Erste Hälfte

Am 8. August 1736. wurde ich zu Königsberg in Preußen zwischen 6 und 7 Uhr Abends gebohren. Meine Vorältern sollen aus den Niederlanden hieher gezogen seyn, und mein Großvater soll in der Pestzeit 1709. Handlung getrieben haben. Sein jüngster Sohn Gottfried war mein Vater. Dieser hatte studirt, und erinnere ich mich aus meinen Kinderjahren, Nachschriften der von ihm gehörten Vorlesungen gesehen und Erzählungen aus Gullivers Reisen und dem ersten englischen Robinson von ihm gehört zu haben; auch fand ich eine schöne Ausgabe des Tacitus unter seinen wenigen Büchern. Als er in Berlin, wo schon damals der Hauptsprudel des Dienstbrunnens lag, angestellt zu werden suchte, sandte man ihn nebst vielen andern zur Mitbearbeitung des großen[1] und so gut gediehenen Stadt- und Landbaues des Königs Friedrich Wilhelm I. nach Litthauen. Vermuthlich verging ihm dort über dem Bauen und Rechnen die Lust zum weitern Studiren, und er übernahm die Pacht eines neuangelegten Domainenamtes. Ob er nun gleich wegen seines gesunden Verstandes und seiner Rechtschaffenheit in förmlich gutem Ruf stand, so mißfiel doch seine Dreustigkeit und eine ziemliche Portion Eigensinn, von dem er mir die Legitimam nicht verkürzt hat, und wovon ich ihn bey all meiner unaussprechlichen Liebe und Hochachtung für ihn nicht freysprechen mag, einem damals gewalthabenden Beysitzer des königlichen Tobackscollegii, dem er außerdem nicht ein schönes Pferd für halben Preiß hatte verkaufen wollen, so sehr, daß er ihm zu einem einjährigen Vestungsarrest verhalf. Zwar wurde ihm vom Könige, der ihn persönlich kannte, der größte Theil der Sitzzeit erlassen, und alles angewandt, ihn zur Wiederannehmung des Amtes zu bewegen, allein er zog doch das Fürsichleben vor, besonders da meine Mutter, Anna Regina gebohrne Reimer, die er 1735. als Wittwe heyrathete, ihre Hand[2] durchaus keinem Manne in königlichem Dienst geben wollte. Das junge Ehepaar begab sich nach Königsberg und zeugte zuerst mich und in Zwischenräumen von 4 Jahren noch zwey Töchter.

Meine Mutter, in jedem Betracht eine liebenswürdige Hausfrau, obgleich ohne alle, damals noch nicht so stark eingerissene wissenschaftliche Bildung, hatte uns alle, mich nur 3/4 Jahr, selbst gesäugt, führte ihre Wirthschaft mit einer ihrer kleinen Monatseinnahme entsprechenden Genauigkeit und lehrte mich im dritten Jahre Gedrucktes lesen, nach welcher Methode, weiß ich nicht. Da sie selbst vom Schreiben keine Liebhaberin war, so hielt sie nicht darauf, mich auch Geschriebenes lesen zu lassen, und vermuthlich kommt davon mein schlechtes Lesen alles Handschriftlichen, dessen Buchstaben nicht sehr deutlich sind, selbst meines eignen.

Ob die Welt dadurch gewonnen habe, daß man dem andern Geschlecht eine außerhäuslich wichtige Rolle zu spielen eingeräumt hat, wag ich nicht zu entscheiden; die Stimmenmehrheit hätt' ich sicher wider mich, denn es würden nicht allein Mädchen und Frauen die Ansprüche auf das Recht zur großen[3] Außerhäuslichkeit nicht fahren lassen wollen, sondern es würden auch beynah alle unverheyrathete Männer, und von den verheyratheten alle Liebhaber der außerhäuslichen und Cicisbeat-Freuden wider mich auftreten.

Dem ungeachtet glaub ich aber doch, es könne nicht eher mit der Welt besser werden, bevor nicht das weibliche Geschlecht wieder Küchen- und Kinderstuben – gerecht geworden. Das Weib ist ganz gewiß ein andres Wesen wie der Mann, und wenn es sich der Rechte und Kräfte des Mannes nach und nach bemächtiget und sie verweiblichet, so erlaubt ihm doch seine weibliche Natur nicht, die Rechte und Kräfte des Mannes in sich zu beherbergen, mithin muß die Welt durch ein solches Verrauchen der männlichen Kräfte und Rechte offenbar verlieren. Durch die jetzige Erziehung der Weiber des Mittelstandes – die sehr reichen und vornehmen mögen außer der Regel bleiben – ist eine Mittelinstanz zwischen der Hausfrau und der Dienerschaft entstanden, von der man in meiner Jugend nichts wußte und über die ich in meinem Alter oft klagen höre, und zwar um so lauter, je mehr die Abneigung[4] gegen das Selbstwirthschaften zunimmt, und der häusliche Wirthsschaftsverstand außerhäuslicher Zerstreuungen wegen abnimmt. Die Hausfrau haßt die Ausgeberin, kann sie aber eigner Unwissenheit halber, und weil sie ihre Zeit und ihren Verstand oft zu sehr unweiblichen Dingen anwendet, nicht entbehren, und die letzte betrügt die erste sowohl eigner Gewinnsucht wegen, als auch aus Verdruß über ihren Dienststand.

Wäre es also nicht nöthig, alle Mädchen, die reichen und vornehmen nicht ausgenommen, ganz für das Haus, das heißt zu allen häuslichen Geschäften, Kochen, Nähen, Stricken etc. mit Ernst anzuhalten, ohne ihnen Gehülfen zu geben? Nach dem Heyrathen mögen sie es mit ihren Männern ausmachen, und ich lebe der schönen Hoffnung, nur wenige junge Frauen würden das, was sie als Mädchen gelernt und getrieben haben, aufzugeben wünschen, wenigstens verstünden sie dann doch ihr weibliches Haus zu regieren, ohne sich unter weibliche Curatel begeben zu dürfen.

Ein vornehmer kluger Mann in Berlin, dem man erzählt hatte, der Oberschulrath Zeller halte Vorlesungen für Damen,[5] schrieb mir: »Wenn er seine Erziehungsregeln für Mütter nicht damit anfängt, daß er ihnen die physische und moralische Nothwendigkeit auseinandersetzt, die Kinder, sich selbst und ihr ganzes Hauswesen so rein, so einfach als das Gemüth zu erhalten, und daß auch die Küche und der Tisch mit dieser Reinheit in Verbindung stehen, weil der gute Geschmack sich auch auf die Zunge ausdehnen müsse, wenn er nicht seinen Gradum ertheilt, je nachdem wie die Dame die Versuchsperiode ausgehalten, so bleibt seine Lehre für die Erziehung das, was gewöhnliche Predigten für die wahre Religiosität sind.«1 Auch hätte er noch[6] beyfügen können, daß alle Mädchen singen lernen müßten, – nicht um in Concerten sich lobsüchtig hören zu lassen, sondern geistliche Lieder auf eine anhörbarere Art singen zu können, als man es oft in unsern Kirchen zu vernehmen genöthiget ist. Der häusliche Gesang hat für mich etwas sehr erbauliches, und wer weiß, stünde es in den Bürgerhäusern nicht in vielen Stücken besser, wenn die ehemalige Sitte, des Morgens, nach Tisch, und des Abends ein Lied zu singen, nicht beynahe ganz aus der Gewohnheit gekommen wäre. Das: emollit mores nec sinit esse feros gilt vorzüglich vom Gesange. Demnächst verleide man ja nicht, dem andern[7] Geschlecht seinen Hang zum Gesprächigseyn. Ich erinnre mich in des einst berühmten Robinet Buche de la Nature gelesen zu haben: es sey die Neigung zum Vielreden den Weibern darum anerschaffen, damit den Kindern durch solches Wortwasser das Verdauen der ersten Begriffe erleichtert werde, wozu der kindliche Verstandchylus ohne die mütterliche Zungenergiebigkeit nicht zulangen dürfte.

Was aber der Geschwätzigkeit sowohl, als dem Gesange eine besondre Anmuth verleiht, und wodurch beyde erst recht wirksam werden können, ist die Freundlichkeit, ohne die kein Weib ein rechtes Weib seyn, oder als solches einen Mann beglücken kann. Auf Gewöhnung zur Freundlichkeit und Heiterkeit müßte man daher bey der Mädchenerziehung von Kindesbeinen an bedacht seyn, denn es liegt in ihnen ein Hauptmittel zur Erreichung und Dauer ehelicher Glückseligkeit und ununterbrochener Hausfreuden. Ihre Milde hält den männlichen Ernst ab, Dürre, Strenge, oder gar Eis zu werden, und die sanfte Luft eines freundlichen weiblichen Gesichts befördert das Wachsthum aller Lebenspflanzungen.
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Hübners biblische Historien waren noch im 6ten Jahre mein Hauptbuch, so wie das Anhören von Gespenstergeschichten meine höchste Ergötzlichkeit war. Von diesem Anhören ist, ungeachtet meines spätern Unglaubens an die Erscheinungsmöglichkeit, eine Art von caput mortuum in meinem Blute zurück geblieben, das mir bis jetzt nicht erlaubt, in ein finstres Zimmer zu treten, ohne daß mir nicht das Wort Gespenst wie ein oßianischer Schemen vorbey schnellte: ich schäme mich dieses Geständnisses um so weniger, als der Dresdensche, mit Recht berühmte, Oberhofprediger Reinhard in seinem Aufsatze vom Werth der Kleinigkeiten in der Moral (Berlin 1798. S. 29) ein Gleiches von sich ablegt, und laut S. 233. in seiner Jugend, so gut wie ich, an einem Punkte im Büchlein Gefallen fand. Auch muß ich noch eines Umstandes erwähnen, sollt er auch meine Geisteskräfte verdächtig machen. In meinem 5ten oder 6ten Jahre begleitete ich meine Eltern auf einer Besuchsreise nach Litthauen; ohnweit dem Wirthshause, wo wir Mittag hielten, lag ein Teich, an dem mich eine Zigeunerin mit Steinwerfen[9] beschäftigt fand. Nach Zigeunerweise liebkosete sie mich, bat sich mein Händchen aus, und noch jetzt hör ich sie sagen: Hüten sie sich doch sehr vor dem Wasser, eine Linie sagt, sie werden ersaufen. So natürlich sich nun auch diese Prophezeyhung der bettelnden Pythonisse erklären läßt, so wandelt mich doch jedesmal, wenn ich über Eis gehe oder fahre, eine kleine Furcht an, und ich vermeid es gern.

Mein Vater, der eine gute Hand schrieb, wie mein Herausgeber sich aus einigen aufbehaltenen Briefen überzeugen wird, unterrichtete mich im Schreiben und Rechnen, welcher Unterricht aber sehr oft unterbrochen wurde, weil er die Jagd liebte und wegen seiner Wirthschaftskenntnisse von den vornehmsten Gütherbesitzern zu Inspectionen, Veranschlagungen etc. gebraucht wurde. Für mein damaliges Alter schrieb und rechnete ich gut genug, mein Lesen war sehr deutlich, und in spätern Jahren hat mich vielfältige Erfahrung überzeugt, daß, wer eine gute Hand schreibt, mit gehörigem Ton zu lesen und fertig zu rechnen versteht, nie seines Lebensunterhalts wegen besorgt seyn darf, indem er immer Personen finden wird, die[10] daran Gefallen finden, oder ihn deshalb nöthig haben werden.

Mein beynahe einziges Lesebuch war die Bibel, in der meinen Kindskopf die Propheten, die Psalmen und die Offenbarung Johannis vorzüglich anzogen. Da ich diese Liebhaberey an sehr vielen Kindern wahrgenommen, so erkläre ich sie mir aus der Sympathie ihrer eignen dunkeln Begriffe, unbeschränkten Phantasie und Leidenschaften mit den ähnlichen dieser Schriftsteller, die sie mit Vorbedacht in so wunderbaren Bildern, mit so heftigen Ausdrücken äußerten. Wirkliche Kinder sind kleine Kinder, die Dichter sind große, die aber desto schlechter gerathen, je mehr sie es den wirklich kleinen nachthun wollen, ohne ihre Unschuld und Rücksichtlosigkeit zu haben.

Die Frage: ob beym frühesten christlichen Unterricht es anräthlicher sey, das Alte Testament oder das Neue zuerst zu gebrauchen, verdiente wohl von erfahrnen Erziehern näher untersucht zu werden, wenn sie nicht etwa dadurch schon entschieden ist, daß bey vorsichtiger Auswahl durch das mehr Sinnliche des Alten Testaments leichter auf die auch mehr sinnlichen Kinder gewirkt werden[11] könne, als durch das Neue, ob solches gleich, besonders in den Evangelisten, gewiß mehr für Geist und Gemüth anwendbares enthält.


Etwa in meinem achten Jahre ward ich dem ersten Hofmeister überliefert, der ein ziemlich guter junger Mann war und mir etwas Latein, Geschichte und Geographie, worin er im Collegio Fridericiano auf einer untern Classe unterrichtete, beybrachte. Das Summum seiner Disciplin bestand in Ohrzupfen, und das längere Läppchen meines rechten Ohres hab ich ihm 40 Jahre später noch als ein Memento seiner Unterrichtsmethode vorgezeigt. Als dieser ad altiora einer adlichen Hofmeisterey schritt, empfahl er meinen Eltern einen seiner Freunde, den er schon manchmal seinen Platz bey mir hatte vertreten lassen, und dem ich, ungeachtet meines Respects für das de mortuis nil nisi bene, nachsagen muß, daß er ein Meister in der Kunst war, Kindern das Lernen schwer und verhaßt zu machen, welches bey mir auch richtig eintraf. Was sein Kopf nicht vermochte, ersetzte er durch die Hände,[12] und doch konnt' ich mich zum Lernen nicht entschließen, so gewiß ich wußte, daß auf das Nichtlernen jedesmal harte körperliche Züchtigung folgte. Es geht den Kindern wie den Vögeln, die der bisherigen, jetzt falsch befundenen Sage nach, ihren Tod im Rachen der Klapperschlange voraussehen und sich ihm doch nicht durchs Davonfliegen zu entziehen suchen.

Meine Mutter bedauerte mich im Stillen wegen meiner blauen Schultern, und meine älteste Schwester lernte lateinische Vocabeln, um sie mir beym hofmeisterlichen Verhör soufliren zu können; allein mein Vater hielt unabänderlich darauf, dem Hofmeister auch nicht den kleinsten Eingriff in sein Regiment zu thun. So merklich nun auch die Spuren seines täglich zweystündigen Fleißes auf allen meinen Gliedern zu erkennen waren, so blieb mein Kopf doch wüst und leer, und Langens Colloquia, über die er nicht hinausging, hatten gar nicht den Reiz für mich, den ich darin fand, wenn ich meiner Mutter in der Küche beyspringen, eine Gartenarbeit besorgen, oder zum alten Mahler Bayer2 in die Zeichenstunde gehen und [13] Lebrüns leidenschaftliche Gesichter nachzeichnen konnte. Zu letzterm hatte ich so große Lust, daß ich zwey Jahre beym bloßen Zeichnen aushielt, ohne nach dem die Kinder sonst so sehr anlockenden Mahlen mit Farben zu gelüsten. Vielleicht ist mein richtiges Urtheil über die Zeichnung eines Gemähldes, das selbst Oesern an mir auffiel, eine Folge dieses ersten Unterrichts, den ich aber in spätern Jahren gar nicht fortgesetzt habe.

Ein Ruf zur Advocatur in Riga machte mich endlich los von meinem Geisteshenker, der, wenn er seinen hochrothen Rock mit silberbesponnenen Knöpfen3 anhatte, mir wie Satan aus Fausts, mir damals wohlbekannten, aber noch von keinem Göthe bearbeitenden[14] Geschichte vorkam, und mir noch bis jetzt die hochrothe Farbe widerlich macht.

Ich war in meinem eilften Jahr, und da mein erster Hofmeister in der glänzenden adlichen Condition das dünne der Vergoldung entdeckt hatte, so übernahm er von neuem meinen kleinen bürgerlichen Kopf, wurde zugleich mich im Französischen zu unterrichten beauftragt und fand dabey Gelegenheit, noch öftrer als ehemals mein rechtes Ohr zu suchen, zu dem sich der Weg leichter als zu meinem Geiste finden ließ.

Daß mein Vater nicht an meiner Fähigkeit zum Studiren verzweifelte, scheint mir noch jetzt sonderbar, insonderheit, wenn er gehört hatte, daß der einst durch seine Witzkunst (art de bien penser dans les ouvrages d'esprit betittelt) bekannt gewordene Pater Bouchours in seiner Jugend ein äußerst dummer Junge gewesen, allein seit der glücklichen Heilung eines Sturzes von einer beträchtlichen Höhe ein witziger Kopf geworden war; denn ich war etwa in meinem dritten Jahre auch aus einem Fenster gefallen und glücklich curirt, ohne ein offner Kopf geworden zu seyn, vermuthlich weil ich zu jung, oder das Fenster nicht hoch genug[15] vom Boden gewesen. Von diesem Fall wurde im väterlichen Hause so wenig gesprochen, daß ich erst sehr spät einmal davon reden hörte, weil mein kluger Vater des Glaubens war: es tauge gar nicht, an sonderbare Errettungen zu denken, indem solche Erinnerungen leicht verführen könnten, zuviel zu erwarten oder zuviel zu wagen. Nicht minder mißbilligte er es, wenn Eltern ihre Kinder stets nach der neusten Mode kleideten, und meine Garderobe blieb daher im Schnitt viele Monate hinter dem der Tagesfaçon. Damals trauerte ich vielfältig über diesen mir wunderlich scheinenden Sinn meines Vaters, vermuthlich verdanke ich aber ihm meine Abneigung gegen das Mitmachen aller Kleidermoden, denen ich immer einen merklichen Vorsprung ließ, wodurch ich Zeit gewann ihren Werth und ihre Nützlichkeit zu prüfen, und wenn sich diese nicht bewährten, durch ihr Ueberspringen mir manche Kosten zu ersparen.

In der Zeit dieser Verstandstrübsale traf mich die erste Herzensbetrübniß durch den Tod meines Vaterbruders, an dem ich mit ganzer Seele hing, weil er von vortrefflicher Laune war, und mir von seinen[16] Reisen in den Niederlanden, wo er unter Marlbo rough ein Paar Feldzüge mitgemacht, manches erzählte. Von Wissenschaften schien er ein größrer Liebhaber zu seyn, als mein Vater, dem er aber an Thätigkeit weit nachstand. Sein Hang alles ins Comische zu ziehen, gefiel mir außerordentlich, und fast glaub ich, daß er mich damit angesteckt hat. Nur wundert es mich, daß er nie versuchte meiner jungen Seele eine mehr wissenschaftliche Richtung zu geben. Vielleicht fand er bedenklich meinem etwas hitzigen Vater ins Hausrecht zu greifen; vielleicht auch unterließ er es aus einer natürlichen und durch Gewohnheit noch vergrößerten Läßigkeit, oder auch aus Besorgniß meinen Hofmeister durch einiges Anstoßen noch mehr aus dem Unterrichtsgleichgewicht zu bringen, woraus manche Erziehungsübel entstehen, deren keines ich je veranlaßt habe, indem ich mich immer sorgfältig gehütet, solche Einsprache anders als auf ausdrückliches Verlangen der Eltern zu thun. Mehrentheils werden Vater und Mutter dadurch mißtrauisch gegen den Lehrer, oder dieser unzufrieden und schüchtern; oft fangen auch die Kinder an, die Klugheit oder Gelehrsamkeit[17] des Hofmeisters zu bezweifeln. – Die Eltern sollten aber billig mit letzterm immer im Denkverkehr stehen und über ihn, doch ohne daß es die Kinder merken, ein wachsames Auge haben.

Dieser liebe Oheim starb, und ich konnte in den ersten 24 Stunden weder essen noch schlafen. Mein Vater befand sich weit entfernt auf dem Lande, ich war daher der Hauptleidtragende bey seinem Begräbniß, und jetzt noch hör ich den ersten Schaufelwurf auf seinen tönenden Sarg,4 ich hätte mich gern mit ihm begraben lassen so herzlich ich auch meine Eltern und Schwestern liebte.

War es die erste Erschütterung, die meine Seele erfuhr, war es wie bey der Aloe oder andern Spätpflanzen der endlich erschienenen Moment des Blüthenausbruchs – Kunstwirkung meines Lehrers war es sicher nicht, denn ein ganz andrer neuer Lerngeist in mich fuhren[18] und mich antrieb, jedes gute Wort, das zum Besten des Cornelius Nepos, des Cicero und des Julius Cäsar, nebst der Grammatik zu mir gesprochen wurde, eine gute Stelle finden zu lassen, kurz ich nahm merklich zu, durfte weder am Ohr gezupft noch geschlagen werden, und als ich, weil mein Hofmeister zu einer Pfarre berufen ward, in die öffentliche Schule gebracht wurde, fand mich der damalige altstädtsche Rektor Richter, der mich einen Brief des Cicero übersetzen ließ und mir auch auf den historischen und geographischen Zahn fühlte, gelehrt genug zu einer Stelle in Prima, welche aber mein Vater meiner Jugend wegen, ich war damals 13 Jahr alt, zu meinem heimlichen Verdruß verbat. Beym nächsten Examen kam ich indessen doch in die gewünschte erste Classe, in der die Lehrer wegen meiner Lernlust sehr viel Vorliebe für mich faßten und meine geographische Kenntnisse den andern zum Muster vorstellten. Ich hatte mir die Landcharten so fest eingedrückt, daß mir die Lage jedes Ortes gleichsam vor Augen schwebte, und noch jetzt bewahrt mich diese Erinnerung vor englischen und französischen Geographieschnitzern. In[19] Prima wurde zwar das in Secunda angefangne Hebräische und Griechische fortgesetzt, da ich aber ein Jurist werden wollte, und man damals in dem Wahn lebte, beyde Sprachen wären einem Juristen ganz unnütz, so ließ ich ersteres ganz fahren, und das bloße Exponiren des neuen Testaments bey einem Lehrer, der sich Luthers Uebersetzung in seinem Exemplar zwischen die Reihen geschrieben hatte, konnte mich wohl nicht zum Erlernen dieser herrlichen Sprache, deren Unkenntniß ich lebenslang bereuen werde ermuntern. Ich denke mir noch immer einen großen Unterschied zwischen dem Leser des Homer im Original und in Vossen Uebersetzung, glaube aber doch, die Vossische vom Homer und die Woltmannsche von Tacitus werden demjenigen, der sein Schullatein und Griechsches ziemlich vergessen hat, helfen, beyde Schriftsteller ganz zu verstehen und sogar manches klarer zu denken als es die sachverständigen Uebersetzer auszudrücken vemochten, weil sie doch immer nur Einen Ausdruck für die ofte Vielseitigkeit des Gedankens im Original wählen konnten. Seitdem ich indessen Wolfs Uebersetzung der Wolken des Aristophanes gelesen,[20] bin ich überzeugt, es gebe eine Uebersetzungskunst, die nicht auf Kosten deutscher Sprachnatur getrieben werden dürfe und doch zum Besitz des Reichthums der Alten verhelfen könne. Daß sie aber noch mehr Mühe kosten dürfte, wie die bisherige, will ich gern glauben, und bezweifle daher ihre Anwendung auf große Werke. Ramler pflegte mir zu sagen: er wolle aus jedem Dichter ein Dutzend Verse so übersetzen, daß man nichts daran sollte auszusetzen finden – mehr müßte man ihm aber nicht zumuthen. Der Recensent der Wolken in den Heidelbergischen Jahrbüchern von 1812. No. 11–13. ist andrer Meinung, und seine Aeußerungen über die Acharner des Aristophanes im 67 und 68 Stück nöthigen mich daher, die Erfüllung meines Layenwunsches eben nicht zu wünschen (29. Jan. 1814.).

Beßre Bekanntschaft machte ich aber in dieser Classe mit Horaz, Virgil und auch mit dem Ovidius, welchen letztern ich indessen mit großer Leibes- und Seelenunschuld las, in der ich vielleicht noch länger geblieben wäre, wenn nicht ein von Keuschheitseifer unverständig brennender Lehrer mich veranlaßt hätte, dem Ovid durch Nachfrage[21] bey Mitschülern, die des Lateins zwar unkundiger, sonst aber viel erfahrner waren wie ich, näher auf die Spur zu kom men.5 Wem Umstände es nicht erlauben, seine Kinder den Privatunterricht mit dem Besuch einer öffentlichen Schule verbinden zu lassen, wird meines Erachtens immer wohl thun, wenn er auf den häuslichen den öffentlichen folgen läßt; umgekehrt dürfte es nicht so vortheilhaft seyn. Beym bloßen Privatunterricht läßt sich schwerlich eine große Einseitigkeit vermeiden, die einen ins späte Leben, wo die Berührungspunkte mit allerley Menschen so vielfältig sind, begleitet. Das[22] Zusammennehmen der Kinder von einem Paar Häusern hab ich nicht so heilsam gefunden; es ist, als ob der nicht selten von einander abweichende Geist der Eltern und die Rücksichten, welche diese auf einander zu nehmen genöthiget oder gewohnt sind, sich unter die Kinder mischen. Man sieht solches am deutlichsten, wenn einem jungen Prinzen solche Unterrichtsgenossen zugetheilt werden; sie verderben sich mehrentheils wechselseitig die Köpfe, oder die Herzen, oft beydes. – Wer nicht zu oberwähnten Folgenlassen des öffentlichen Unterrichts auf den häuslichen Gelegenheit hat, dem rath ich erstern vorzuziehen, der dem Knaben zu einer Unbefangenheit, Gewandheit, einem Nichtachten auf Geburts- und Reichthums-Verschiedenheiten hilft, die er bey keinem Hauslehrer erlangen wird – vorausgesetzt, daß die Lehrer bey der öffentlichen Schule Männer von Charakter sind, bekannt mit den hohen Rechten eines Menschenerziehers, ohne sich ihrer zu überheben. Durch den Schulbesuch gelangen die Kinder zu einer Menschenkenntniß, von der sie sich selbst während solcher Zeit nichts träumen lassen, ob sie gleich schon in der Wahl ihrer Umgangs- und[23] Herzensfreunde Beweise davon ablegen. So vertraut man mit einem Classencameraden wird, wird man mit keinem andern Menschen, und wird man es in der Folge, so ist oft der Leim, der die Herzen verbindet, nicht so ganz reiner Art, wie der Schulandenkenleim. Es wäre zu wünschen, daß alle Fürsten ihre Söhne wenigstens bis in das 12te Jahr öffentliche Schulen besuchen ließen, nur mit dem Befehl an die Lehrer, keine Notitz von der Prinzlichkeit zu nehmen, den Nebenkindern darf man es nicht verbieten, diese werden, sobald sie das Beyspiel der Lehrer nicht weiter furchtsam macht, sich mit den jungen Durchlauchten schon zurecht finden.6
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Ich hatte damals beynah noch keinen deutschen Reim außer den Gesangsbuchsliedern gelesen, meine Mutter liebte letztere sehr, mein Vater7 aber sang nur selten[25] eins. Am liebsten hört' ich ihn singen: Ich bin ein Gast auf Erden, von P. Gerhardt, und es gehört auch jetzt noch zu meinen Lieblingsliedern. Sprüche aus der Bibel und Verse aus geistlichen Liedern wußte ich in Menge, erklärte mir aber manche höchst wunderlich, oft bloß, weil ich sie nicht mit dem rechten Ton zu lesen verstanden hatte, durch welche Tonverfehlung mancher Prediger das klarste Evangelium seiner Gemeine unverständlich, wenigstens nicht eindrücklich genug macht. Indessen freut es mich, sehr viele davon im Gedächtniß behalten zu haben, weil ich sonst nie an eine verständige Erklärung hätte denken, und in mancher langweiligen Predigt mich nicht mit ihnen hätte beschäftigen und dadurch entlangweilen können. Auch verdank ich der mütterlichen Singliebhaberey manche Erhöhung meines Vergnügens bey frühen Morgenspatziergängen, auf denen ich Lieder nach schönen Kirchenmelodien improvisirte, die zum Anblick der schönen Natur und zum Gefühl meiner jedesmaligen Lage trefflich paßten, aber nie[26] aufgeschrieben wurden, ob ich gleich von Jugend an bis noch jetzt beständig eine Schreibtafel bey mir trage.8

Jener Unbekanntschaft oder vielmehr der Unversuchtheit mit und in der deutschen Reimschmiederey ungeachtet, wagt ich es in dieser Zeit auf die Hochzeit einer Cousine, die einen damals vornehmen Mann, einen Kriegsrath, heyrathete, ein eben nicht kurzes Lied zu reimen, das der Herr Prorektor, zwar Gott Lob nicht länger, aber durch viele Correkturen lesbarer zu machen sich bemühte, und das der gewiß nicht erwartete Anlaß zu meiner weitern poetischen Ausbildung wurde. So gab, wie ich in Heerens Heynischer Biographie S. 15. gelesen habe, der Umstand, daß der blutarme junge Heyne beym Schulexamen das Wort Austria in Vastari auflößte, Gelegenheit, daß der Superintendent Krüger auf seine Fähigkeiten aufmerksam wurde, und der Knabe selbst Stoff zu ihrer Entwickelung und Zutrauen zu ihnen bekam.[27]

Unter den wenigen Hausfreunden meines Vaters war ein Officier, der sich mit Versmachen befaßte, ob er gleich, wie ich nachher gesehen, noch vieles andre vorher und standesgemäß hätte lernen sollen. Dieser, dem es nie an Reimwasser bey seiner Versmühle gebrach, erkundigte sich einmal nach meiner poetischen Leserey; da ich nun bey ihm mit dem Horaz und Virgil, die er alte Tröster nannte, nicht durchkam, so mußt ich meine völlige Unbekanntschaft mit deutschen Dichtern gestehen. Auf der Stelle scandirte er mir nun Gellerts Betschwester vor, und ich vermag nicht zu beschreiben, wie mir dabey zu Muthe wurde. Etwas ähnliches begegnete mir auf der Universität, als ich vom Magister Lindner im Collegio stili einige Stellen aus Rabners Satyren vorlesen hörte, die mir denn auch immer so lieb und werth wie Gellerts Fabeln geblieben sind. Der Vater wurde nun unabläßig gebeten, mir Gellerts Fabeln zu kaufen, denen er einige Zeit nachher Neukirchs Uebersetzung des Telemachs zugesellte, die von seinen jüngern Jahren her in großem Ansehen bey ihm stand, und den auch Göthe, so wie Koppe's übersetzten Tasso einst gelesen hat, (s. deß.[28] Wahrheit und Dichtung aus meinem Leben I. Band). Gellert und Neukirch streuten also die ersten Funken auf mein poetisches Zündkraut, das seitdem unaufhörlich, manchmal bis zum blauen Flämmchen geglimmet hat. Im letzten Schulhalbenjahr sagt' ich in einer wöchentlich gehaltnen sogenannten Deklamirstunde, außer einigen Reden des Curtius, das ganze erste Buch des neukirchschen Telemachs her, welches beyfälliger aufgenommen wurde, wie der erste Gesang der Messiade, den ein Mitschüler vorzustolpern begann. Meine ersten Versuche waren Uebersetzungen aus dem Aesop und geistliche Lieder, die auf meine über alles geliebte Mutter einen solchen Eindruck machten, daß sie, seitdem sie mein erstes Lied gelesen, ganz unterließ, ihre mütterlichen Zurechtweisungen mit raschen Backenstreichen zu besiegeln, ob diese gleich unsre wechselseitige Liebe nicht im mindesten gestört hatten, weil wirkliches Böseseyn oder langes Schmollen in unserm Hause gar nicht Statt zu haben schien. Ich behandelte meine Mutter ganz wie meine Schwestern, die sich zu meinen Knabenspielen bequemten und sich so wenig wie ich nach Umgang mit andern Kindern umsahen.[29] Sehr lebhaft erinnere ich mich noch, daß meine klein gestaltete Mutter mich bis ins 14te Jahr im Laufen übertraf, ob ich gleich im Wettrennen mit andern mehrentheils den Preiß davon trug.

Der Gesellschaftskreis meiner Eltern war sehr eingeschränkt, und vermuthlich schreibt sich aus dieser einsiedlerischen Kindheit eine Art von Verlegenheit her, die mir selbst in meinen ersten Dienstjahren noch anklebte, ja mich noch jetzt, besonders in einer etwas großen Gesellschaft, anwandelt, indessen aber auch mein von Jugend an sehr kurzes Gesicht zur Mitursache hat, welches letztre Uebel man mir vielleicht hätte ersparen können, wenn man mir nicht erlaubt hätte, oft in der Dämmerung und bey schwachem Lichte auf der Schiefertafel zu kritzeln und den Kopf tief auf letztre zu beugen. Mein Vater erschrack nicht wenig, als er in meinem 10ten oder 11ten Jahre mir nach der Thurmuhr zu sehen befahl, und ich ihm sagte, daß ich kaum die Scheibe erkennte. Meine Augen bedürfen indessen dieser frühern Kurzsichtigkeit ungeachtet bis jetzt noch (1814.) keiner Brille, und haben von jeher so genau das Schiefe vom Geraden zu unterscheiden[30] vermocht, daß ich durch mein Geradsehtalent die Zimmerleute, wenn sie das Bleymaaß zu brauchen vergessen hatten, überrascht habe.

Bey Gelegenheit der Correktionsmethde meiner Mutter muß ich noch anführen, daß ich nur einmal im ganzen Leben von meinem hochverehrten Vater körperlich gezüchtiget bin. Diese im dritten Jahre empfangenen Ruthenstreiche blieben mir unvergeßlich. Alle Hausleute waren in die Kirche gegangen, und mein Vater las still vor sich eine Predigt, während daß sein Hanns, so wurd ich jederzeit genannt, mit dem großen Hünerhunde auf der ausgespreiteten Bärendecke, die damals die Stelle der jetzigen Teppiche vertrat, so laut sein Spiel trieb, daß der Vater, da auf seine Interdikte nicht geachtet wurde, zur Ruthe greifen mußte und sie gewiß auch recht derb gebrauchte.

So blöd und zahm ich mehrentheils war, so war ich doch stoßweiße auch wild, und wundert es mich, daß ich ohne Verstümmelung geblieben bin und bloß die Narbe von einem spitzigen Zimmermannshammer trage, den ich mir beym Fallen in den Kopf schlug, welche Verwundung mir aber so wenig als der Sturz aus dem Fenster zum offnen Kopfe[31] verhalf, vermuthlich weil meine Hofmeister alles zu schnell mit heroischen Mitteln zuheilten.

