Auf der Reise.

[37] Als eines Tages die großen Ferien begannen, bekam Helga einen seltsamen Einfall:

»Weißt du, Mutti, ich habe es mir überlegt, ich fahre morgen früh nach Magdeburg und besuche Hilde Müller einmal wieder, die hat mich schon so oft eingeladen.«[37]

»Hast du denn deinen Besuch schon angemeldet, Kind?« fragte die Mutter.

»Nein, aber das ist bei Müllers gar nicht erst lange nötig, die haben so viel Platz, und Hilde wird auch zu Hause sein, sie hat mir vor 14 Tagen erst geschrieben. Ich fahre los. In Magdeburg weiß ich Bescheid, und mit einem Male sage ich: da bin ich.«

»Das klingt ja alles sehr romantisch, wie du dir das ausgedacht hast«, sagte die Mutter, »aber du müßtest doch eigentlich wissen, daß sich das einfach nicht schickt. Frau Müller würde einen schönen Begriff von uns und vor allem von dir bekommen. Man fragt immer erst an, obder Besuch genehm oder erwünscht ist

»Och, wann soll ich denn da Antwort erhalten?« schmollte Helga.

Aber es half nichts, Helga mußte schreiben, und ein wahres Glück, daß sie es getan hatte; denn Müllers machten an jenem Tage, an dem Helga reisen wollte, eine Tagestour in den Harz, und Helga wäre auf das völlig leere Nest gekommen. So geht's, wenn die Küken klüger sein wollen als die Henne. –

Ein paar Tage später sauste nun Helga los. Gunther brachte sie in den Zug, der in der Reisezeit stark besetzt war. In einem Nichtraucherabteil fand unser B. d. M.-Mädel noch einen Stehplatz. Mit ihrem Gepäck wußte sie nicht, wohin, bis ein älterer SA.-Mann ihr zu Hilfe kam und die Reisenden veranlaßte, ihr breit ausgelegtes Gepäck aufeinanderzutun. Das geschah dann auch mit einigem Brummen und Knurren, und siehe da, mit einem Male war auch noch ein Sitzplatz frei.

Es ist eine Rücksichtslosigkeit gegen die mitreisenden Volksgenossen, in den allgemeinen Verkehrsmitteln mehr Platz zu beanspruchen, als einem zusteht.

In Helgas Abteil schaukelte sich dann aber bald alles zur Zufriedenheit ein. Helga war freundlich und zuvorkommend, und[38] die Mitreisenden waren bald versöhnt mit dem anfangs lästigen Gast.

Mit dem SA.-Mann unterhielt sie sich ungezwungen, wie es ihre Art war. Einen Kunstlockenjüngling vom Stamme Juda, der ein paarmal versuchte, Anschluß zu bekommen, ließ sie kurz und kalt abfallen. Früher war es für junge Mädchen verpönt, sich in ein Gespräch mit einem fremden Mann einzulassen. Diese Schranke ist für jeden gefallen, der weiß, was er zu tun und zu lassen hat. Helga hatte als B. d. M.-Mädel ein so selbstsicheres Auftreten, das jede Zudringlichkeit zurückwies. Sie benahm sich weder auffallend noch albern, auch schielte sie nicht in die Briefe und Zeitungen, die ihr Nachbar las, sondern wußte genau, was sie ihrer Hitlertracht schuldig war. Das brachte ihr bald die Freundschaft der Mitreisenden als auch der Gastgeber in Magdeburg ein.

Dort angekommen, ließ sie sich nicht in einem fort bedienen, sondern machte sich nützlich, so gut es ging, vermied es aber auch mit seinem Takt, da zuzufassen, wo es nicht erwünscht erschien, z.B. beim Herausnehmen des Geschirrs oder der Tischwäsche aus den Schränken. Das haben die Hausfrauen ungern.

Sie fügte sich völlig in die Hausordnung ein und äußerte ungefragt keine Wünsche, die der gastlichen Familie obendrein Kosten verursacht hätten.

Sie gehörte auch nicht zur Gruppe der »Kleber«, die einen Besuch endlos ausdehnen und sich gar nicht trennen können.

Müllers hatten ihre Freude an dem munteren Wesen Helgas. Und Helga nahm bei ihrer Abreise das Gefühl mit, daß sie ein gerngesehener Gast gewesen war. Daß sie nach ihrer Heimkehr sofort einen Dankesbrief nach Magdeburg schrieb, ist selbstverständlich.

Ihren Bruder fand sie nicht daheim, er war mit seinem Bann in ein Ferienlager gefahren; aber ein Brief für sie war von Gunther bereits eingetroffen, darin schilderte er in seiner drolligen Art die Reiseerlebnisse:
[39]

Swantewit, im Heumond 19..


Liebe Schwester!


Auch ich habe mich für einige Wochen aus unserem Hause entfernt. Du findest also das Nest so ziemlich leer. Wir haben eine lustige Eisenbahnfahrt hinter uns. Allerdings möchte ich sagen, daß sie anfänglich gar nicht lustig war.

Als ich mit meiner Rasselbande in den Zug klettern wollte, begegneten wir lauter unfreundlichen Gesichtern. Verschiedene Männer und Frauen verließen das »Lokal«, beinahe möchte man sagen fluchtartig. Ich habe mich sehr darüber geärgert. Aber andrerseits muß ich auch sagen: Vielleicht haben die Leutchen schon öfter schlimme Erfahrungen gemacht.

Ich hielt nun meiner Kolonne diese Begebenheit vor und ermahnte sie nachdrücklichst zum Wohlverhalten.

Natürlich ist ein HJ.-Unterbann kein Mönchsorden, und fröhlich war's schon. Jedoch kam es zu keinerlei Krachmacherei, Balgerei und zu sonstigen lästigen Nebenerscheinungen. Der Erfolg war, daß wir uns bald mit der »Zivilbevölkerung« in diesem rollenden »Staatslokal« ausgesöhnt und angefreundet hatten.

Wenn Erwachsene, ganz gleich welchen Standes, unterwegs einstiegen, spritzten unsere Jungens sofort hoch und machten Platz. Die staunten vielleicht! – Stieg eine alte Frau mit ihrer Tragekiepe aus, sofort waren zweie bei der Hand, die ihr halfen.

Nun kommt aber das Schönste. Unser »Orchester« begann leise zu spielen, und siehe da: aus den Nebenabteilen schlichen die Ausreißer von vorhin reumütig wieder zu uns herein. – »Dürfen wir lauter spielen?« fragte der Kapellmeister. – »Ja, bitte, immerzu!« – Nun wurde es furchtbar lustig bei uns. – Kurz bevor wir ausstiegen, erzählte mir ein alter Mann, daß es vor Jahren gar nicht auszuhalten gewesen wäre, wenn die Horden (Du weißt schon, welche er meinte) in die Abteile gestürmt wären. Daß es einmal wieder so ordentlich unter der deutschen Jugend zugehen würde, daran hätte er nicht mehr geglaubt.[40]

Ich sagte ihm dann: Das verdanken wir nur Adolf Hitler, dessen Namen unser Bund trägt. Da traten dem Alten buchstäblich die Tränen in die Augen... Es war ein schönes Erlebnis für uns alle.


Heil Hitler!

Gunther.

Quelle:
Schütte, Carl: Willst du erfahren was sich ziemt? Caputh-Potsdam [o. J.], S. 37-41.
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