war durchschnitten, und die Schlußpointe verpuffte. Wäre nicht nach der Szene des Didier mit der Grille ein freundlicher Applaus des Wohlwollens gefallen, der Gast wäre sang- und klanglos abgezogen. Gespannt war ich gewesen, was mir Laube sagen würde; er kam in jedem Zwischenakt aus seiner Loge herunter auf die Bühne, aber er sagte mir nichts. Ich erhielt seinen militärischen, stummen Gruß, aber kein Wort. Ich versuchte in seinem Gesichte zu lesen – eine Sphinx war leichter zu enträtseln. Mit gemischten Gefühlen suchte ich mein Lager und den Schlaf, der nicht kommen wollte, obwohl ihn keine Lorbeeren scheuchten. Die Gedanken gaben keine Ruhe, besonders einer drängte sich immer wieder auf: »Im Burgtheater werden fremde Schauspieler in Grund und Boden gespielt!«[97]

Merkwürdige Künstler und ein merkwürdiger Direktor! – Das Gastspiel nahm seinen weiteren Verlauf; meine zweite Rolle war der Tümpel in »Ein Lustspiel.« Laube lächelte auf dieser Probe wieder wie auf der ersten, lachte sogar einmal hell auf, sonst blieb er stumm für mich. Während der Vorstellung erschien er in den Zwischenakten auf der Bühne, regelmäßig, wie der Geist im »Hamlet,« aber wie dieser eingehüllt im geheimnisvollen Schleier, den ich nicht zu lüften wagte. Recht glücklich fühlte ich mich in der Rolle des Tümpel nicht; sie wurde sonst von Meixner gespielt, und ich merkte, daß ich in seinem Schatten stand. Die Wahl der letzten Rolle war günstig für mich; der gute, dumme Henning in »Der Störenfried« hatte in keines hervorragenden Schauspielers Händen gelegen, und ich hätte vielleicht zufrieden sein können – wenn Laube nur gesprochen. Mit Sicherheit rechnete ich darauf, es war ja der letzte Gastspielabend, ich hoffte wenigstens auf die Einladung zu einer Besprechung im Direktionsbureau – sie blieb aus. Am nächsten Morgen, zeitig für Wiener Begriffe, erschien der Theaterdiener mit dem Auftrag, die drei Rollen wieder abzuholen. Zugleich legte er zwei Hundertguldenscheine als Gastspielhonorar auf den Tisch und bat um meine Unterschrift auf der Empfangsbestätigung. Ich spritzte langsam die Feder aus und fragte obenhin, ob der Herr Direktor mir sonst gar nichts weiter sagen lasse? Mit dem freundlichsten Gesicht verneinte der Theaterdiener und empfahl sich, nicht ahnend, daß er mir die letzten Hoffnungen grausam zertreten hatte. Also es war aus! Laube wollte nichts von mir wissen. Was nun tun? Die Koffer packen und abreisen, ohne mich von Laube zu verabschieden; ich wollte ihm einen unangenehmen Anblick ersparen. Eine halbe Stunde ließ ich meinen Unmut räsonieren, packte die Koffer aber nicht. Andere Gedanken kamen unter dem Sonntagsgeläute von St. Peter: »Ich gehe doch zu Laube – nur um zu erfahren, weshalb er mich gar so schrecklich finde.« Wieder stieg ich die Albrechtsrampe[98] hinauf, nach des Löwen Höhle. Rister ließ mich sofort in das Direktionszimmer ein. »Herr Direktor,« sagte ich mit beengtem Atem, »ich komme, um mich von ihnen zu verabschieden, und bedaure nur, daß ich Ihren Erwartungen nicht entsprochen habe.« – Der Direktor hatte mich Platz nehmen lassen und warf einen langen Blick auf mich. »Woraus schließen Sie das?« – »Das war doch zu merken,« sagte ich mit einem verunglückten Lächeln; »Sie haben über meine Darstellungen auch nicht ein Wort verloren.« – »Während eines Gastspieles äußere ich mich nicht gerne; das kann verwirren. Sie haben mir soweit ganz gut gefallen, Sie haben wenig zu verlernen, ich engagiere Sie, wenn Sie wollen.« Ein Glück, daß ich schon saß, ich wäre in den Stuhl gefallen. »Ja, ich engagiere Sie für ein Jahr, auf meine Faust, soweit reicht meine Machtvollkommenheit. Aber wir setzen in den Kontrakt, daß Sie sich unter den gleichen Bedingungen für zwei weitere Jahre binden, wenn Sie nach Ablauf des ersten Jahres den Anforderungen der obersten Behörde entsprechen. Wollen Sie das?« – »Das will ich.« – »Was haben Sie denn in Mainz gehabt?« – Ich bezifferte mein dortiges Einkommen. »Das ist viel Holz. Aber es war nur für sieben, acht Monate, hier sitzen Sie ein ganzes Jahr und haben obenein Ferien. Ich will Ihnen, alles in allem, jährlich zweitausend Gulden geben; sind Sie damit einverstanden?