Ich war 15 Jahr alt, als meine Eltern wahrnahmen, daß ihre durch einige Verluste geschmälerten Capitalien nicht hinreichen würden, bloß von Zinsen in der Stadt zu leben, und sich daher entschlossen, mit ihren beyden Töchtern aufs Land zu ziehen, mich aber einer Tante zu übergeben. So sehr mir anfangs diese Nachricht auffiel, so tröstete ich mich doch bald durch kindische Freude über meine künftige größere Freyheit, die ich doch zu Hause, mehr vielleicht als mir diente, genoß. Die Aussicht, meine Eltern in den Ferien zu besuchen und dann von ihnen gästlich behandelt zu werden, schien mir überaus reizend. Sie traten ihre Landwirthschaft an, und ich zog zu meines Vaters jüngsten Schwester, einer Wittwe, die mir so wie ihre Tochter alles Liebe und Gute erwieß. Bey einer Schulprüfung hielt ich eine französische vom Stundenlehrer wider meinen Willen angefertigte Rede, und lache noch jetzt, wenn ich an die Tonhände und Stellungsvariationen denke, zu denen er mir bey den Proben anrieth, und durch die er[32] seinem Machwerk großen Beyfall beym Auditorio zu schaffen glaubte.

In der Schule, die damals auch ein junger S. besuchte, ein kluger muthwilliger Knabe, von dem man indessen nicht vermuthete, daß er reich und endlich sogar preußischer Husaren General werden würde, und der, da er sein Schulwesen nicht änderte, im letzten Kriege (1806.) das alte Sprüchwort: naturam furca expellas, tamen usque recurrit, durch seinen verdienten übeln Ruf bestätigte, in der Schule ging ich nur mit einem Paar Commilitonen um, und brauchte das mir sehr ehrenwerthe Du, das der scharfsinnige Brandes, meines Erachtens mit Unrecht, zwischen Eltern und Kindern nicht gestatten will, nur gegen den noch lebenden Kriegsrath K., dessen Sache das Studiren weder in den Classen noch in den academischen Hörsälen war, der aber, nachdem er die männlichen Jahre zu vielen nützlichen Landbeschäftigungen angewandt, seine Zeit mit physicalischen Versuchen und astronomischen Beobachtungen auf seinem Landguthe bey Ragnit zubrachte, bis ein größer Brand ihm alle seine schönen Studiranstalten[33] zerstörte und ihn zu seiner noch jetzigen Eingezogenheit in Königsberg bewog.

Auch mischte ich mich nie in die Spiele der Schulcameraden, trieb aber mit allen Bücherhandel, wobey ich nur immer mehr Bücher zu gewinnen suchte, und dessen Fortsetzung auf der Universität, wo ich alle mir vorkommende Catalogos las, mir zu einer nicht unbedeutenden Bücherkenntniß verhalf. Außer der Schule sah' ich oft den jüngsten Sohn des Consistorialrath Lindner, der ein halbes Jahr vor mir aus dem Collegio Fridericiano dimittirt und ein feiner Kopf war. Ganz der classischen Litteratur gewidmet, trieb dieser in der Folge das Erziehungswesen auf dem Braunschweiger Carolino und hernach in Curland, wurde darauf Doktor der Arzeneygelahrtheit, begab sich dann auf vieljährige Reisen, die er auch noch nicht vollendet hat, vermuthlich aber wohl nach seinem letzten Briefe vom Merz 1815 in Straßburg beschließen wird, welche Stadt ihm vor allen durchzogenen Oertern am besten zugesprochen zu haben scheint.

In meiner letzten Schulzeit war mein größtes Vergnügen, wenn ich ganz allein in einem auf dem Roßgarten gelegenen, damals[34] ganz verwilderten, in der Folge aber wieder aufgekünstelten Garten, dessen Hippel in seiner Biographie S. 173. erwähnt, die Freywohnerin bereden konnte, mir Caffe zu machen, der von jeher mein Lieblingstrank gewesen und auch bis zu meiner schweren Krankheit 1809/1810, in der ich einen Widerwillen gegen ihn bekam, geblieben, es doch aber nach einer neuen von 1812/1813 wieder geworden ist. Diesen Caffe trank ich da im Schatten romantischer großer Bäume und exponirte dabey den Horaz, zuweilen auch den Tibull. Michael 1752 kam ich endlich nach abgeleyerter Pisanskischer Ode über den Werth der Geometrie, und nach vorgängiger Einsegnung von dem in der preußischen Schulgeschichte rühmlich bekannten Doktor Franz Albrecht Schultz auf die Universität,9 veränderte auch mein bisheriges Quartier.[35]

Auf gute Wohnung hab ich von jeher gehalten, so wie auf Ordnung in meiner Stube, auf der man daher nie sogenannte Studentenwirthschaft, vielmehr alles bestmöglichst aufgefliehen und unbestaubt antraf. In manchen Stücken bin ich ein wahrer Ordnungspedant, der sich bisweilen ärgert, wenn man Gräten und Knochen auf den[36] Tellern nicht bey Seite legt. Selbst in einem fremden Zimmer ist es mir unangenehm, die Stühle nach ihrem Gebrauch nicht gleich wieder an Ort und Stelle gesetzt zu sehen. Kant dachte in diesem Stück anders; die Wände seines Wohnzimmers waren von Staub und vom Rauch seiner Morgenpfeife grau überzogen, und als ich einmal während dem Zuhören seines Gesprächs mit Hippel einige Züge mit dem Finger an der Wand machte, wodurch der weiße Grund wieder sichtbar wurde, da sagte Kant: »Freund, warum wollen sie den Alterthumsrost zerstören? Ist eine solche von selbst entstandene Tapete nicht besser, als eine gekaufte?«

Um anständig und doch nicht zu theuer zu wohnen, miethete ich mir mit einem, Namens Perkuhn, der nachher als Doktor Medicinä gestorben ist, ein paar Stuben, von denen die Eine beständig aufgeputzt bleiben sollte, worüber ich mit meinem überaus gutmüthigen und bloß auf Kleiderputz haltenden Contubernal manchen kleinen Zwist hatte.

Ein Paar betriebsame Amannenses warben mich für ihre gelehrten Chefs zur Logik,[37] Methaphysik und Mathematik an. Ich wohnte indessen allen diesen Vorlesungen ohne besondern Nutzen bey, trieb aber Bücherleserey und Versemachen mit größerem Fleiß auf eigne Hand, wodurch ich mir, ohne daß ich es darauf angelegt hätte, den Ruf eines feinen guten Menschen erwarb. Spätere Bemerkungen haben mich belehrt, daß junge Leute durch leidliches Versmachen in den Ruf kommen, gute Köpfe zu seyn, vermuthlich, weil eine große Anzahl ächtgebildeter Köpfe keine Verse macht und vielleicht deshalb dieser Kunst mehr Verdienst beylegt, als sie verdient. Indessen glaube ich doch fest, daß die gute Prose ein sicherers Zeugniß für die Güte des Kopfs ablege, indem sie nicht so viel Schlupfwinkel und Vorsetzschirme gestattet, wie die Versekunst anzubringen erlaubt. Man sollte sich im Versmachen etwas üben, um in der Folge gute Prose zu schreiben, das ist, einen guten Stil haben zu können; denn obgleich Swift sagt: »die ganze Kunst des Stils bestehet bloß darin: das rechte Wort an die rechte Stelle zu setzen,« so muß man sich dieses Treffen doch nicht leicht vorstellen, sondern[38] sich sorgfältig einzuschießen suchen.

Wenn ich in den Sommerferien zu meinen Eltern fuhr, brachte ich nie einen Gesellschafter mit, sondern blieb für mich allein, las, reimte und lief besonders gern in der hügelichten Waldgegend herum, um schöne Stellen aufzusuchen, wo ich mit Mutter und Schwestern des Nachmittags Caffe selbst kochen konnte. Von der Selbstkocherey des Caffes war ich ein großer Freund, und kann mich noch gut der frohen Augenblicke erinnern, in denen ich ihn mir zubereitete, so wie der Wonne, mit der ich ihn, ein Buch in der Hand, manchmal spät Abends trank. Von den Hausleuten bedient zu werden, hab ich nie geliebt und noch jetzt mach ich mir gerne alles selbst ohne ihre Beyhülfe.

Mein Vater war äußerst selten von dieser Spatzierparthie, öfterer der Pfarrer H-, ein sehr ernsthafter, kluger und außerordentlich gutmüthiger Mann, der mir im französischen, das er vollkommen inne hatte, manche gute Lehre gab. Bisweilen ritt ich auch zu einem benachbarten wohlhabenden Edelmann von K-, der seine Familienbibliothek[39] fleißig benutzte und vermehrte, und bey dem ich den Steuerrath Z mehrentheils antraf, der einst unter der Potsdammer Garde gedient hatte, ein ausgemachter Epikuräer und an guten Einfällen keinesweges arm war. Mit diesem ließ ich mich oft in Witzkämpfe ein, die mich einsehen gelehrt, daß der Witzige, der moralische Fehler hat, oft dem Minderwitzigen, aber sittenreinern, unterliegen muß, weil er an dem letztern nicht so viel Häckchen findet, seine Anfälle anzuhängen, oder fürchtet, daß seine ihm selbst wohlbekannten Schwächen dem andern das Angriffs- oder Erwiederungsspiel zu leicht machen dürften.

Bey einem solchen Ferienbesuche kam mein sonst so bedachtsamer Vater auf den Gedanken, erfahren zu wollen, wie ich mich bey einem kleinen Rausche benehmen würde. Wenige Gläser Bischof, den ich noch jetzt gern trinke, halfen ihm seinen Zweck schnell erreichen, ich wußte aber auf alle, selbst verfängliche Fragen so gut zu antworten und äußerte eine so unbefangne und unbeleidigende Lustigkeit, daß der Vater, wie mir die Schwestern erzählten, sich über meinen guten und diskreten Rausch gewundert haben[40] soll. Zu solchen oder ähnlichen Versuchen will ich aber keinen Eltern rathen; der Spruch: ihr Väter reizet eure Kinder nicht zum Zorn, scheint mit davor zu warnen, noch mehr aber vor der nicht ungewöhnlichen Unbedachtsamkeit, in Gegenwart der Kinder unartige Ereignisse aus eigner Jugend zu erzählen; die gemeinhin beygefügte Ermahnung, so etwas nicht nachzuthun, vertilgt höchst selten den Eindruck solcher Geschichtchen.

Da ich glaube, daß die erste Liebe eines Jünglings merklichen Einfluß auf alle seine künftigen Lebenswirthschaften, auch in andern Fächern hat, und daß der, der ihren weiblichen Gegenstand kennt, dem jungen Menschen vielleicht sichrer sein Prognosticon stellen wird, als der Professor, der ihm Moral und Anthropologie liest, so find ich es nicht überflüßig zu erwähnen, daß die ersten Gefühle meines Herzens erwachten im Umgange mit einer etwas ältern Cousine, die ein hübsches, liebes, wackres, aber ein wenig empfindsames Mädchen war, das ganz im Geheim Verschen machte und die Belustigungen des Verstandes und Witzes las, welches damals sehr wenige ihres Geschlechts[41] thaten. Da sie aber bald von Königsberg entfernt wurde, so erlosch mein Liebeslämpchen, sogar auf viele Jahre; allein die Franzosen sagen: le diáble n'y perdoit rien.10

Um zu zeigen, wie verschieden man im Jahr 1752 über Verschämtheit im Reden urtheilte gegen die unsrige, führ ich ein kleines Beyspiel von dieser Cousine an. Dieses züchtige, brave, neunzehnjährige Mädchen sprach in einer Familiengesellschaft von der Schwangerschaft einer Ehefrau, und den Zuhörerinnen war die Verwunderung über das Wort schwanger im Munde einer Jungfrau deutlich anzusehen. Daß die Keuschheit bey größrer Ausdrucksfreyheit nicht gewonnen habe, wird wohl keiner leugnen, so wenig als zu leugnen ist, daß durch ein bis[42] über die Grenze der Anständigkeit getriebnes Entblößen des Halses hinten und vorn, das ich gleichwohl auch sonst Takt für Decorum habende Damen sich erlauben sah, die Schonung des andern Geschlechts abgenommen habe. Daß die Ehemänner über solche Zurschautragung und Anblicksgestattungen nicht eifersüchtig werden, ist kein gutes Zeichen. Wenn die Vorzeit diese Reizparthien vielleicht zu sehr verhüllte, berechtigt das, sie jetzt sperrweit zu öffnen?

Früh sollten die Eltern darauf bedacht seyn, die Kinder verschämt zu machen; denn da es bey unsern Sitten unmöglich geworden, alle Theile des Körpers so gleichgültig anzusehen wie Hände oder Nasen, so ist es um so nothwendiger, die Kinder zu einem gewissen Unterschiedmachen unter den Gliedern zu gewöhnen, doch muß solches mit großer Vorsichtigkeit geschehen, damit letztre sie nicht zu einer nachtheiligen Neugierde verleite. Es wäre gewiß nützlich, ihnen gehörigen Respekt vor ihrem eignen Leibe beyzubringen, um ihnen den nöthigen Respekt vor dem Körper anderer Menschen desto einleuchtender zu machen. Die auf solche Art beygebrachte Verschämtheit und Schamhaftigkeit[43] würde gewiß ziemlich lange Widerwillen oder wenigstens eine abneigende Furcht gegen manche unverschämte Worte und Werke erzeugen. Auch verdiente es wohl untersucht zu werden, bey welchem Geschlecht das Verschämtseyn am ersten aufhört, oder am stärksten bey Seite gesetzt zu werden pflegt, obgleich es eine kitzliche Sache ist, darüber Erfahrungen anzustellen, bey denen man leicht in der Lehre bleiben könnte. Die frühere Dreustigkeit der Mädchen und das lange Anhalten blöder Unbehülflichkeit der Jünglinge scheint den Ausschlag zum Vortheil des männlichen Geschlechts geben zu wollen. Es ließe sich aber auch eine andere Ursache denken, warum man in der Geschichte nur Messalinen hat anführen können. Zu damaliger Zeit lebten die beyden Geschlechter in einer ziemlich strengen Absonderung, an deren Stelle durch die Zier-, Ball-, Schlittenfahrt-und Galanteriesucht eine Art von Gemeinschaft und Gemeinmacherey gekommen ist, die die Achtung, welche ein Geschlecht vor dem andern billig haben muß, wenn es auch nur äußerlich sittsam zugehen soll, wahrlich nicht vermehrt haben und vielmehr Anlaß geben, daß die Jünglinge[44] nicht recht männlich, die Mädchen nicht recht weiblich werden; doch will ich keinesweges behaupten, diese strengere Scheidung der Geschlechter sey die Ursache gewesen, von einer unter den Studenten damals eingerißnen Gewohnheit, sich Sonntags, wenn sie vom Besuch des schwarzen Bretes zurück kamen, in der Vorhalle der Kneiphöfschen Kirche in 2–3 Reihen zu stellen und das Frauenzimmer durch diese Censurgasse laufen zu lassen. Die Jungfer, die den Herren das Compliment nicht recht machte, oder sich extraiudicialiter ein tadelndes Urtheil erlaubt hatte, konnte sicher darauf rechnen, von einem dieser ungebetenen Richter eine mündliche Weisung zu erhalten, oder irgend eine Neckerey zu erleiden. Oft wurde bloß über die Häßlichen gespottet, obgleich doch wohl diese Sittenhäßlichkeit der Spötter jene unverschuldete Nichtschönheit weit übertraf, und es auch manches übermüthige Stumpfnäschen gab, das dem Tadler seinen stumpfen Einfall so spitz erwiederte, daß er von seinen Spaßcommilitonen wacker ausgelacht, bisweilen sogar vom etwanigen stillen Verehrer des bewitzelten Mädchens zur Rechenschaft gefordert wurde.[45] Dieser Pantoffelparade, so nannte man diesen Zweig der akademischen Volksjustitz, wohnte ich nur ein paarmal, im zweyten Gliede stehend, bey, weil sie mich so sehr anwiderte, daß ich nicht allein selbst wegblieb, sondern auch meinen Bekannten davon abzurathen versuchte. Meine Misbilligung solcher, auch noch in neuern Zeiten unter der Firma von Burschenfreyheit vorkommender, Aeußerungen hat mit der Vermehrung der Mittel zur Sittenverfeinerung sehr zugenommen, und es ekelt mich förmlich, wenn ich anständiger Eltern Söhne, die ihren humanistischen Studien gemäß Humanitätsmuster seyn sollten, sich so höchst inhuman betragen sehe. Denn so geneigt ich auch bin, Jünglingen einen mit Verstand oder wenigstens mit witziger Laune gewürzten Streich zu verzeihen, so verdrießen mich doch alle Späße, die mit Beleidigungen anheben oder darauf ausgehen, und, wie bey Studentenneckereyen mehrentheils der Fall ist, das Zeichen eines bloßen Muthwillens an der Stirn tragen, dann aber auch gemeinhin mit dem Schaden der Witzmeister oder Fenstereinwerfen enden. Eine andere Studentensitte damaliger Zeit war das sogenannte [46] Nachgehen auf Hochzeiten, besonders mittelständischer Leute, wozu Braut und Bräutigam selten die Erlaubniß versagten, wenn der Supplicant in vorzüglich schöner Kleidung oder in einer ins Auge fallenden Maske erschien, doch mußte er sich im letzten Fall anheischig machen, der Gesellschaft ein sogenanntes Solo vorzutanzen, welches oft schlecht ausfiel, da die damaligen Tanzmeister gewiß keine Vestrisschüler waren. Wurde aber der Capriolenmacher ausgelacht, so mußte er sich dann auch bald aus der Gesellschaft entfernen.


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Naturgeschichte, Chemie, Gewerbskunde, Staatswirthschaft etc. waren Anno 1752 böhmische Wälder auf der Albertina und werden auch wohl jetzt noch von Theologen und Juristen über Gebühr vernachläßigt, obgleich Gott Lob die obern Staatsbehörden sich ihrer anzunehmen angefangen haben, und man nicht mehr Väter ihre Söhne, welche die Pandekten nicht lernen wollten oder konnten, dem Finanzfach bestimmen hört, das man für eine Versorgungsanstalt für Kopfschwäche ansah, ohne zu bedenken,[47] daß ein ungebildeter Finanzbedienter dem Staat im Frieden oft eben so nachtheilig werden könne, als ein feiger Officier im Kriege.

Mein akademischer Umgang war sehr eingeschränkt, doch hielt ich mich lieber zu den offnen, etwas rohen Curländern, als den in Allem feinzierlichen Liefländern, die immer sanft und süß thaten und andere Studirende nicht recht für voll anzusehen schienen. Was ich in neuern Zeiten im Merkel über die Letten und in andern ortskundigen Schriftstellern las, besonders auch, daß die armen Letten oft mehr von den Zwingherrinnen, als den Zwingherren auszustehen hätten, befremdete mich daher nicht sehr, denn ich hatte aus eigner Erfahrung und aus Reisebeschreibungen gelernt, daß Weichlichkeit und Grausamkeit näher verwandt sind, als man es beym ersten Anblick vermuthen sollte.

Aus der metaphysischen Stunde von 4 bis 5 im Winter schrieb sich indessen eine Freundschaft her, die bis zum Tode des einen Theils währte. Um mein Bankplätzchen beym Herrn Magister Lindner unbesetzt zu finden, stellt' ich mich jedesmal sehr zeitig ein.[48] Eines Tages redete mich ein Commilito, den ich bisher mit keinem reden gesehen, und der sich durch den damals sehr ungewöhnlichen Staat einer rothen Weste mit Silber auszeichnete, freundlich an und bat mich dringend ihn zu besuchen. Ich versprach es, stellte mich aber erst nach der dritten Einladungswiederholung ein, fand in der großen wohl aufgereimten Stube den Tisch mit Wein und Kuchen besetzt, ließ mich aber durch kein Nöthigen zum Genießen bewegen, sondern erwiederte endlich drauf: »Mein lieber Herr, (seinen Namen wußt ich noch nicht) wenn wir Freunde werden und bleiben wollen, so müssen solche Schmausereyen wegfallen, denn da ich sie nicht erwiedern kann, kann ich sie auch nicht annehmen.« Einen andern hätte vielleicht dieser nicht fein geflochtene Korb bewogen, mich fahren zu lassen, ihn aber nahm er, wegen der Sympathie mit seinen vielen eigenen Wunderlichkeiten so für mich ein, daß es in der Folge unter uns nur dann und wann bis zu Caffe kam, und wir, bis er starb, Freunde blieben. Einen eigensinnigern und zugleich gutmüthigern, in Worten kargern und absprechendern Menschen, der seine Neigung[49] zum Helfen mit spartanischer Härte zu verdecken suchte und mit sich und andern Leuten weniger Umstände machte, hab ich nicht gekannt. Aus lauter Laconißterey hatte er seinen anfänglichen Nahmen Durovius in Durow abgekürzt. Meine lustiggeschmeidige Laune stach gegen seine oft sarkastische Strenge und Grillen so ab, daß er manchmal selbst darüber lachen mußte. Er war ein Pedant von sehr besondrer Art, behandelte die Jagd, die er sehr liebte, seine 3 Frauen, deren letzte Reichards Schwester war, ein schönes Weib, das mit diesem Mann sich klug zu nehmen verstand, seine Kinder, seine Kleidung, überhaupt alles mit einer Sonderlingschaft, über die man spotten und lachen mußte und durfte, die aber keinen hinderte ihn lieb und werth zu halten und sich ihm zu vertrauen.

Der nachmalige Kriegsrath Porsch, ein sehr gebildeter, aber ein weit älterer Akademicus, der gern seinen beißenden Witz spielen ließ, treffliche Epigramme und allerliebste Lieder machte, von denen aber nichts gedruckt ist, dieser hatte mich lieb gewonnen, machte mich mit Lessings damals erschienenen kleinen Schriften in 6 Duodezbändchen, mit[50] den Oeuvres de Gresset etc. bekannt und führte mich zum erstenmal ins Schauspielhaus, wo ich Moliere's Geizigen vom damals sehr berühmten Ackermann, dem Vater der in Hamburg sich sehr auszeichnenden Demoiselle Ackermann, vorstellen sah. So lebhaft nun auch der Eindruck war, den dieses Spiel auf mich machte, so hinderte mich doch der curta supellex meiner Casse am öftern Besuch des Theaters und an der daraus entspringenden, der Jugend mehrentheils nachtheilig werdenden, nähern Bekanntschaft mit Schauspielern und Aktrizen.

Was mir das Entbehren dieser Sinnenlust ziemlich erleichterte, war mein großer Abscheu vor allem Schuldenmachen, der mich auch so wirthlich machte, daß ich mit den sechs Thalern, die mir mein Vater monatlich zu Bestreitung meines Tisches, Frühstücks, meiner Wäsche und Feurung gab, auslangte. Freylich bedeuteten diese sechs Thaler damals mehr, wie jetzt zwölf. Meine Mutter hat mir nur einmal einen Friedrichd'or geschenkt, schickte indessen manchmal etwas zur Abendverpflegung. Reichte dieß Monatsgeld nun auch bisweilen nicht bis zum 31sten, so entschloß ich mich lieber zu vier und zwanzigstündigem[51] Fasten, als zum Borgen oder zum Mittagsbesuch bey Verwandten, wenn ich nicht dazu eingeladen war. Ich erinnere mich noch eines Vorfalls, der die Ernstlichkeit jenes Hasses bezeuge kann. Auf Zureden eines, der über diesen Punkt zu seinem nachherigen großen Schaden anders als ich dachte, hatt' ich mir zu einem Hochzeitsmahl eine Weste machen lassen, die ich dem Vater noch nicht in Rechnung bringen und von Ersparnissen auch nicht so bald bezahlen konnte. Der Hochzeitstag erschien, ich wagte es aber nicht, mit der unbezahlten Weste zu erscheinen und blieb lieber zu Hause. Auch noch bin ich über das Schuldenmachen ein solcher Rigorist, daß es mich befremdet, den, der Schulden macht, ohne zu wissen, womit er sie werde tilgen können, nicht als förmlichen Dieb bestraft zu sehen. Und doch ist der Fall nicht selten, wo übrigens rechtliche Leute Geld zu Nebendingen, oder andern ihre Hülfsbereitwilligkeit zu zeigen, borgen, ohne sich irgend eines Mittels zur Wiederbezahlung bewußt zu seyn. Solche irrende Gutmüthigkeits- und Hoffnungsritter scheinen mir, wo nicht gefährliche, doch schlimme Menschen zu seyn. Der mißbrauchte[52] Vorwand der Dienstfertigkeit giebt ihrer Sache einen blanken Anstrich, befreyt sie aber nicht von den Vorwürfen, die man mit allem Recht der Moral des Schuster Crispinus macht; den Schaden ungerechnet, daß der durch sie hintergangene oft hart wird gegen manchen, der aus Noth borgt und nach Mitteln zum Ersatz fleißig strebt. Betrug scheint mir ärger als Raub.

Ein andrer Umstand, der in mir die Abneigung gegen das Creditmachen beförderte, mag wohl in der Gewohnheit gelegen haben, meine Ausgaben täglich haarklein aufzuschreiben. Diese Sitte hat zweyerley Gutes: 1) man weiß, wo das Geld geblieben ist, 2) man wundert und schämt sich oft beym Nachlesen über manche Ausgaben und hütet sich sie zu wiederholen. Ich habe daher immer jungen Leuten zur Führung eines solchen Büchleins angerathen, nur müssen Eltern, Vormünder etc. nicht seine Vorzeigung verlangen, weil diese nur Anlaß geben würde, die verheimlichten Vera durch gleisnerische Falsa zu decken und lügnerisch oder unverschämt zu werden. Sodann war ich auch kein Liebhaber von Kleiderstaat, den ich auch jetzt noch an allen Menschen, besonders[53] aber an Männern lächerlich finde. Ich entschloß mich daher schon vor mehr als 20 Jahren zu Ersparung der Farbenwahl Kleider von Einer Farbe, grau und schwarz melirt, zu tragen, denen ich in spätern Zeiten einen schwarzen Rock zur Galla beygefügt habe.

Man glaubt nicht, was der Putzdämon für Schaden unter jungen Leuten anrichtet. Oft hindert er sie am Studiren, und wie oft bringt er redliche Lehrer um ihr Honorar! Es hat mich daher längst gewundert, daß die Professoren nicht durchaus auf seine Vorausbezahlung halten, und es härter finden, die Pränumeration ernstlich zu verlangen, als nach Beendigung des Collegii den bösen Zahler gerichtlich zu belangen. Eine solche allgemeine Einrichtung würde die Professoren keinesweges im lieberalen Benehmen gegen wirklich dürftige Studenten beschränken.


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Da die Natur mich von Seiten meines Leibes nicht stiefmütterlich behandelt hat, wie man in meinem vom Herrn Wientz im Februar 1812. gemahlten, vom Herrn Bollinger in Berlin 1814. gestochenen[54] und nach aller Versicherung sehr getroffnen Portrait erkennen wird, so zog mich die ästhetische Wendung meines Geistes, die Wachsartigkeit meines Herzens und die Kräftigkeit meiner Gesundheit auf Nebenwege des Lebens, die leicht in fadenlose Labyrinthe hätten ausarten können, wäre mein Vater nicht von andern braven Leuten gewarnt worden, mich nicht so ganz mir selbst zu überlassen. Es kam also ein Gerede mir zu Ohren, daß die Soldaten auf mich speculirten, weil ich das Studiren nicht mit Ernst zu treiben schiene. Ob ich nun gleich meines Vaters gutes Vernehmen mit den höchsten Militairpersonen kannte, mich auch lieber zu Officieren als bürgerlichen Gesellschaften hielt, so wurde mir doch bey meiner Länge von beynahe sechs Fuß vor der Einsoldatung so bange, daß ich ohne alles Widerstreben meinem Schlendergange entsagte und mich in die Tisch-und Stubenordnung des damaligen Magister Lindner begab, der der älteste Bruder meines obgedachten Freundes war und von der vaterländischen Schöngeisterey mit Recht der Anfänger, wenn gleich nicht der Vollender genannt werden kann.[55]

Vor dieser neuen Einstallirung stand ich noch eine heftige Krankheit aus, in welcher mein Vater, der mich so herzlich liebte, daß er, der nie gepockt hatte, als ich die Pocken bekam, ganz unbesorgt vor eigner Ansteckung, beynahe gar nicht von meinem Bette ging, einen sehr merklichen Beweiß von seiner Ergebung in den Willen der Vorsicht, in welcher die wahre Fassung besteht und die auch sicher zu ihr hilft, ablegte. Auf dem Lande hatte er nichts von meinem Krankseyn gehört und trat also unvorbereitet an mein Bett, wo ihm der Arzt zu verstehen gab, daß zu meinem Wiederaufkommen wenig Hoffnung sey. Seine Landgeschäfte erlaubten ihm höchstens einen 24stündigen Aufenthalt – statt nun die Zeit mit Klagen und Seufzen zu verlieren, wurde vor seiner Rückreise der Tischler geholt, mit diesem über den Sarg, mit meinem Stubengenossen über die Beerdigung Abrede genommen, mir die Hand – aller Wahrscheinlichkeit nach zum letztenmal – gedruckt und nach Hause gefahren, wohin aber mit nächster Post die Nachricht von einer glücklich überstandenen Crisis folgte. Ich hatte vor Schwäche nicht reden können, aber doch alles, was geredet[56] wurde, verstanden, und in der Folge ward manchmal über diesen Vorfall theils lachend, theils ernsthaft gesprochen. Ich habe eine längst gestorbene genialische Frau gekannt, die das Unglück hatte, einigemal auf viele Monate wahnsinnig zu werden; diese hat mich mehrmals versichert, der schrecklichste Umstand bey ihrer Krankheit sey der gewesen, daß sie alles gehört und verstanden habe, was um sie her vorging und geredet wurde, zum Theil auch über sie selbst, ohne im Stande zu seyn das Nöthige darauf antworten zu können, vielmehr hätte sie aus dem Benehmen der Umstehenden ersehen, daß ihre Erwiederungen ihnen neue Beweise ihres Wahnsinnes gegeben hätten. Leute die sie bewacht hatten, bezeugten mir die Wahrheit der von ihr angeführten Fälle und Reden. Möchten doch philosophische Aerzte das Räthsel dieser Art von Doppelseelheit zu lösen versuchen! Sollte ein solcher vorübergehender Wahnsinn nicht ein ohne Magnetiseur entstandner Somnambulismus von langer Dauer seyn? Eine geistische Selbstentzündung?

Nach der Wiedergenesung bezog ich mein neues Quartier, fing an juristische Collegia[57] bey dem sich sehr auszeichnenden Doktor Funk zu hören, welcher Cursus aber durch den Ruf des Magister Lindner zum rigaischen Rektorat unterbrochen wurde.

Um eben diese Zeit ward ich auch Freymaurer, welches Neumann, der seiner meinem Sinn und Geschmack zusprechenden Eigenschaften wegen mein vertrautester akademischer Freund war, schon vor mir geworden. Bey meiner Aufnahme befremdete mich beynah nichts, und alles nahm mich so wenig für den Orden ein, daß ich erst nach mehr als 20 Jahren auf Hippels Veranlassung den Meistergrad mir geben ließ, und vermittelst des Sinnes, den ich der Sache beylegte, Geschmack daran fand. Bey einem spätern Logenbesuche lernte ich den damaligen russischen Oberstlieutenant und in der Folge sturm- und schlachtberühmten Suvarow kennen, dessen Vater damals Gouverneur in Königsberg und ein strenger Mann war, der die Kronbeamten oft schon um 4 Uhr des Morgens, des Winters ungeachtet, zum Vortrage kommen ließ; bey der Hammerführung äußerte der junge S. eine hochgetriebne Vorliebe für Strenge und Kleinmeisterey.[58]

Nach Lindners Abzuge entschloß sich mein Vater, mich mit Leib und Seele dem Kriegsrath L'Estocq zu übergeben, der seiner Rechtsdoktor-und Professorwürde ungeachtet sich zwar sonst nicht mit Pensionairhalten abgab, sich aber dazu bequemte, weil er einen nahen Vetter, den nachherigen Cavalleriegeneral, Ritter fast aller russischen und preußischen Orden, auch Domprobst von Brandenburg und im December 1809. von seinem Berlinschen Gouverneurposten mit Beybehaltung seiner ganzen Einnahme entlassenen, Wilhelm L'Estocq bey sich hatte, dem er einen Mitläufer auf der Studienbahn zu geben für nöthig fand. Mit diesem höchstliebenswürdigen Jünglinge, dem aber das förmliche Studiren nicht recht zu Herzen ging, obgleich sein Verstand und seine Manieren gleich fein waren, wurde ich in allem gleich gepaart, wir hatten einerley Maitres und besuchten einerley Vorlesungen. Keine bey Kant, gegen den unser Studiendirektor eine Abneigung hatte, und den er nie in sein Haus einlud; der damals wegen seiner emphatischen Lebhaftigkeit bekannte, ohnlängst gestorbne Mitau'sche Rektor und Professor Watson erklärte uns[59] den Horaz und die Aesthetik, ließ uns Uebersetzungen aus dem Horaz in gleichen Sylbenmaaßen, und Nachahmungen und Paraphrasirungen Hiobscher Beschreibungen in Hexametern machen, ob wir gleich nichts von Rythmik, Prosodie etc. verstanden. Unter den Zuhörern befand sich auch der Anno 1810. gestorbene schwedisch pommersche Generalsuperintendent Schlegel, der sich damals aber nicht auszeichnete und seiner erlangten Würden und nicht sparsamen Schriftstellerey ungeachtet das bekannte urit mature, quod vult urtica manere eben nicht Lügen gestraft haben soll.

Die meisten Collegia, doch wahrlich nicht am besten, hörten wir bey unserm Hausherrn, unter andern das Jus naturae über Hobbes de cive, den er nach dem, was ich in spätern Jahren einsehen lernte, wohl nicht am richtigsten verstanden haben mag. Vor Hobbes Leviathan warnte er uns aber sehr ernstlich, so daß ich diesen erst lange nachher zu lesen wagte. Reminiscenzen aus ihm erklären mir aber, warum in unsrer Zeit Herr Friedrich Buchholz so viel leviathanisirt hat.

[60] L'Estocqs Gattin besaß eine für ihre Zeiten ganz ausgezeichnete Bildung, vermöge welcher sie manche wunderliche und pedantische Falte ausplättete, die wir unter den Händen ihres Mannes bekamen und leicht kenntlich hätten behalten können. Musikalisch war das ganze Haus, und mein Lehrpatron war ein leidenschaftlicher Tänzer, indessen gewann ich doch weder an Tanz noch an Musik Geschmack – mehr am Fechten, worin uns Unterricht gab ein gewisser Matern, der vor und auch nach seiner Fechtmeisterschaft verschiedene junge Standespersonen auf großen Reisen begleitet hatte. Ein Mann vom herrlichsten Charakter, obgleich in äußern Manieren sehr unfechtmeisterlich süß und empfindsam. In der Folge lebte er von Pensionen, die ihm seine Reisegefährten ausgesetzt hatten, mit dem Hofrathstitel in Königsberg, wo er auch starb.

