b) Gesegnete Mahlzeit.

[17] Hungrig wie die Wölfe kehren Gunther und Helga und die andern heim.

»Halt!« schrien beide Kinder wie aus einem Munde. »Das steht nicht da! Das steht nicht da!« –

»Es paßt aber so schön!« lachte die Mutter und fuhr fort:

»Die Mappe wird in die Ecke gefeuert. Es schadet aber auch nichts, wenn ihr sie ruhig an Ort und Stelle niederlegt; denn was können schließlich Mappe und Bücher oder das Handwerkszeug dafür, wenn ihr heute nicht das erreicht habt, was ihr von eurer Arbeit erhofft hattet. Ihr müßt im Leben noch manchmal einen zweiten und dritten Anlauf machen, ehe ihr das Hindernis nehmt und die Stellung erobert. Denkt an den Führer Adolf Hitler, der sich von keinem Mißerfolg in seinem vierzehnjährigen Kampf um die Macht zurückschrecken ließ.

Habt Ausdauer und Zähigkeit wie er.

Laßt aber euren Unmut über einen Mißerfolg nicht an anderen, weder an Sachen noch an Personen aus. Damit würdet ihr euch klein und lächerlich machen. Kleine Kinder schlagen den Stuhl, an dem sie sich stoßen.

Also frisch gewaschen und gekämmt aus Werk, d. h. diesmal:


Zu Tisch.

[17] Das Tier würgt und schlingt sein Futter hinunter; der Wilde schlägt sich den Bauch voll, kippt auf die Seite und schnarcht. Die Ausländer schimpfen uns Deutsche noch oft Barbaren und Hunnen. Hunnen, die rohes Fleisch mürbe ritten, um es dann zu verschlingen.

Das wir alles andere als das sind, zeigen wir durch unser gesittetes Benehmen bei Tisch.

Der junge Nationalsozialist weiß im Gegensatz zum Materialismus genau, daß Essen und Trinken nicht das Höchste und Letzte, nicht der Zweck des Lebens ist. Sein Führer ist ihm ein Vorbild in Mäßigkeit und Einfachheit. Ein Hitlerjunge und ein Hitlermädel murrt und knurrt nicht, wenn der ›Eintopf-Sonntag‹ da ist.

Helga und Gunther«, hier lugt die Mutter wieder schelmisch über den Rand des Büchleins, »sind aber auch nicht zimperlich, stippig, kiesetig und spitzmäulig, sie benehmen sich nicht wie Fatzken oder Zierpuppen, sondern ganz ungezwungen und natürlich. Sie wissen längst:

Daß man sich nicht den Teller bis zum Ueberlaufen voll packt, die andern könnten sonst denken, man verfüge über einen Kuhmagen.

Daß man nicht laut schlürft, schmatzt, mit dem Löffel gegen die Zähne schlägt oder sonstige unangenehme Geräusche verursacht.

Daß man beim Essen stets beide Hände auf dem Tisch hat, und nicht mit der einen an seinem Schnürsenkel knüppert oder den Strumpf hochzieht.

Daß man nie mitdem Messerinden Mund fährt oder es überhaupt nur zum Munde führt. Die andern möchten meinen, man hätte Schwertschlucken gelernt.

Daß man die Gabel in die linke, das Messer in die rechte Hand nimmt; damit die andern nicht denken, man sei linkshändig.

Daß man Fisch nie mit dem Messer ißt, sondern mit einem besonderen Fischbesteck oder zwei Gabeln, sonst aber mit[18] der Gabel in der rechten Hand und einem Brötchen in der linken Hand. Warum das? fragt ihr. Ganz einfach. Der Fischgeschmack leidet bei der Berührung mit Stahl, genau wie Obst. Darum schält und zerlegt man Aepfel, Birnen usw. mit Obstmessern, die sind aus besonderem Metall hergestellt.

Daß man Kartoffeln und Klöße nicht mit dem Messer zerspaltet, sondern mit der Gabel bricht. Man könnte sonst denken, ihr wäret verwandt mit Don Quichote, dem Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlen kämpfte und ein andermal in ein Kohlfeld sprengte und die Kohlköpfe mit wuchtigen Schwerthieben zerspaltete, als wären es hart-behelmte Feindesschädel.

Wozu mehr Kraftaufwand als nötig ist?

Daß man sich das Mundtuch sein säuberlich auf die Knien legt und nicht um den Hals bindet wie Vater, wenn er sich rasieren will.