« – Mir war alles recht. – »Sie bekommen damit dieselbe Gage, die Arnsburg hat, der schon fünfzehn Jahre da ist. Den nehmen Sie sich überhaupt zum Muster – ein gewissenhafter Schauspieler und ein tüchtiger Mensch. Mit Rollen kann ich Sie nicht gleich überfüttern; Sie werden nicht engagiert, um ein Loch auszufüllen; ich muß Sie einschieben nach und nach, da heißt es für Sie: nehmen, was kommt. Bei Novitäten werde ich Sie möglichst berücksichtigen. Vielleicht kann ich Sie in der heißen Zeit eine große Rolle spielen lassen. Mit dem Wiener Frühjahr und Sommer vermag unser Theater nicht zu konkurrieren.[99] Wenn aber die Logenabonennten auf dem Lande sind und die Sperrsitze leer werden, kann ich einige Experimente riskieren; ich will an Sie denken. Heute habe wir den dritten Mai, Ihr Kontrakt soll schon vom beginnen, so verdienen Sie wieder ein paar Tage. Die Gage wird Ihnen pränumerando ausgezahlt, sobald die Kontrakte unterschrieben sind. Machen Sie nur, daß Sie aus dem teuren Hotel herauskommen; versuchen Sie, sich billig einzurichten; man kann das in Wien. Gehen Sie auch fleißig in die Loge und lernen Sie zusehen.« Er reichte mir die Hand und sah mich mit guten Augen an. »Halten Sie zu mir – Sachsen waren mir immer treue Mitglieder. Adieu!«

War denn der Himmel blauer geworden? Schien die Sonne heller als vordem? Einen so herrlichen Maiensonntag hatte ich noch nie gesehen, ich mußte mein volles Herz in den junggrünen Wiener Wald führen, wo ich jeden Maikäfer hätte streicheln mögen. – Laube hielt Wort: mit dem Kontrakt kam eine kleine Rolle für die nächste Novität, eine französische Unbedeutendheit, die schon nach zehn Tagen aufgeführt wurde, und für die heiße Zeit erhielt ich eine dicke Rolle in »Die erste Liebschaft.« Es war ein einaktiges, absterbendes Lustspiel, das seiner letzten Aufführung entgegensah. So kam es, daß ich ersten Monat fünf Abende in einer Novität spielen und vormittags meinen Rollenhunger in der »Ersten Liebschaft« befriedigen konnte.

Auf meinen Nachmittagsspaziergängen im Prater traf ich mit Laube zusammen, der sich mit seinen beiden Jagdhunden frische Luft vergönnte; er lud mich ein, der vierte im Bunde zu sein, und zeigte sich begierig, zu vernehmen, wie ich mein Leben eingerichtet habe. »Wo wohnen Sie nun?« – »Auf dem Opernring.« – Laube blieb erschrocken stehen und stieß den Stock auf den Boden. »In einem Palais! Das können Sie nicht erschwingen!« – Ich beruhigte ihn damit, daß mein Palais auf einer Seite noch kein Nachbarhaus[100] habe, vermutlich erst trocken zu wohnen sei uns daß ich für mein Zimmer im fünften Stockwerke eine Monatsmiete von 13 Gulden zahle. Er dachte gewiß an seine Studentenzeit und wollte Vergleiche ziehen zwischen jetzt und damals, denn ich mußte ihm, vom Morgenkaffee bis zum Abendbier, alle Mahlzeiten und Preise aufzählen, die er gewissenhaft summierte. Einmal gereizt, verlangte er meinen ganzen Geldverbrauch zu wissen, wie er sich in Wien herausstellen würde; er addierte und war erstaunt über die hohe Summe, die ein einfacher, junger Mann zu seinem Leben brauchte. Er versank darüber in Nachdenken. Ich vermutete, daß er über die Höhe der Gehaltszulage nachsinne, die er mir aufnötigen wolle, aber er brauchte drei Jahre dazu, um sie auszusprechen. Seine Gedanken waren in Breslau gewesen und blieben da haften. Er erzählte von seiner Studentenzeit, und wie es an einem Haare gehangen, daß er nicht Theaterdirektor, sondern akademischer Fechtlehrer geworden sei; seine große Begabung dafür habe die Kommilitonen veranlaßt, ihm diese Stellung anzubieten. Dann folgte eine muntere Geschichte von dem ersten Hafen, den er auf den Gütern des Fürsten Pückler-Muskau geschossen; von dem Hasen kamen wir auf Laubes Hunde, diese führten auf die Spur von Gabillons Jagdhund, und da waren wir auf einmal im Burgtheater und blieben da. Jetzt traf mich die Reihe des Erzählens. Laube verstand es, mich auszuholen, mein Urteil, meine Bewunderung, sogar kleine Bedenken herauszulocken. An dem Just (»Minna von Barnhelm«) des Meisters Laroche war mir einiges nicht recht; natürlich, ich hatte ja diese Rolle in Mainz gespielt. Meine Anerkennung konnte ich ihm nicht versagen, aber – ich hatte doch manches »Aber;« seine Kleidung erschien mir zu fein, sein Gesicht zu gutmütig, er hätte den Trainknecht, die Bestie mehr herauskehren sollen. Laube wandte mir den Blick zu: »Ein Körnchen Wahrheit liegt in dem, was Sie sagen, aber hörten Sie die Erzählung von dem Pudel? Merkten Sie auf ihn in der Szene mit Franziska?« Meine Ausstellungen[101] versanken bei dieser Erinnerung. »Lernen Sie zusehen,« mahnte Laube, und das klang sehr ernsthaft. Was für eine große Kunst das sei, ist mir erst nach und nach aufgegangen.