Gegen das Tanzen, worin sich mein Freund Wilhelm besonders auszeichnete, hatt' ich sogar eine Abneigung, vermuthlich, weil ich erst im achtzehnten Jahre, aus Verdruß über eine mich beschämende Verlegenheit, tanzen gelernt hatte und überhaupt von je her etwas Steifes in meinem Betragen gehabt[61] habe, um deswillen mich die französischen Mädchen in Berlin l'homme de bois nannten, ohne mich dadurch geschmeidiger zu machen.

Für die große Musik, in der meine Unwissenheit auch in der Folge unglaublich geblieben, hatt' ich auch damals keine Ohren, ob mich gleich ein Handstück, besonders wenn dazu gesungen wird, und eine Phantasie, wie ich sie in der Folge manchmal vom genialischlockern Himmel spielen gehört, oft entzückt haben und auch noch jetzt rühren können, dagegen konnt ich so schön pfeifen, als Lichtenberg es je mag gekonnt haben, bis ich im zwanzigsten Jahre durch einen Fall zwey Vorderzähne verlor – und wie kam ich zu dem Fall? Ich lief vor zwey adelichen Frauenzimmern, die eine so große Lust hatten, mich kennen zu lernen, wie ich, nicht von ihnen gesehen zu werden.

Mit Wilhelm ward ich bald Ein Herz und Eine Seele, und wir lebten wie die inseparabeln Vögel ohne Sorgen. Mein Hang11 zum Versemachen bekam[62] mancherley Nahrung, indem ich Gelegenheit hatte die damals besten Dichter der Deutschen und Franzosen zu lesen, und der Professor der Dichtkunst Bock, der gewiß kein schlechter Kopf war und oft höchst witzige Reime und Sonnetten, beynah aus dem Stegreif machte, ohne sie drucken zu lassen12, nebst einem Tribunalsrath Ohlius, der viel[63] auf Kunst, elegantiam juris und Wissenschaften hielt, zu den L'Estocqschen Hausfreunden gehörten, und meine Versuche, unter andern eine sogenannte Ode auf den Tod des Feldmarschalls Schwerin, in der ich den dem Prokulus erschienenen Romulus gleichnißweise benutzt hatte, mit ihrem Beyfall beehrten13. In die Königsbergsche deutsche Gesellschaft zu treten, konnt ich mich aber durchaus nicht entschließen, obgleich ihr damaliger Direktor mich oft dazu ermunterte. Diesen leiblich sehr verwachsenen Mann hatte seine Liebe zu rhetorischer Schwulst und einem gewissen Hochgetön, dem er auch im gemeinen Leben nicht entsagte,[64] sagte, verleitet, eine Rede von den Misgeburten auf Rednerstühlen öffentlich zu halten. Wahrscheinlich hielt mich diese seine Verleugnung alles Taktes für Schicklichkeit mir ab, Mitglied einer von ihm dirigirten Gesellschaft zu werden. Auch in der Folge hat sie mit ihren Vorstehern kein Glück gehabt und daher nicht in Flor kommen können, bis Herr Professor Hüllmann ihr 1810. eine andere Einrichtung geschafft, von der sich hoffen läßt, sie werde in der Folge in einem neuen, für deutsche Bildung ersprießlichen Wege wandeln; und die mich, zufolge des alten saepe cadendo gutta cavat lapidem, bewogen hat, den abermals an mich ergangenen Ruf, ein Deutschgesellschafter zu werden, unterm 10. Jul. 1810. anzunehmen.


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Am 30. August 1757. war die Schlacht bey Jägerndorf vorgefallen. Einige Tage nachher sahen wir Verwundete in die Königsbergschen Lazarethe bringen, welcher Anblick einen schmerzhaften Unwillen in mir erregte, nicht weil sie verwundet, sondern Verwundete einer preußischen, besiegten Armee[65] waren. Auch ärgerten mich sehr die Reden vieler Civil- und Militairpersonen, sowohl über den alten braven Feldmarschall Lehwald, der freylich dem Obercommando einer solchen Armee unter solchen Zeitumständen nicht gewachsen war, als über den General S-, der in der Garnison die beleidigende funkensprühende Pechfakel seines Muthes und seiner Cavalleriekenntnisse fleißig um sich geschwungen und sie doch in der Schlacht hatte verlöschen lassen – nicht mit Wohlgeruch.

Unter den Russen, die den Winter drauf in Königsberg eingerückt waren, wo mancher von ihnen die erste Nacht geduldig auf der Straße hatte zubringen müssen, bekam der K.R. L'Estocq durch seinen Oheim, den bey Elisabeths Thronbesteigung berühmt genug gewordenen Grafen L'Estocq viele Bekanntschaften; unter diesen lernte er auch einige artige Männer von den höchsten Aemtern und Ständen kennen, die den feinsten Conversationston, besonders bey Tisch inne hatten, die übrige Gesellschaftszeit aber mehrentheils mit hohem Spiel zubrachten und keine wissenschaftliche Cultur besaßen.[66]

Vom Einmarsch der Russen datire ich das eigentliche Aufkommen des Luxus in Preußen. Sie brachten vielmehr Geld ins Land, als man bis dahin im Umlauf gesehen. Das innre Verkehr, welches ihre militairischen Bedürfnisse erweiterte, machte viele Leute reicher, als sie es ohne den Lieferantenhandel und Wandel geworden wären. Königsberg wurde ein zeitvertreibreicher Ort, und die Liberalität, mit welcher die damaligen Gewalthaber alles, was schön und artig war und dafür gelten wollte, zu ihren Freudenkreisen zuließen, machte, daß das schöne Geschlecht sich ganz besonders für sie interessirte. Das Punschtrinken ward Mode, und zu den Bällen, die das Gouvernement stets auf eigne Kosten gab, wurden die Damen nicht frankenartig requirirt, sondern durch galante, flinke, wohlaussehende Adjutanten, zu denen auch eine zeitlang der hernach so famös gewordne Orlow gehörte, eingeladen, und auf selbigen der oft häßlichbreite Rain zwischen Adel und Bürger ziemlich platt und platt abgetreten.

Ob nun durch diese Humanisirung nicht der Moralität mancher Abbruch geschehen, mag ich nicht untersuchen, weil es zu nichts[67] besserem helfen würde,14 Gott Lob nur, daß von einer andern Denkungsart dieser[68] Nation nicht mehr bey uns zurückgeblieben ist, nehmlich von ihrem Leichtsinn über Bestechung, ohne die bey ihren Officianten wenig auszurichten war, und aus der sie sich so wenig machten, wie sich mancher, übrigens rechtlich denkende Mann, aus einer Holz- oder Accisdefraudation macht, die doch nicht minder ein Cassendiebstahl ist, als eine Beutelentwendung oder Verfälschung. Ducaten und schöne Weiber halfen bey ihnen zu allem, über alles und wider alles, und an den russischen vornehmen Damen war die Facilität zu Mancherley, wenigstens mir, oft sehr auffallend und anstößig.

Einen neuen doch minder sichtbaren Stoß bekam die Sittengestalt in Königsberg in den Jahren 1807–1809. durch den Aufenthalt der sehr vielen nicht in diese Stadt gehörenden, theils müßigen, theils nicht zu sehr beschäftigten, wohlhabenden oder wohlbezahlten Menschen und des Hofes, bey dem es auch in Zeiten der Entbehrung anders zugeht wie in Städten, die keine Residenzen sind, und dessen Beyspiel seiner Neuheit und[69] Ungewöhnlichkeit wegen einen größern Eindruck macht. Die nicht Eingebürgerten treiben eine Art von Reiseleben, das zwar keinesweges so gemächlich zu leben erlaubt, als man in seinem wahren Wohnort lebt, doch aber mancherley Veränderungen schafft, die zu Ausgaben reizen, durch welche am Ende das Reiseleben kostbarer wird, als das Zuhausebleiben gewesen seyn würde, denn die schwelgerischen Britten allein reisen zur Verbesserung ihrer häuslichen Finanzen. Der Anblick solches funkelnden Reiselebens bringt zuletzt auch den Stadtbürgern Geschmack am Leben in den Tag hinein bey, so daß sie es endlich in ihr Alltagsleben aufnehmen und so dem Luxus immer mehr um sich zu greifen gestatten. Die für die Fremden aufgeputzten Chambres garnies lassen ganz andre Augen für Möbelbedürfnisse zurück.

Durch das sorglose Mitleben unter Leuten, die nichts zu thun zu haben scheinen, wurde meine Liebe zum freyen leichtern und schönen Leben immer lebhafter aufgereitzt. Zwar blieb ich dem Corpus juris so warm treu, daß ich im Herbst 1757. mit Beyfall meiner scharfen Examinatoren, die keine Freunde von dem als Einschub in die Facultät[70] gekommenen L'Estocq waren, Candidat beyder Rechte werden konnte; unterdessen las ich doch unbeschreiblich lieber im Hagedorn etc. als im Böhmer und Heineccius, und den Horaz liebt' ich bis zum Auswendiglernen.

Wilhelm von L'Estocq wurde nun zur preußischen Armee geschafft, wo er unter den damaligen Ziethenschen Husaren seinen Soldatenlauf anhob. Ich sollte beym Panier der Themis bleiben, und um nicht während des russischen Interims einen Dienst annehmen zu dürfen, zumal da die Drangsale, die meine Eltern auf dem Lande beym Einrücken der feindlichen Truppen gelitten, sie ihrem angebohrnen Könige wo möglich noch ergebener und ihnen die Russen noch verhaßter gemacht hatten, überredete mich mein bisheriger Lehrer, die höchst unbedeutende Secretairstelle bey einem damals in Königsberg lebenden Herzoge Carl von Holstein-Beck anzunehmen. Dieser, eine kärgliche Pension aus Dännemark genießende Fürst wurde von vielen für einen Geisteszwerg angesehen, ob ich gleich in der Folge fand, daß mancher seiner Hochrichter ein wahrer Liliputer gegen ihn war. Sein größter Fehler[71] möchte wohl ein hochfürstlich deutscher Ahnenstolz gewesen seyn, den er im Reden von den kaiserlichen Fürstenfabricationen besonders merken ließ, und der ihn geneigt machte, die morgenländischen Kneessen und Bojarenschaften für kleine Geschöpfe anzusehen.

Da ich bey meinem Studentensinn nicht die mindeste Ehrerbietigkeitsfurcht vor einem unstudirten alten Prinzen hatte, so gerieth mein von ihm verlangtes Briefspecimen an seine Schwester nach Quedlinburg so gut, und ich äußerte bey meiner ersten Erscheinung so wenig von meiner sonstigen Verlegenheit, daß ich mit Freuden auf und angenommen und vom ersten Tage an, nicht als ein Hausofficiant, sondern als Hauskind behandelt wurde. Geschäfte hatt' ich eigentlich gar keine, dagegen aber täglich einen Tisch mit sechs ausgesuchten Schüsseln und nicht selten die Gesellschaft von feinen Standespersonen beyderley Geschlechts, von denen einige an meiner unter Bekannten ziemlich frohen Laune, besonders bey des Herzogs sichtbarer Vorliebe für mich, Geschmack fanden.

Würde mir die Frage vorgelegt, ob es besser sey, seinen Sohn den Dienstanfang[72] mit dem Secretariat bey einem Dicasterienchef oder anderm vornehmen Herrn machen, oder ihn Referendarius bey einem Collegio werden zu lassen, so würd' ich im Fall, wenn nicht Vermögensmangel, der gleich dem Hunger keine Gesetze anerkennt, dazu nöthigen, jederzeit zum letztern rathen. Die Secretairstellen bey großen Herren haben viel Verführendes und mehrentheils Schädliches für das folgende Leben. Gilt man bey seinem Patron viel, so wird einem geschmeichelt, man gewöhnt sich eine Art von Protegiren an, auch wohl mit unter zu Despotisiren, und entwöhnt sich von der höchstanräthlichen Vorsorge für eine eigne Haushaltung, indem immer in der fremden die Tauben schon gebraten in den Mund fliegen. Ein andrer Nachtheil ist, daß man auf solchem Posten ein Schwören in verba magistri zur Gewohnheit werden läßt, wenn man wahrnimmt, man könne dadurch leichter Sr. Excellenz Zufriedenheit erlangen – auch kann man zur Einseitigkeit verleitet werden, wenn man nur immer mit Einem Manne hauptsächlich zu thun hat. Ein besseres Weltkind wird man freylich in größern Häusern, aber ein Referendarius, der seine Zeit[73] gehörig benutzt, wird gewiß ein beßrer Dienstmann werden.

Secretairstellen sind Hofmeistereyen altioris indaginis, haben mit ihnen eine gleichschimmernde Seite, aber auch alle ihre gleich-ungesunden, neblichten. – Ohne Ausnahme ist keine Regel.


Unter allen diesen Gesellschaftern stand in meiner Seele oben an die Nichte des Herzogs, die etwa ein Jahr jünger als ich und von der Mutter Natur mit einem feinen weiblichen Kopfe und empfindsamen Herzen ausgerüstet war. Im April jedes Jahres zog der Fürst auf ein kleines Landgut, wo er bis in den November blieb; seine Schwester that etwas später im Jahr ein gleiches mit ihrer Tochter, die die Russen in der Schlacht bey Kunnersdorf zur Wittwe, aber da durch nicht reicher und von ihrer Mutter unabhängiger machten.

Während solches utopischen Lebens schwand immer mehr meine Liebe zur Juristerey, dagegen las ich mit der nun verwittweten jungen Prinzessin, die in meinen gedruckten Versen Antonie und Aemilie heißt,[74] alles, was in dieser Zeit lesbares erschien, wir übten uns gemeinschaftlich im Deklamiren, und je ernstlicher ihre ein wenig beatisirende Frau Mama gegen solche, ihrer Meinung nach unfürstliche Frivolitäten eiferte, desto mehr trieben wir sie. Wie manche Stunde, die Se. Durchlaucht am Trissettisch und mit Stabbrechen über die ihr verdächtigen Männer und Frauen zubrachte, verlasen wir im Uz, Gerstenberg, Young, Cronegk, Diderot etc. oder verdisputirten sie über moralische Spitzfindigkeiten. In den Troubadourzeiten haben gewiß solche Geistesspannungen manchem Uebel vorgebeugt, das aus dem vertraulichen Umgange mit den Damen öftrer hätte entstehen können. Der bey solchen Witz- und Verstand-Tourniren lebhaft beschäftigte Geist hindert die Sinne ihre gewöhnlichen Forderungen zu machen, und letztere schämen sich, möcht ich sagen, vor erstern laut zu werden. Da in der Gegend von Brandenburg viele alte Grabhügel sind, so ward mancher Nachmittag zu Aufgrabungen verwandt, und wir hielten die erbeuteten Urnen für keine unschickliche Verzierung unsrer Wohnzimmer, wenn wir gleich oft darüber ausgelacht, oder wegen der angeblich[75] gestörten Ruhe der Todten ausmoralisiret wurden. In ein zierlich gebundenes Buch schrieb ich der Prinzessin die ihr vorzüglich gefallenden Gedichtstellen, mit unter auch manches von meiner eignen Façon, und ließ mich auch von ihr zu einem dramatischen Versuche bereden, zu dem ich den Stoff aus dem 681sten Stück des englischen Zuschauers nahm, der in der Folge unter dem Titel: Julie, ein tragisches Nachspiel, gedruckt ist, aber den großen Druckpapierweg so gegangen zu seyn scheint, daß ich kein Exemplar zum nochmaligen Anschauen des kleinen Wechselbalges habe auftreiben können. Antoniens Geschmack an der Natur und ihr Gefallen an Poesie trug nicht wenig zu meiner Ausbildung bey, unsre wechselseitige Freundschaft hätte aber doch vielleicht eine üble Wendung für uns alle beyde nehmen können, wenn mein Herz nicht damals einem Mädchen ergeben gewesen wäre, das zwar nicht vornehm, aber sehr hübsch, sehr sittsam und mir äußerst zugethan war, in der Folge aber einen andern heyrathen mußte.

In manchen Stunden verglich ich die mir vorkommenden Personen mit den im [76] la Bruyere charakterisirten, und als ich in viel spätern Jahren die beygeschriebenen Namen auslöschte, wunderte ich mich, viele damals so richtig parallelisirt zu haben.

Von den Dichteleyen, die ich vom achtzehnten bis ins zwanzigste Jahr zur Welt gebracht hatte, machten ein Paar Freunde eine Auswahl; wo ich nicht irre, waren es der Diaconus Kraft und der durch viele asketische und polemische Schriften bekannt gewordene und oft auch mit großem Unrecht getadelte Diaconus Trescho, der einige Jahre älter war als ich, und der sich damals viel mit Schöngeisterey befaßte. Der Titel ist: jugendliche Gedichte, 1767. bey Johann Jakob Kanter15 gedruckt, aber[77] seitdem nicht weiter angesehen, so daß ich jetzt nichts von ihnen zu sagen vermag. Wäre in jener Zeit, in der nulla dies sine versibus verging, der in spätern Zeiten viel gelesene Seume schon bekannt gewesen, so würde mein heimlicher Hang zur derben Aeußerung meiner die Lebensweisen misbilligenden Gesinnungen sich gewiß und gern nach seinem Muster gebildet, mich indessen eben so wenig wie ihn zum wahren Poeten gemacht haben.

Im dritten Winter meines geschäft- und[78] sorgenfreyen Lebens ward ich mit einigen gefangenen preußischen Officieren bekannt, die in meinen kleinen Liedern auf den großen Friedrich etwas fanden, das ihnen Lust und Liebe zum Soldatenstande zu verrathen schien, und da kein Jesuit auf das Proselytenmachen befließener seyn kann, als damals die gefangenen Krieger auf das Werben zum Dienst des preußischen Heeres waren, so entschloß ich mich mit meinem Freunde Neumann, der damals Hofmeister bey den zwey jüngsten Söhnen des Canzlers von Korff war, eines Mannes von trefflich gesundem Verstande und festem Charakter, äußerlich manchmal etwas rauh, der Hippeln bey Schilderung seines Wurzelmanns des Herrn von G – in den Lebensläufen etc. gesessen hatte – alles zu verlassen und dem Kalbfelle zu folgen. Meinen Eltern mußt' ich, um sie gegen alle Verantwortlichkeit zu sichern, ein Geheimniß aus meinem Entschluß machen, den mein Vater eben nicht gemißbilligt haben würde. Ein Versuch, sie und meine damals noch einzig lebende Schwester zu sehen, wurde außerdem durch eine eingetretne Ueberschwemmung vereitelt, und so konnte ich von der Seite nicht die mindeste[79] Unterstützung erhalten. David Neumann besaß gar kein eignes Vermögen, ob gleich sein Vater als Seemann in Indien gewesen war, und mein Secretairgehalt hatte kaum zur Befriedigung meiner Kleidungsbedürfnisse hingereicht, es fand sich indessen doch beym längst verstorbenen Commerzienrath F – Rath, ohne daß ich nöthig hatte von meinem System über das Schuldenmachen abzugehen; und wie dem Tanzlustigen die kleinste Pfeife gnügt, so gingen auch wir mit nicht sonderlich gefüllter Börse, aber jeder mit einem Exemplar von Abts Schrift über den Tod fürs Vaterland in der Tasche, unter vielen Wagnissen zur preußischen Armee. Neumann, dem ich mein Reitpferd abgetreten, mußte auf Nebenwegen nach Danzig zu kommen suchen, ich hatte mir durch einen russischen Staatsrath einen Paß auf den Namen Rast geschafft und fuhr auf der Post dahin ab.

Die Neigung zum Soldatenwesen scheint allen Menschen, besonders jungen Leuten von irgend einigem Geiste, ganz eigen zu seyn und bey den mehresten unter der Asche zu glimmen, um beym Schall der Kriegstrompete in Flamme auszubrechen. Außer dem,[80] was damals geschah, hab ich im letzten Kriege gegen Frankreich ein gleiches Streben bemerkt, und glaube daher, daß man in alle Nationen Bravour und Schlagfertigkeit bringen könnte, wenn die Erziehung darauf eingerichtet und ausnahmlose Verpflichtung zum Kriegsdienst eingeführt würde.

Was ich Anfangs des Jahres 1813., als der Krieg wider Frankreich von neuem ausbrechen sollte, die junge preußische Welt reden und thun sah, erinnert mich an eine Stelle in J. Müllers Recension des neuen Militairarchivs (Werke 12ter Theil S. 216.) der ich ihrer Wahrheit und Beherzigungswürdigkeit wegen hier einen Platz nicht entziehen kann und mag16.[81]

In der letzten von den Russen besetzten Stadt, in der wir spät des Abends ankamen, hielt ein vom General Tottleben gegebner[82] Ball die zum Examiniren der aus Preußen kommenden Passagiere bestellten Personen ab, unsere in Danzig erhaltenen Pässe mit[83] unsrer Leiblichkeit genau zu collationiren, und so groß unsre Besorgniß vor dieser kritischen Station gewesen, so kamen wir mit kurzer Furcht davon, erreichten glücklich die preußischen Vorposten in Schlawe, und ließen die Schildwachen, im Freudenrausch, die aus dem Danziger Lachs17 mitgebrachte Flasche beym Vivat Friedrich! ausleeren.

Mein Aufenthalt in Berlin, wo ich einige alte Bekannte meines Vaters antraf, war sehr kurz; ich besah dort nichts, »werd ich todt geschossen, so hab ich den Castellanen das Schaugeld umsonst bezahlt, und bleib ich lebendig, so komme ich hier in Garnison und habe dann Muße genug zum Besehen,« denn ich wollte mich durchaus nur bey einem Berlinschen Regiment anstellen[84] lassen, wogegen Neumann seinem Vorsatz, ein Freybatallionist zu werden, treu blieb. So kurz indessen auch mein Aufenthalt in Berlin war, so ermangelten doch nicht ein Paar Männer von äußerlich sehr moralischem Betragen, mich in ein Paar Häuser zu führen, die zur Oppositionsparthey aller Sittlichkeit gehörten. So galant es übrigens in diesen aussah, und so schöne Figuren sich da preiß gaben, so faßt ich doch bey diesen meinen ersten Besuchen einen solchen Widerwillen gegen solche Etablissements, daß ich mein ganzes Leben durch keins weiter betreten habe, wie mir denn auch die Quasilegitimation, die ihnen durch die besondre Polizeyaufsicht ertheilt wird, immer anstößig bleibt und sie nur zahlreicher und gefährlicher zu machen scheint. Auch brachte man mich in eine Loge, wo es mir höchst – wenigstens indiscret vorkam, daß der besternte Meister vom Stuhl es nicht fühlte, wie unschicklich es sey, an den Margraf Carl, der, glaub ich, Ordensgroßmeister war, damals aber ein beträchtliches Corps in Sachsen commandirte, emphatische Briefe über höchst unwichtige Dinge zu schreiben.

[85] Neumann ging einige Tage vor mir zur Armee des Prinzen Heinrichs ab, wurde bey der Kleistischen Infanterie angestellt und als Adjutant einige Monate nachher gefangen nach Crems geschickt. Ich fuhr auf der Post nach Meißen, wo das Hauptquartier des Königs war. Da ich durch meinen Freund L'Estocq eine Adresse an den alten Ziethen bekam, meine Kurzsichtigkeit aber mich zum Husaren untauglich machte, so ward ich Fähnrich unter dem damaligen Regiment Ramin. Nie mag wohl ein Fähnrich greller gegen seinen General abgestochen haben, als ich gegen den meinigen. Er nahm mich indessen sehr gut auf, so sehr es ihm auch mag aufgefallen seyn, daß ich bey Tisch nicht über 2 Gläser Wein trank und mir keins mehr einnöthigen ließ. Den ersten Abend bracht ich bey seinem Auditeur zu, dem vor einigen Jahren als Ostpreußischen Cammerpräsidenten im 81sten Jahr allhier verstorbenen von Wagner, mit dem ich nachhero auch im Dienst beständig in gutem Vernehmen gelebt habe, das aber zu keiner wahren Freundschaft werden konnte, weil er bey seinem vorzüglich gutem Verstande[86] eine fast unglaubliche Kaltblütigkeit überal äußerte.

Das Regiment lag in einem kleinen Städtchen Siebenlehn, wohin mich der Regimentsquartiermeister auf einem ledig zurückgehenden großen Packpferde brachte, und wo ich bey einer Predigerwittwe zu einem etwas ältern Fähnrich einquartirt wurde. Hier hatte ich Gelegenheit die Wahrheit von allem zu erfahren, was in sächsischen Volksliedern von der Frau Magisterin gesungen wird, wenigstes damals wurde, und auch wohl in andern Ländern von ihnen wahr seyn mag, – in der Regel möchten wohl die meisten im Herzen so ehr- und habsüchtig, als im äußern demüthig seyn: Gott Lob indessen, daß keine Regel ohne Ausnahme ist. Der bey der Compagnie stehende Feldwebel, Nahmens Schweizer, ein Extheolog, nahm sich meiner Unwissenheit im Soldatenwesen an, besonders nachdem er in mir einen Verscollegen entdeckt hatte. Schweizer war ein Mensch, der in allem um sich wußte, und über die Standesgebrechen oft recht treffend sprach und witzig reimte. Seinen Vorschlag indessen, mich in den Listen mit einem von aufzuführen, wodurch schon mancher[87] im Militair adlich fortgeschritten war, schlug ich standhaft aus, weil ich von je her viel auf meinen Civismus gehalten habe und daher auch in der neuern Zeit viel von den Franzosen erwartete, als sie sich Citoyens tauften, allein Schade um das Blut, dessen man sich statt des Wassers bediente, da weder für Pathen noch Täuflinge wahres Glück daraus erfolgt ist. Das viele Geschrey über das Gleichmachen der Stände ist wahrlich ein höchst überflüßiges; warum sollten nicht Edelleute und Bürgerliche ohne Nachtheil neben einander wohnen, wenn sie blos dem Nahmen und nicht dem Recht nach unterschieden bleiben?

Der als Generallieutenant gestorbene, damalige Regimentscommandeur Kalkreuth, der wegen Wunderlichkeit, Dienstschärfe und Vergnügenscheu beynah gehaßt wurde, lehrte mich die Sodatenhandgriffe mit viel Gedult und Fleiß, und nach wenigen Wochen zogen wir in das schöne freye Feld, in die berühmt-reizende Gegend des Fürstensteins, wo das Regiment einige Wochen campirte und ich vom Soldatengeist lebhaft beseelter Neuling die in der Folge immer wiederkehrende Bemerkung machte, daß die deutschen Cantonssoldaten[88] sich selten von andern Dingen unterhielten, als von den guten Mahlzeiten, die sie hie und da genossen, wogegen die vielen Italiener und Franzosen sich mit ganz andern Dingen die Zeit kürzten, theils mit Comödienspielen, Tanzen und Singen, theils mit Gesprächen von Wein, Mädchen und Kriegsbegebenheiten, auch erhob keiner von letztern Lerm oder Klage, wenn ein Zeltcamerad etwas von der Mundportion gekürzt hatte. Während dieses Stillstehens fand ich Gelegenheit meinen lieben Wilhelm zum erstenmal bey Strehla wieder an mein Herz zu drücken.

Meine Cameraden machten mit und an mir mancherley Versuche, da ich mich aber jedesmal mit unerschütterlicher Unbefangenheit dabey nahm, so ward ich bald von den ältesten, ja selbst von den bizarresten unter ihnen, so wenig ich auch ihrer schonte, gesucht. Fast alle liebten das Spiel, ich spielte gar nicht; beynah keiner nahm ein Buch in die Hand, ich behalf mich ohne Bett, um ein Bücherküstchen bey mir zu führen.

Da der in die Verschwundenheit gerathene Jenisch in seinem Universalhistorischen Ueberblick der Entwickelung[89] des Menschengeschlechts als eines sich fortbildenden Ganzen (1. Th. S. 245.) wo er von der Befriedigung des Spieltriebes spricht, sich erlaubt, des Tobacksrauchens und des Spielens mit den Fingern zu erwähnen, so darf ich doch wohl im Particulairüberblick meiner Ichsgeschichte anführen, daß ich ungeachtet des größten Bestrebens, das ich, sowohl beym Eintritt ins Studentenleben, als beym Anfange meines Soldatenstandes auf die Erlernung der großen Rauchkunst verwandt, immer von ihr habe abstehen müssen, nicht ohne Neid über die Meister in dieser, das Farniente herrlich befördernden Beschäftigung. Was das Spielen mit den Fingern betrifft, so gehört solches noch zu meinen Gewohnheiten, denen ich noch eine andre beygefügt habe, nehmlich die, die Nachdenkensintervalle beym Schreiben nicht mit Federkauen, sondern mit unzählig kleinen Pünktchen auszufüllen, mit denen die Feder meinen Schreibtisch tatowirt. Außer dem Spielen mit den Fingern, kann ich auch beym Reden die Hände nicht still halten, und muß mich in Acht nehmen, der Person, mit der ich spreche, besonders einer weiblichen,[90] nicht an die Hand oder den Arm zu fassen. Es ärgert mich, daß Sveton vom Tiber, von dem ich nichts ähnliches haben möchte, sagen konnte: incedebat non sine molli digitorum gesticulatione. Die manum loquacem der römischen Damen muß ich zum Trost ansehen.

Bey jeder Gelegenheit ritten die mehresten meiner Cameraden nach den Städten, so bald sie Tanz oder Spielgesellschaften vermutheten; ich kroch auf alle Berge der freyen Ansicht wegen und erinnere mich noch, wie man mich auslachte, als ich nach einem beschwerlichen Marsch die Landskrone erklimmte, statt nach Görlitz zu reiten, wo man mir wunderschöne Dinge zu zeigen versprach. Auch übernahm ich oft eine unruhige Feldwache, um nur nicht unter die lockern Ordonanzofficiere ins Haupquartier reiten zu dürfen. Meine Abneigung gegen solche Gesellschaft bewog mich einmal für einen Cameraden, der diesen Ritt zweymal für mich zu machen versprach, ein achttägiges mühsames Commando zu übernehmen, das mir aber Gelegenheit schaffte, manches vom Mönchsleben zu erfahren, indem ich diese Zeit über im Kloster Wahlstatt hausen[91] mußte, wo man außer dem, was auf den Kirchengemählden stand, nichts von der Geschichte des Liegnitzer Heinrichs wußte. Mein Aufenthalt traf in die Fastenzeit, allein meine Zunge und mein Magen verloren nichts dadurch, daß ich die lutherische Futterung verbeten hatte.

Im Lager bey Glogau bekam ich Rousseaus damals nicht längst erschienene N. Heloise zu lesen, die mir so außerordentlich wohl gefiel, daß ich wider meine, unlöbliche, Sitte lange Stellen daraus abschrieb. Während eines kurzen Aufenthalts in Liegnitz lieh mir der Buchhändler Siegert die zwey ersten Bände der Wielandschen Uebersetzung des Shakespear, die mich so an sich zogen, daß ich eine glänzende Abendgesellschaft verließ und die Nacht mit ihrer Durchlesung zubrachte. Mit ähnlichem Eindruck las ich in viel spätern Jahren Göthes Leiden Werthers, und mit schon grauem Kopf vieles in Meisters Lehrjahren, Herrmann und Dorothea, Schillers Wallenstein und Don Carlos.

An Freundschaft war in solchem Feldleben nicht zu denken. Ein Analogon von ihr entspann sich indessen doch zwischen mir[92] und einem Baron v.d. Goltz, dessen kurze, aber bis auf Einen Punkt wahre, Lebensbeschreibung im 3ten Bändchen der Natürlichkeiten18 steht. Zur Freundschaft gehört durchaus etwas Poesie, doch wozu gehört die nicht, wenn es schön und gut seyn soll? denn kommen zwey stockprosaische Menschen zusammen, so setzt sich auf ihre Umgangskohlen bald so dicke Flockasche, daß die Gluth entweder ganz verlöscht, oder doch durch ihr Unsichtbarwerden keinen anlockt, sie wieder anzublasen, um sich an ihr zu wärmen. Poesie schafft den besten Lustzug, um das Freundschaftsfeuer immer im Brennen zu erhalten. Ueber die von jungen Leuten geschloßnen Freundschaftsvereine, und wie darauf zu rechnen sey, hab ich in der Kürze so viel Wahres nirgends gelesen, als in dem Briefe des alten Wolff an seinen Lieblingslehrling Philibert im Roman des Herrn[93] von Kotzebue, Philibert oder die Verhältnisse S. 87–96.

Außer dem Lager machte mich Freund L'Estocq mit einer Frau von C – bekannt, die neben einer vorzüglichen Gestalt auch große Liebe zur Dichtkunst und für ländliche Natur besaß. Auf ihrem im schlesischen Gebürge gelegenen Guthe hab ich sehr glückliche Stunden verlebt, unser Briefwechsel, der meistens Ereignisse der Zeit und Bemerkungen über häusliche Leiden und Freuden zum Gegenstande hatte, wurde viele Jahre fortgesetzt, und der 16te Januar 1806, an dem ihr einziger Sohn, der Landschaftsdirektor v.C. – mir schrieb, seine zum Selbstschreiben zu kranke und schwache Mutter habe ihm aufgetragen, förmlich von mir Abschied zu nehmen, war mir ein Tag der aufrichtigsten Herzenstrauer.

Da ich schon in meinem letzten bürgerlichen Winter einige Kriegsbücher gelesen hatte, so nahm ich mir heraus, mit meinen Stabsofficieren über den kleinen und großen Dienst zu sprechen, und diese gewöhnten sich so daran, mich über das Soldatenwesen raisonniren zu hören, daß sie es mir übersahen, wenn ich unbedachtsam genug war,[94] auch auf der Parade ein Wörtchen wider das ihrige zu sagen, welches damals etwas unerhörtes war, als es der corporalisirenden Stabsofficiere noch mehr, und der generalisirenden Fähnriche weniger, als in unsern Tagen gab, aus welchem umgekehrten Verhältnisse indessen viele Uebel entstehen, die nicht eher aufhören werden, als bis wahre Bildung die richtigen Grade des Heraufsteigens und der Herablassung wird bestimmt haben. Die eingeführten Junker- etc. Examina können dazu beytragen, nur muß kein hoher Befehl den für anstellbar erklären, den die Examinatoren untüchtig gefunden haben, weil sonst das Reifen zu geschickter Examinatorschaft aufgehalten wird.

Mein alter grämlicher, subordinationseifriger Commandeur warf mir zwar ein paarmal meine poetische Licenz vor, schickte mich aber doch nicht, zur großen Befremdung meiner Cameraden, in Arrest, in dem ich auch nie gewesen bin.