Daß man sich auf seinem Teller keinen sogenannten Pamps zurechtmacht, indem man Kartoffel, Gemüse, Tunke usw. wie der Maurer den Kalk durcheinanderrührt, die andern könnten denken, Mutter füttert zu Hause den Kleinen noch, oder er hat wie Urgroßmutter keinen Zahn mehr.

Daß man mit den Knochen, die man ja wohl nicht mitißt, nicht das Tischtuch oder den Tellerrand verziert, sondern sie auf dem Teller beiseiteschiebt.

Daß man dem Tischnachbar nicht mit den ausgebreiteten Ellenbogen unter das Kinn fährt, man könnte sonst annehmen, zu Hause hast du deinen Tisch für dich allein und wärest ein solcher Schlemmer, der niemanden neben sich duldet.

Daß man das Glas, falls bei besonderen festlichen Gelegenheiten ein Gläschen Wein gereicht wird, nicht in die Faust nimmt, sondern es manierlich am Stiel anfaßt und sich vor dem Trinken den Mund mit dem Mundtuch wischt, damit das Glas sein sauber bleibt.

Daß man beim Zutrinken dem andern in die Augen schaut. – Wein ist nicht Wasser, er ist weder so dünn, noch so harmlos, noch so billig, deshalb kippt man ihn auch nicht in einem[19] Zuge hinter die Binde, sondern genießt ihn als köstliche Gabe schluckweise.

Daß man bei einer Tischrede oder wenn man angesprochen wird, Messer und Gabel ruhen läßt, man könnte sonst denken, du hättest Angst, du bekämst nicht mehr genug.

Daß die Hauptmahlzeit des Tages nach guter deutscher Sitte mit einem Tischgebet eingeleitet wird. Dankbarkeit ist eine edle Tugend, und alle gute Gabe kommt aus der Hand Gottes.

Daß eine fröhliche Unterhaltung das Mahl würzt. Ein ›steinerner Gast‹, der nichts zu reden weiß, wird nur als Freßgevatter angesehen.

Daß man beim Nehmen und Weiterreichen der Speisen wohl vorsichtig, aber nicht unsicher und überängstlich sein soll. Ist man gar zu ängstlich, dann passiert in der Regel ein Unglück. Man begießt sich selbst oder, was sehr peinlich ist, seinen Nachbarn. Ihr kennt doch die Geschichte von Mar Stolprian, der seiner Nachbarin die ganze Tunke auf das kostbare Kleid plantschte, dann entsetzt aufsprang, und weil er in seiner Aufregung statt seines Mundtuches das Tischtuch in seine Weste geknöpft hatte, mit dem Tischtuch Braten und Gemüse hinter sich herzog.

Helga und Gunther als besonnene B. d. M.- und H.-J.- Mitglieder kann so etwas nicht passieren, sie sind mit wachen Augen durch die Welt gegangen und haben es andern abgelauscht, wie man sich bei Tisch benimmt. Die beiden fallen in der besten Gesellschaft bestimmt nicht unangenehm auf. Und wenn ein schmähsüchtiger Ausländer sie sehen würde, könnte er nicht mehr von Barbaren und barbarischen Sitten sprechen.

Nun sehet zu, daß ihr es ihnen gleichtut.«

Jetzt schnappte Helga mit einem kühnen Griff der Mutter das Büchlein weg: »Ich muß doch einmal sehen, was du da hinzugedichtet hast. Das hört sich ja alles zu drollig an. Der Abend ist noch lang, das müssen wir ganz zu Ende hören, Mutti. Aber wo steht Helga? Wo steht Gunther? – Nirgends. – Dachte ich mir gleich. Aber sonst stimmt alles!«[20]

Gunther lachte und sagte: »Das habe ich gleich gemerkt. Aber ich finde es ganz lustig, wenn du unsere Namen da einsetzt.«

Die Mutter nahm das Buch wieder zur Hand und sagte: »Ich fürchte, nur vom einmaligen, flüchtigen Zuhören werdet ihr nicht viel Gewinn haben.«

»Keine Sorge, Mutter, auf jedem Scharabend wird uns daraus ein Abschnitt verzapft. Alles wird eingehend besprochen und nächstens soll es sogar praktisch geübt werden.«

»Das muß ja furchtbar lustig werden«, meinte Helga. »Ich will es auch im B. d. M. in Vorschlag bringen. – Doch nun weiter, bitte.«

Die Mutter fuhr fort:

Quelle:
Schütte, Carl: Willst du erfahren was sich ziemt? Caputh-Potsdam [o. J.], S. 17-21.
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