Artigkeit und Herkommen verlangten, daß ich meine berühmten Kollegen durch Antrittsvisiten störend überraschen oder langweilen müsse. Die holde Weiblichkeit sollte den Vorzug haben, und ich beschloß, die schönste unter den ältesten Damen des Burgtheaters zuerst mit meinem Besuche zu beglücken, Frau Amalie Haizinger. In einem altersgrauen Hause der Wipplingerstraße, doch oben, hatte sie ihr Helm aufgeschlagen, blitzblank und freundlich, wie die Inhaberin der Wohnung selbst. Die rundliche Resi, ihre alte Dienerin, zugleich wirtschaftliche Rechnungsrätin – denn Mama Haizinger war ohne Zahlensinn zur Welt gekommen – führte mich lächelnd, wie einen alten Bekannten, in das Zimmer der Herrin. Ein kleiner Freudenschrei, der gewöhnlich Empfangsschrei der Künstlerin, hieß mich willkommen. »Ha! do isch er ja, moin Bub, moin Didier! Grüß' Sie der Himmel!« Im Augenblick war ich »derhoim.« Bei solchem Empfang konnte man bei den stärksten Respektsgefühlen nicht fremd bleiben, ich küßte und drückte lebhaft die mir entgegen gesteckte Hand und fühlte ihren Gegendruck mit dem nervös zuckenden Daumen. »O du blaues Herrgöttle,« schwäbelte es in mir, als ich ihr recht ins Gesicht sah. »Isch des a schöne, alte Dame, muß die emol hübsch gewese soin, Himmelsapperment!« Es war kein Kunststück, im Alter so schön zu bleiben, wenn man derartige Profillinien mitbekommen. Die fein geschnittene, leicht gebogene Nase mit den Rassenüstern und solche Augen! Was mochten die, als sie noch nicht zu viel gesehen, für Glück geweckt, was für Herzensunheil angerichtet haben! Ein hellblauer Wasserspiegel, mit dunkler, scharfer Umrandung; aber darin untertauchen konnte man nicht, die dünne Eisscheibe des ersten Frostes lag darüber. Mama Haizinger kämpfte nicht gegen das Alter, Runzeln[102] hatte sie nicht zu glätten, ihre Haut war so straff gespannt und glänzte wie die eines jungen Dienstmädchens am Sonntagmorgen, wenn sie sich mit warmem Wasser und Seife gewachsen hat; bei den Ohren wagten sich zwei dunkelblonde Flechten hervor, deren Ursprung man nicht nachgehen konnte, weil ein zierliches Häubchen ihren Kopf umrahmte, das von großen Schleifen unter dem Kinn zusammengehalten wurde. Jung wollte sie nicht scheinen, aber erobern wollte sie immer noch, und da war ihr niemand zu gering. So klingt es ganz glaubwürdig, daß sie einem ölglänzenden Lampisten auf die Schulter geklopft und mit nachdrücklicher Betonung gesagt haben soll: »Des muß wahr sein, so wie du doine Lampe putze tuscht, so putzt se koiner meh!« Sie saß vor mir, so angezogen, als wäre sie eben aus einem Schächtelchen genommen, dem jüngsten Fräulein zum Muster. Ein aufgeschlagenes Buch lag vor ihr, und in den Händen hatte sie eine Häkel- oder Strickarbeit. Den kleinen Tisch zierte ein silbernes Döschen, dem sie manchmal ein Prischen entnahm und seiner Bestimmung zuführte, mit einer Grazie, wie wenn sich ein Kätzchen das Näschen putzt. Der Engel, der einst auf seinen Gastspielreisen die ganze kunst- und schönheitsliebende Männerwelt Deutschlands zu seinen Füßen gesehen, der sogar dem alten Großmeister in Weimar Bewunderung eingeflößt – der Engel schnupfte! – Den Ton der ersten Begrüßung behielt sie bei, und ich verwickelte mich unentrinnbar in den Netzen ihrer Liebenswürdigkeit. Im lustigsten Gespräch vernahm ich ein Wort, das ich hier nicht erwartet hätte zu hören. Aus dem Nebenzimmer, dessen Türe geöffnet stand, schimpfte eine gedämpfte Stimme herein: »Du Sau!« Ich war sprachlos, und Mama Haizinger, die über besonders dumme Gesichter in Entzückung geraten konnte, brach bei meinem Anblick in fröhliches Gelächter aus. »'s isch moi Papegai – dös müsse sich all meine Besucher gefalle lasse. D' Resi isch dran schuld, die hat em immer schreklich geschimpft, wann er 's Wasser verplanscht oder sei Futter[103] verstreut hatte. Da hab I g'sagt: ›Resi, des Tierle isch a feine Behandlung gewöhnt, du muscht zart mit em umgehe.‹ Nu hat se em immer ganz leise zugerufe: Du Sau! Das Wort hat dem Papegai s'falle, und drum hat er sich's einstudiert, wie er's von der Resi g'hört.