Als das Regiment in die Nähe von Leipzig kam, besuchte ich einen weitläuftigen Verwandten, den einst stark berufenen Professor Gottsched, dessen steife, finstre, antipreußisch gesinnte Gattin mir im Gespräch[95] besser gefiel, als der Herr Gemahl bey seiner Anhänglichkeit an den König, der sich mit ihm unterhalten und ihm, wenn ich nicht irre, auch eine goldne Dose geschenkt hatte. Grenzenlose Eigenliebe hatte ihn gegen alles Geschoß der Kritik fest gemacht, seine mit französischer Belesenheit ausgespickte Unterhaltung war, seines lauten Sprachorgans ungeachtet, nicht eindringend, und sein weyland gemachtes Aufsehen schien blos aus dem litterarischen Unvermögen seiner frühern Zeitgenossen entstanden zu seyn. Sieht man nicht noch täglich unverständige Kunstrichterey Ehre austheilen, wo sie nicht verdient ist? Solche Ehre war ihm nun auch wiederfahren, und er suchte sich so lange dabey zu erhalten, wie möglich, ohne auf die Aussprüche kritischer Gerechtigkeit zu hören, die ihm sein ungerecht erworbenes Gut wieder abforderten, wobey indessen doch oft ein säuberlicheres Verfahren hätte Statt finden können, weil das Recht zur Entkleidung, meines Erachtens, weder eine Befugniß, noch die Nothwendigkeit des Hautabziehens enthält. Gellert war nicht einheimisch, sonst hätt' ich ihm gern etwas vom Eindruck seiner Fabeln auf mich erzählt.[96] Dem Herrn Vetter als Redakteur des Neuesten in der Gelehrsamkeit mußte ich eine Uebersetzung der Ode des J.B. Rousseaus an den Frieden für dieses Journal besorgen, auch macht' er mich mit dem bis zur Ungebühr verschrienen Freiherrn von Schönaich bekannt, den ich nachher in Crossen traf. Ein gewiß lieber Mann, dessen Heldengedichte und Trauerspiele sicher anders gerathen wären, wenn er seine Lehrjahre unter einem andern Meister als Gottsched bestanden hätte. Von Guben aus hab ich ihn oft auf dem Familienguthe Amtiz besucht, wo er mit seiner Gemahlin unter einem lästigen väterlichen Druck lebte und wo er auch nach vieljähriger Blindheit gestorben ist. Unser Briefwechsel hat verschiedene Jahre gedauert.

Die in jedem Sinn unvortheilhafte Wintercampagne bey Collberg, in der man bis in die Mitte des Decembers ohne Zelte herumzog und Häuser und Gärten zum unentbehrlichsten Feurungsbedarf zerstörte, gehört zu meinem Soldatenkreuz. Beym Stürmen der von den Russen stark besetzten Schanze bey Spy ward ich zum Lohn meiner Naseweisheit, indem ich die Anführung[97] eines Officierlosen Grenadiertrupps, zu dem ich gar nicht gehörte, übernahm, am rechten Schenkel blessirt, heilte mich aber selbst, welches man öftrer zur Vermeidung mancher schädlichern und langweiligern Lazarethkur versuchen könnte und sollte. Für die ungethanenen Heldenthaten dieses Tages bekamen ein Paar junge Ritter aus dem Gefolge des Herzogs von Würtemberg, den ich blos aus dem alten Hauptquartier nach dem neuen mit Wolfs- und Seehundspelz incrustirt reiten gesehen, den Orden pour le merite. Gott Lob, daß ich ihn nicht bekommen, er würde gewiß meinem Leben eine ganz andre Richtung gegeben haben, und wohl kaum eine mehr gesegnete, als die mir ohne dieses Kreuz zu Theil geworden.

Auf dem Rückmarsch nach Sachsen verlebte ich acht oder neun herrliche Tage in Berlin, wohin mir der Vater einen schönen Wolfspelz geschickt hatte, der mir in Pommern beßre Dienste wie mein barakaner Mantel gethan haben würde, und hier auf einem Ball verloren ward, wohin ich ihn einem Freunde nachgeschickt hatte, um ihn vor Erkältung beym Nachhausegehen zu bewahren. Nach vielem hin und her Wandern[98] stand ich einige Wochen im Lager bey Breslau, wo ich dreust genug war, ein kleines Gedicht an Lessing, der damals beym General Tauenzien sekretarisirte, zu machen und mir Bücher von ihm auszubitten, die er mir auch reichlich und gefällig mittheilte, ohne daß ich ihn je von Person kennen gelernt hätte. Nachher wohnte ich der Wegnahme der Dittmansdorfer Berge bey, wo die Russen, vor ihrer Trennung von uns, eine für uns sehr vortheilhafte Parade machten. Im großen verschanzten Lager bey Schweidnitz ward ich mit mancher noch unversuchten Beschwerde des Soldatenlebens bekannt, doch ohne darüber verdrüßlich zu werden. Der Subalterndienst, den ich ziemlich pünktlich beobachtete, war mir aber im Herzen zuwider, worin ich sehr Unrecht hatte, denn er gehört wesentlich zum Ganzen des Dienstes, und ich hab in der immer stärker einreißenden Verachtung des kleinen Dienstes im Civil und Militair manche Veranlassung zu Dienstvernachläßigungen wahrgenommen, die wohl nicht durch bloße Cabinetsordres, wären sie auch von eigener hoher Hand, möchten abgeschafft werden können. Vieles im kleinen Dienst war damals[99] beynah bis zur Zweckwidrigkeit pedantisch; ist es aber nothwendig, das Kind selbst auf die Straße zu werfen, weil in das Badwasser etwas Unreines gefallen – oder an der Soldatenkleidung vom Haupt bis zum Fuß unaufhörlich zu schnitzeln, weil es häßlich aussieht, wenn Soldaten nicht gleichgut angezogen sind?

Nach dem Aufbruch aus dem Schweidnitzer Lager, wo man die mehresten Nächte unruhig zubrachte, und sich oft am Tage nicht sonderlich beköstigen konnte, stand der König einige Tage bey Nossen, wo ich die Eroberung und Plünderung der Veste Schweidnitz erfuhr, bey welcher ich meine besten Sachen verlor, die ich vorsichtig zur Verwahrung dahin gegeben hatte. Es regnete, schneyte, war sehr kalt, mein Zelt nur von einfacher Leinwand und meine Lagerstätte von Stroh mit einer Frießdecke, mein Wunsch nach einer wärmern mithin sehr natürlich. Da ich schon manchmal bey den Dorfgeistlichen auf die Bitte um ein Buch keine Lessingsche Willfährigkeit angetroffen hatte, so schrieb ich diesesmal im Namen eines Feldpredigers an den Priester des nächstgelegenen Dorfes, bat ihn um ein[100] Paar Kopfkissen und ein lateinisches Buch, und legte 2 Ducaten bey. Man schickte mir einen kleinen elenden Pfühl und einen fingerlangen Horaz, in dem viele Blätter fehlten. Gott weiß durch welchen Zufall der Parochus erfuhr, daß der Feldprediger nicht existire, er ließ daher mit sehr ungeistlicher Heftigkeit an den Regimentscommandeur die Bitte gelangen, den Täuscher eines geweyhten Hauptes zu bestrafen. Der Brief wurde auf der Parade vorgelesen, ich bekannte mich sofort zu dem begangenen Frevel, und der wahrscheinlich nicht 2 Thaler werthe Pfühl nebst dem defekten Horaz wurden zurückgesandt; da aber wenige Stunden darnach aufgebrochen ward, so weiß ich nicht, ob die Corpora delicti an Stell und Ort gekommen, aber wohl, daß meine 2 Ducaten sich nicht wieder eingefunden haben. Diese kleine Geschichte erinnert mich an eine andre nicht größre, die mir mit einer Ziege begegnete, die von den nicht blos Futter holenden Fourageurs aus Böhmen mit einer großen Anzahl ihres Geschlechts auch ins Raminsche Regimentslager gebracht war. Um nicht immer braunen Caffee trinken zu dürfen, kauft ich eine dieser Ziegen für[101] 2 Thaler von Bernburgschem Schroot und Korn, von denen etwa 7 meine monatliche Gage und 10 Einen Ducaten ausmachten, und befand mich bey ihrer Milch sehr wohl. Einige Tage drauf bettelte eine alte Frau vor meinem Zelt, und bedauerte unter andern auch den Verlust der Ziegen, die sie und ihre Enkel ernährt hätten; ich rieth ihr daher gleich ihre Ziegen aufzusuchen, indem man ihr gewiß das Geraubte wiedergeben würde. Sie sah mich drauf starr an, und als ich sie nach der Ursache davon fragte, erwiederte sie: »ach eine hab' ich schon gefunden« wo? – Wo? und sie zeigte auf meine vom Stehler gekaufte; wollt' ich nun nicht ein ärgrer Hehler seyn, so mußt ich zum schwarzen Caffee zurückkehren, der mir aber an dem Tage äußerst schön schmeckte, gewiß weil ich die arme Alte so fröhlich mit ihrer Ziege hatte heimkehren gesehen.

Während der Belagerung von Schweidnitz bewohnte ich mit einem Compagniegenossen, mit dem ich mich vorzüglich gut vertrug, ob er sich gleich aus einer hübschen Tabletkrämerin mehr machte als aus allen Künsten und Wissenschaften, eine acht Fuß tiefe Höle mit Dach und Camin, und genoß[102] des Umganges zweyer von der Akademie her mir bekannten Freunde, von denen Kraft Feldprediger und Pietsch Regimentsquartiermeister war. Letzterer besaß außer seinem vortrefflichen Charakter noch eine vorzügliche Kenntniß der römischen Classiker, aus denen er, wie aus den französischen Dichtern, große Stellen auswendig wußte, worin ich ihm nur den geheimen Staatsrath von Heydebreck gleich gesehen, den ich oft (1809.) solche Tiraden aus Römern, Deutschen, Franzosen und Italienern recitiren gehört habe. Wohl dem Dienstmann, den das Lesen und im Gedächtniß Behalten schöner Stellen aus Alten und Neuen nicht hindert oder abgeneigt macht, auf die passus concernentes seiner Amtspapiere die nöthige Acht zu haben.

Pietsch konnte sehr heiter seyn, und seine sonderbar schwärmerische, oft etwas traurig gestimmte Religiosität gab jener momentanen Aufgereimtheit noch einen besondern Reiz. Er war der Mutterbruder des durch die Söhne des Thals bekannt gewordenen Werners, privatisirte nachher seit 1772. in Elbing und starb daselbst 1806. Die Abende in dieser Trogloditerey waren[103] mir so behaglich, daß die Vergleiche, die ich zwischen ihr und den Prachtgezelten eines Großveziers anstellte, immer zu ihrem Vortheil ausfielen. In selbiger versuchte ich es auch, aus der virgilischen Geschichte des Nysus und Euryalus ein Gedicht im Geschmack des Kleistischen Cissides und Paches zu machen, das in der Folge ich weiß nicht wohin gekommen ist, und keine Anwandelung zum Wiederholen dieser Arbeit nachgelassen hat. Das Wohnen in einer solchen unterirdischen Stätte ist gewiß nur dem Schreck erregend, der sie sich, sitzend in einer schön aufgeschmückten hellen Stube denkt, keinesweges aber dem, der in einer Erdkluft wirklich hauset und in ihr Schutz gegen Wind und Wetter zu einer Zeit findet, in der es an aller Gelegenheit mangelt, sich in tapezierte großfenstrige Zimmer einzumsten. Mir selbst ist beym Anblick eines großen schönen Gebäudes nie der Wunsch, in selbigem leben und sterben zu können, eingefallen, desto öftrer aber bey einer dichten festen Bauernhütte, besonders in einem Walde von Buchen.19[104]

Die Disputationen mit meinen Cameraden über die Vorzüge des Hüttenlebens vor allem Billardjubel waren, aller Lebhaftigkeit ungeachtet, so wenig fruchtbringend, wie die cathedralischen auf Universitäten.

Von dieser Lagerstätte aus besuchte ich ein paarmal das Herrnhüteretablissement in Gnadenfrey, wo Fleiß, Ordnung, Reinlichkeit, ungestörte Gleichmüthigkeit des äußern Benehmens gegen die Aeußerungen sich oft nicht fein oder ganz sittlich auslassender Besucher und die glückliche Verbindung der Gräberstille mit den Lustwandlungen der Brüder und Schwestern, mir so wohl that, daß ich ad modum Alexandri[105] hätte ausrufen mögen; wär ich nicht ein Soldat, so möcht' ich ein Herrnhuter seyn! Was ich über die Brüdergemeinden (mit Ausschluß der Ideen im Geist des wahren Herrnhutianism, gesammelt aus den Papieren der Familie von Frankenberg, von H. Fr. v. Bruinings, Leipzig, 1811.) gelesen, dürfte ihnen wohl nicht viel Proselyten, besonders nicht aus der gebildeten Menschenklasse schaffen; wer sie aber in ihren eigentlichen Wohnsitzen sieht, muß sie lieben und ehren. Fänd ich es nicht unmöglich, das zu glauben, oder jemals glauben zu können, was sie glauben müssen, um ächte Herrnhüter zu seyn, ich wäre schon längst einer geworden.

Endlich ward Friede. Das Misbehagliche des Krieges hat das Wort Friede so lieblich tönend gemacht, als ob es im Kriege gar keinen Wohlklang gäbe; wenn man aber die vielen Tuttis und Solo's anhört, die im Friedensconcert oft ohne Geschmack zusammen gespielt werden, so möchte man die Kriegstrommeln und Pfeifen zurückwünschen; denn obgleich nach dem alten Sprichwort nur inter arma die leges schweigen,[106] so wird im Frieden beynah mehr Unrecht begangen, wie im Kriege, der keine Prozeßordnungen oder Organisations-Instruktionen componirt, durch welche die Papiermacher und Buchdrucker beynah allein wirklich gewinnen. Wäre im Frieden überall Friede, wer wollte ihn denn nicht dem Kriege vorziehen, der freylich zwischen Groß und Klein, Arm und Reich weniger Unterschied macht, wie der Friede, dem aber dieser hierin gleich zu werden suchen sollte. Endlich war Friede, und da ich für das Vaterland nicht gestorben war, so wünscht ich von ganzem Herzen für mein Vaterland möglichst nützlich, aber doch auch nicht traurig zu leben.

Eh ich in die Garnison rücke, muß ich noch einiges über mein Feldleben anführen. Bey meiner innigen Liebe zur ländlichen Natur ersetzten mir oft schöne Aussichten die Beschwerlichkeiten des Standes. Ich war in meinem kräftigsten Alter und durchaus nicht weichlich. Versemachen war mir zur andern Natur geworden, besonders beschäftigte ich mich damit auf langen Märschen, wenn gleich der Phöbus, der mir auf den Kopf strahlte, wohl gewiß nicht der Musenpräsident[107] war. Einige meiner Gedichte wurden ohne mein Vorwissen unter dem Titel Campagnengedichte gedruckt, vom damaligen Berlinschen Buchhändler, nachmaligen Hofrath, dann Cammerherr, auch Baron gewordenen und als Graf auf seinen großen Güthern in Sachsen gestorbnen Rüdiger. Zwey Majors, bey deren Compagnien ich gestanden, hatten mich an ihren Tisch genommen, für den Magen hatt' ich also keine Sorge, außer wenn ich auf die Wache zog, wo mein Mittagsmahl jederzeit aus Rindfleisch mit Reis und das Abendbrod aus einer Suppe von Commisbrod, wo möglich mit Honig versüßt, bestand. Andre Sorgen macht ich mir nicht. Oft wußten meine Cameraden nicht meine rasche Jovialität in ihrer Gesellschaft und meine ernste Gleichmüthigkeit im Dienst zusammen zu reimen. Zum ersten trieb mich die Natur, zur letztern nöthigten mich Umstände und Rücksichten. Ich wußte gewiß, daß man auf mich Acht gab, und das half mir den Kopf ziemlich fest halten, als ich zum erstenmal beschossen wurde, das Herz schlug mir indessen doch etwas anders, wenn ich Kugeln pfeifen, als wenn ich ein Lied von einem[108] hübschen Kinde singen hörte. Ist man einmal im Feuer, so weiß ich nicht, wie man sich da noch fürchten kann; die Begierde, die wegzuschaffen, die mich verwunden oder tödten könnten, scheinet alle Furcht auszutreiben und zum Draufzugehen zu ermuntern.

Meine Neigung zum Gefaßtseyn datirt sich von viel frühern Zeiten her. Gerad über meinem ersten Studentenquartier kam Feuer aus, als ich eben nicht zu Hause war. Bey meiner Zurückkunft sah ich die heftige Flamme, fand meinen Stubencameraden in Angst und Schweiß gebadet mit verkehrtem Einpacken und sogenanntem Retten beschäfftigt. Die Fensterrauten zersprangen, das Zimmer war badstuben heiß, weil die Straße gar nicht breit war – ich packte blos meine Bücher, und rührte weiter nichts an. Nach glücklich gelöschtem Brande wurde der ängstliche Einpacker krank, fand vieles von seinen Sachen sehr beschädigt, ich dagegen war wohl auf und hatte meine Bücher bald wieder in Ordnung gestellt. Der Vortheil meiner damaligen Fassung ist mir so einleuchtend geblieben, daß ich bey jedem großen Lärm im Moment seines Ausbruchs so kaltblütig werde und mehrentheils auch[109] bleibe, als ich es bey kleinen Anlässen leider nicht immer bin.

Wieland, der durch seine, eines kritischen Rothmantels eher, als einer braven, wachsamen Schildwache würdige Aeußerung über Herder und Kant mein Zutrauen zur Unpartheylichkeit seines Urtheils eben nicht vermehrt hat, sagt indessen sehr treffend im Agathodämon (1 B. VI. pag. m. 52.) »Nenne mir einen Fall, wo es nicht in unsrer Macht stünde, jedem Eindruck der Sinne, jedem Reiz und Drange der Begier blos dadurch hinlänglichen Widerstand zu thun, daß wir widerstehen wollen. Laß uns nicht an unsrer Kraft verzweifeln, ehe wir versucht haben, wie weit sie gehen kann, und zu welchem Grade wir sie durch unabläßliche Uebung, oder da, wo es Noth ist, durch ungewöhnliche Anstrengung erhöhen können! Gewiß ist es unsre eigne Schuld, daß wir nicht ganz andre Menschen sind.« Es dürfte also wohl das Sprichwort: des Menschen Wille ist sein Himmelreich, zu den wahren gehören, so wie es denn auch mir den cathegorischen Imperativ so ehrenwerth[110] gemacht hat, daß ich ihn für den Fachbaum in der Lebensmühle halte.

Tiedgen läßt in einem höchst naiven Liede das Mädchen sagen:


So schupp' ich den Verdruß

Mit einem Seufzer nieder,

Was kann man denn dawider,

Wenn man nun einmal muß?


In das, wenigstens damals, spartanisch gerichtete und in der neuern Zeit (1806.) gewiß nicht wenig Kriegslärm machende Berlin hofft ich als ein junger Held einzuziehen, hatte mich fleißig auf das Salutiren beym Vorbeymarsch vor der königlichen Familie eingeübt, wurde aber ein Paar Tage vorher krank, und ob ich gleich am Einmarschtage alle meine Kräfte zur Toilette anstrengte, so mußte ich mich doch in mein Uebel ergeben und, statt in die Residenz einzuparadiren, mich von meinem Bedienten auf dem Pferde halten lassen, damit der Leib nicht gleich dem schwankenden Kopf das Gleichgewicht verlöre.

Meine Krankheit wurde dem alten Regimentsarzt, den König Friedrich einst sehr übel angelassen hatte, weil er im Lazareth Brechmittel und nicht Emetique brauchte,[111] zu schwer, endlich glückte es aber doch meiner Natur oder der Kunst des D. Kurella, mich wieder herzustellen; vielleicht hätten aber Natur und Kunst vergebens an mir gearbeitet, wenn nicht die Pflege höchst-freundschaftlich für mich gesinnter Menschen ihnen zu Hülfe gekommen wäre.

Bey meiner ersten Erscheinung in Berlin, und besonders bey meinem Durchmarsch aus Pommern nach Sachsen, hatt' ich durch die Schwester meines Freundes L'Estocq Bekanntschaften in der französischen Colonie gemacht, und aus dem Hause des Kaufmanns Bouissont wurde mir während der vielen Wochen, in denen mich ein empfindlicher Schaden am Schienbein, bey dem der Regimentsarzt vom Fußabnehmen zu reden anfing, zu Hause zu bleiben nöthigte, von dem Töchter-Dreyblatt, die vierte war bereits verheyrathet, unendlich viel Gutes gethan, welches meine Wiederherstellung sehr erleichterte, wenn ich sie nicht vielleicht ganz einer Salbe zu danken hatte, die sie mir gaben, und die ich in der Folge in meiner Hausapotheke zu vieler Besten aufgenommen habe.[112]

Mein General, der sich nicht durch Liebe zur wissenschaftlichen Cultur berühmt gemacht hat, ließ mich, sobald ich wieder ausgehen, aber noch keine damals hochnothwendige Stiefeletten anziehn konnte, verschiedenemale bey sich essen und kam endlich auf den Gedanken, mich zum Adjutanten der Werbungsgeschäfte annehmen zu wollen, woraus aber eines komischen Umstandes wegen nichts wurde. Ich mußte ein Paar Morgen bey ihm schreiben, er diktirte im Spazieren auf der Stube, wobey er beständig Caffee trank und aus einer kurzen großköpfigen Pfeife rauchte; als ich das Diktirte vorlas, war er mit dem Geschriebenen unzufrieden, und seine Aeußerung darüber im Regiment verdroß mich so, daß ich nicht allein der Adjutantur entsagte, sondern auch den Entschluß faßte, meinen Abschied zu nehmen, indem ich der ersten Entsagung wegen üble Folgen für mich im Wach- und Exercierleben besorgte, außerdem mir auch der militairische Stadtdienst höchst langweilig schien. Hätte man mir gleich anfangs den Schlüssel zu des Herrn Generals Diktirmethode gegeben, so wäre die Probe hoffentlich besser gerathen. Was er sagte, ließ sich[113] freylich nicht gut vorlesen, allein sein voriger Adjutant hatte jedesmal das Diktirte nach seiner eignen Weise zu Papier gebracht, und beym Vorlesen gaubten dann Se. Excellenz so diktirt zu haben. Ich hätte auch ohne avis au lecteur eben so klug seyn können, allein der Wille des Himmels war, daß ich zur völligen Bürgerlichkeit zurückkehren sollte, und ich erhielt meinen wiederholentlich gebetenen Abschied, aber ohne die mindeste Aussicht auf eine Civilversorgung, um die ich mich auch nicht eben sehr bekümmerte. Das Pensions- und Anstellungswesen war damals keinesweges in dem großen Flor, zu dem es in der folgenden Zeit gediehen oder ausgeartet ist, und sogar bey zunehmender Unvermögenheit des Staats immer reichlicher einzureißen scheint, obwohl aber nicht zur Verbesserung des Dienstgeistes, zu welcher es indessen bey sorgfältig unpartheyischer Verwaltung gewiß viel beytragen könnte.

Meine liebe, liebe Mutter war während des Krieges in Gumbinnen gestorben, und ob mein Erbtheil gleich nicht viel betrug, so hätt' ich doch bey meiner gewöhnlichen Art zu leben lange damit auskommen können. Meine Lage in Berlin war ganz[114] behaglich, die oberwähnten hülfreichen Häuser erlaubten mir fleißigen Zutritt, ich wohnte mit meinem Herzensfreunde L'Estocq in Einem Zimmer, wir sahen uns aber wenig anders, als beim Frühstück, weil er fleißig in der großen Welt tanzte und spielte. Mein Landsmann, der in Schlesien als Oberconsistorialrath gestorbene Krickende war damals Hofmeister bey dem durch viele erhebliche Werke noch jetzt rühmlich bekannten Probst Süsmilch, der ein weltbürgerlicher, gelehrter, äußerst humaner Mann und in Verbindung mit großen und kleinen Staatsmännern, besonders auch mit allen Gelehrten war. In diesem gastfreundlichen Hause lernt' ich auch Moses Mendelsohn kennen, dessen haarspaltende Philosophie und manche synagogische Gesinnungen mir aber nie haben behagen wollen. Krickende führte mich zu Ramler, der mir beym ersten Besuch verschiedene kleine Lieder von Weiße vortrefflich vorlas, dessen Schauspielvorlesungen mir aber so wenig gefielen, daß ich mich höchlich wunderte, als ich ihn unter Friedrich Wilhelm II. einem Engel bey dem theatralischen Bildungsgeschäfte zugesellt fand. Krickende, der bereits[115] ein beliebter Wochenschriftsteller war, und gar viel auf das Druckenlassen hielt, veranlaßte hauptsächlich 1764. die Herausgabe der von mir im Rausch väterlicher Liebe Herzenssprache der Kriegsmuse getauften, vom Bischoff Ramler bey der Firmelung aber freundschaftliche Poesien eines Soldaten benannten Gedichte, für die ich vom Verleger Biernstil zehn alte Friedrichd'or ungefodert, zu meiner gewiß nicht kleinen Freude bekam, und die 1793. bey la Garde ziemlich verändert nochmals aufgelegt sind.

Der Thiergarten befriedigte meinen Natur- und der häufige Umgang mit Ramler meinen Kunstgeschmack; die andern Berlinischen Schöngeister kannt ich nur dem Namen nach, oder blos von Angesicht, ausgenommen den am 2. Februar 1805. gestorbenen trefflichen J.W. Meil, den ich ungeachtet seines oft schneidenden Witzes sehr liebte, und bey dem ich immer bedauerte, daß die sorglose Frohsinnigkeit (Jovialität) dieses ächten Kunstgenies ihn zu einem Unfleiß verleitete, den selbst seine Liebe zum Wohlthun nicht zu überwinden vermochte. An Leichtigkeit der Erfindung und Handzeichnung[116] steht ihm meines Erachtens weit nach der Calenderberühmte Dan. Chodowiecki, den ich als er mich in Miniatur mahlte, zuerst kennen lernte. Wer schätzt nicht Meils charakteristische Zeichnungen in Engels jedem zu empfehlender Mimik? Meil hätte der deutsche Hogarth werden können, Chodowiecki war eigentlich nur im Gesichtsdistrikt ganz zu Hause. Manche Stunden hab ich Meil die fröhlichsten beißendsten Compositionen auf den Tisch mit Kreide zeichnen und leider wieder auswischen gesehen! Er schwelgte mit seinem Kopf. Wohl thut es mir, daß ich weiß, Meil habe meine lustige Wahrheitsliebe bis an sein Lebensende in freundschaftlichem Andenken behalten. Chodowiecki hat mich auf seinen Ritten nach der Vaterstadt Danzig dort einigemal besucht.

Noch muß ich ein Wörtchen von Madame Karschin sagen, der ihr schon erreichtes Alter und auch wohl ihre natürlich unvortheilhafte Gesichtsbildung erlaubten, ohne Verdachtserregung gegen ihre Tugend, zu jungen Männern auf die Stube zu kommen. Ich habe sie einigemal bey mir gesehen, auch einige Versbillets von ihr erhalten.[117] Schade, daß ihre poetische Natur nicht an mehr unpartheyische Erzieher kam, die ihr das, ihr freylich sehr glückende Stegreifisiren würden abgewöhnt haben. Sie war und blieb indessen doch ein ganz anderes Wesen, als der viel später erschienene sogenannte Naturdichter Hiller je werden wird und kann, wenn er auch vor allen deutschen Majestäten seine Reimziegel streichen und allen selbstgeflochtene Körbchen überreichen wollte. Welch ein Unterschied zwischen ihm und Bloomfield, Burns und dem Nachtwächter und lyrischen Dichter Eggers in Hamburg, über welchen das Morgenblatt für gebildete Stände No. 154. von 1810. einige Nachrichten geliefert hat.

Den Herbst und Winter bracht' ich bey einem Mutterbruder zu, der einige Meilen von Berlin Oberförster war, und lernte zum Schutz gegen Langeweile, wider die mich das Beywohnen der Schweinhetzen nicht genug gesichert hätte, Italiänisch. Von Jugend auf war ich kein Freund der Jagd, weil ich Jäger und Schlächter für Gewerksverwandte hielt. Woher mag es aber gekommen seyn, daß ich an den Schweinhetzen,[118] die etwas Grausames an sich haben und außer den Hunden auch selbst den Jägern, besonders bey einer Kurzsichtigkeit, wie die meinige, gefährlich werden können, ein solches Gefallen fand, daß ich keine versäumte, so ungern mich auch mein mich sehr liebender Oheim mitnahm?

Da ich schon bey andern Dingen wahrgenommen, wie das Anfangen beym Schweren eine Beschleunigung des Fortschreitens sey, so ward Petrarca mein erster Autor, zumal meine Seele merklich mit ihm sympathisirte. Von ihm ging ich zum Macchiavel, der unter den italienischen Prosaikern mein Liebling geblieben ist. In der Folge übersetzte ich seine Unterhaltungen über den Livius, die seine wahre Denkungsart doch so deutlich aussprechen, daß man sich wundern muß, wie man seinen Principe so schief hat nehmen können, hoffentlich aber nicht weiter nehmen wird, nachdem Fichte in seinem Aufsatz über Macchiavel als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Werken (im 1ten St. der Vesta 1807. S. 17. ff.), so wie Rehberg in dem seiner Uebersetzung vorgesetzten Vorbericht und Anmerkungen, besonders aber auch der[119] Recensent (Luden) dieser Uebersetzung in der Jenaischen Literatur Zeitung No. 11. 12. von 1810. sich seiner lebhaft angenommen und seinen Fürsten aus dem alten zweydeutigen Lichte gezogen haben20. Ingleichen übersetzte ich Guarinis treuen Schäfer, die alle beyde, Macchiavel 1776. Guarini 1773., gedruckt sind; welch ein Unterschied aber zwischen meiner Arbeit und den Proben, die A.W. Schlegel in die Urania Jahr 1812. einrücken lassen!!

Das viele Alleinseyn und das Lesen zärtlicher Dichter brachten in meinem, zu Gefühlverbindungen von je her hinneigenden Herzen das Korn der Liebe, das aus den Augen der dritten meiner Berlinschen Freundinnen in meine Seele gefallen war, zum Keimen, und ein gesundes gutes Land bringt solche Keime leicht zum Grünen und Blühen.[120]

Ich entschloß mich daher, mich den 5. Dec. 1763. zu verloben, und weil zum Unterhalten der Liebe auch Nahrung und Kleider etc. nöthig sind, so rieth man mir, dem damals in alle staatswirthschaftlichen Fächer eingreifenden Geheimen Finanzrath von Brenkenhoff die Aufwartung zu machen.

Im Brenkenhoffschen Vorzimmer wimmelte es von Hülfesuchenden, deren Lage und Benehmen ich so jämmerlich fand, daß ich ohne seine persönliche Erscheinung abzuwarten davon ging, und ihre Zahl nicht wieder vermehren half.21 Eine alte vielbedeutende[121] Gräfin K – wollte mir auf Fürsprache des Professor Formey eine Empfehlung an den alles vermögen den schlesischen Minister Schlaberndorf geben, doch sollt ich mich vorher bey ihr zur Schau einfinden, allein ich konnte mich zur Betretung aller dieser mir geebneten Wege schlechterdings nicht entschließen und ging daher ins Vaterland zurück, um mir eine Brodstelle zu schaffen. Einige Monate hielt ich mich bey meiner ältesten verheyratheten Schwester auf, die jüngste, die mir seltner nachgab und mir doch, wie ich ihr auch, sehr gut war, war längst an einer aufs Tanzen erfolgten Erkältung gestorben und auf dem Kirchhofe des guten Pfarrer Heroldt begraben.[122]

Nach dem den 29. October 1764. erfolgten Tode meines Vaters, der auch bey jener Schwester wohnte, seine eigne kleine Haushaltung trieb, mich in meiner neben der seinen liegenden Stube täglich ein paarmal besuchte, dann und wann mich an seinem Tisch essen ließ, höchst selten mit der Flinte ausging und neben einigen Geschichtsbüchern am fleißigsten in der großen Weimarschen Bibel las, sing ich meinen Civillauf bey der Königsbergschen Cammer als Sekretair Anno 1765. an, holte bald nachher meine Frau aus Berlin und wurde im April 1767. nach Gumbinnen als Kriegs- und Steuerrath mit einem für die Geschäfte reichlichen Gehalt von 400 Thalern gesetzt. Schon damals sah ich es ein, daß der Staat für die ihm geleistete Arbeit immer mehr bezahlt, als selbige werth, oder ein Particulier dem Privatleister dafür bezahlen würde.

Während meines Secretariatlebens in Königsberg von 1765–66. machte ich verschiedene Recensionen für die Kantersche gelehrte Zeitung. Die über Thümmels Wilhelmine war die erste; die meisten waren unbedeutend, aber oft desto wäliger (petulanter) und naseweiser, besonders wenn sich[123] die Fälle ereigneten, wie bey einer Gedichtsammlung, in der die Anfangsbuchstaben eines langen geistlichen Liedes sich lesen ließen: »Es lebe die Mamsel Rosentreterin.« In einer dieser Recensionen bracht ich die Nothwendigkeit, gehörig lesen zu lernen, welches man damals noch weit weniger als jetzt beachtete, zur Verwunderung meiner ältern Landsleute, die ihre ehemaligen Buchstabierstudien dadurch angetastet wähnten, in Anregung, auch rieth ich zum Gebrauch verschiedener Sylbenmaaße auf dem Theater, um das Sprechen nach dem Inhalt der Rede und dem Charakter, dem das damalige allgemeine Alexandrisiren äußerst nachtheilig war, zu erleichtern. Einmal ließ ich auch aus solchem Recensentenmuthwillen eine Parodie auf ein Paar Strophen einer Ode, in der ein junger Schöngeist den lyrischen Alp zu hoch hatte steigen lassen, einrücken, deren unvergeßne Frivolität mich in spätern Jahren so lebhaft gereut hat, daß ich zu ihrer Vergütung dem Gekränkten manche Dienste und Gefälligkeiten erwiesen, die er zu fordern nicht berechtigt, und ich sonst zu thun eben nicht bereit und willig gewesen wäre. Ueber einen von mir getadelten und[124] vom damals in Riga sich aufhaltenden Herder gut gefundnen Roman wär es beynah unter uns zur Fehde gekommen, hätte nicht der kältervernünftige Buchhändler Hartknoch, unser gemeinschaftlicher Freund, meinen ziemlich spöttischen Brief so human ausgelegt und commentirt, daß statt eines Streits, ein freundschaftlicher Briefwechsel unter uns entstand, der aber nur bis zu Herders Abreise von Riga währte.