« Dabei lachte sie Tränen, wie sie sich bei ihr von selbst einstellten; die herben ließen sich nicht locken, und wenn sie auch ein Niobe-Gesicht zu machen versuchte, es gab doch nur ein trockenes Weinen. Ihre heitere Natur wehrte sich gegen Schmerzäußerungen, und dunkle Wolken, die ihr die Sonne decken wollten, suchte sie zu scheuchen. Immer ist ihr das nicht gelungen; sie mußten das grausame Schicksal erleben, daß sie aus ihren Lieblingsplätzen und Lebensgewohnheit hinaus demoliert wurde. Erst fiel das »Paradiesgartel,« wo sie gerne ihre Getreuen sah, wenn sie ihren Nachmittagskaffee nahm; dann wurde ihr Haus in der Wipplingerstraße abgebrochen, und sie mußte ihr Heim nach der Volksgartenstraße verlegen. Von ihren Fenstern sah sie das neue Burgtheater sich erheben, das sich gewaltig reckte, um zu schauen, ob denn das alte bei seinem Anblick nicht in sich zusammenfallen werde. Ich folgte ihr auch in diese Wohnung, und zur Neujahrscour brachte ich noch einen mit, den sie ebenfalls gefangen hatte. »Ha!« rief sie bei unserem Eintritt mit ihrem freudigen Empfangsschrei, »da kommen meine beiden Liebschten vom ganze Theater. Des da« – sagte sie zu einer Dame, auf mich deutend – »des da isch der Schöne, und des – des« – der Name des anderen war ihr entfallen, und halblaut, aber dringlich fragte sie mich: »Wie heißt der Kerle?« Ich nannte leise den Namen, und frisch einsetzend stellte sie vor: »Und des isch der Thimig! kommt emal her, ihr. Da hab' ich was für euch, ein kleines Ahndenke an Mama Haizinger, nette Zigarrespitze mit moin Namnenszug; das dritte möget ihr dem Arnsburg mitnehme« – und alle drei waren wir Nichtraucher. Sind echte Theatermänner nicht so häufig, als man annimmt, die Theaterweiber, im guten Sinne, sind noch[104] seltener. Mama Haizinger aber war ein Vollblut reinster Rasse, von allen Kollegen als solches anerkannt. Unter ihnen lief eine Prophezeiung um, die gute, alte Dame werde eines Abends, von Kulissen umgeben, unter der Fahne die letzte Luft atmen. Wie die meisten Prophezeiungen ist auch diese nicht in Erfüllung gegangen: sie mußte Abschied nehmen während der Ferien, in der Zeit, die ihr die unangenehmste war im ganzen Jahre.

Unter den Schauspielern der Burg war mir bei dem Besuch der Vorstellungen als mächtigste Erscheinung Heinrich Anschütz entgegengetreten. Ich sah ihn zuerst in »Kabale und Liebe;« er spielte den Musikus Miller – er war der alte Miller. Nie hatte ich bisher auf der Bühne einen Darsteller von ähnlicher Gewalt gesehen, er machte mit mir, was er wollte. Ich jauchzte ihm zu, als er im auflodernden, prasselnden Zorn, den er immer wieder devotest zu ersticken suchte, dem Herrn Präsidenten die Wahrheit geigte, und mein Herz war zerrissen, wie das Vaterherz, das sich vor unseren Augen verblutete. Die Wirkung, die er auf mich ausgeübt, war so mächtig, daß ich nach dem Spiel durch die Straßen laufen mußte, um wieder Herr meiner selbst zu werden. Den Wundermann wollte ich in der Berggasse aufsuchen, mich ihm vorstellen, ihm von der Bewunderung sprechen, mit der mich sein Musikus Miller erfüllt hatte; dazu legte ich mir unterwegs einige Worte zurecht. Es klopfte wieder arg unter der Weste, als ich vor seiner Wohnung angekommen, die Glocke zog, eingelassen und in ein Zimmer geführt wurde. »Herr Anschütz wird gleich kommen.« Was ich von dem Gelaß mit einem Blick erfassen konnte, war einfache Solidität, ich atmete die Luft eines Bürgerhauses – da trat er schon herein, mich zu begrüßen, im einfachen Schlafrock, der Patriarch einer bürgerlichen Familie. Obwohl beinahe achtzig Jahre alt, deckte sein Haupt noch eigenes Haar, nur wenig gebleicht; die Stirne war hoch und kräftig, die Augenbrauen wichtig hinaufgezogen, die Augen mehr hervortretend als tiefliegend,[105] groß, rund und manchmal starrblickend. Von der Nase zogen Furchen nach abwärts; auch die Mundwinkel hatten sich gesenkt, und der Unterkiefer kam zeitweise in kauende Bewegung. Der eiserne Ernst, der auf seinem Gesicht lagerte, ließ mich die vorher wohlgestellten Worte durcheinander werfen, so daß kaum ein Stammeln der Bewunderung zustande kam. Vielleicht erschien dem großen Rhetoriker dieser Umstand schmeichelhafter als eine fließende Rede, denn sein Ernst mich einer freundlichen Miene. Als ich mich schließlich soweit ermutigt hatte, ihm die Bitte vorzutragen, daß er mir die Erlaubnis schenken möge, ihm dann und wann einen Besuch abzustatten, sagte er langsam, in melodiöser Weise: »Lieber junger Freund! Ich bin ein alter Mann und stehe schon mit einem Fuß im Grabe; ich kann Ihnen wenig nützlich sein, und wenn Direktor Laube, der Sie ja wohl an das Burgtheater gebracht hat, erfährt, daß Sie den alten Anschütz besuchen, so dürfte Ihnen das kaum zum Vorteil gereichen.