Auch lernte ich in dieser Zeit Hippeln kennen, und obwohl von unsern wechselseitigen Verhältnissen im Schlichtegrollschen Nekrolog22 viel die Rede gewesen, so find ich doch einen kleinen Nachtrag nicht überflüßig.[125]

Denn da ich mit ihm mehr als mit irgend einem andern in freundschaftlicher Verbindung gestanden, da die Lateiner ihr noscitur ex socio, qui non cognoscitur ex se, die Franzosen ihr dis moi, que tu hante, et je te dirai, que tu es, und die Deutschen ihr: gleich und gleich gesellt sich gern, sprichwörtlich gebrauchen, da außerdem verschiedne andre meiner Freunde und Bekannten mehr als einmal ihr Befremden darüber geäußert, daß ich Hippeln nicht genauer gekannt und mich ihm ohne das mindeste Mistrauen ganz habe hingeben können, so führ' ich über diesen Punkt folgendes an:

1) wußt ich von seiner Jugendgeschichte nur das wenige, was er davon nur dann und wann selbst gegen mich äußerte, mithin nichts von dem, wodurch er schon in seinen akademischen Jahren Winke für die folgenden gegeben;

2) lebten wir von den vielen Jahren unserer Bekanntschaft nicht ein Fünftel, und auch dieses nur in großen Zeitintervallen, an Einem Orte zusammen, so, daß immer das mehreste auf unserm Briefwechsel beruhte, in welchem er stets gegen mich das größte[126] Vertrauen und eine fast leidenschaftliche Zuneigung äußerte;

3) war ich von der Fürtrefflichkeit seines Kopfes nicht allein durch seine Schriften, sondern auch durch sein schnelles und kluges Benehmen in manchen schwierigen Dienst- und Lebensfällen so überzeugt, daß ich ihm ganz unbedenklich eine gewisse Ueberlegenheit einräumte, die er auch so vorsichtig nutzte, daß er, wenn er ahnte, ich würde sein Herausnehmen merken, oder es ihm nicht gestatten, gleich davon abstand;

4) während der Tage oder auch Wochen, in denen ich bey ihm logierte, hatte er gewiß alles zu entfernen gesucht, was mir seine Denk- oder Handlungsweise hätte verdächtig machen können. Ich kam in keine Gesellschaft ohne ihn, und entwischten ihm Schwachheiten, so äußerte er auch immer sein eifriges Bestreben, sich davon los zu machen, oder suchte sie aus dem Unterschiede seiner schwarzen Haare gegen meine blonden zu erklären, und wußte seiner Sammelsucht, seiner Begierde zu herrschen und zu höhern Aemtern und Würden zu gelangen, einen rechtlichen Anstrich zu geben. Von seinem Hange zur sinnlichen Geschlechtsbefriedigung[127] war für mich in seinem Hause nichts zu merken;

5) lag von seinen wichtigsten Fehlern so wenig in meinem eignen Herzen, daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, sie bey ihm zu suchen: wie hätt' ich also bey meinem vieljährigen Zutrauen zu ihm, bey seinen gegen mich so lebhaft geäußerten Grundsätzen über Wahrheit, seine persönlichen Abweichungen argwöhnen sollen?

6) erlaubte mir der Antheil, den er an mir nahm, sein öfteres Eingehen in meine Ideen, das herzliche Erkennen mancher Gefälligkeit, die ich ihm zu erweisen Gelegenheit fand, nie den Gedanken an eine eigennützige Freundschaft von seiner Seite.


Der erste Verdachtsfunke gegen ihn sprühte aus einem Briefe hervor, den er mir aus Danzig über eine ganz unbefangen geäußerte Meinung vom weiblichen Geschlecht schrieb (im Vorbericht zu der 1792. gedruckten Aehrenlose vom Calenderfelde), wodurch er sein Autorschaftsgeheimniß des Buches über die bürgerliche Verbesserung der Weiber verrathen glaubte. Ob mir nun[128] gleich das diktirte Concept23 dieses Briefes, das ich nach seinem Tode unter meinen zurückerhaltenen Briefen fand, zeigt, wie sehr er es vor der Absendung selbst zu mildern nöthig erachtet, so schien selbiger mir doch so kopfübermüthig und herzungerecht, daß es mich viel Ueberwindung kostete, ihm kaltblütig zu antworten. Er muß indessen sein mir gethanes Unrecht so sehr eingesehen haben, daß er mich, gewiß nach der gewöhnlichen Art der Beleidiger, den Beleidigten zu hassen, nicht mehr so lieb gehabt, ja sogar eine Art Rache von meiner Seite besorgt hat, wie ich aus einem Vorfall, einige Monate vor seinem Tode, schließe, wo er mich einer mir ganz ungewöhnlichen Falschheit gegen ihn fähig hielt, deren Unwahrheit er bald hernach selbst einsah.

Kann es nun noch befremden, daß ich so lange an Hippel fest glaubte, bis mir nach seinem Tode andere ihre Erfahrungen über ihn mittheilten, und ich unter seinen Papieren eigenhändige Beweise fand, daß er nicht so mein Freund gewesen, als er mich versichert hatte? Im Leben war Er der[129] Einzige, der meiner Idee von Freundschaft und den Bedürfnissen meiner Geistes- und Herzenslaunen überall entsprach, und dessen Verlust mich noch weit mehr betrübt haben würde, wäre ich nicht überzeugt worden, daß er mir schon im Leben manches französische Assignat statt eines (bis zu unsrer Zeit 1810. höchst sichern) Pfandbriefes in Zahlung gegeben.

Als vor einiger Zeit der geheime Rath H. Jacobi durch den Staatsrath Nicolovius beym Oberconsistorialrath Borowsky und mir, als Hauptmaterialien-Lieferanten zur Hippelschen Biographie, über einige in letztrer vorkommende Aeußerungen Auskunft nachsuchte, schrieb ich unter den umständlichern Borowskyschen Aufsatz folgendes: »Ich weiß dem vorstehenden nichts beyzufügen, weil ich Hippels Alleinautorschaft nie bezweifelt, auch unter seinen nachgelassenen Papieren nichts gefunden habe, das nach einer fremden Hülfshand ausgesehen hätte. Hippels religiöse Aeußerungen schrieb ich aber nicht, wie Borowsky, seiner Phantasie, sondern seinen Leidenschaften zu, die ihn in allen seinen Handlungen leiteten, wenn gleich auf dem Vorhange, hinter welchem er spielte,[130] Bild und Ueberschrift ganz anders lauteten. Die Toleranz, die er gegen seinen eignen Verstand übte, verleitete ihn, so wie den ersten Kirchenvater St. Paul, vieles zu thun, was er eben nicht thun wollte. Seine frühste Leidenschaft war der Ehrgeiz, dem die Ueberzeugung vom Werth und von der Kraft seines Kopfes reichliche Nahrung gab: als ihn aber die Erfahrung belehrt, wie sehr der Reichthum dem Ehrgeiz die Befriedigungsmittel erleichtert, so wurd' er auch geldgeizig, und weil er über die Sittlichkeit des letztern mit seinem eignen Gewissen nicht recht fertig werden konnte, so suchte er seine Erwerbsucht fast noch mehr zu verheimlichen als seinen Hang zum Genuß körperlicher Wollust. Keine Leidenschaft mag aber die Vergütung des durch sie aktive oder passive angerichteten Schadens aus sich selbst hernehmen und sich etwas entziehen, sondern greift lieber zu einem außer ihrem eignen Gebiet liegenden Befriedigungsmittel, und so griff denn auch Hippel zur Religiosität und stürzte sich in eine Andachtsbrandung, die der Leser um das Eyland seiner Schriften schäumen sieht.«[131]

Wer die Gedanken so fein auszuspinnen und abzuhaspeln versteht, wie der geheime Rath Herr Jacobi, wird sich alles selbst deutlich erklären und nun nicht weiter Widersprüche zwischen Hippels Schriften und den Aeußerungen seiner Freunde über ihn finden. Kein Autor ist, glaub ich, klüger wie sein Buch, aber oft viel besser oder schlechter Ganz unerklärlich bleibt mir aber der Umstand, warum Hippel in seiner vielwöchentlichen Krankheit, von der er zu genesen nicht hoffen konnte, nicht die Papiere vernichtet, die wider seine Lebenswerke zeugten, und deren Durchsicht von vielen Augen zu erwarten war? Sollte seine excentrische Theorie über Wahrheit ihn dazu bewogen haben, damit ihr wenigstens nach seinem Tode das Recht wiederführe, daß er ihr im Leben zu lassen nicht Kraft genug gehabt hatte? Eine vernünftigere und edlere Ursache dieser Unterlassung und Hingebung weiß ich mir nicht zu denken, und bin daher aus fortdaurender Anhänglichkeit an diesen merkwürdigen Todten geneigt, sie für wahr zu halten. Ein recht böser Mensch hätte alles irgend Verdächtige bey Seite geschafft, um seinen Ruhmnimbus nicht bleicher werden zu lassen. Daß[132] man doch aber nur ja nicht glaube, ich hätte aus gleichem Beweggrunde die meisten meiner Papiere verbrannt – ich habe dieses Avto da Fe blos gehalten ihrer Unbedeutsamkeit wegen, und weil manches vielleicht unbehaglich gewesen wäre einem dritten, wenn es auch ein vierter zu lesen bekommen hätte. Erwachte Hippel, wie einst Epimenides, wie würde ihm zu Muth werden, wenn er erführe, sein ehemals mit fast übertriebener Sorgfalt, oft spitzfindigsymbolisch eingerichtetes und aufgeschmücktes Haus sey zuerst in die Hände eines Mannes gefallen, der nicht zu seinen Lieblingen gehörte, und von diesem mit großem Vortheil zum Posthause verkauft worden – wenn er sähe, wie die zum letztern Behuf nöthigen Einrichtungen alle seine Anlagen von der Dachspitze an bis zum Fundamentgewölbe zerstört – besonders aber, wenn er sähe, wie seine angeblich zum Theil male parta schon wirkliche male dilapsa sunt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .[133] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Könnte man es ihm verdenken, wenn er . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – in sein immer mehr verfallendes Monument auf dem Kirchhofe vor dem Steindammerthor zurückeilte?

Von meinem beynah dreyjährigen Aufenthalt in Gumbinnen hab ich weiter nichts zu sagen, als daß ich daselbst zwey damals noch ungewöhnliche Dinge unternahm. 1) Die Stiftung einer kleinen Lesebibliothek, die aber wegen der Lesantipathie der mehresten Theilnehmer nicht viel über ein Jahr währte. 2) Die Einrichtung einer Gesellschaft zum Vorlesen deutscher Dichter und Erzähler, die aber nur wenige male zusammen kam, weil die zum Gesetz gemachte Stille während der Vorlesung einer zu stark ans Reden gewöhnten Dame, im Crispus von Weiße eine Ohnmacht zuzog, wodurch beynah alles Lesen in den Verdacht einer Entkräftung oder Ueberspannung gekommen[134] wäre. Alle diese Umstände mögen sich aber seitdem zum Vortheil der Gumbinnenschen Einwohner verändert haben.

Zur Ausfüllung meiner Muße fing ich an, Guicciardini Historia d'Italia zu übersetzen, sandte nach der Vollendung der ersten sechs Bücher 1769. das erste an den Hofrath Gatterer nach Göttingen, dessen Antwort auf meinen anonymen Brief, im 10ten Stück seiner historischen Bibliothek, sehr aufmunternd war. Seinem zweyten der Sache näher tretenden Schreiben war ein Diplom zur Ehrenmitgliedschaft des historischen Instituts beygelegt, worauf ich Guicciardinis Leben ausarbeitete. Da aber die Abschrift von letzterm, vermuthlich auf der Post nach Göttingen, verloren gegangen, und das 2te Buch der Uebersetzung mir, Gott weiß wie, von Händen kam, so blieb alles unfortgesetzt liegen, und wurden blos die Nachrichten vom Leben Guicciardinis im 5ten Stück vom Woltmanns Geschichte und Politik 1802. abgedruckt.

In den Jahren 1765–69. correspondirte ich mit dem damals in Thorn lebenden Dichter Willamov, den ich noch von der Akademie her kannte, und dem Herder,[135] der sich damals durch seine Fragmente über die deutsche Literatur bekannt machte, in diesen bey der Dithyramben-Beurtheilung (Herders Werke zur schönen Literatur und Kunst 2r Bd. S. 87.) manches zu viel gethan hat. Willamov ging in der Folge nach Petersburg, wo seine Familie auch geblieben ist, und einige davon im Erziehungsfach vortheilhaft gebraucht sind. Seine Schriften sind gewiß zu bald außer Cours gekommen.

Herders Schriften hab ich jederzeit mit großem Vergnügen gelesen, ob sie mir gleich beynah alle wie Körbe vorgekommen sind, in denen Leckerfrüchte und Backwerk unter Blumen, schön für Augen, Geruch und Geschmack vorgesetzt werden, aber unbefriedigend für einen ächtnahrhafte Speise suchenden Magen. Er behandelte alles poetisch, oft zu poetisch, weil seine ganze Natur in Poesie lebte, webte und war. In seinen Aufsätzen wimmelt es von feinen trefflichen Gedanken und Bemerkungen, denen man es aber oft ansieht, daß sie eben nicht Kinder der legalen Meditation, sondern der augenblicklichen Stimmung sind, die Aufschlüsse und Befriedigung hoffen lassen, oft aber sie[136] nicht geben, wodurch der anfänglich geduldige Leser unwillig gemacht wird. Herder hätte manche Abhandlung gar nicht schreiben sollen, weil er theils über ihren Gegenstand keinen wahren Aufschluß geben konnte, theils nicht geben wollte. Solch Hinhalten von Seiten des Schriftstellers find ich ungerecht und undankbar; der Schaum des Champagners und die Sternchen des Burgunders sind eine schöne Sache, aber der Durstige will trinken.

Diese meine individuelle Aeußerung über Herder hat mich indessen nicht gehindert, die Ergießungen über Herders sämmtliche Werke im 4ten und 5ten Heft der Heidelbergschen Jahrbücher von 1812, schön und hinreißend geschrieben, vieles in ihnen wahr zu finden, und sie mit Vergnügen zu lesen, wenn gleich mein alter Kopf manchmal dabey so schwindelte, wie beym Lesen von Baggesens Ersteigung des Strasburger Münsters. Wird mir aber Herr C.J. W – n das Geständniß verzeihen, daß ich solche lyrische Kritiken und Darstellungen nicht geeignet finde, viel zum richtigen Urtheil über einen Schriftsteller beytragen zu können, indem sie die Erwartungen dessen, der seine[137] Werke noch nicht gelesen hat, zu hoch spannen, den noch nicht ganz sichern Geschmack irre führen oder beunruhigen, und dem schon befestigten manchmal anstößig werden, wenn seine Erfahrungen ihm andere Resultate geliefert haben, die dann ihn, der in ihrer Zustimmung ein befriedigendes Zeugniß für die Richtigkeit seines Urtheils suchte, veranlassen können, den Kritikus für exaltirt, oder partheyisch zu halten?

Herders Bemerkungen über den καλος κὰγαϑος erinnern mich an den Eindruck, den die Idee eines griechischen καλος κὰγαϑος auf mich gemacht, und wie sie in mir, ohne eben das principibus viris placuisse non ultima laus est zu denken, den Wunsch erregt, ein solcher zu werden. Mir scheint in ihr das Ideal der brittischen Gentlemannschaft zu liegen.24[138]

Uebrigens ging ich den gewöhnlichen Dienstgang, auf dem vor dreyßig und einigen Jahren selten einer den andern vorzulaufen, oder längre Tagreisen zu machen[139] suchte, jetzt aber nach merklich erhöhten Gehalten und Titeln mehr laute Regsamkeit herrscht, indem man in den meisten Händen Reisecharten und staatswirthschaftliche Apparate sieht, ob man gleich doch manchmal bezweifeln möchte, daß der neueingekehrte Geist ganz engelhafter Natur sey, und nicht auch Spuren des betrübten Sündenfalls an sich habe. Wenigstens sieht man auch jetzt noch große Mittel und oft kleine Effekte und fordert zwar von Dingen und Personen weit mehr, als sonst, läßt sich aber auch mit ehemaligem Wenigerleisten abfinden. Ich gehöre indessen doch zu den an das Besserwerden Glaubenden, und lasse mich durch nichts, am wenigsten durch das, was Gorgias-Müller in seinen Elementen[140] der Staatskunst darüber gesagt, gekünstelt, gewitzelt, geschmeichelt und sophistisirt hat, von diesem seligmachenden Glauben abwendig machen. Denn meiner Meinung nach hat letzterer seinen Schriftstellerballon mit Ideengas gefüllt und spricht aus seiner Vorlesungsgondel herab von manchen Dingen, die er zwar in seiner Luftregion gehört und gesehen haben mag, die aber für die Erde nicht recht passen, weil Luft und Erde nicht Einer Art sind, und durch genialische Künsteleyen sich nicht vereinigen lassen.25

Die zehn Städte meines steuerräthlichen Kreises bereiste ich jährlich zweymal, und habe Beweise, daß ich dort immer in gutem Andenken geblieben bin, so wenig ich auch von dem beabsichtigten Guten für sie auszurichten vermochte.

Der damalige Präsident der litthauschen und königsbergschen Kammer war ein Mann von offnem Kopf, hatte sich vom Domainenamtmann[141] zu seinem hohen Posten durch Wirthschaftskenntnisse, nach damaliger Art, aufgeschwungen; Friedrich II., der ihn von kronprinzlicher Zeit her kannte, in der er ihm das vom König Friedrich Wilhelm I. ihm angewiesene Stutamt in Trakehnen sorgfältig verwaltete, hielt viel auf ihn und war ihm gewiß auch viel schuldig für die Dienste, die er ihm und dem Lande in den russischen Kriegsjahren geleistet; zwar soll er dabey auch manchen Goldfaden sich und seinen Verwandten zu gut gesponnen haben, allein bey der Aussicht nach Siberien hätte gewiß ein schwächrer Patriot, vielleicht sogar mancher starke, unter einer Obrigkeit, die Gewalt über ihn hatte, nichts gewagt für den Vortheil eines Königes, der im Kriege mit mehr als halb Europa begriffen war und in Gefahr stand, sein Königreich zu verlieren. Dieser Mann war gewohnt alles nach seinem Sinn zu regieren, und ich hatte doch auch den meinigen, der mir manche Verdrießlichkeiten mehr würde zugezogen haben, wenn ich nicht eine unbiegsame Rechtlichkeit in allen meinen Diensthandlungen bewiesen, und diese immer zum Panier hätte brauchen können.[142]

Bey dem damaligen Kammerjustitiario, der ein großer Rechtstheoretiker war und sehr emphatisch und weitläuftig vortrug, stand ich in schlechten Gnaden, theils weil ich mit meinen Jusresten ihm bisweilen unvermuthet in den Weg trat, theils ihm manchmal sein Biegen um die Ecke nach einem Nebengäschen abmerkte und ihn dann durch treffende Erinnerungen in die rechte große Straße zurückrief, wodurch aber oft sein schön ausgearbeitetes Votum der andern Ueberzeugung des Collegii aufgeopfert werden mußte.

Als 1770. das Geschrey von einer Pest in Podolien die Einrichtung eines Cordons und verschiedener Quarantänestätten veranlaßte, ward ich zur Mitbearbeitung dieses Geschäftes nach Königsberg deputirt, wo mir zu viel Zeit übrig geblieben wäre, wenn mir nicht der Tisch des Präsidenten, zu dem ich täglich in guter Gesellschaft eingeladen wurde, beynah drey Stunden gekostet hätte, obgleich ich meinen Wein oft ungetrunken stehen lassen mußte, um nicht einen Lebensartschnitzer bey dem nach Stand und Würden jedesmal vorzunehmenden fatalen Gesundheittrinken zu begehen. Wie war[143] es möglich, daß vernünftige Menschen jahrelang eine so alberne Sitte beybehalten konnten, die einen nöthigte, einen andern bey Stand und Namen aufzurufen, um einem zuzusehen, wenn er trinkt!

Eine wichtigere Zeitkürzung in dieser Zeit schaffte mir aber der fast tägliche Besuch des untermittelmäßigen Schauspiels und der Umstand, daß ich auch zu andern Arbeiten und Vorträgen gezogen wurde, ob der Präsident gleich fortfuhr, nicht begreifen zu wollen, oder mir wenigstens nicht eingestand, daß die Pflicht eines Rathes mit darin bestehe, dem Präsidenten nicht seine Meinung aus den Augen zu lesen und die seinige diesem Augenresponso nach zu buchstabieren. Ich arbeitete stets nach meinem besten Wissen und Gewissen, überließ es aber meinen Vorgesetzten geduldig, meine Meinung nicht anzunehmen, wobey sie sich aber bisweilen sehr schlecht befanden.

Im April 1771. ward ich ganz in die königsbergsche Kammer versetzt, um neben einem neuen steuerräthlichen Kreise auch die Sachen der sämmtlichen Ostpreußischen kleinen Städte zu bearbeiten, so daß ich also zwey sonst von einander geschiedne Aemter,[144] doch nur für das Gehalt von Einem, zu besorgen hatte.

Durch die Loge kam ich in nähern Umgang mit dem nunmehr Darmstädtischen Oberhofprediger Stark, den seine maurerischen Kriege bekannt gemacht haben, der aber gewiß nicht 1/4 des Bösen an sich hatte, dessen ihn die kritischen Parforcejäger beschuldigten. Er wollte seine in Paris angestellten Untersuchungen über das weltliche und geistliche Tempelherrenwesen, und das Sammeln mancher dazu gehörigen Nachrichten nicht umsonst betrieben haben, füllte daher manche wahrgenommene Lücke mit Traditionen und eignen Zusätzen aus, amalgamirte seine Species mit dem Freymaurereyteige, und suchte so dieses Gebäksel geltend zu machen und ihm möglichst viele Abnahme zu schaffen. Mysterienliebhaber fanden Geschmack daran und ihr Glaube an seine Aeußerungen verhalf ihm zu einer Wichtigkeit, die er vielleicht ohne ihre Ergebung nicht würde angenommen haben. Im Grund war auf seiner Seite mehr leichter Sinn und ein durch schnellen Uebergang von seiner armen Magisterschaft zu einer sehr bedeutenden kirchlichen Würde aufgeregter Stolz, als wirklicher böser Wille,[145] oder Absicht die Seelen gefangen zu nehmen, oder gar sie römischkirchlich zu machen. – Ich habe manche angenehme Stunde mit ihm verlebt.

Während dieses Aufenthalts in Königsberg rieth mir ein des Berlinschen Terrains kundiger Freund, mich an den damals sehr viel geltenden Minister Hagen auf eine gute Art zu wenden, und da ich in diesem Stück dem Horaz gleich (Libr. IV. Od. 8. ad Censorinum) nichts als Verse, obgleich nicht diesem muneri pretium dicere konnte, so macht ich ein Gedicht auf ihn, welches aber schön abgedruckt und gebunden ankam, als er alle seine Titel und Orden abzulegen im Begriff stand, und das mir einige Jahre später einen unangenehmen Spuck machte; denn als mich nach H – Tode oberwähnter Buchhändler Kanter um ein Gedicht auf den Cammerpräsidenten v. D – zur Einrückung in seine gelehrte Zeitung am Neujahr 1772 bat, gab ich ihm, nach kleinen Abänderungen, das ohne Wirkung gebliebene Gedicht, das wir in Berlin längst vernichtet glaubten. Allein 14 Tage nach dem hiesigen Abdruck, der sehr wohl aufgenommen war, erschien auf der ersten Seite der Berliner Zeitung[146] eine Erklärung des Staatsministers von Derschau, der des Herrn v.H. Freund gewesen, aber den Präsidenten v.D. nicht liebte: »daß ein leichtsinniger Kopf es gewagt habe, sich mit fremden Federn zu schmücken, und das Gedicht auf den verstorbenen großen Staatsmann v.H. – auf den Präsident v.D. – anzuwenden.« Dieser komische Fall machte viel Gerede in der Stadt, dem C. Pr. aber wenig Vergnügen, wurde indessen durch eine gutersonnene Entschuldigung wieder ins Geschick gebracht, vom C. Pr. aber nicht vergessen, und konnte ich gleich in der Folge einmal mit dem Minister v. D – über diesen seinen Ehrenrettungsschuß lachen, so hatt' ich doch dafür manches leiden müssen.

Cordon und Quarantaine lößten sich 1772 in die Besitznahme von Westpreußen auf, und obgleich ich damals mich nur kurz vorher in Königsberg eingerichtet hatte, auch sonst sehr gute Aussichten zu meiner Gehaltsverbesserung vor mir lagen, so mußt' ich doch abermals meinen Wohnsitz ändern, und unter dem schmeichelhaften Vorwande von vorzüglicher Rechtschaffenheit und Dienstkenntniß nach Marienwerder wandern, wo[147] ich zwar ein größres Gehalt, aber auch durch die neuen Einrichtungen so viel Arbeit bekam, daß ich fast 3 Jahre hindurch beinah kein Buch in die Hand nehmen konnte, aber wohl die mehresten Tage von früh Morgens bis zum Schlafengehen Akten machen und lesen mußte, übrigens mit meinen, größtentheils anders gesinnten und gemütheten Collegen26 im gutem Vernehmen lebte,[148] bis auf 2 Fehden im Collegio. Die erste mit dem Oberforstmeister Baron v.S. – der einen Unterbedienten, der verschiednes Betrugs schuldig war, alles aber ableugnete, bey meinem Vortrage eines abermaligen falsi in Schutz nahm, und bey meiner Frage, ob er denn den unangewiesenen Holzverkäufer der Jägernatur zuwider für einen Evangelisten halte? in solchen Streiteifer gerieth, daß er aus der Session ins Krankenbett gehen mußte. Wir wurden aber bald wieder gute Freunde, nachdem er seinen[149] Schützling auf einer groben Lüge selbst ertappt hatte. Die zweyte bestand ich gegen den Präsidenten v.B. , der es sich erlaubt hatte, mein mit Zustimmung des Collegii abgefaßtes Decret heimlich abzuändern und es zur Unterschrift unter andre Expeditionen legen zu lassen. Ich entdeckte dieses, warnte meine Collegen, und da Herr v.B. – so dreust war, die Sache nochmals zur Sprache zu bringen, wurde meine Gegenrede so gut unterstützt, daß es bey meinem Decret verbleiben mußte. Nicht lange darnach wurde er vom zur Revue gekommenen Könige seines Dienstes ungebeten entlassen, doch ohne Pension, die er zu unsrer Zeit gewiß eben so erhalten haben würde, wie der jetzt schon verstorbne Präsident von R. – die seinige erhielt.

Ich würde diese beyden Dienstaktionen nicht angeführt haben, wenn ich nicht wünschte, daß meine etwanigen Dienstleser dadurch sich möchten warnen lassen, in ähnlichen Fällen weniger spöttisch und weniger beschämend zu verfahren, der Wahrheit hätte doch ihr Recht bleiben und es ihr nur auf einem mildern Wege geschafft werden können und sollen.[150]

Da König Friedrich selbst der eigentliche Oberpräsident der Marienwerderschen Kammer war, obgleich Herr von Domhardt diesen Titel führte, so ging alles einen sehr raschen Schritt, kurze Berichte, immer nur auf Einer Folioseite, und prompte Bescheide, mehrentheils mit umlaufender Post. Beym Jahresschluß mußten ihm jedesmal zehntausend blanke rändige Ducaten geschickt werden, für die er der Kammer eine Art von Dank sagte, als ob sie ihm geschenkt würden. Vielleicht wäre alles weit besser gegangen, wenn man nicht, meines vielfältigen Widerrathens ungeachtet, diesem großdenkenden Könige anfangs nur kleine Unwahrheiten vorgebracht hätte, die aber nach Art aller Lügen immer zunehmen mußten, und am Ende dem Hauptfabrikanten sogar persönliches Unglück zuzogen. Das Täuschen ist nirgends gut und im Dienst veranlaßt es jedesmal eine Untreue, die ihren eigenen Herrn schlägt. Fürsten, denen nicht die reine Wahrheit gesagt wird, verfallen in manche Fehler über die sie nachher von denen am meisten verleumdet werden, die doch dadurch, daß sie Diensttäuschungen gegen ihre Regenten ausgeübt, selbige zuerst auf unrechte[151] Wege brachten. Friedrichs Mistrauen gegen alle Vorschläge, besonders die Geld erfodernden, rührte vorzüglich daher, daß sich die Collegia durch seine Cabinetsbefehle von den Vorschlägen manches abdingen ließen, ob sie gleich hernach das Deficit auf andern, für die Unterthanen weit lästigern Wegen beyschaffen mußten. Ich habe aber Fälle selbst erlebt, wo der König, wenn fest auf der Nothwendigkeit der Vorschlagskosten bestanden wurde, sie bey der dritten oder vierten Forderung doch bewilligte – man hätte dieses immer thun sollen, und thut es leider auch jetzo noch nicht – Es ließe sich aus solcher Nachgiebigkeit die Gewohnheit der Baubetrügereyen ableiten.

Nachdem der König alle Grundsteine, unter denen freylich manche dem Verwittern sehr unterworfen, mit Pises und Lehmpatzen vermischt waren, die das Prüfungs-Feuer und-Wasser der Zeit nicht auszuhalten vermochten, gelegt zu haben glaubte, übergab er auch diese Kammer der gewöhnlichen Aufsicht des Generaldirektorii. Die Schreibseligkeit dieser Oberinstanz wurde meiner Werklust nunmehr so unangenehm, daß ich mir vornahm, dem Dienst zu entsagen,[152] so sehr auch meine Vorgesetzten und Amtsbrüder dagegen stimmten. Vielleicht wär ich auch bey der Aktenhechsellade geblieben, allein zur Steuer der Wahrheit muß ich bekennen, daß es mich heimlich verdroß, den Departementsminister und Präsidenten meinen Wunsch, in die damalige Pepiniere des Generaldirektorii zu kommen, auf die lange Bank schieben zu sehen. Auf diesem Wege hatten andere, mit denen ich mich wohl messen konnte, glückliche Dienstfortschritte gemacht. Ich hoffte aber durch diese Anstellung vielleicht sogar Gelegenheit zu bekommen, Kabinetsrath zu werden. Das, was ich die Kabinetsräthe unter dem eigenwilligen, höchstklugen Friedrich ausrichten gesehen, hatte mir die Wichtigkeit und das Interessante dieser Funktion so anschaulich gemacht, daß ich immer der Meinung geblieben bin, ein Kabinetsrath sey eine sehr bedeutende Person und könne durch unerschütterliche Wahrheitsliebe und Uneigennützigkeit viel Herrliches ausrichten, durch Cabale, Ehr- und Vermögenssucht aber auch des Elendes sehr viel stiften. Es befremdete mich daher nicht im mindesten, als ich die Minister unter dem jetzigen Könige so eifrig[153] auf die Wegschaffung des Kabinets losarbeiten sah, wenn ich gleich aufrichtig bekennen muß, daß es in einer monarchischen Regierung nicht entbehrt werden könne, und bey weitem auch nicht so gefährlich oder schädlich ist, wie manche andre schön angestrichne Einrichtung.

Die zweyte Ursache meines Abdankungsentschlusses lag in meinem Herzen, daß mir einen Jugendstreich gespielt hatte, dessen unangenehme Folgen für meine Häuslichkeit ich nicht anders entgehen konnte, als durch Entfernung von seiner Quelle.

Drittens überfiel mich um die Zeit, als ich mich mit der Abschiedsidee recht vertraut zu machen suchte, eine Krankheit, die mich 3 Tage so zu sagen in den Armen des Todes hielt, und 3 Monat zu Verlassung des Zimmers unfähig, desto empfindlicher und sehnsüchtiger aber nach Ausspannung aus jedem Lebensjoche machte.

Viertens hatte der Fuß, auf dem ich lebte, mein kleines Vermögen so sehr geschmälert, daß ich bey der Dienstfortsetzung Gefahr lief, ganz arm zu werden und dann aus wahrer Noth dienen zu müssen, welches für mich von jeher eine, auch nur zu denken,[154] schauderhafte Lage war, in die zu gerathen, jeder etwas bemittelte Mensch vorzüglich sich hüten muß und kann.

Man wird auf dieses No. 4. sagen: ich hätte mich einschränken sollen, allein ich hatte bereits, ohne es im Montaigne (IV. B. 3. Cap.) gelesen zu haben, erfahren, »daß man seine Leute vielleicht besser bey Tisch, als bey wichtigen Berathschlagungen entdecke,« und daß sich oft durch ein Tischgespräch mehr gewinnen und machen lasse, als beym bündigsten Vortrage an der förmlichen Conferenztafel und durch die trefflichste Relation, ja daß man in Europa so gut wie in Arabien einen mit ganz andern Augen ansieht, mit dem man freundlich zu Tische gesessen, und war schon damals der Meinung, daß der Staat die vornehmen Dienstleute, die doch selten viel, und noch seltener die unangenehmen Dienstparthien, bearbeiten, blos darum so reichlich besoldet, damit sie eine gute Tafel halten, und dabey Gelegenheit nehmen sollen, ihre Untergebnen anders und näher kennen zu lernen, als es in den Collegien geschehen kann. Wie ganz anders aber die großen Herren darüber denken, wird jeden wohl seine Ortserfahrung lehren.[155] Der verstorbene Oberpräsident von D. schien hierüber meiner Meinung zu seyn, wenigstens legte er von seiner Diensteinnahme nichts bey, noch verwandt' er es auf Prachthausgeräthschaften. Auch hat der Staatsminister von Zedlitz dieses Hausmittel nicht unbenutzt gelassen.

Was mich in meinem Dienstentsagungsvorsatz sehr bestärkte und seine Ausführung beschleunigte war fünftens folgender Umstand.

Die Kammer, die für ihre und die Justitzofficianten in dem kleinen und noch mit einer Dragonerschwadron bequartierten Marienwerder nicht das allernothwendigste Unterkommen schaffen konnte, bat den König, die Garnison in eine andre nah gelegene Stadt zu verlegen, der eine militairische Bevölkerung nicht lästig, sondern eher vortheilhaft gewesen wäre. Es erschien darauf eine abschlägige Kabinetsordre, der der König eine äußerst harte, ungerechte und ehrbeleidigende Nachschrift eigenhändig beygefügt hatte. Der Kammerdirektor ließ selbige sofort unter den Räthen umlaufen, um den Tag darauf desto reiflicher etwas beschließen zu können. Als das Votiren an mich kam, las ich dem Collegio[156] eine von mir aufgesetzte Antwort vor, in der ich dem Könige in den allerbescheidensten Ausdrücken sagte, daß, wenn ihm an Einem Dragoner mehr, als an zehn Kriegsräthen gelegen wäre, er letztere abschaffen, wenn aber eine ganz unpartheyische Untersuchung ihn von der Unbilligkeit seines Vorurtheils überzeugte, er den Kriegsräthen eine Ehrenerklärung thun möchte, indem Militair- und Civilehre einerley Empfindlichkeit hätten, und wir versichert wären, daß Se. Königl. Majestät eine ähnliche Kränkung der Soldatenehre sehr dienstschädlich finden würden. Ob ich nun gleich alles anwandte, meinen Aufsatz annehmbar zu machen, so wurd' ich doch abgestimmt, und als ich mich erbot, dem Könige alles dieses auf meine eigne Hand zu sagen und ihn zugleich um meinen Abschied zu bitten, zu dem ich mich doch schon, auch ohne diesen Vorfall, entschlossen hätte, so mußt' ich dem Direktor im Beyseyn aller Räthe mit Hand und Mund versprechen, es nicht zu thun, sondern es ihm und dem Oberpräsidenten zu überlassen, das nöthige darauf dem Könige zu erwiedern, um das ich mich nun nicht weiter bekümmerte, und worauf von ihnen[157] weiter nichts geschehen ist; woran sie sehr unrecht thaten, weil ein Landescollegium sich schlechterdings nicht muß von seinem Landesherrn beschimpfen lassen, der eignen Ehre des Fürsten selbst wegen.

Mich verdroß indessen dieser Vorfall so sehr, daß ich dem Könige diese offenbare Sünde wider die Herrscherkunst nie habe vergessen können. Der Grund der Uebereilung des Königs lag vermuthlich in dem Whim, durchaus nichts in Soldatensachen zu thun, was von Civilisten vorgeschlagen wurde. Mir sind Fälle bekannt, wo er die billigsten und dem Militair äußerst vortheilhaften, ja von letzterm selbst gemachten Anträge mit Bitterkeit und Unwillen von sich wieß, weil sie von einer Civilbehörde veranlaßt worden. Die Fürsten glauben nicht, wie sehr sie durch Beleidigung der Privatehre, besonders ihren Dicasterien, schaden. Durch solche Uebereilungen reißen sie dem Dienstadler die zum hohen und ausdaurenden Geschäftsfluge nothwendigen Federn aus, die manchem gar nicht wieder nachwachsen. Für schlecht gehalten werden, hat schon manchen schlecht gemacht, der von Natur nicht schlecht war.[158]

Mit aller Unbefangenheit bat ich nun den König um meinen Abschied27 und eine kleine Pension28 von 200 Thlrn., zu der ich einen Fond aus einigen Westpreußischen Kämmereyen, um die ich mich wahrlich verdient gemacht hatte, mithin aus keiner die königlichen Cassen angehenden Quelle, vorschlug. Da ich aber die damals ganz ungewöhnliche Dreustigkeit gehabt hatte, selbst an den König ohne Berührung einer Ministerstation zu schreiben, so verwarf man in dem über mein Gesuch vom Cabinet geforderten Bericht meinen sehr natürlichen Pensionsvorschlag, und erwähnte eines andern Fonds, von dem man zum voraus hätte wissen können, daß ihn der König nicht genehmigen würde, weil er zum Militairetat gehörte. Nach dem Schreiben des Ministers von M. an mich vom 15. Febr. hatten Se. Majestät auf den[159] Rand des Berichts eigenhändig geschrieben: »weil noch sehr viele Officiere unversorgt sind, kann die Reihe noch nicht an die Kriegsräthe kommen,« die Friedrich nicht liebte, ob darum, weil er dereinst unter ihnen in Cüstrin hatte sitzen müssen, oder weil ars non habet osorem, nisi ignorantem. Die eigentlichen Marginalworte lauten aber nach einer diplomatisch genauen Abschrift wie folget.


Mihr Müste der Teufel plagen, das ich en Kriegsrath Pension gebe, da noch So vihl brav Officiers ohne versorgt Syndt. Die 200 Thlr. wehre einem Invaliden Officier zu verm.

Fr29
[160]

Mein vom Könige selbst vollzogener Abschied erfolgte unter dem Datum vom 9. Febr. 1775. also ohne Pension, und ich zog, nachdem ich mit meiner interessanten Sammlung[161] von mancherley Nachrichten dem Collegio ein in der Folge wenig benutztes und zuletzt ganz verloren gegangenes Geschenk gemacht, am Aschermittwoch desselben Jahres aus[162] Marienwerder, mir selbst mit einer Einnahme von noch nicht 300 Thlr. überlassen, aber in dem, noch jetzt beybehaltenen Glauben, daß im sustine et abstine die wahre Lebensweisheit[163] und Befriedigung für alle Alter und Stände liegt.

Zu meinen Marienwerderschen rebus gestis gehört noch, daß ich im Herbst 1774. einige Honoratioren bewog, die Schuchsche Schauspielergesellschaft aus Danzig auf 12 Vorstellungen kommen zu lassen. Die Abonnenten bekamen für die der Prinzipalin bewilligten hundert Dukaten Parterrebillets, und ihr blieb die übrige Einnahme von allen Fremden. Man eröffnete die Bühne mit Goldonis Lügner, schloß sie mit Weißens Julie und Romeo, und ich setzte zum erstern den Prolog und zum letztern den Epilog30 auf. Die mit ihrer Receptur und ganz freundlichen Behandlung sehr zufriedenen männlichen und weiblichen Theatergenossen hätten daher gerne noch 12 Stücke aufgeführt. Bey kleinen Abendgesellschaften, wo Critik unter Wein und Gesang gemischt wurde, lernt ich einen Schauspieler Schmidt kennen, der den Romeo ziemlich gut, den Cumberlandschen Westindier trefflich und den Goldonischen Lügner meistermäßig spielte. Dieser hat mich nachher fleißig in Danzig besucht, wo er mir, ganz zu meiner[164] Befriedigung, deutsch und französisch vorgelesen hat, ohne davon zu ermüden. Als ich einst in Königsberg ein fleißiger Schauspielgänger war, hab ich mir manche Lust an den Vorstellungen dadurch verdorben, daß ich mit meinem Augenglase gar zu genau das Mienenspiel der Comödianten, besonders auch wenn sie nicht mitsprachen, beobachtete, und ihnen, in mir selbst, alles nachsprach, mich aber über jeden ungetroffenen Ton und jede nicht zusprechende Stellung oder Gebärde heimlich ärgerte. – Um mir diese Aergerniß zu ersparen, bin ich während meines nachherigen spätern Aufenthalts in Königsberg nur wenige Male im Schauspiel gewesen, so daß ich das neue Haus, als es abbrannte, gar nicht gesehen hatte, und auch das nach aller Zeugniß sowohl gerathene wiederhergestellte Gebäude nur um das Spiel der Bethman und Schütz31 zu sehen, einige Male besucht habe.[165]

Kurz vor meinem Abzuge von Marienwerder half ich auch noch den Kirchenbesuch befördern, indem ich für die Officianten, die dort zwar zu stimmen, aber nicht zum sitzen ein Recht hatten, den Bau eines Chors besorgte, auf dem ich selbst noch einige, weder Spaldingsche noch Reinhardsche oder Schleyermachersche, Predigten anhörte. Die Kosten zu diesem wurden aus der für die arme Erzpriester Wittwe St. – gesammelten kleinen Collekte bestritten, und ihr statt der wenigen Interessen, die sie von dem Capital gezogen haben würde, eine lebenslängliche Einnahme von 30 Thlrn., wo ich nicht irre, gesichert. Es ging aber bey dieser Sache ganz anders zu, als es in der unter dem Titel für edle Seelen 1779. erschienenen Anekdotensammlung im 2ten Bändchen S. 25. erzählt worden. Was doch gleichzeitige, nah beym Gesichtslocal lebende Autoren für Unrichtigkeiten in die Welt hineinschreiben, ohne zu bedenken, daß sie dadurch nicht allein den historischen[166] Glauben überhaupt immer verdächtiger machen, sondern auch manche gute Absicht, die sie selbst beym Erzählen hatten, verfehlen.

Zum Beschluß von Marienwerder muß ich noch eines Vorfalls erwähnen, der mir viel Unruhe machte, und bey dem mein Benehmen nicht von allen wird gut geheißen werden. Ich hatte einen Bedienten, der aus Furcht vor dem Soldatenstande sein märkisches Vaterland verlassen hatte. Das Regiment war ihm indessen auf die Spur gekommen und requirirte den Garnisonkommendanten, den Menschen sofort einzuziehen und ihn auf den Transport zu geben. Letzterer ließ sich dazu bewegen, die Festnehmung so lange auszusetzen, bis ich auf meine Vorbitte um die Verabschiedung vom General Kleist, vielleicht der Vater oder Bruder dessen, der sich Anno 1806. in Magdeburg verewigte, beschieden seyn würde. Allein mein gutes Wort, das ein alter Freund des Generals unterstützte, fand keine gute Stelle, ich mußte daher dem Major v.Z. – eine beträchtliche Caution für das Nichtverschwinden dieses sechs Fuß hohen Cantonisten stellen, nahm ihn darauf mit auf den[167] Weg und sande ihn, der nicht das mindeste von der ganzen Verhandlung wußte, zum Empfang seines Lohnrestes nach Marienwerder zurück, von wo er sofort weiter geschafft wurde. Diese Verheimlichung that mir unbeschreiblich weh, aber mein Gewissen ließ sich dadurch beruhigen, daß ich in unsrer neuen Welt das Soldatwerden für eine unerläßliche Bürgerpflicht halte, und daher die Einführung der allgemeinen Verpflichtung dazu, von der in den letzten Jahren sehr vieles gesprochen, manches auch aufs Papier gebracht worden, die aber noch jetzt den 3. Jul. 1812. unter den piis desideriis steht, sehr nützlich finde.32

Ich richtete mich nunmehr auf dem, bey der französischen Belagerung beynah verwüsteten und seitdem ganz öde gemachten [168] Stolzenberge dicht bey Danzig, ein, in einem sehr kleinen Hause, aber mit einem großen Herzen, das alle mögliche Ergebung in die Wege der Vorsicht, und bey guter Laune immer gute Hoffnung hatte, wenn es mir gleich bisweilen ein wenig unruhig schlug. Ueber gute Laune geht nichts in der Welt, wie oft wär ich nicht in spätern Jahren sehr verdrießlich, vielleicht am Ende gar schwermüthig geworden, hätte sie mich nicht immer über Wasser gehalten. Aus innigster Ueberzeugung behaupt ich daher


Sie sey die herrlichste Tinktur

Selbst Kummerbley in Gold zu wandeln:

Nur nicht, gab sie uns nicht die gütige Natur,

Durch Paracelsus Kunst beliebig zu erhandeln:

Sie hebt das Herz, übt den Verstand,

Ist unterhaltend, macht gewandt,

Kann uns vor Langerweile sichern,

Und übertrifft den Weisheitskram aus Büchern

An Einfluß und an Schnelligkeit,

Macht jede Zeit zu guter Zeit.

Und wer aus ihrem Zuckerrohre

Den Saft zu rafiniren weiß,

Macht, um gar nicht zu hohen Preis,

Die schönsten Glaçen, blos aus Eis

Und singt frisch weg in jedem Chore,

Wenn dem, den Grämlichkeit mit ihrem Dämon quält,

Es bald am Text, und bald an Noten fehlt.
[169]

Von Zeit zu Zeit nahmen gute Freunde mich mit bey ihren Ausflüchten in die umliegenden Gegenden, unter andern einmal nach dem 6 Meilen entfernten forellenreichen Städtchen Neustadt, dessen romantische Natur noch dadurch gehoben war, daß ein aus dem gelobten Lande zurückgepilgerter Herr von Weiher zum Andenken seiner überflüßigen Wanderschaft alle bey Jerusalem befindlichen Andachtsstationen nach dort genommenen Maaßen in Capellen, Brücken, Cruzifixen und Gemälden hatte nachmachen lassen, und zu welcher Copie häufige Wallfahrten von Menschen und Heiligenbildern andrer Oerter unternommen wurden, deren Prozessionen sich gut ausnahmen und durch den Klang ihrer Gesänge in verschiedenen Thälern ganz eigne Empfindungen, auch in protestantischen Gemüthern, zu erregen vermochten. Einmal traf ich beym Besuch des Calvarienberges einen gemeinen Pohlen vor dem Kreuz knieend, von dem mein sprachkundiger Begleiter mich versicherte, daß er nach keinem Formular, sondern rein aus dem Herzen betete. Die mit Andachtsentzückung und bereuender Zerknirschung gepaarte brennende Sehnsucht nach himmlischer Gnade,[170] war in allen Mienen und Stellungen dieses die ganze Welt vergessenden Menschen so lebhaft ausgedrückt, daß mir sein Gesicht noch jetzt vorschwebt, und hätt' ihn ein geschickter Künstler treu portraitirt, man würde das Gemälde für ein Bußideal erklärt haben.

Die schöne Jahreszeit benutzte ich fleißig zu einsamen Lustwandlungen, besonders nach dem Jäschkenthal, wo ich im abgesondertesten Gartenwinkel meinen Kaffee trank und unter mahlerisch gewachsenen Bäumen den Petrarca las. Für den Dichter ist es meines Erachtens Pflicht, den Leser so viel als möglich aus der wirklichen Welt in die idealische zu führen, beym Lesen der Dichter hat es aber oft mein Vergnügen erhöht, wenn ich ihr Idealisches mir so zu sagen geschichtlich machen und denken, und auf ein tout comme chés nous zurückführen konnte.

Dieß wiederfuhr mir mit dem Petrarca, seitdem ich die Memoires pour la vie de Petrarque vom Abt Sades sorgfältig gelesen hatte. Es läßt sich hieraus auch das höhere Vergnügen bey Lesung eines Gedichts auf seiner Stelle erklären, von dem die[171] Griechenlandbereiser beym Lesen des Homer sprechen.

Auch fuhr ich zuweilen nach Marienwerder, wo ich unter Kammer- und Justitzofficianten mich viel über Dienstsachen unterhielt, und durch ihr Zutrauen zu mir in einer gewissen Dienstverbindung blieb, so daß ich sagen möchte, ich habe erst, nachdem ich den Dienst verlassen, ihn besser verstehen gelernt.

Im Jahr 1778. machte ich dem Großkanzler Fürst und Minister Gaudi Vorschläge zur Abhelfung des in den Westpreußischen kleinen Städten in kläglichen Umständen sich befindenden Schuldenwesens, die zwar von beyden Excellenzen nicht auf- und angenommen wurden, in der Folge aber von einem andern benutzt und ihm auch belohnt sind. Außerdem übersetzt ich für den Buchhändler Flörke für Geld und gute Worte einen französischen Roman les egaremens de l'esprit et du coeur, unter dem Titel: Valmont oder die Verirrungen der Vernunft in 3 Bänden, von denen den dritten der verstorbne Thornsche Professor Netzker besorgte, der ein im Fach der schönen Wissenschaften sehr geübter, überdem[172] ein höchst biedrer und anspruchloser, gegen mich freundschaftlich gesinnter Mann war. Auch unterhielt ich wöchentlich einen Briefwechsel mit der Anno 1809. als Wittwe in Glatz gestorbnen Generalin v.F. – damaligen Geheimenräthin V. – Diese außerordentlich gebildete feinsinnige Frau, die über den Büchern ihre Wirthschaft nicht versäumte, beschäftigte sich und mich durch diese Correspondenz recht nützlich und angenehm, welches letztre auch eine andre Marienwerdersche Dame zu werden suchte, es aber nicht ward, obgleich sie ihrem ersten Mann den Folardschen Polyb und andere Kriegsbücher vorlas; denn sie riß in den über ihre Bellonenatur geworfnen, aber nur geliehenen, Grazienschleyer durch ihre Ahnensucht, Wirthschaftskargheit so große Löcher, daß jene nur desto sichtbarer wurde, und der unweibliche Heroismus und Stolz, den ihr Lese- Putz- und Umgangsgeschmack beurkundete, und der sie in jüngern Jahren jenes löbliche Ziel zu erreichen gehindert hatte, hat sie auch bey grauen Haaren und in einer zweyten Ehe davon entfernt gehalten.

Eine Nebenarbeit machte mir der verstorbne Generalmajor Graf Bork, der eine[173] Beschreibung seiner Stargardschen Wirthschaft in Hinterpommern zu Marienwerder auf seine Kosten drucken ließ, und bey der ich das Amt eines Correktors auf sein dringendes Verlangen übernehmen mußte. Es entstand daraus ein vielmonatlicher Briefwechsel unter uns, in dem ich wenigstens keine Qualitäten zur Oberhofmeisterschaft, die er ehemals bey dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm bekleidet, entdeckte, obgleich Friedrich der II. ihm diese Stelle anvertraut, doch ohne daß das Ende eben das Werk gekrönt hatte. Mir leuchtete seine hochgetriebene Oekonomie besonders aus dem Umstand ein, daß er mir, der jede Belohnung verbeten hatte, meine vielen Auslagen in ziemlich randlosen Dukaten erstattete.

Der Stolzenberg hat eine freye Aussicht auf die berühmtschöne Land- und Wassergegend bey Danzig, deren Genuß ich mir durch den kunstlosen Bau eines Altans zwischen zwey hohen Eschen in meinem kleinen selbstbearbeiteten Garten erweitert und erleichtert hatte. Wenn ich mich auf meinem Sitz am Bureau umdrehte, konnte ich im hinter mir hängenden Wandspiegel einen Theil der mit Schiffen belegten Rheede sehen.[174]

Während meines dortigen Aufenthalts sucht ich auch meine geschwächte Gesundheit durch fleißiges Baden in der See wieder herzustellen, und in keinem Zeitpunkt meines Lebens hat es in meiner Seele angenehmer gewogt, ohne die mindeste Störung des innern Friedens, als wenn ich früh Morgens ganz allein in der See saß, ihre schäumenden Wellen über mich wegschlagen ließ, oder am Meergestade nach dem Bade herumwandelte. Der Anblick hoher Berge hat etwas Majestätisches, aber das beschwerliche Hinaufsehen und die mancherley Gebirgseinschnitte wirken ganz anders auf die Seele, als ein wellenschlagendes oder spiegelglattes Meer, das seine Färbung von der Wolkenfarbe annimmt. Die Meerschau veranlaßt eine Art von Zerfließen, die Bergschau ein Zusammenziehen, das eher Furcht vor dem Herabstürzen, als jene Furcht vor dem Ertrinken hervorbringt. Die Seebäder heilten mich von den Krämpfen, die mich manchmal vom fröhlichsten Gesellschaftsgenuß in die Nachbarschaft des Grabes gebracht hatten. Vielleicht ist die Dankbarkeit für den Nutzen, den mir diese Bäder brachten, der Grund meiner Vorliebe für die See und des Glaubens,[175] daß keine Gegend schön seyn könne ohne Wasser, nur muß das stehende groß seyn, das fließende belebt, wenn es auch klein ist: Auf der See fahren lernt ich aber so wenig wie Tobakrauchen, die schaukelnde Bewegung machte mich gleich seekrank, so daß ich wieder Land suchen mußte.

Der auf Stolzenberg angestellte preußische Oberpostdirektor Uhl war ein Mann, dessen Kenntnisse weit über seine Funktion reichten, und den ich nur selten den Weißblechschild kleinstädtscher Wichtigkeit brauchen sah, mit dem nur zu oft Officianten ihre wahre Unbedeutenheit zu decken versuchen, obgleich der Umstand, daß jedermann Fleisch und Brod haben muß, den Schlächter und Bäcker nicht zum vornehmen und bedeutenden Manne machen kann. Er wußte sich auf andre Art Achtung und Sicherheit zu schaffen. Unsre Häuser verbanden sich bald und sehr freundschaftlich. Wird man gleich darüber lachen, so muß ich doch erzählen, daß ich ihn oft aus meiner und anderer Menschen Handlinien Dinge enträthseln hörte, die ihres Zutreffens wegen äußerst befremdeten. Unter andern sagte er dem verstorbenen Grafen von Krokow und dem[176] damaligen Kammerherrn von Rhüdiger ein Paar Begebenheiten voraus, die damals jeder so unglaublich fand, wie ich seine Vorherkündigung, im hohen Alter mit der königlichen Familie in nahe persönliche Bekanntschaft zu kommen, die sich indessen doch im Jahr 1806. wirklich ereignete.33[177]

Zweymal nahm mich Freund Uhl mit nach Berlin, wo mir von mehr als Einem Dienstmachthaber nicht unbedeutende Vorschläge zu neuer Dienstantretung, mit großen Versprechungen baldiger wichtiger Weiterbeförderung gemacht wurden, allein ich hatte mich in meine Dienstlosigkeit bereits so eingelebt, und selbst erfahrne Rückfälle in Krankheiten hatten mir vor jeder Art von Recidiv eine solche Furcht eingejagt, daß ich hohen Besoldungen und Titeln widerstand und gewiß eben so froh in meine Hütte zurückkam, als gerne ich diese Ausflüchte in die Residenz gemacht hatte. Wie mich denn nie die mindeste Reue über meine frühe Dienstverlassung angewandelt hat.

In frühern Jahren hatt ich mir zwar immer die persönliche Bekanntschaft der Autoren gewünscht, die über Natur und Sitten[178] schrieben, hielt es aber in spätern doch für Indiscretion, sogar für eine Lächerlichkeit, sie wie fremde Thiere beschauen zu gehen, und vermied daher solche Hausvisitationen. Spalding, der schon damals sehr selten predigte, blieb mir daher unbekannt. Indessen ward ich doch auf meiner ersten Fahrt näher bekannt mit dem alten Voß, den ich den personifizirten bon sens nennen möchte, und der dieser Verständigkeit wegen bey den vorzüglichsten Standespersonen in bedeutendem Ansehen lebte. An ihn hatte mir Hippel Aufträge gegeben, aber alle Versicherungen wollten ihn nicht von der Meinung abbringen, daß ich selbst Verfasser des Büchleins über die Ehe wäre; welchen Glauben sich auch der Rigaische Stadtsecretair Behrend, mit dem ich in Berlin viel Umgang hatte, nicht wollte nehmen lassen, wie ich aus seinen später gedruckten Bonhomien ersehen habe.

Am Tische bey Voß sah ich zum ersten Male den Professor Engel, dessen hypochondrische Anwandlungen seinen Freunden oft viel zu schaffen machten. Mit mir ließ er sich indessen gar gefällig ein. Stundenlange Unterhandlungen auf seinem Zimmer[179] und auf Spaziergängen waren äußerst angenehm für mich. Schade, daß dieser vorzüglich angenehme Erzähler minder schreibfleißig war, wie der von ihm hochverehrte Garve, dessen Werke ich zwar mit Vergnügen gelesen habe, obgleich in ihnen manchmal philosophische Drathzieherey getrieben und ganz gewöhnliches Eisenblech nur vergoldet wird.34 In des letztern Werk über[180] Einsamkeit etc. ist mir der Unterschied zwischen dem, was ein Autor diktirt, und dem, was er selbst aufschreibt, sehr aufgefallen. Beym ersten fließt manches Wort zu viel ein, und es werden Lückenbüßer eingemischt, die die Nachrevision nicht immer wegschafft. Von leiblich blinden Schriftstellern ist daher Präcision des Ausdrucks selten zu erwarten, auch nicht zu fordern, so hab ich auch irgendwo gelesen, daß sich die selbstgeschriebnen Briefe der Sevigne an ihre Tochter sehr gut von denen, die sie an selbige diktirt, sollen unterscheiden lassen.

In der Vorrede zu den Anno 1809. erschienenen Lettres et pensèes du Prince de Ligne hat die Frau von Stael den Unterschied zwischen dem stil parle (Conversation) und dem Bücherstil auseinandergesetzt, wo sie sagt, ein Buch habe immer etwas von einem Schema, das den Autor in einige Entfernung vom Leser stelle. Der Göttingsche Recensent (vermuthlich Brandes) sagt darüber (In Anz. No. 104. von 1809.): »Aus dieser im Ganzen richtigen Ansicht folgt für uns zweyerley: erstlich, daß, die Autoren leicht pedantisch oder unwahr werden, die Autorschaft ganz besonders[181] eine höchstgefährliche Klippe für diejenigen Menschen sey, deren großer Werth, und Zierde in einer liebenswürdigen Wahrheit und Natürlichkeit besteht, wohin außer vielen Männern das andre Geschlecht zu rechnen ist. Zweytens folgt daraus, daß, wenn Bücher recht auf das Gemüth des Lesers wirken sollen (doch wohl der höchste Zweck mehrerer Gattungen von Schriften, mit Ausnahme eigentlich wissenschaftlicher Werke), der Verfasser sich in möglichst geringe Entfernung von dem Leser stellen müsse. Daß dieses nicht geschah, ist Hauptursache des Verfalls der neuen Literatur, nicht allein der deutschen, sondern eben so sehr der französischen und englischen. Wir sind freylich auf dem Standpunkt der Cultur, zu welcher die gewöhnliche Geschwätzigkeit des Montaigne nicht mehr paßt, allein eben so gegründet ist es, daß eine vollkommne Entziehung der Persönlichkeit der Verfasser in manchen Gattungen von Büchern theils unmöglich, theils die versuchte sehr nachtheilig wird. Die Affektation, den Leser vom Autor in Entfernung zu halten, nur blenden, nur frappiren, nur auf die Vernunft und den[182] Verstand wirken zu wollen, geht daraus hervor. Aus diesem folgt das Einherschreiten auf Stelzen, das Sententiöse nach Senecas Manier, das Orakeln in Formeln, das Gesuchte, das Gemachte in aller Art. Wahrer Geist, herausquellend aus der ganzen ungesuchten Eigenthümlichkeit des Autors, aus seinem Gemüthe, die allein dauernd stark auf den Leser einwirkt, geht dabey verloren. Selbst die besten, die nicht künsteln, nicht affektiren wollen, laufen in einem sogenannten philosophischen Jahrhundert, welches nur Resultate, nur Vernunftschlüsse hören mag, große Gefahr, in Trockenheit zu verfallen, wenn sie sich in der Schriftstellerey der natürlichen Lebendigkeit, dem Gehenlassen gänzlich zu entäußern suchen, und sicher ist das viele Arbeiten an Journalen eine der bedeutenden Hauptursachen, welche aus einleuchtenden Gründen auf diesen Abweg führt. Unsre ersten Schriftsteller, Winkelmann, Lessing, Zimmermann, theilen sich dem aufmerksamen Beobachter, natürlich nach Maaßgabe der Verschiedenheit des Inhalts, in ihrer ganzen Persönlichkeit mit. Die sich über alles erstreckende[183] Herrschaft der abstrakten Philosophien scheint in Deutschland zuerst und vornehmlich den Grund zum Ersticken der bedeutenden Eigenthümlichkeit, allein wahren Geist in der Literatur ertheilend, gelegt zu haben. In Frankreich trat diese Entäußerung zwar auf eine ganz andre Art früher ein, durch die Sekten der Oekonomisten und Philosophen. Die ersten Häupter der letztern Sekte besaßen großen eigenthümlichen Geist, und derjenige, den sie ihren Patriarchen nannten, Voltaire, verleugnete diesen nie, aber Sektengeist führt ohnfehlbar in den Jüngern zur Manier, zur tödtenden Einförmigkeit, und die Barbarey der Revolution verdrängte vollends, sogar die gebildete Nationaleigenthümlichkeit.«

Ich fühle zwar, daß dieses Einschiebsel nicht hieher gestellt seyn sollte, allein es sprach mich so lebhaft an, daß ich es je eher je lieber anzubringen suchte, und seine Güte und Richtigkeit wird ihm wohl nicht leicht einer streitig machen.

Außer vielen nicht gewöhnlichen Männern lernt ich auch bey der jetzt in Bayreuth lebenden verw. Kammerherrin von O.[184] die ich aus dem Vaterland her kannte, eine junge Baronesse M.v.Z. – aus Liefland kennen, die den Raynal, Rousseau, Helvetius, Diderot etc. las. Diese ließ mir 1776. antragen, sie unter vortheilhaften Bedingungen nach Frankreich und England zu begleiten. So sehr ich mich nun auch von jeher nach einer großen Weltbeschauung gesehnt hatte und mich bald nach Verlassung des Kriegsdienstes schon bey der Gesandschaft nach Schweden wollte anstellen lassen, so war ich doch bey der Ueberzeugung, daß zu allen Reisen sehr gute Augen und ein gutes Gedächtniß, zu manchen sogar ein ganz besondrer Verstand und sehr viel Weltklugheit, so wie zu andern eine Menge gelehrter Kenntnisse erforderlich sind, wenn man nicht so wiederkommen will, wie man ausflog, aus Gefühl des Mangels an all diesen Eigenschaften, der bey einer Reise, die man als Begleiter unternimmt, sich merklicher zeigt, als bey einer, die man für sich allein macht, – so klug und behutsam, der jungen schönen Dame mit solcher Offenheit meine Gedanken über ihr Reiseprojekt zu schreiben, daß sie es selbst einsehen mußte, wie wenig ich zum gelehrten[185] Staub-oder Pudermantel zu gebrauchen seyn würde, und drauf die Reise blos in Gesellschaft ihres Bruders unternahm.

Sobald ich in jüngern Jahren an Reisen gedachte, fielen mir gleich Egypten35 und Griechenland bey, und ich lese noch jetzt vorzüglich gern Nachrichten von diesen Ländern, die mir noch lange nicht genug untersucht zu seyn scheinen, weil die mehresten Reisenden über der Untersuchung der Kunstruinen die Natur des Landes selbst, und den Genius und Charakter der Einwohner übersehen. Guys Briefe machten mir einst viel Vergnügen, und ich ärgerte mich über Pauw, der ihm so oft widersprach; seitdem ich aber hier Herrn Bartholdy gesprochen, als er den jetzigen Staatsrath Uhde auf einer Schulbereisung durch alle damalige vier Preußen begleitete,[186] seine Beyträge und Pouquevilles Reisen durch Morea und Albanien, der die Materialien mit Muße an Ort und Stelle gesammelt und zwischen Guy und Pauw sehr sachkundig entscheidet, ingleichen Castellans Briefe über Morea, Zerigo, Hydria und Zante und Chateaubriants unterhaltende Reise von Paris nach Jerusalem gelesen habe, fing ich an zu glauben, daß Pauw manchmal mit den bloßen Geistesaugen richtiger gesehen hat, als Guy und andre mit den leiblichen. Griechen und Franzosen fand ich immer sich in vielen Stücken ähnlich, und den Hauptgrund ihrer Verschiedenheit in dem Umstande, daß Gallien von jeher ein großes Reich, Griechenland immer aus kleinen Staaten zusammengesetzt gewesen. Sonst rangier ich die Nationen Europa's folgender Gestalt. Zuerst die Spanier, denen auch der Verfasser eines Aufsatzes im 2ten Stück der europäischen Annalen von 1809. aus den Miszellen für die neuste Weltkunde von 1808. S. 193. große Ehre wiederfahren läßt, und die sich die Franzosen durch mehr als ritterliches Widerstreben vom Halse geschafft, zum Lohn aber leider einen König wieder bekommen[187] haben, der den Zeiterwartungen so schlecht zuspricht; indessen kann ich doch den Calderonn in Schlegels und Gries meisterhaften Uebersetzungen dem Shakespear nicht gleich stellen.36 – Dann folgen[188] die Italiener, nach diesen die Franzosen, die Deutschen und die Engländer; seh ich weniger auf den Geist als das Gemüth, so stell ich den Deutschen neben den Spanier, und zieh den Britten weit dem Italiener und noch weiter dem Franzosen vor. Dänen und Schweden, welche letztre gewiß viele herrliche Eigenschaften besitzen, scheinen zu bloßen Nebennationen herabgesunken zu seyn, und was die Russen betrifft, so weiß ich nicht, wohin ich sie stellen soll. Zu ihren Culturfortschritten kann ich kein rechtes Zutrauen fassen, da ihre Bildung von einem höchstüppigen Hofe ausgeht, sich fast allein auf ihn einschränkt, und sich in alles bey ihnen, besonders bey den Großen, asiatischer[189] Luxus mischt, der von jeher der Volksausbildung hinderlich war. Was ich von den Russen in meinen frühern Jahren und Anno 1807–1814. gesehen und gehört habe, bringt mich zu keiner Abänderung meines Misfallens an ihnen, und wunderte es mich daher, als ich des Herrn von Kotzebue feindselige Aeußerung gegen D. Müllers St. Petersburg las, der ihnen gewiß mehr Gutes und Schönes nachsagt, als sie verdienen, und viel Böses verschweigt, was vorzüglich die höhern Classen an sich haben. Wenn man eine Nation sich unterwegens schlecht aufführen sieht, wie bey den Rückmärschen der Russen häufig der Fall gewesen, so scheint es um ihre inländische Moralität auch wohl nicht sonderlich zu stehen. Wenn ich indessen auch glaube, daß viel Böses in Rußland fest bleiben und das Imitatorum servum genus sich dort einheimisch erhalten werde, so hab' ich doch – als die Franzosen in Königsberg waren, zu manches großer Verwunderung behauptet, die Russen würden einst noch mit ihrer Rußheit die Franzosen niedertreten, und was am Ende des Jahres 1812. geschehen ist, hat meine Bemerkung nicht Lügen gestraft;[190] würden aber die zweyköpfigen Adler je nach Paris gekommen seyn, ohne den Vorflug und Beystand des einköpfigen schwarzen? und werden nach Alexanders und Friedrich Wilhelms Tode ihre Nachfolger sich so die Hände über dem Sarge des großen Friedrichs geben, wie jene es thaten.37

Bey meiner zweyten Excursion nach Berlin war ich ein durch alle Grade der Maurerey gewanderter Bruder, hatte den Poemander divinus, den Agricola, des Schwedenborgs Opera etc. durchgeblättert, auch die Rosenkreuzerreden und andre solche schöne Sachen, obgleich ohne sonderliche Theilnahme[191] gelesen, und wurde von den bedeutendsten Zunftgenossen sehr freundlich aufgenommen. Unter diesen allen gefiel mir am besten der verstorbne Kammergerichtsrath Geuse, der, wie mich seine nachherigen Briefe noch mehr überzeugten, zwar auch ein wenig mehr schwärmte, als ein kluger Mann darf und soll, sonst aber ein trefflicher Mensch war, besonders in Werken, weit vorzuziehen, meiner Meinung nach, dem Geheimenrath Hymmen, der das Ordenswesen bey allen Zipfeln ergriffen zu haben glaubte, ein ganzes Zimmer voll gedruckter und ungedruckter Papiere aus diesem Fach besaß und überhaupt in diesem Kreise eine große Rolle spielte, alle Convente besucht hatte, ohne im Grunde mehr zu wissen, wie ich und andre, die nicht so viel maurerische Aufsätze geschrieben, nicht so viel Bücher und Manuscripte gesehen und gelesen, und nichts von dem gesehen hatten, was ihm angeblich erschienen war. Auch ward ich damals bekannt mit dem in der folgenden Zeit berufen genug gewordnen Herrn von Bischofswerder, der in dieser Zeit halbaußerdienstlicher Major und Freund des Kronprinzen war, für mich aber[192] nichts Interessirendes besaß. Der prinzliche Kammerrath Wöllner, in der Folge Staatsminister, kam meinem Herzen und Verstande noch weniger als erstrer nahe, so daß die Erinnerung dessen, was mir von beyden vor Augen und zu Ohren gekommen, eine Mitursache wurde, späterhin auf alles Verzicht zu thun, was man mich im Maurerorden noch zu finden hoffen ließ. Viele bedauerten mich dieser Lossagung wegen, einige verwunderten sich; ich blieb aber bey der Ueberzeugung von der Richtigkeit meines: sat prata bibere, ob ich gleich noch jetzt glaube und in einem in den Studien (Berlin, 1808.) abgedruckten Aufsatz erklärt habe: es könnten durch die Logen treffliche Dinge zum moralischen Besserwerden ausgerichtet werden; Schmalz und Niebuhr, zwey beynah in allem verschiedne Menschen, mögen sagen, was sie Anno 1815. zu pamphletisiren beliebt haben.