« Da sah ich den tiefen Spalt klaffen, der sich zwischen den alten Größen des Burgtheaters und seinem Direktor aufgetan. Mehr hatte mir der Altmeister wohl nicht zu sagen; ich fühlte, daß die Audienz zu Ende sei, und nahm einen leidlichen Rückzug. Seine Stimme klang mir im Ohre nach, ich suchte ihre Melodie festzuhalten, und heute noch kann ich sie in mir ertönen lassen. Man erzählte sich von Anschütz, daß er seine Theaterreden förmlich in Noten gesetzt dem Gedächtnis einpräge, und daß er nie für den einmal gewählten Ton einen andern bringe. Des Wortes war er Meister wie kein Zweiter, nie hat ihm eins gefehlt, und klassische Stücke waren ganz und gar Eigentum seines Gedächtnisses. Saß er am Regietisch, oder stand er als Darsteller auf der Bühne, so konnte man seinen Lippen ansehen, daß er alle Reden leise mitsprach. Immer war er mit Ernst bei der Sache, ein Muster treuester Pflichterfüllung. Der Kaiser hatte ihn durch die Verleihung des Franz-Josef-Ordens ausgezeichnet – eine Ehre, die zuvor[106] noch keinem Schauspieler geworden. Um den Pflichten genügen zu können, die das Ordensstatut vorschreibt, mußte sich Aufschütz ein Hofkleid anfertigen lassen, und im großen Fronleichnamszug sah ich ihn mit Degen und Dreispitz unter den übrigen Ordensrittern einherschreiten; weil er aber den entblößten Kopf den Sonnenstrahlen aussetzen mußte, hatte er eine Perücke übergezogen, die seinen eigenen Haaren nachgebildet war und ihm Schutz gewährte. Im ganzen Fronleichnamszug sah ich keinen, der einen so heiligen Ernst zur Schau trug wie dieser – Protestant.

Weiter, eine andere Antrittsvisite abstatten – zu Karl Laroche. Er wurde durch mein unvermutetes Eindringen in sein Zimmer bei einer Beschäftigung augenscheinlich sehr unangenehm überrascht, während mich wieder seine Beschäftigung überraschte: er schnitt Coupons ab. Ich hatte noch nie einen Coupon in der Hand gehabt und sah nun einen Schauspieler, der mit einer großen Papierschere in die Couponbogen nur so hinein säbelte! Kleine Stöße von Aktien oder Staatsschuldenverschreibungen, die neben ihm auf dem Boden standen, bildeten eine Scheidemauer zwischen uns. In dem stark geheizten Zimmer hatte er noch eine Decke über die Kniee gebreitet, und während er schnitt, pfiff hinter ihm im Vogelbauer ein einsamer Spatz melancholische Weisen. Die Haare des Herrn Laroche waren schon von dem Friseur mit heißem Eisen umgebogen worden, lagerten in mehreren Etagen übereinander und harrten des Kammes, der sie teile und in zierliche Locken schichte. Ein großer Beckenbart beschattete seine Wangen; die Partie unter dem rasierten Kinn zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit Goethe, die er gerne zur Schau trug. Der Backenbart galt unter der Kollegenschaft als Oppositionsbar t; Laroche spielte damit alle Rollen, zum Ärger Laubes, auch den Oktavio Piccolomini, und das war kein Heldenstück. Er klebte sich zwar einen Schnurr- und Kinnbart dazu, glich aber damit weniger einer Figur aus dem Dreißigjährigen Kriege, als vielmehr dem[107] damaligen Hoftheaterintendanten Dingelstedt in Weimar. Dieser Oktavio lieferte den Oppositionsbart ans Messer; er fiel einem Dekret zum Opfer, das Graf Lanckoronsky, als oberste Theaterbehörde, dieserhalb erließ. – Ich möchte nicht behaupten, daß Laroche von meinem Eindringen entzückt war; wir tauschten über die Aktienstöße einige belanglose Worte, dann griff Laroche wieder in die Schere und machte damit einige klappernde Luftschnitte, was für mich nicht mißzuverstehen war. Als ich mich an der Türe noch einmal verbeugte, hatte er die unterbrochene Beschäftigung wieder aufgenommen. Das war der Laroche nicht zu seiner guten Stunde; ich habe ihn später in besseren kennen gelernt, als jovialen Lebemann, als liebenswürdigen Wirt, als heiteren Kulissenbuffo und unvergleichlichen Darsteller in humoristischen und fein komischen Rollen. Wenn man ihn auf der Straße daherkommen sah, gab er ein volles Bild des alten Grafen von Klingsberg, modern in der Kleidung, eine Blume im Knopfloch und immer bereit, den Damen unter den Hut zu schauen. Die Frauen hatten ihn zeitlebens verwöhnt, er liebte ihre verhätschelnden Hände und konnte ohne sie nicht sein. Seine dritte, sehr begabte Frau, ehemalige Sängerin, und seine Tochter Amalie hielten nur weibliche Dienerschaft, und alle vereinigt leben nur für ihn und seine Launen. Splendide Gastfreundschaft üben war seine Leidenschaft; nach den Mühen, die den Frauen seines Haushalts damit erwuchsen, fragte er nicht. Hielt er Villeggiatur in Gmunden, gab es bei ihm den ganzen Sommer offenes Haus und offene Tafel, so daß Frau und Tochter erst in Wien einige Erholung fanden.

Als ich Laroches Garderobennachbar wurde, lernte ich seine Art erst recht kennen. Wie er zu der bevorzugten Garderobe gekommen war, auf die Anschütz ältere Anrechte besaß, weiß ich nicht, aber sie eignete sich für ihren Herrn. Dreimal so groß wie jede andere, mit einigem Komfort, sogar mit einem Sofa ausgestattet, konnte sie im Notfall als[108] Empfangssalon gelten, und Laroche empfing. Es steckte in ihm eine starke Dosis von einem Duodezfürsten des achtzehnten Jahrhunderts; wenn er Gnaden auszuteilen imstande war, nahm er Haltung und Ton an, als trüge er eine Puderperücke auf dem Kopfe. Alle diejenigen, welche Dienstleistungen für ihn zu verrichten hatten, nannte er »du,« die ihn dafür »Euer Gnaden« titulierten; Souffleure und technische Beamte sprach er mit »Er« an, ältere Kollegen mit »Ihr;« die jüngeren erhielten das »Sie« von ihm, aber das gesamte Femininum der Burg wurde von dem Herrn der Schöpfung geduzt, die Bevorzugten mit der Anrede; »mein' Tochter.« Vor Beginn der Vorstellung hielt er Hof in seiner Garderobe. Alle, die eine gute Anekdote in Kommission oder ein Anliegen auf dem Herzen hatten, sprachen bei ihm vor, befremdete Damen, die noch keine Schauspielergarderobe in der Burg gesehen, oder seine Bankiers, die für ihn unfehlbare Börsenspekulationen eingeleitet hatten, denn von Fehlschlägen wollte er nichts wissen. War Laroche in einer Premiere beschäftigt, so kam er gewöhnlich in Begleitung der Frau oder Tochter, die seine Toilette überwachten. Wie alle Schauspieler war auch er an solchen Novitäten-Abenden in reizbarer Stimmung. »Male!« hörte ich ihn einmal seine Tochter anschreien, in dem hohlen Ton, den er sich für tragische Rollen angeeignet, »Male! Hier fehlt ein Kopf am Hemde! Ich enterbe dich!« Nicht etwa im Spaß – im zornigsten Ernst wurde das gesagt, bis er endlich über sich selbst lachen mußten. So lange Laube am Ruder stand, fühlte er sich gedrückt und zeigte oft eine gallige, fast menschenfeindliche Stimmung; nach Laubes Sturz gewann er, bei wieder wachsendem Ansehen, neue Lebenskraft, die ihn bis in die Neunzig führte; die Laune jüngerer Jahre kehrte zurück, und seine außerordentliche Darstellungskunst blieb in humoristischen Rollen auf der Höhe bis zu seiner letzten Aufgabe.

Den ewig jungen Liebhaber des alten Burgtheaters, Karl[109] Fichtner, habe ich in seiner Behausung nicht angetroffen, und doch glaube ich mir ein Bild davon machen zu können; sie muß das Gepräge seiner Art getragen haben. Kann man aber seine Art schildern? Kann man einen Sonnenstrahl zerlegen und beschreiben? Es ist da, und sein Dasein beglückt uns. Fichtner war ein Sonnenstrahl, der uns wärmte, der uns das Dasein für Stunden erhellte und beglückte, die verkörperte Liebenswürdigkeit, die vollkommenste Harmonie. Er war kein faszinierend schöner Mann, kein himmelstürmendes Genie, kein blendender Geist, aber er vereinigte in sich so bestrickende Eigenschaften, daß ein unbeschreiblichen Zauber von ihm ausging, den alle Welt mit Wonne in sich sog. Es war so geliebt, daß man die Gedächtnisstockungen, die sich in den letzten Jahren bei ihm zeigten, scheinbar gar nicht bemerkte, daß man dabei nie unruhig wurde oder gar lachte, daß sich nur der eine Gedanke regte: ihm helfen können! Er mußte sich selbst helfen, ihm konnte niemand helfen, auch kein Souffleur – sein Ohr hart geworden, aber nach kürzerem oder längerem Ringen mit dem Wort sagte er es und hatte damit den Faden wieder gewonnen. Das Publikum war immer nahe daran, dem Sieger zu applaudieren. Wie hat der Mann zu Hause gearbeitet, um das Gedächtnis stark und geschmeidig zu machen! Jeden Tag, ob er am Abend beschäftigt war oder nicht, saß er stundenlang bei einer oft gespielten Rolle und suchte sie sich von neuem einzuprägen. Dieser sich immer wiederholende Kampf brachte ihn zu dem Entschluß, der Bühne zu entsagen, und niemand vermochte ihn davon abzubringen. Über ihn sind wenig Anekdoten im Umlauf, aber was ihm einmal auf der Bühne passiert war, konnte man so leicht nicht vergessen. Es war an dem wichtigen Abend, als man im Burgtheater zum erstenmal die »Karlsschüler« von Laube gar, die diesem die Stellung als Direktor erobern helfen sollten. Fichtner spielte den Schiller, und in der Szene mit Herzog Karl, als er ihm die Worte zu sagen hat: »Mußten da nicht die ›Räuber‹[110] entstehen?« versprach er sich: »Mußten da nicht die ›Karlsschüler‹ entstehen, die man jetzt so entsetzlich findet?« – Aber es war Fichtner, der sich versprochen hatte.