Nicolai nahm mich einige Male mit in den Sonntagsklub, der für mich aber weniger Reiz hatte, als die gewöhnlichen Mitglieder gewiß mit allem Recht darin fanden. Zu allen wahren Umgangs, und besonders häuslichen und den dahin mit einschlagenden[193] Klubfreuden gehört ein Angewöhnen durch Ein- und Beywohnung, ohne welches man ihr Nahrhaftes theils übersieht, theils nicht benutzen kann. Es kommt daher in einem Familiencirkel vieles Witzige dem, der ihn zum ersten Mal besucht, unverständlich, manchmal sogar langweilig vor. Wem eins von beyden begegnet, hüte sich indessen sein Misbehagen oder Misverstehen den Membris ordinariis sichtbar werden zu lassen, wofern er nicht Gefahr laufen will, von letztern unvortheilhaft beurtheilt, daß heißt für einen Unkenner, oder Uebermüthigen gehalten zu werden.

Meine wichtigste Bekanntschaft auf dieser Reise macht ich am Tisch des Geheimen Kabinetsrath Stelter, mit dem ich während seines commissorialischen Aufenthaltes in Marienwerder, wo er als damaliges Mitglied der Oberrechenkammer das Westpreußische Serviswesen einrichten half, sehr freundschaftlich umgegangen war; denn ob er gleich keine wissenschaftliche Bildung hatte, so war er doch beym Könige Friedrich seiner Rechtschaffenheit wegen gut angeschrieben. Seine äußerst lebhafte Frau mag indessen doch wohl manchmal seinen geraden Wanderstab ein[194] wenig gekrümmt haben, wenigstens sagte es das Publikum, und sein Nachlaß scheint es bestätiget zu haben. Der dort angetroffene Mitgast war der Kriegsrath Deutsch – mit dessen Seele die meinige auf einem einzigen Spaziergange in Potsdam, wo er damals wohnte und im Schulfache arbeitete, so vertraut wurde, als ob wir jahrelang auf Einer Schulbank gesessen hätten. Auch setzten wir, als er nach dem Tode seiner Gattin, die viel gesunden Verstand und Weltkenntniß mit unübertrefflicher Offenheit verband, sich von seinem Landgute getrennt und in Königsberg niedergelassen hatte, diese Freundschaft fleißig fort, bis er während des französischen Krieges abermals auf das Land zu seinem Sohne in eine Verborgenheit zog, die ich an einem Manne von seinen Eigenschaften nicht gut heißen kann, so sehr ihm die Ruhe wohlthun mag; denn das bekannte bene vixit, qui bene latuit kann wohl in manchen Fällen wahr seyn, enthält aber keine Entbindung (Dispensation) vom öffentlichen Handeln unter Menschen, so lange man Kräfte und Gelegenheit dazu besitzt.

Schon im ersten Jahr meines Privatlebens war mein Schwiegervater gestorben,[195] und sein Nachlaß sicherte mich, an wirthschaftliche Genügsamkeit (Frugalität) gewohnten Menschen gegen eigentliches Nothleiden. Ich lebte auf Stolzenberg sehr glücklich mit einigen Freunden, unter denen ich nur den lieben, guten, obgleich über Religion und Maurerey ein wenig schwärmerisch denkenden und den Stein der Weisen mitsuchenden, im April 1805. gestorbenen General Grafen Krokow, und den auch nicht mehr lebenden Exkaufmann Eckholdt, nennen will, hielt mich aber immer entfernt von größern Gesellschaften und Bekanntschaften, in die ich durch die Loge, in der mir einige Gelegenheitsreden großen Credit geschafft hatten, hätte kommen können.

Man sollte sich von Jugend an zu freyen Vorträgen gewöhnen, um nicht, wenn man dazu verpflichtet ist, verlegen zu erscheinen. Solcher Ungewohnheit wegen trug ich bey meinem Dienstanfange sehr schlecht im Collegio vor, und es zitterte mir nach langer Entwöhnung in der Hand das Concept der ersten Rede, die ich doch nur ablas, umgeben von mir lauter bekannten, milddenkenden Brüdern. Das Unschickliche und Vergebliche des unbehaglichen Seelenzustandes[196] der Blödigkeit müßte man der Jugend dadurch abzukürzen und endlich ganz abzugewöhnen suchen, daß man ihr den großen Unterschied der unnützen Blödigkeit von der höchstnothwendigen Bescheidenheit recht begreiflich zu machen sich bemühte, durch Ertappung auf dem casus in terminis, oder Zurückführung auf ihnen selbst begegnete Vorfälle; das Moralisiren ohne Beyspiel hilft überhaupt im Jugenderziehen wenig.

So sehr ich mich nun auch vom großen Umgange zurück hielt, so entfremdete ich mich doch nicht vom Verkehr mit dem im Jahr 1805. als Gouverneur von Glaz gestorbenen General Favrat. Dieser Leibes und Seelenstarke Savoyarde war ein in hohem Grad menschenfreundlicher und wohlthätiger Mann, und König Friedrich, der ihn bisweilen mit der Goldmacherey neckte, schätzte ihn sehr hoch. Reisen im Orient und Occident hatten seine Welt- und Menschenkenntniß sehr ausgebildet, und ob er gleich gewiß nicht den Stein der Weisen suchte, so war doch in seiner kleinen Garnison (Stargard in Pomerellen) chemisiren und distiliren sein Lieblingszeitvertreib. Es war eine Lust, den Reichthum seiner Gedanken[197] und Einfälle mit seinen ihm nicht recht zu Gebrauch stehenden drey Sprachen, italienisch, französisch und deutsch, ringen zu sehen und zu hören, besonders, wenn er auf seine Favoritplane zur Umschaffung, Exaltirung und politischen Anwendung der Maurerey kam, worüber ich noch einige Briefe von ihm habe. In welchen Eifer gerieth er jedesmal, wenn er die ganze Masse der Maurerey zu weich geworden fand, um je etwas reelles aus ihr hervorbringen zu können!

Da man aber mit der Freymaurer Agende überall sagen kann: sic transit gloria mundi, so ging auch hier mein kleiner Glücksstern unter, doch um in andrer Gestalt wieder aufzugehen. Ich kaufte mir nämlich in der Nachbarschaft meiner innigstgeliebten Schwester ein kleines, im tiefsten Verfall liegendes Guth am Deimstrome. Eh ich in Sprintlack meinen neuen Lebenswandel begann, kehrt' ich noch einmal im Herbst zu meinen Freunden in der Gegend von Danzig zurück und machte mir durch einen über zwey Monat fortgesetzten Umgang mit vier in jedem Betracht liebenswürdigen Frauen das Herz beym völligen Abschiede recht schwer. Die jüngste von ihnen[198] war an einen meiner wärmsten Freunde, der damals in der Religion etwas lavaterisirte, verheirathet und ist nebst zwey andern Schwestern bereits gestorben. Der ärgste Weiberfeind hätte um dieser edlen weiblichen Wesen willen, sich mit ihrem Geschlecht versöhnen müssen, und unvergeßlich bleiben mir die Tage, die ich mit diesem Vierblättchen, ihren Männern und ihrem Vater, dem Kammerherrn von W , den wir den Patriarchen von O – nannten, verlebte. Wohl mir, wegen des guten Andenkens, in dem ich bey den von ihnen noch lebenden stehe, wohl uns allen, daß unser Lehr-, Lern-, Ernst- und Scherzverkehr nicht ohne gute Früchte für uns und andre geblieben ist.

Wie sehr aber das Alter das Herz gegen Freudengefühle abstumpft, bemerkte ich nur zu deutlich, als die Prinzessin von H , eine Tochter jenes Freundes, im Jahr 1808. nach Königsberg kam und im folgenden Jahr von ihrer Tante besucht wurde. Sehr gern hätt' ich die Freude, die beyde über mein Wiedersehn so herzlich äußerten, ihnen ganz erwiedert, allein es war unmöglich, die Erinnerungskohlen so aufglühen zu machen, daß sie das Schmelzen des Gefühls hätten[199] bewirken können, sie sprühten blos einige Funken. Man wird eher gleichgültig gegen Gewinnste als über Verluste. Wie schwer wurd' es mir, mich von der Trauer über den Tod des Professor Kraus zu erholen! Sollte diese Gefühlabnahme nicht von einer Gedächtnißschwächung herrühren, die das Erinnern an vergangne Freuden hindert, und im gewöhnlichen Genuß der gegenwärtigen erstre untersinken läßt? Mit dem Tode hat es vielleicht eine andre Bewandniß, indem da der Gedanke an einen, im Alter noch schwierigern, Ersatz des Verlornen und an den eignen baldigen Uebergang ins Todtenreich, das Gefühl vom Verlust eines Freundes vermehren kann.

Nach meiner Heimkehr wandt' ich alle Kräfte an, um den Bau meines hölzernen Hauses unter Strohdach zu vollenden und Acker, Wald und Wiesen in die Form eines Gartens, doch ohne Nachtheil ihrer Nutzbarkeit, zu bringen. Zu den Verwilderungen meines Güthchens gehörte auch die, daß die dazu gehörigen Bauern in der tiefsten Unwissenheit lebten, und wegen der weit abgelegenen Schule ihre Kinder blos thierisch mußten aufwachsen lassen. Mich jammerte[200] des Völkchens, und ich versuchte die Versetzung der weit entfernten Schule auf meine Hofwehr möglich zu machen, welches mir endlich auch gelang, da ich zur Bestreitung der Ausgabe das mehrste hergab, und meine Freunde und Gönner in den Dicasterien meinen Red- und Schreibeifer nicht länger widerstehen konnten. Auch ließ das in der Folge aufgelößte Staatsministerium auf mein anhaltendes Bitten einige tausend Exemplare des Rochowschen Kinderfreundes, den ich durch zweckmäßige Auszüge aus andern Büchern zum Gebrauch der Landkinder noch nützlicher gemacht und um die Hälfte vermehrt hatte, so wie einen andern kleinen Auszug aus Landschulschriften zur Verbesserung des Unterrichts in ganz Ostpreußen in Umlauf bringen, nachdem der Preis, der bey Landschulbüchern nie zu wohlfeil seyn kann, für ein gebundenes Exemplar von 358 Seiten auf 18 gr. (5 ggr.) gestellt worden. Mit dem Versuch, W.A. Tellers herrliches Wörterbuch des Neuen Testaments für alle Kirchen anzuschaffen, worüber ich an Teller geschrieben hatte, glückte es aber nicht, weil ein Königsbergischer Erztheologe und Consistorialrath den Minister zu überreden[201] vermochte, es sey nothwendig den Tellerschen Verstandssaiten einen dogmatischen Dämpfer aufzusetzen, und die ungelehrten Pfarrherren, von denen schon viele an der Verbreitung des Kinderfreundes ein unlöbliches Aergerniß genommen und sich ihr auf mancherley Weise entgegengesetzt hatten, vor manchen seiner, wahrlich richtigsten Erklärungen zu warnen, zu welcher Anhangsgestattung ich mich aber nicht entschließen konnte.

Wäre mir Pestalozzis Unterrichtsmethode damals so bekannt gewesen, als ich sie in der Folge aus den Schriften seiner Widersacher und den Recensionen in der Allgemeinen deutschen Bibliothek kennen gelernt habe, so wäre sie gewiß von mir benutzt worden, weil ich sie für die dem gemeinsten Kinderverstande angemessendste halte, die ihn aus seinem thierischen Zustande hervorgehen helfen und ihm nur solche Grenzen stecken wird, in denen er sich schicklich bewegen und leben kann, ohne daß sie ihn hindern, sein Glück auch über der Grenze zu suchen. Sie hilft dem Geiste alles aus seinem eignen Vorrath hervor zu bringen, und ich würde darüber erstaunen, daß man sie[202] nicht überall einführt, wenn ich nicht wüßte, daß selbst noch viele, übrigens kluge Leute im Lande, entfernt sind von der Ueberzeugung der Unschädlichkeit eines allgemeinen Verstandsgebrauches.

Brandes sagt in seinem Du und Du zwischen Eltern und Kindern S. 192. »der Mensch bedarf des Lebens außer sich, damit seine Kräfte ihn nicht verzehren: Allein von dem Leben in ihm muß alles ausgehen, hier ist das erste und wichtigste Feld seiner Wirksamkeit. Ein jeder kann auf sich wirken, den göttlichen Funken in sich erhalten, beleben, erhöhen. Zunächst in seinem Hause, in seiner Familie, an seinen Freunden seine Thätigkeit äußern. Zu einer solchen höchstehrwürdigen Thätigkeit bedarf es keines Bestallungsbriefes, noch Rangpatentes, und das Vielgeschrey der Gemeinnützigkeit bringt oft nicht den tausendsten Theil des Guten hervor, was hier zwar in aller Stille geschieht, aber gewiß nicht ohne große Mühe und Anstrengung, und nur vom Vater, der ins Verborgne sieht, bemerkt wird.«

Demnächst bewog ich den Minister des Kirchen-und Schuldepartements, der ein[203] Mann von sehr richtigem Verstande, aber großem Eigensinn war, sich im Gespräch eine besondre Rauhigkeit und in Dienstgeschäften eine solche Zögerung angewöhnt hatte, daß ich mir einmal die Freyheit nahm, seinen Arbeitstisch mit einem Leichenhause zu vergleichen, indem sich an den Akten erst Verwesungszeichen äußern müßten, ehe man sie ins Registraturgrab legte. Diesen bewog ich von seiner, auch jetzt noch bey vielen geltenden Meinung, daß Kirchen nie ihr Geld zur Verbesserung der Schulen hergeben müßten, abzugehen und aus der Casse der Kirche, bey welcher ich Obervorsteher war, jährlich 40 Thlr. zu Prämien für fleißige Lehrer und Schüler des Kirchspiels zu bewilligen. Der Kirche selbst schenkte ich eine ziemliche Anzahl Bücher, zu deren Vermehrung die Oberbehörde gleichfalls eine kleine Summe für jedes Jahr anwieß, daß also der Grünhaynsche Prediger, so wie die umliegenden, Gelegenheit haben, recht gute Bücher, zu denen unter andern die vollständige Allgemeine deutsche Bibliothek, die Krünitzische Encyclopädie, Schröckhs Kirchengeschichte etc. gehören, zu lesen.[204]

Das Zutrauen des damaligen Pfarrers zu mir ließ mir bey der Ausbildung meines Dorfschulmeisters und Einrichtung des Unterrichts, dem ich con amore häufig beywohnte, ziemlich freye Hand, und ich gestehe aufrichtig, daß das Verlassen der von mir gestifteten Schule mir beym Wegzuge fast am meisten kostete, so wie ich von den vielen schönen Aussichten am ungernsten die verlor, aus dem Fenster meiner Schlafkammer auf den von mir angelegten und schicklich verzierten Dorfkirchhof.

Die Besorgniß des Verfalls unsrer Anlagen hat etwas Niederschlagendes, und wenn man ihn sich ereignen sieht, so kostet es einem Ueberwindung, die nicht zu hassen, die keinen Sinn für die Beförderung des Schönen und Guten haben. Ich bin leider ein expertus Rupertus, dem man über diesen Punkt glauben, und dessen Klagen man in einer von seinen 1804. gedruckten Episteln in Reimen lesen kann.

Da ich alle Weihnachten und Ostern Hippeln besuchte, so erneuerte sich auch bey ihm meine ehemalige Bekanntschaft mit Kant, der, wie nun die ganze Welt lesen kann, Scherz und Ernst in der Gesellschaft[205] meistermäßig zu vereinen wußte, und bey dem wir vielmal zwischen 7–8 Abends sehr frohe Unterhaltung fanden. Auch kam ich hier in nähere Verbindung mit dem genug bekannten J.G. Haman, den ohnlängst Jean Paul in seiner ästhetischen Vorschule, der Recensent des ersten Bandes der Werke von H. Jacobi in den Göttingschen gelehrten Anzeigen, so wie das Schlegelsche deutsche Museum und Göthe im dritten Bande seines Lebens, wieder in rühmliche und nicht unverdiente Erinnerung gebracht haben, indem er ein Mann von eisenfestem Charakter, vom menschenfreundlichsten Herzen, und seiner unbeschränkten Phantasie wegen ein wirklich wunderbares Gemisch von wahrer Kindlichkeit und den Heftigkeiten des leidenschaftlichsten Menschen war, ohne andre meistern oder belehren zu wollen, auf den Geist seiner jüngern lernfähigen Freunde einen merklichen und für sie höchst vortheilhaften Einfluß hatte. Sein Haus war ein chaotisches Magazin, in dem Kluges, Gutes, Gelehrtes und Religiöses durch einander und zum Gebrauch eines jeden, der hinkam, offen da lag. Beym Büchermahl des von Leipzig angekommenen[206] Meßgutes aß er nicht, sondern fraß, laut seinem eignen Ausdruck, und klagte dann bitterlich über Kopfindigestionen. Einst besuchte er mich auf dem Lande, wir sprachen von einer Ausgabe seiner vielen kleinen Schriften, und ich erbot mich in selbigen die Stellen anzustreichen, die mir unverständlich wären, damit er sie durch kleine Noten verdeutlichen könnte, seine Antwort war, daß dieses ihm unmöglich sey, weil er selbst vieles, worauf er beym Niederschreiben Rücksicht genommen, vergessen habe. Er war Willens gewesen drey Tage bey mir zu bleiben, als ihn aber bey einem Spaziergange mit mir ein Hofhund anbellte, so war es unmöglich, ihn von der Rückkehr am zweyten Tage abzubringen. Die Westphälische Reise, die er wider den Rath aller seiner Freunde zu Leuten unternahm, von denen die mehresten seinem Genie so wenig zusprachen, als er ihre Erwartungen zu befriedigen geeignet war, zog ihm vermuthlich den Tod im fremden Lande zu. Von seinen Briefen besitze ich eine große Anzahl, so wie auch den größten Theil seiner gedruckten Schriften mit kleinen eigenhändigen Noten, welche erstere ich dem Staatsrath Nicolovius,[207] der eine Ausgabe der Hamanschen Schriften zu besorgen Willens ist, zur Benutzung zugestellt habe. Möchte er doch die Aeußerung Jean Pauls und den trefflichen Aufsatz: der Philosoph Haman im Januarstück des deutschen Museums von Fr. Schlegel, 1813. sich so zu Herzen gehen lassen, wie er es mir, als ich ihn bey seiner letzten Anwesenheit in Preußen an diese Ausgabe erinnerte, im Junius 1813. mit Hand und Mund zugesagt hat.

Ich müßte lobsüchtiger seyn, als ich es je gewesen bin, wenn ich umständlich beschreiben wollte, wie sehr es mir durch zehnjährige Anstrengung gelungen war, die gute Lage meines Güthchens so zu heben, daß sie jedem angenehm befriedigend in die Augen fallen mußte. Zu allen Tageszeiten lief ich herum, um mir zu merken, in welchem Lichte sich diese oder jene Anlage besser ausnahm, und ließ mich von den mich besuchenden Freunden auf diesen Excursen zum Mitrathen begleiten. Einmal begleitete mich einer, der sich lange in der Schweiz aufgehalten hatte, es war gegen Sonnenuntergang im Oktober, mit einmal rief er mir zu: »wollen sie den Montblanc und die Gletscher[208] sehen, so schauen sie den Himmel an«; und die weißgrauen Wolken, deren Ränder und Spitzen sanft von der Abendsonne geröthet wurden, sahen ganz so aus, wie ich Gletscher auf Aberlischen und andern Landschaften nachgebildet gesehen habe. Mein Begleiter versicherte mich, dieß Wolkengemählde sey täuschendähnlich, und ich habe mich in der Folge noch oft an solchen himmlischen Gletschern ergötzt.

Eine große abgestorbne Eiche ließ ich in dem zum Lustwandeln eingerichteten Thale unberührt stehen, um durch dieses Todesbild das Leben der grünenden Natur desto auffallender zu machen; im Contrast zwischen Leben und Tod liegt etwas Reizendes, das man ohne ihn, beym Immerleben nicht genießen würde.

Um manche meiner Einfälle wirklich zu machen, unterzog ich mich oft tagelang den beschwerlichsten Handarbeiten und gab meinen Tagelöhnern ein Fleißexempel, dem sie eifrig genug folgten, weil sie wußten, daß es ihnen am Sonnabend Fleißbelohnungen einbringen würde. Manche solcher Handarbeiten, z.B. Steine vom Felde abzulesen, übernahm ich auch, um mir Verdrießlichkeiten[209] aus dem Kopf zu bringen, gegen die ich weder im geistlichen noch im leiblichen Vermögen Rath oder Hülfe fand. Erlaubten Jahreszeiten oder Witterung nicht den Gebrauch solcher Mittel, so nahm ich Ausrechnungen vor, oft wahre Kindereyen, und versichre, daß solche Zahlenallotria mir oft treffliche Dienste gethan, daher das Rechnen dem Capitel von Diversionen im Montaigne beygefügt zu werden verdient.

Als großer Liebhaber von Inschriften stellt ich dergleichen hin und wieder, selbst im Freyen, auf, wohin sie wohl am wenigsten, weil die Natur ihre Schönheiten und Merkwürdigkeiten so deutlich ausspricht, daß man ihren Bildern keinen Zettel in den Mund zu stecken braucht; indessen können sie doch nicht schaden, da viele Menschen nicht gewohnt sind, Naturschrift zu lesen, ob man sich gleich dabey so wohl befindet, wie der Mahler, der nach Philipp Hackerts herrlichem Beyspiel zeitig anfängt, nach der Natur zu zeichnen38.[210]

In meinem 1806. verlaßnen Stadtwohnhause stand blos über Einer Thüre des Gartensalons das Wörtchen Vtinam mit einem etc., welches letztre Wirth und Gäste sich nach Belieben ausfüllen konnten, doch nicht zur Nachahmung des bekannten Salve auf einer zu Pompeja entdeckten Hausschwelle39, das Göthe auch in sein Haus aufgenommen hat, denn ich wußte damals von dem römischen Salve nichts.

Wie viel Steine trug ich zusammen, um das Rauschen eines kleinen Baches zu vermehren, und wie nah ging es mir, daß sich keine Nachtigallen ansideln wollten, und daß die beyden Paare, die ich ausgesetzt hatte, sich in einen benachbarten Bruchwinkel begaben!

Noch muß ich eines, vermuthlich für sonderlingisch zu haltenden Zeitvertreibes erwähnen, den ich mir dann und wann durch Betrachtungen der Thierphysionomien machte. Unter dem Hornvieh fand ich die größte Gesichterverschiedenheit, nächst diesen unter[211] Pferden, die ich so sehr liebe, daß eine englischgrausame Anstrengung oder Behandlung eines Gauls mein ganzes Blut in Bewegung bringt, daß ich noch jetzt kein schönes Pferd auf der Straße unbemerkt vorbey lasse und an einem geschickten Pferdebändiger ein großes Gefallen finde, ob ich gleich selbst nie guter Reiter gewesen bin und mir die Ueppigkeit, die in manchen Veterinairschulen mit Pferdekuren getrieben wird, äußerst zuwider ist, besonders da in den Hospitälern und Lazarethen so vielfältig Kargheit und Sorglosigkeit herrschen. Die Schaafsköpfe waren am meisten monotonisch – wie gewöhnlich.

Ob ich gleich von der Landwirthschaft, für die ich nie rechten Sinn gehabt habe, blutwenig verstand, so wußt ich mich doch durch das, was ich theils von praktischen Wirthen, theils von meinen eignen Leuten darüber sprechen gehört, besonders auch aus den Urtheilen letztrer über dahin einschlagende und an andern Orten bemerkte Fehler, in den Credit ziemlicher Verständigkeit in diesem Fach zu setzen; vorzüglich auch durchs Abhelfen solcher Mängel, die sie aus langer Gewohnheit nicht wahrnahmen. So[212] unverständig ich indessen auch im Ackerbauwesen war und blieb, so machte mir doch manches viel Vergnügen, und ich erinnere mich noch jetzt sehr angenehm des Anblicks eines Kornfeldes, bey dem ich am Abend vorbeygegangen war, ohne die mindeste Spur einer Vegetation wahrgenommen zu haben, und als ich den Morgen darauf bald nach Sonnenaufgang wieder vorbey ging, die aufgegangne Saat in ihrer Schillerfarbe, angeglänzt von den Sonnenstralen, erblickte.

Meine Freunde pflegten mir vorzuwerfen, daß ich an keiner von mir vollendeten Arbeit weiter Vergnügen fände, und sie haben Recht. Denn der Geist der Ordnung, der mich zuweilen dämonenhaft besitzt, macht mir die Sorge für bloße Erhaltung bald langweilig und so lästig, daß ich schon oft nach einer schwereren neuen Last gegriffen habe, um die alte leichtere mit einigem Vorwande einem andern überlassen zu können, und so ging es auch hier.

Meine Umstände änderten sich durch die Beerbung meiner ältesten Schwägerin sehr zu ihrem Vortheil, und ich that, um selbige in Empfang zu nehmen, in Gesellschaft meiner Gattin meine letzte Reise nach Berlin,[213] wo selbst ein dreymonatlicher Aufenthalt meinen Bekanntschaftskreis mit den merkwürdigsten Personen der Zeit sehr erweiterte. Der dort beym Oberkriegscollegio angestellte Major und 1808. als Staatsminister entlassene Freyherr v. Schrötter gehörte zu meinen Jugendfreunden, und der häufige Umgang mit ihm und seiner verdienstlich ausgezeichneten, von ihm höchstgeliebten Gattin schaffte mir der angenehmen Stunden und der Bekanntschaften mit vornehmen und merkwürdigen Leuten recht viele. Den als Finanzminister gestorbnen Herrn v. Struensee hatte ich schon viele Jahre vorher in Elbing kennen gelernt und wurde in seinem Hause mit Liebe und Achtung behandelt. Herr v. Struensee war ein Mann von vorzüglichem Kopf, aber fast von zu humaner Gesinnung, um ein strikter Dienstmann zu seyn. Seine Art, durch die Finger zu sehen, wird ihm indessen nicht leicht einer nachmachen, ohne Gefahr zu laufen, ein ganz schlechter Dienstmann zu werden, oder seine Gesellschafter, deren Anzahl bey dem Herrn v. Struensee sehr groß war, in zu viel Popularität gerathen zu lassen. Sein Scharfsinn, seine Unverlegenheit und[214] Geistesgegenwart waren ganz vorzüglich, vielleicht verleiteten sie ihn bisweilen zum Absprechen, das aber zum Glück nichts von der Arroganz an sich hatte, die ich bey jedem, besonders bey einem hochstehenden Staatsdiener, für einen äußerst bedeutenden Fehler halte. Wenn einem solchen Verstandübermüthigen der Eifer das, was er für wahr hält, nicht erlaubt den Ausdruck zu mäßigen, so wird durch solche Roheit, die oft weit mindere der Sache oder der Idee selbst, unnöthig vermehrt. Die gewissesten Folgen solcher Arroganzäußerungen sind:

1) unnütze Furchterregung und Abschreckung der Schwachen;

2) stille, aber oft auch laut werdende, Oppositionsparthien unter den klugen und sanften, aber zum Gehorchen angewiesenen Menschen;

3) heimlicher Widerwille, der in Haß übergeht und Gelegenheit sucht, sein Müthlein am Ueberdiebrustsprecher zu kühlen;

4) Herabwürdigung oft ehrlich gesinnter Diener zu der abscheulichen Miethlingschaft, die, so schädlich sie ist, immer mehr einzureißen scheint.[215]

Mir sind Männer von ausgezeichnetem Verstande und unbezweifelter Rechtlichkeit bekannt, die alles für sich gewinnen könnten, wenn sie sich von solcher trocknen, zu jeder vernünftigen Discussion unfähig machenden Arroganz losmachen wollten!

Nimmt man die Arroganz von ihrer lächerlichen Seite, die sie oft genug zur Schau trägt, so sind ich an ihr viel Aehnliches mit der Prüderie der Weiber, die, wenn sie vorherrschend wird, alle ihre andern Eigenschaften, selbst die Schönheit und wissenschaftliche Bildung zu Schanden, ja sie beynah zu aller häuslichen Glückseligkeit unfähig macht; denn wer eine Prüde zu heirathen wagt, läuft Gefahr, viel von ihren Wunderlichkeiten leiden, oder sich zur Parthie derer, die über sie lachen, schlagen zu müssen; und doch giebt es Eltern, die die Prüderie ihrer Töchter nicht merken, vielmehr Wohlgefallen an ihr finden, sie für die Quintessenz weiblicher Tugenden, oder den unverwüstlichen Keim zu allen zu halten. Ueber die arroganten Leute muß ich auch noch dieses sagen, daß sie, von Gesellschaftsfrölichkeit übermannt, höchst gemein werden können, als ob sie durch solche lustige[216] Hingebungen sich selbst von der sonstigen ernsten Arroganz erholen und die Schmausgesellen dafür entschädigen wollten40.[217]

Mit Friedrich Nicolai hatte ich viel Umgang, er stellte mich auch in seinem Garten der Frau von der Recke vor, die von[218] ihrer Umkehrung zur kalten Vernunft aus dem Gebiete warmer Schwärmerey vielleicht eifriger sprach, als sie wirklich darin fortgeschritten[219] war, daher ich denn auch auf ihren spätern Reisen durch Königsberg immer noch manches Hochgespannte bemerkte, welches[220] sie aber nicht hinderte, eine für Religiosität, Kunst und Wissenschaft ernstlich lebende, und deshalb sehr ehr- und liebenswerthe Frau zu seyn, die, wenn ihre Ehe ihren Gesinnungen besser zugesprochen hätte, und ein sehr lieber Bruder nicht in einer Zeitperiode gestorben wäre, während welcher man ihre empfindliche Seele in eine ihr nicht ganz natürliche Situation geschroben hätte, auch eine gesundere, herrliche, glückliche Hausfrau geworden seyn würde.

Die Beweise ihres fortwährenden freundschaftlichen Andenkens, die ich noch 1809[221] und 1811. und durch Zusendungen ihres, 1815. gedruckten sehr interessanten und in einem der Weiblichkeit trefflich zusprechenden, vom vorredenden Herrn Hofrath Böttiger vielleicht nicht gehörig aufgefaßten, Ton geschriebnen Tagebuchs einer Reise durch Deutschland und Italien, von ihr erhielt, waren mir daher sehr angenehm und rührend, auch verdank' ich ihrem guten Zeugniß die schriftliche Bekanntschaft mit Herrn Tiedge, dem Verfasser der von mir sehr geschätzten Urania.

Die Schwärmerey scheint ein geistiger Bandwurm zu seyn, dem das Wegschaffen vieler Ellen die Wachskraft zu neuen nicht benimmt. Vom leiblichen unterscheidet er sich dadurch, daß er andern manchmal lästig wird, dem aber, der ihn hat, keine Schmerzen macht, ja sogar oft seine Freuden ihm erhöht und sie durch eigne Krümmungen und Windungen vermehrt. Eine mäßige Portion Schwärmerey im Herzen verbreitet vielfältig einen angenehmen Schimmer über die ganze Existenz und veranlaßt eine eigne Exaltation, deren der Dichter gar nicht entbehren, und die auch der Prosaiker sehr benutzen kann.[222]

Beym genialischen Capellmeister Reichart, der das Roß der Freymüthigkeit oft ohne Zaum und Sporen zu reiten pflegte, in seinen letzten Briefen über Wien es aber mit vielen buntgestickten Decken behangen hat, traf ich zum ersten Mal den Grafen Friedrich von Stollberg, der damals Dänischer Gesandter in Berlin, ein hochgebildeter, aber nicht minder hochherziger und gemüthlicher Mann war, und dem ich gar keine Neigung zur päpstlichen Religion überzutreten ansah. Wir wohnten einander gegen über, sahen uns in der Folge täglich, und auch er schien an mir Geschmack zu finden, wie es mir wenigstens seine Briefe aus Italien etc. zeigen. In sein 1788. gedrucktes Werk, die Insel, das er mir damals schenkte, hatte er auf der Rückseite des Titelblatts eigenhändig geschrieben:


»Froh und leicht sind die Träume der Glücklichen! als ich beglückt war

Träumte mir auch, und süß waren die Freuden des Traums.«

Süßer waren die Freuden des Wachenden, als ich die Eine

Sah, die liebend wie ich Alles in Allem mir war.[223]

Laune spann am Rocken des Traums, an dem Rocken der Freude

Spann die Eine, die mir Alles, in Allem mir war.

Edler, hättest du Agnes gesehn, du beweintest den Armen,

Theiltest den einzigen Wunsch, welcher dem Sehnenden blickt.

Ernster Gedanke des Todes und süßer, im einsamen Herzen

Nähret der Wahrheit Oel, schirmet die Hoffnung dein Tocht!


Berlin, 10. Jan. 1789.

F.L. Stolberg.


Auf einem Souper bey Engel traf ich den Herrn von Kotzebue, dessen Menschenhaß und Reue Tages darauf unter gewaltigem Klatschen und Weinen aufgeführt wurde. Auf Engels Frage: wie mir das Stück gefallen habe, erwiederte ich, daß es mein sittliches Gefühl verletze, daß manche entlehnte Situation darin vorkomme und im Dialog hin und wieder Büchersprache sey. Engels Antwort war: Haben wir ein beßres? Werden wir beßre bekommen? Seitdem habe ich den Herrn von Kotzebue mehrmal gesehen, besonders während seines vielmonatlichen Aufenthalts in[224] Königsberg, wo er die Bibliotheken und das Archiv41 zum Behuf der von ihm bereits in 4 Bänden erschienenen alten Geschichte Preußens bestmöglichst durchsuchte. Seinen Umgang fand ich sehr anspruchlos und, was auch feindlich gesinnte Recensenten zu weilen mit, mehrentheils aber ohne Recht wider und über ihn sagen mögen, seine Unterhaltung angenehm, so wie seine Ansichten mehrentheils sehr natürlich, und in den Lustspielen, die ich von ihm gelesen, mehr vis comica als bey vielen andern – entfernt bleibt es aber von mir alles gut zu heißen, was und wie er es geschrieben oder begonnen hat.