Als stärkstes Temperament im Regiequartett der Großen ragte Ludwig Löwe hervor, einer geheizten Lokomotive vergleichbar, innerlich rumorend, stets bereit loszugehen und mit Geräusch überschüssigen Dampf ausstoßend. Das mußte ein Liebhaber gewesen sein wie ein Vulkan. Man erzählte sich, daß sein Mortimer in der Szene mit Maria Stuart, wo der Liebeswahnsinn zum Durchbruch kommt, geradezu beängstigend gewesen sei. Von kleiner Statur, suchte er durch ausgiebige Schritte und Bewegungen größer zu erscheinen, als er war. Auf seinen breiten Schultern laß ein starker Kopf, wie mit dem Hammer getrieben, voll kleiner, leichter Narben, die die Blattern zurückgelassen hatten. Diesen Kopf deckte eine Perücke, die in die Welt hinausschrie: »Herrschaften! ich will nicht täuschen, ich will kein natürlicher Haarwuchs sein, nur eine ehrliche, aufrichtige Perücke!« Um dieses Kunstwerk in Ordnung zu halten, führte er einen großen, gelben Hornkamm in der Brusttasche bei sich, und wenn er damit die auf den Tüll genähten Haarsträhne glättete, klang es, als ob eine Egge über den Sturzacker gezogen würde. Von seinem früher so metallreichen Organ waren nur Reste übrig geblieben, und weil er immer noch in alter Kraft sprechen wollte, hatte er es in eine höhere Lage geschraubt, wodurch es eine hohle, etwas heisere Klangfarbe angenommen. Das mußte er in Rollen alter Männer trefflich auszubeuten; sein hustender Müller Reinhold war ein Meisterwerk der Schauspielkunst. Hinreißend wirkte er aber auch als junger Spiegelberg, den er trotz seiner hohen Jahre noch immer spielte; man mußte ihn gesehen haben, um zu begreifen, was er aus dieser Rolle schuf. Nach seiner Erzählung von dem wütend gemachten Hund, der ihn verfolgt, und vor dessen Zähnen er sich nur durch einen kühnen Sprung über einen breiten Graben rettet – »drüben war[111] ich!« – prasselte der Applaus wie anhaltender Hagelschauer nieder. Ein Gast aus Hamburg, der den Karl Moor spielte und damit durchfiel, sagte melancholisch, als er diesen Triumph Löwes gehört und gesehen: »Meine Räuber sind Esel, daß sie nicht den Spielberg zum Hauptmann wählen.« – Seiner Kleidung gab Löwe mit Vorliebe einen künstlerischen Anstrich: er trug ein braunes Samtjackett, in dem er die Hände vergrub, dazu kräftig gemusterte Pluderhosen und Stiefel, welche laut und vernehmlich knarren mußten. – Als ich ihm meinen Besuch abstattete, empfing er mich mit einem mächtigen Tschibuk in der Hand, und durch die Rauchwolken rief er mir zu: »Haha! das ist ja wohl die neueste Entdeckung des Herrn Laube!« Er reiche mir die Schwurfinger seiner Rechten; die beiden anderen lagen steif in der Innenfläche der Hand, die er in seiner Jugend durch einen Pistolenschluß auf der Bühne verletzt hatte. Löwes Begrüßung wunderte mich nicht – ich hatte ja genug von ihm gehört und fand Gefallen an seiner zwanglosen Art. Die Unterhaltung floß ganz munter, und als er merkte, daß ich zuhören konnte und Interesse für sein Steckenpferd, die Theatergeschichte, zeigte, ließ er seiner Laune die Zügel schießen. Ich erfuhr, daß Löwes Vater ein Schmied gewesen, der vom Amboß zur Bühne gelaufen; er selbst rühmte sich, ein echtes Theaterkind zu sein, denn seine Mutter, die wenige Stunden von seiner Geburt noch die Maria Stuart gespielt, sei zu Hause durch seine Ankunft überrascht worden, und weil dafür nichts vorbereitet gewesen, habe man ihn in den Garderobenkorb gelegt, darin sich die Kleider der unglücklichen Königin befanden. Von seiner Prager Zeit erfuhr ich manches, und von Sophie Schröder und Brockmann wußte er interessant zu erzählen. Beim Abschied zeigte er mir ein Gelaß, in dem alle jungen Liebhaber der Burg gewohnt hatten, lauter »Entdeckungen« Laubes: Baumeister, Landvogt, Sonnenthal, und das von Hartmann ein Jahr später bezogen wurde. Es war ein einfenstriges, schmales, tiefes, einer Kegelbahn[112] nicht unähnliches Zimmer, in dem er greise Meister mit seinen jungen Kollegen manchen fidelen Strauß ausgesprochen haben soll. Neue Rollen wurden ihm nur selten zugeteilt; so blieb ihm viele freie Zeit, die er gleichwohl dem Theater widmete; er machte scharfe Epigramme auf Laube und unterschiedliche Schauspieler, schimpfte auf die Führung, auf neue Einrichtungen, neue Engagements und neue Stücke, überhaupt auf alles Neue. So kam ich nach einer Neuszenierung des »Wilhelm Tell« mit dem Darsteller des Rudenz zu Löwe, ihm einen Besuch zu machen und von ihm etwas über die gestrige Vorstellung zu hören, die beim Publikum Anklang gefunden hatte. Er war im Zustand der höchsten Empörung, hielt über die Schauspieler der Reihe nach peinliches Gericht, und Tell, Attinghausen, Melchthal, alle fielen tödlich getroffen von seinen Streichen. Mit großen Schritten war er im Gemache hin und her gegangen; plötzlich blieb er vor dem Rudenz von gestern Abend breitbeinig stehen, bohrte die Fäuste in die Hosentaschen und rief: »Und wenn Sie mich fragen sollten, wie Sie als Rudenz waren« – dieser hütete sich, die leiseste Aufforderung an ihn zu richten – »so muß ich Ihnen antworten,« fuhrt Löwe fort und holte tief Atem, »Sie waren scheu–eußlich!« – Bei allen Schrullen war er eine warmherzige Künstlernatur, und wer seinen Kerl erkannt hatte, hielt zu ihm. Seine alte Dienerin, die seelengute Nettl, stand vierzig Jahre bei ihm in Diensten, während ihm die jüngere, »das Kind« erst seit einem Vierteljahrhundert diente.

Die Abdankung Laubes als Burgtheaterdirektor versöhnte die Antipoden Löwe und Laroche; sie ließen sich sogar gemeinsam auf einem Bilde photographieren, Weingläser in der Hand und miteinander anstoßend. Löwe war nun von einem lastenden Drucke befreit, aber er räsonierte weiter bis an sein seliges Ende. Als der deutsch-französische Frieden geschlossen wurde, machte auch er dauernden Frieden mit der Welt. Dingelstedts Rede an seinem Grabe begann mit den Worten: »Wieder einer – nur einer – aber ein Löwe!«[113]

Meine Beschäftigung im ersten Jahre des Engagements konnte ein Komikerherz nicht erfreuen. In dem Blindenstück »Gabriele,« das für die Wolter aus veraltetem Repertoir ausgegraben worden war, damit die darin einen ihrer berühmtesten »Schreie« ausstoßen könne, mußte ein einen eifersüchtigen Liebhaber spielen und erregte auf der Probe die Heiterkeit der blinden Gabriele, die an meine Befähigung zum Liebhaber nicht glauben wollte. In »Hamlet« wurde mir die Rolle des Horatio zugeteilt, eine sehr ehrenvolle Aufgabe, höchst ehrenvoll – aber, offengestanden, einer der Totengräber wäre mir lieber gewesen. Immermanns »Andreas Hofer« vertraute mir einen sehr edlen französischen Offizier an, dessen Kleidung schon Bedenken in mir erregte: ein Uniformfrack mit kurzer Taille, der sehr viel von einer weißen Lederhose sehen ließ, Reiterstiefel und hoher Zweispitz mit Federbusch! Das konnte gefährlich werden – aber ich landete den schönen Offizier, ohne belächelt zu werden. So ging es weiter, mehrere derartige Rollen kamen an mich, und ich nahm, was kam – wäre nur eine humoristische Rolle dabei gewesen! Lange vor Ablauf meines Kontraktes kündigte mir Laube an, daß ich für weitere zwei Jahre engagiert sei. »Ich habe Sie nur schwer bei meiner obersten Behörde durchsetzen können. Glauben Sie noch, fragte er vertraulich, »daß Ihr eigentliches Fach humoristische Rollen sind?« – »Ja, das glaube ich, Herr Direktor; weil ich aber keine bekommen habe, konnte ich mich nicht darin zeigen.« Laube stutzte und dachte nach. »Das ist logisch; aber warten Sie nur, er wird schon werden.« Er behielt Recht; Laubes Zerwürfnis mit Meixner, der frühe Tod Beckmanns und einige dankbare Rollen, die mir in Novitäten zufielen, brachten mein Schiff in günstiges Fahrwasser.[114]

Quelle:
Schöne, Hermann: Aus den Lehr- und Flegeljahren eines alten Schauspielers. Leipzig [um 1903], S. 74-115.
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