Den auch schon zu den Vätern heimgegangenen Domherrn von Rochow, mit dem ich schon aus Preußen über Schulsachen gebriefwechselt hatte, und den mich meine leidenschaftliche Neigung zur Landschulverbesserung aufzusuchen antrieb, traf[225] ich beym Probst Spalding, zu dem ich über Familiensachen zu sprechen kam, in Charlottenburg und fuhr mit ihm und seiner sanften Gattin nach Berlin zurück. Die Art, wie Herr von Rochow über seine Schulanstalten sprach, gefiel mir ganz wohl, und es that mir leid, daß ich einen ihm versprochenen Besuch in Rekahn nicht machen konnte; leid that es mir aber nicht, daß er nach Wöllners Entlassung nicht Minister des geistlichen Departements wurde, er hätte gewiß zuviel rekahnisirt und dadurch manches in der Bildung des gemeinen Mannes verfehlt.

Nicht leicht ist mir ein Mann vorgekommen, der ein sanfteres, und doch so große Achtung heischendes Aeußeres gehabt hätte, wie der verstorbne Spalding. Es fiel mir indessen ein Zug um die Nase42 so sehr[226] an ihm auf, daß er mich lange an dem Zutrauen zu ihm würde gehindert haben, das seine Freunde gegen ihn äußerten. Als ich seine Selbstbiographie las, in der er wohl mehr Individuelles von sich und seinen Zeitgenossen hätte sagen können und sollen, weil das Individualisiren das Salz der Lebensbeschreiberey zu seyn scheint (fände man das meinige nur nicht ganz todt) – kam mir dieser Zug um die Nase von neuem ins Gedächtniß.

Am 22. April 1805. bey meiner Nachhausekunft von der Feyer des Kantschen Geburtstages fiel mir in Marmontels Memoiren (Liv. IV. p. 33.) folgende Stelle in die Augen: Si je ne parlois, que de moi, tout seroit bientot dit: mais comme l'histoire de ma vie est une promenade, que je fais faire à mes enfans, il faut bien, qu'ils remarquent les passans, avec qui j'ai eu des rapports dans le monde, und so wenig es auch hieher gehört, muß ich noch einen klugen Rath hersetzen, den die[227] berühmte Pompadour dem schon damals in literarischem gutem Ruf stehenden Marmontel gab, weil ich wünsche, daß ihn alle junge Schöngeister vernehmen und sich ihm zufolge eine von literarischglücklichen Erfolgen unabhängige Existenz dadurch zu schaffen suchen möchten, daß sie nur das Ueberflüßige ihrer Lernjahre in die Kunstlotterie setzten. Malheur à celui, qui tout attend de sa plûme rien deplus casuel. L'homme, qui fait des souliers, est sur de son salaire; l'homme, qui fait un livre ou une tragoedie, n'est jamais sur de rien – und der kluge, in jeder Schriftstellerey erfahrne und berühmte Lessing schrieb am 7. Jun. 1770. seinem Bruder: »Auch die glücklichste Autorschaft ist das armseligste Handwerk.« L.W. 30ter Bd. S. 83.

In Leipzig, wohin ich meinen Freund de la Garde zur Ostermesse begleitete, lernt ich Oesern kennen, einen höchstliebenswürdigen, ganz seiner Kunst lebenden Greis; den Kreissteuereinnehmer Weiße, dem aber seine Meßgeschäfte wenig Zeit für mich übrig ließen, der nichts von dem Funkelnden an sich hatte, das ich am Verfasser der Amazonen- und vieler andern schalkhaft und[228] herzlich frohen Liedern zu finden erwartete, und in dessen Selbstbiographie ich es auch vermisse, so daß mir in selbiger sein Brief an Garve, worin er ihm sich selbst schildert, das Interessanteste zu seyn scheint, nebst einigen Personalitäten aus der gleichzeitigen Literargeschichte, die unter andern den feueraugigen Bodmer nicht eben in ein angenehmes Licht stellen; – den Rittmeister von Blankenburg, der zwar noch den preußischen Soldatenrock trug, aber durch Kränklichkeit und ununterbrochne literarische Arbeiten alle militairische Lebhaftigkeit verloren zu haben schien; – den durch seine großen Verlagsgeschäfte in der Folge so bekannt gewordenen Buchhändler Göschen, einen sehr gebildeten, gefälligen Mann, und im Hause des letztern den Geheimenrath Bode, zu dessen Uebersetzung des Montaigne ich Anlaß gab. Ueber Bode's oft recht feine, meistens sehr beißende Einfälle wunderte man sich doppelt, wenn man seine Körpermasse ansah. Die Weiber behandelte er im Umgange mit solcher Gewandtheit, daß sie am Scherz und Spaß, den er mit ihnen trieb, stets Gefallen fanden, oder ihm selbigen doch nicht übel nahmen.[229] Seinem Zureden, ihn nach Weimar zu begleiten, widerstand ich aus Abneigung gegen die Wallfahrten zu den Heiligen des Apollo, mithin habe ich Göthe, Wieland, Schiller, selbst meinen Landsmann Herder nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen,43 aber nach Dresden begleitete ich ihn, wo wir einige Tage mit Doktor Biester in Einem Gasthofe wohnten. In dieser Stadt, die mir an und für sich eben nicht gefiel, besucht ich ein paar Mal die Brühlsche Terrasse, die Bildergallerie und die katholische Kirche, in der es mir bey dem Altarblatte von Mengs einfiel, daß die Mahler den gen Himmel fahrenden Christus nicht anders als schon in der höhern Region vorstellen sollten, weil in dem Absprung, oder geistlichvornehmer zu reden, in der Losreißung von der Erde jederzeit etwas Tanzartiges liegt, das die Gefühle,[230] selbst des unbefangnen Anschauers stört oder beleidigt. So würde ich auch keinem rathen die Andachtsentzückung zu mahlen, weil sie ohne Beyfügung einiger frömmelnden Attribute sich schlecht von den Entzündungen sehr profaner Liebe unterscheiden läßt. Ich berufe mich auf Gemälde der heiligen Catharine und andre. Auch sah ich dort die Bibliothek, wo die Dichter in einem Zimmer sterben, dessen Aussicht einen beynah mehr nach den Fenstern, als nach den Schränken zieht; die Antiken; die aus dem Nachlaß von Mengs gekaufte herrliche Sammlung von Gypsabgüssen; nur zur Besichtigung der Prachtsachen des grünen Gewölbes regte sich keine Lust in mir. Am Tisch des preußischen Gesandten, Graf Geslers, eines höchstgebildeten und in mineralogischen Wissenschaften sehr unterrichteten und erfahrnen Mannes, den ich einige Jahre nachher auf seiner Rückreise von Petersburg in Königsberg mehrmal wiedersah, traf ich auch den Hofrath Adelung, der mir ziemlich stark mit grammatikalischem Schnee und Eise inkrustirt zu seyn schien, und viel von dem künstlich Geknifnem an sich hatte, das die Leipziger mir eben[231] nicht wohl gefallend machte, ingleichen den Vater des durch Leyer und Schwerdt bekannt gewordnen Theodor Körner, in dessen Hause ich mit Bode einen angenehmen Mittag hielt. Der plauensche Grund, Freyberg, wo uns der gefällige Herr von Charpentier unter andern das noch nicht ganz ausgebaute Amalgamirwerk zeigte und erklärte, zur Fahrt in einen Schacht aber keine Zeit war, Königsstein, wo mich der Anblick der umliegenden Gegend ganz bezauberte, auch Pillnitz, wo mir der mit Portraits der Beyschläferinnen des starken Königes August behangene Saal sehr misfiel – alle diese Oerter wurden in Biesters, wahrlich nicht langweiligen Gesellschaft besehen, und nach einigen gewiß nicht mit Youngschen Nachtgedanken zugebrachten Abenden, an deren einem Bode uns bis tief in die Nacht seine vielen maurerischen Verhandlungen und Abentheuer, die wohl eine Bekanntmachung zur Lehre, Strafe und Besserung vieler verdient hätten, erzählte, fuhr ich mit D. Biester wieder nach Berlin zurück.

Die französische Revolution war damals im Beginnen, und ungeachtet meiner Liebe[232] für die allein seligmachende Monarchie, war ich sehr für erstere eingenommen, mußte mich aber oft auslachen lassen, wenn ich unter Monarchisten behauptete: Ludwig XVI. würde den Thron verlieren, und unter Demokraten: Frankreich würde keine Republik werden, noch weniger es bleiben.

Bald nach meiner Rückkehr ins Vaterland verkauft' ich mein schön eingerichtetes Guth, um ein anderes zu kaufen, von dem aber weder Boden noch Lage dem ersten gleich kamen. Vielleicht wär' ich ganz aus Preußen gezogen, hätte nicht die höchsttraurige Lage, in die meine, jetzt schon gestorbne Schwester mit 3 Töchtern durch die unverantwortliche Führung ihres, nun auch schon begrabnen Mannes gerieth, mich am vaterländischen Boden festgehalten. Indessen bewog sie mich doch mit zur Verlassung der Nachbarschaft ihres für sie verlornen Landguthes.

Um mich vom Bücherkaufwurm loszumachen, hatt' ich vor meinem Abzuge aus Sprietlack meine sehr ausgesuchte Büchersammlung der Königsbergischen drey Kronenloge für 1500 Rthlr. verkauft, die selbige aber ohne Rücksicht, in den Verdacht zu[233] kommen, als ob das Klüger- und Besserwerden nicht mehr zu den maurerischen Zwecken gehöre, im Jahr 1804. wieder verauctionirte, und als ich in meinem neuen Wohnsitz zu Ebertswalde abermals einige hundert Bände zusammen zu bringen mich gelüsten lassen, so schenkt ich selbige dem Magistrat in Elbing zur Fundation einer Rathsbibliothek, nebst einem Capital von tausend Gulden, das mir die Kämmerey mit 20 Procent verzinset, für welche jährlich so viel Bücher, als dieses Geld erlaubt, von mir angeschafft und dem Magistrat abgeliefert werden. Entschlöße man sich, nach meinen Wünschen und Vorschlägen, diese Sammlung mit der Bibliothek des dortigen Gymnasii zu vereinigen und sie unter die Aufsicht eines zur Wissenschaftspflege förmlich verpflichteten Gymnasiendirektors zu geben, so würde sie vermuthlich besser benutzt werden, als es so lange der Fall gewesen ist. Jetzt kauf ich sehr wenige Bücher über jenen Ablieferungsbedarf, und kann das papierne Eigenthum um so leichter entbehren, als die freundschaftliche Gefälligkeit des Herrn Friedrich Nicolovius mich mit dem[234] Verlangten aus seinem Buchladen lehnsweise versieht.

Das Landleben hat freylich seine eigenthümlichen Herrlichkeiten, doch glaub' ich, daß seine leidenschaftlichen Lobpreiser manches dabey in Anschlag bringen, was ihm nicht eigentlich zugehört. Der ländliche Aufenthalt der reichen und vornehmen Engländer scheint mir weniger ein wahres Landleben, als eine bloße Verpflanzung des höchsten Stadtluxus auf ein geräumigeres Local, um da unter Menschen zu seyn, auf die man vermittelst dieses Aufwandes mehr Einfluß zu gewinnen trachtet und hofft, als man bey der städtschen Concurrenz zu erlangen hoffen, oder sich heraus zu nehmen wagen könnte, und durch deren Ergebung in den Willen und die Laune des Guthsherrn dieser sich die Kosten der reichlichen Bewirthung vergütet und seine Vergnügungen dadurch schärfer reizend (pikanter) macht. Die Vortheile, Gemächlichkeiten, Schönheiten, auch Unannehmlichkeiten des Stadt- und Landlebens, mit sichrer Hand abgewogen, möchten sich wohl das Gleichgewicht halten, und immer nur Nebenumstände der[235] Zeit, des Orts, des Vermögens etc. einem vor dem andern den Ausschlag geben.

Ich hatte funfzehn Jahre unter vielen Geschäften und Vergnügungen auf meinen beyden kleinen Besitzungen zugebracht, doch ohne ein wirklich landkunstverständiger Wirth zu werden, und hatte, ungeachtet mancher Untersuchungen über das Gute und Schlimme beyder Lebensweisen, noch immer nicht zum Schlusse kommen können, ob der englische Dichter Cowper Recht habe, wenn er sagt:


God made the country, and man made the town.

(Gott machte das Land, der Mensch machte die Stadt)


und wo ich am gemächlichsten mein letztes Stündlein abwarten könnte. Endlich leuchteten mir bey einer langen schmerzhaften Krankheit in Ebertswalde, und auch meiner Gattin die Vortheile von der Naheit ärztlicher Hülfe, an die ich eben keinen bergeversetzenden Glauben habe, doch so klar ein, daß wir die Landwirthschaft, ungeachtet des mir unterm 20. März 1792, vermuthlich auf Antrag des Herrn von Rochow und des mir durch seine wohlgehaltne Garnisonschule[236] in Potsdam bekannt gewordnen Feldprobstes Kletschke, ertheilten Diploms zum Ehrenmitgliede der märkschen ökonomischen Gesellschaft, auf immer zu verlassen beschlossen und uns in Königsberg ein Haus kauften, das am aussichtreichsten Ende der Stadt lag und einen nicht kleinen Hofraum und Garten hatte. Da ich diesen Wohnsitz für meinen letzten hielt, so suchte ich mir bald einen Begräbnißplatz auf dem nahgelegenen neuroßgärtschen Kirchhofe aus, und fand ihn in einer Ecke, die ich mit Pappeln umpflanzte, so daß er die Gestalt bekam, unter der er auf den Spätlingen als Vignette zu sehen ist. Allein die in der Folge von der Polizey ausgeführten Wegschaffungen sämmtlicher Kirchhofsbefriedigungen in der Stadt machte, daß auch hier das Sprichwort eintraf: der Mensch denkt, Gott lenkt.

Einige Umschaffungen in dieser sehr anständigen Wohnung und mancherley andre Einrichtungen in meinem Garten beschäftigten mich anfänglich reichlich. Mein Umgang war auf wenige, aber ziemlich ausgesuchte Menschen44 beschränkt, große und[237] Abendgesellschaften besucht' ich nicht und gab auch keine. So lange Kant noch ausging, war er beynah jedesmal unter meinen Gästen, ich aber habe nie zu seinen commensalibus regularibus gehört. Es[238] fällt mir hier ein kleiner Zug von ihm bey, der in den vielen: Ueber Imanuel Kant nicht steht; um ihn nicht zu vergessen, setz' ich ihn her, wohin er weder der Zeit noch dem Ort nach gehört. Bey einem Besuch, etwa ein Jahr vor seinem Tode, konnte er im Gespräch das rechte Wort zur Erwiederung nicht finden, als ich nun einhelfen wollte, ergriff er meine Hand mit den Worten: »Nein, nein, Freund, helfen sie mir nicht, mein Kopf muß selbst damit heraus« er wandte darauf die Ausdrücke so lange, bis er die ganz richtigen fand, die er mit einem recht zufriedenem »sehen sie wohl, Freund« begleitete.

Schon im ersten Jahr meiner städtschen Niederlassung starb Hippel, mit dem ich über alles, was Staat und Haus anging, viel und ohne Rückhalt zu reden gewohnt war; der Minister gewordne Oberpräsident von Schrötter, den ich beynah täglich sah, zog mit seiner ganzen Familie nach Berlin, und es entstand ein schmerzhafter Riß in meiner Umgangsglückseligkeit, den mein lieber Deutsch nicht heilen konnte, weil sein Temperament ihn hindert, so rasch und gewandt theilnehmend zu seyn, wie[239] Hippel es war. Der sehr scharfsichtige, auch wissenschaftlich gebildete geheime Staatsrath und Oberpräsident und jetzige Landhofmeister von Auerswald war eine zu neue Bekanntschaft, und seinem Hümör war zu wenig beygemischt von Poesie,45 von welcher der mehrentheils viel störrischer und unbiegsamer aussehende Minister von Schrötter weit mehr besitzt, und die einen zur Auslassung über und zur Theilnahme an Lebenskleinigkeiten, die ich den Vorspann gesellschaftlicher[240] Genüsse nennen möchte, erst recht fähig macht. Indessen hat es sich in der Folge mit ersterm in diesem Stück zu meinem Vortheil geändert, viel leicht aber auch zu seinem eignen, indem Communikationskunst und Gesprächigkeit von jedem großen Officianten fleißig eingeübt und getrieben werden müssen, weil er dadurch am leichtesten Menschenherzen gewinnt.

Beym Regierungsantritt Friedrich Wilhelm III. wandelte mich ein abermaliger Schulparoxismus an, und ich übergab einen Plan zur Verbesserung des Landschul- und Medicinalwesens, der 1800. unter dem Titel: Zugabe zu den Annalen des preußischen Kirchen, und Schulwesens vom D. Gedicke, gedruckt erschien, allein des aus dem Cabinet erhaltenen Belobungsdecrets ungeachtet unbenutzt blieb, bis im Jahr 1804. nach Aufhebung des Staatsministerii mit dem Schulwesen unter dem Herrn von Auerswald einige Veränderungen vorgenommen wurden, bey denen auch einige von meinen Bemerkungen angenommen zu seyn schienen.

Kann aber aus allem Unterrichten und Erziehen der Stadt- und Landknaben etwas[241] rechtes werden, wenn nicht auf die Erziehung und Belehrung der Mädchen ernstlicher gehalten, und mit ihrer Ausbildung der wahre Anfang der beabsichtigten Besserung des Menschengeschlechts gemacht wird?46 Dieser Meinung war ich lange vor meiner nähern Bekanntschaft mit Pestalozzi, und bin durch die Aeußerungen, die dieser Columbus, der das schwankende Erziehungsey zum Stehen brachte, in seinen Schriften bekannt gemacht hat, noch mehr darin bestätiget. Unter der vorigen Behandlung des Schulwesens hatten die, nicht zuerst nach der Einfalt des Reichs Gottes trachtenden und das Zufallen der Kunstaccidenzien geduldig abwartenden Oberconsistorialräthe und Schulherren so viel Materialien zusammen suchen und schreiben lassen, daß deren Unzählbarkeit sie hindern mußte, zum Einen, das Noth that, zur Anwendung, zu kommen. Es wurden durch den geistlichen Minister von Massow, ob er gleich selbst ein vernünftiger,[242] fleißiger, gutmeinender Mann war, Berge von Berichten und Tabellen zusammengebracht, aus denen in der Folge nicht einmal die Maus eines lange versprochenen Schulreglements gebohren werden konnte. Durch solches Verfahren kamen aber die Schul- und andre Wissenschaften in einen schlechten Ruf, und es ward denen, die auf dem werklustigen Erfahrungswege zu Kenntnissen gelangt waren und sie anwendeten, Anlaß gegeben, das Sprichwort: die Gelehrten, die Verkehrten, für wahr zu halten. In einer Parodie des Kirchenliedes: Eins ist Noth ach Herr das Eine etc. hab ich dieses alles Sr. Excellenz gesagt47.

Im Sommer 1799. ließ ich mich durch meinen alten Freund und damaligen Nachbar, den jetzigen Oberconsistorialrath und[243] Ritter Borowsky, bereden, dem den Schillerschen Göttern Griechenlands nachgebildeten Acheron des Herrn von Eelking in Bremen einen Antiacheron entgegen zu stellen, nicht um ihn zu widerlegen, sondern blos zu zeigen, wie es eben nicht schwer sey, seine Absprechungen zum Vortheil der andern Seite umzukehren. Die Selbstkorrektur dieses Antiacherons hat mir aber mehr Mühe gekostet, als die erste Bearbeitung, und der in den 1803. erschienenen Spätlingen48 vorgenommene zweyte Abdruck mag zeigen, ob ich verbessert oder blos geändert habe, welches letztre bey Revisionen eigner und fremder Arbeiten kein seltner Fall ist und mit Beyspielen aus[244] Ramler49 und Matthison reichlich belegt werden kann.[245]

Anno 1800. wurde die in Königsberg schon vor einigen Jahren angelegte, aber ganz in Verfall gerathne Kunstschule durch den geheimen Oberbaurath Eytelwein revidirt, und man nahm auch mich zum Mitgliede des zu ihrer Beförderung eingerichteter Senates an. Eigentlich ist sie nur für Bauhandwerker gestiftet, deren Geschmacksberichtigung und Verfeinerung sie gewiß auch merklich zu befördern anfängt. Möchte doch der Misbrauch einer endlich eingeführten Gewerbsfreyheit ihre Fortschritte nicht aufhalten! – Sollte die Obrigkeit, welche Gewerbsfreyheit ertheilt, nicht auch darauf sehen, daß jeder, der sie benutzen will, das, was er zu treiben sich entschließt, gehörig zu[246] treiben verstehe? Wird sie nicht sonst dem, der durch das ausgehangne Schild getäuscht und betrogen wird, für den Schaden, der ihm aus einer Art von ignorantia invincibilis erwächst – gut stehen sollen? Meines Erachtens leidet hier die Rechtsregel: quilibet scire debet conditionem eius, cum quo contrahit große und billige Ausnahmen.

Mehr als ein Jahr hab' ich auf die Durchsicht50 der Bodeschen Uebersetzung des Montaigne verwandt, nur ein förmlicher Eigensinn konnte mich bewegen bis aus Ende auszuhalten, das Gott Lob Anno 1804.[247] erreicht wurde; gewiß wäre aber diese Arbeit für die künftigen Leser der zweyten Ausgabe der Versuche nicht so vortheilhaft ausgefallen, wenn mich nicht der Pfarrer Fischer und der Professor Kraus mit ihrer Sprachkenntniß und Scharfsichtigkeit unterstützt und vor manchen Fehlgriffen gesichert hätten.

Ist die Nachwelt erkenntlich, so wird diese unendlich mühsame Berichtigung eines so köstlichen Menschenbuches meinen Namen wenigstens bis zur Erscheinung einer noch mehr gebesserten dritten Ausgabe im guten Andenken erhalten.

Beym Durchblättern meiner aus dem Hippelschen Nachlaß zurück erhaltenen Briefe fand ich viele von ihm angestrichene Stellung, diese zog ich vor Verbrennung der Briefe aus, und ließ sie mit andern gelegentlich aufgezeichneten Bemerkungen unter dem Titel: Gedanken und Meinungen über Manches im Dienst und über andre Gegenstände, 1802. drucken. Mein Freund Kraus, dieser vorragend scharfsichtige Staatswirthschaftslehrer und Kenner, und der damalige Criminalrath, jetzige geheime Kriegesrath und[248] zweyter Regierungsdirektor Frey, ein vorzüglich kluger Kopf und gewandter Dienstmann, machten unter der Firma von B. und C. mir verschiedne Bemerkungen über und wider, die zum Weiterdenken Anlaß geben können. 1804. erhielten die über Erwartung gut aufgenommenen Gedanken etc. eine Zugabe von einigen Bogen. Die der esten Ausgabe vorgesetzte Zuneigung an den Minister-General Grafen Schulenburg-Kehnert und den geheimen Finanzrath Borgstäde wurde aber bey der zweyten, aus sehr guten Gründen, nicht wiederholt. Die durch Zeit, Ort und persönliche Umstände veranlaßten Zusätze haben in der zweyten Abtheilung des 2ten Bändchens 1812. ihr Plätzchen gefunden.

Als der jetzige Pfarrer und Superintendent Weiß sich nebst einigen andern Geistlichen entschloß, auch für Königsberg ein neues, sehr noththuendes Gesangbuch herauszugeben, und eine Anzahl neuer Lieder aus andern Sammlungen in Form eines Anhanges zum alten Gesangbuche drucken ließ, so sucht' ich dieses Unternehmen bey der kirchlichen Oberbehörde bestens zu befördern; und da man mir den erwähnten Anhang[249] zum Nachlesen anvertraute, so hab ich selbiges zwar nach meinem besten Willen und Gewissen besorgt, weiß aber nicht, wie viele von meinen Abänderungen man kirchlich-gerecht genug befunden habe, indem ich mein durchgebleyfedertes Exemplar nicht weiter gesehen. Bis jetzt 1814. hat aber die allgemeine Einführung dieses Gesangbuches nicht Statt finden können, aus Ursachen, die ich verschweige, weil ihre Anführung die Sperrkette persönlicher Ab- und Rücksichten doch nicht wegnehmen und die in vielen alten kräftigen Liedern schlecht gemachten Abänderungen nicht verbessern würde.51

Mein Dichten und Trachten ging und geht immer darauf hinaus, meine Mittelmäßigkeit auf eine meinen Jahren und Launen angemeßne Art zu genießen, weil ich fest glaube, daß kein Sterblicher glücklich[250] seyn kann, wenn er nicht bereit und willig ist, auch andre glücklich und zufrieden zu stellen, und daß es seine völlige Richtigkeit hat mit dem Gellertschen Gnomon:


Ein jeder Freundschaftsdienst, ein jeder kluger Rath,

So klein die Welt ihn schätzt, ist eine große That,

Auch in der Dunkelheit giebts göttlich schöne Pflichten,

Und sie im Stillen thun, heißt mehr als Held verrichten.


Möchte sich doch Jeder von dieser Wahrheit überzeugen lassen, bey ihrer Befolgung würde gewiß des Bösen weniger und des Guten mehr geschehen. Denn wie oft trat nicht ein gutes Wort des einen, dem schlechten Vorsatz des andern so lebhaft in den Weg, daß letzterm darüber die Lust verging, ihn zur That werden zu lassen! Ohne die Befolgung dieser Maxime würd' ich tausend Freuden weniger, theils selbst genossen, theils andern geschafft haben. Wie oft wird nicht gute Rath Sporn und Mittel zur Ermannung und zu eigner Hülfe, die zufolge des französischen Sprichwortes: aide toi, et Dieu t'aidera, immer die beste und sicherste ist.

Selbst erlebte Beyspiele werden jedem[251] beyfallen, und ich setze, wahrlich nicht aus Prahlerey, sondern aus herzlicher Freude über ihr Gelingen, ein Paar eigner in die Note.52 Vielleicht würd' ich weit eingezogener[252] gelebt haben und noch jetzt leben, wo mir das Mitleben, besonders körperlich, manchmal herzlich sauer wird, allein das Bewußtseyn, daß zu mancher Ausrichtung meine Kräfte nicht hinreichen, treibt mich zum Versuche, ihre Wirksamkeit durch den Umgang mit Stärkern zu vergrößern. Ja diese Hülfslustigkeit hilft mir sogar eine Art von Abneigung gegen hohe Standespersonen überwinden, und da, wo ihre freye Aeußerung mir oder andern unvortheilhaft wer den könnte, selbige durch eine lachende Wendung zu plätten und zu lasuriren. Unten kann man lesen, wie der alte Regnier Horazens Worte:


Dulcis inexpertis cultura potentis amici,

Expertus metuit53 paraphrisirt hat.
[253]

In solcher geistigen und leiblichen Stimmung vergingen viele Jahre, die ich mit Stillschweigen übergehe, um auf das Jahr 1806. zu kommen, in dem sich mancherley Veränderungen mit meiner ganzen Lage anhoben. Die mühsame Aufsicht, die das in Ordnung Halten eines halbländlichen Wohnsitzes[254] erfordert, und der Verdruß, den man mit den unentbehrlichen Hülfshänden hat, bewogen mich, bey Gelegenheit, daß die Sache wegen Anlegung eines botanischen Gartens bey hiesiger Universität in etwas ernstlichere Anregung kam, ihre Ausführung aber in der Ausmittelung des Lokals und der[255] Kosten zu dessen Ankauf viele Schwierigkeit fand, zu dem Entschluß, Haus, Hof und Garten, die mir über 12000 Rthlr. gekostet hatten, dem Könige gegen eine Leibrente von 700 Thalern auf 4 Augen abzutreten. Da die reellsten Vortheile auf Seiten des Acquirenten waren, so wurde mein Anerbieten durch eine Cabinetsordre vom 20. Sept. 1806, also kurz vor dem Auerstädtschen Schlage, genehmigt und mir das Wohnen bis Ostern 1807. gestattet. Mit der wirklichen Einrichtung des botanischen Gartens wurde aber erst im Herbst 1809. durch den Finanzminister Freyherrn v. Altenstein der Anfang gemacht. Als Kenner und Liebhaber der Botanik, vergrößerte er das Areal gehörig durch Ankauf andrer Grundstücke und besorgte ihm auch in der Person des Professor Schweigger, der einige Jahre durch im Jardin des Plantes zu Paris seine botanischen Talente ausgebildet hat einen schicklichen Vorsteher; so wie die, dicht dabey an einer sehr schicklichen Stelle erbaute Sternwarte in dem lilienthalisch gebildeten Professor Bessel einen unverbesserlichen Astronomen gefunden hat.

Fußnoten

1 In einem ohnlängst (im Nov. 1814.) von einem Frauenzimmer geschriebnen Buche (Natalie, ein Beytrag zur Geschichte des weiblichen Herzens) fand ich S. 133. folgende Stelle: »Wahrlich wir Weiber tragen selbst die Schuld, wenn wir die Sphäre weiblicher Wirksamkeit nur mit der Lauigkeit des prosaischen Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu abgerichteten Maschine, zu betreiben wissen, und sie nur im kleinlichen, den Geist einengenden Lichte sehen. Ein unverschrobener, dem Müßiggang – der leider mit einem gewissen ästhetischen Luxus der Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt ist – feindlicher Sinn, findet leicht, ohne Resignation, in der Besorgung des Haushalts den heitern Schauplatz nützlicher Thätigkeit, die sich selbst zum Lohn wird, ohne diese von dem Gedanken treuer Pflichterfüllung entlehnen zu wollen, der uns nur bey Pflichten andrer Art kräftigen, und nicht an solche natürliche Tugenderzeugnisse weiblicher Natur verschwendet werden muß«

der H. Schrift nach bestehet im Munde zweyer Zeugen die Wahrheit, wie viel sichrer, wenn der eine Zeuge ein freywilliges Selbstbekenntniß ablegt!



2 Sein Bruder war der durch seine historischen Arbeiten sehr bekannt gewordne G.S. Bayer, der bey hiesiger Universität als Professor stand, aus Mangel an Unterhalt nach Petersburg ging, wo er bey der Academie sehr geschätzt wurde.


3 Heute den 9. Oct. 1814. las ich Rousseaus Confessionen, wo er im 2ten Buche S. 104. vom Herrn Basile sagt: Je le vois comme s'il entroir actuellement en habit d'écarlate à boutons d'or, couleur que j'ai prise en aversion depuis ce jour. là.


4 Als ich am 28. Februar 1804. dicht an Kant Gruft, traurig gerührt stand, und die hartgefrorne Erdscholle hinabgeworfen wurde, erinnerte ich mich so lebhaft meines auf eben diesem Kirchhofe begrabnen Oheims, daß mir ein Schauer durch die Glieder und Thränen über die Wangen liefen.


5 Der damalige Prorektor und als Doctor der Theologie und Consistorialrath gestorbne Pisansky schien mir den Gipfel aller Wissenschaft und besonders der Latinität erreicht zu haben, denn er sagte lange Stellen aus dem Virgil auswendig her, konnte uns, wenn wir lateinische Verse an der schwarzen Tafel in Ordnung bringen sollten, oder gar selbst welche machen mußten, mit seiner Sylbenmaaskenntniß, gleich einem lebendigen Gradus ad Parnassum, aus den Scansionsnöthen helfen, wußte alles gleich auf deutlich zu sagen; kurz, es floß ihm vom Munde jede Rede wie Wasser, seine Muse stand bey der ganzen Stadt in großem Rufe, und auch ich habe ihm recht vieles zu verdanken.


6 Gestern (18. April 1813.) fand ich in dem empfehlenswerthen Esprit de la methode d'education de Pestalozzi par M.A. Jullien à Milan 1812. Tom. I. pag. 186. folgende Stelle, die meine Meinung vollkommen bestätigt: les hommes les mieux éleves sont ceux, qui ont pu tour à tour se nourrir des impressions bienfaisantes de l'education domestique, et achever de se former dans l'atmosphere de l'education publique. M. de Guibert, dans son excellente éloge du chancelier l'Hopital – parle ainsi de la manière, dont il avoit été élevé: »le pere de ce grand homme avoit eu la sagesse de donner à son fils alternativement, et chacune dans leur veritable tems, les deux especes d'education. Dans le premier age il prefera l'education domestique, parce-qu' ayant pour object de veiller sur la santé, de former le temperament et de faire germer dans le coeur les premiéres leçons de morale; un pere doit être plus propre à ces details, que des instituteurs de colleges, dont les soins sont trop divisés, mais dans l'adolescence il prefere à son tour l'education publique, parcequ'elle fomente l'emulation, ploie le caractére et prepare les jeunes gens au choc des passions de la societé et aux contrarietés de la vie – le jeune Hôpital eut ensuite, pour achever de former sa jeunesse, le mailleur de tous les mâitres, celui, qui hate l'expérience et mûrit le jugement, celui, qu'il faudroit pouvoix faire presider à l'education de tous les princes – le malheur.«


7 Ich schlief mit ihm in einer ungeheizten Stube, wo er mir den Ansatz zum Nachtwandeln, bey dem ich Tische und Stühle auf einander thürmte und mich dann oben aufsetzte, dadurch abgewöhnte, daß er mich, wenn ich herabgestiegen war, mit eiskaltem Wasser begoß.


8 Vom Unterricht der Kinder nach pestalozzischer Methode versprech' ich mir schon darum glückliche Folgen, weil er zum Singen auf eine Art anführt, die durchaus auf ihre Herzen vortheilhaft wirken muß.


9 Als ich in die Schule ging, mußten sonntäglich 2 Knaben von Prima und Sekunda vor die Canzel kommen, mit denen der schnell und heftig sprechende D. Schultz seine Predigt genau wiederholte. Diese gute Sitte hat man in der folgenden Zeit abgeschafft, ob sie gleich Anlaß gab, die aufs Behalten systematischer Vorträge nicht eingerichteten Zuhörer auf die Hauptgedanken der Predigt zu führen, die Knaben selbst zum Auffassen der Disposition zu gewöhnen, manchen neuen Gedanken aus dem Prediger selbst hervorzulocken, der in dem Vortrage selbst ihm nicht beygefallen, und erst durch die Antwort des Knaben veranlaßt worden, zu Befolgung der Lehre aber oft das glücklichste Hausmittel lieferte, zu dem sich die homiletische Apotheke zu vornehm hielt. Wie mancher Eltern Herz wurde nicht beym Anhören der Wiederholungen durch die Ueberzeugung von den Fähigkeiten ihrer Kinder höchlich erbaut und erfreut. Da bekanntlich für 3/4 der Zuhörer die Predigt leerer Schall bleibt, wie sehr könnte diesem Uebel durch solche Wiederholungen, allenfalls mit den Catechumenen abgeholfen werden! Verschiedentlich hab ich für ihre Wiedereinführung gesprochen, doch ohne Erfolg – sollte sie nicht die Hausandacht befördern? – doch Hausandacht! wo bist du Sonne blieben; der Wahn in einem Tage zu leben, der keiner Sonne bedarf, hat dich vertrieben!


10 Sollten Neugierige es mir übelnehmen, wenn sie von meinen Liebhaberrollen weiter keine Erwähnung finden, so bitt ich sie, mein Stillschweigen über dergleichen Darstellungen sich aus dem Vorgefühl zu erklären, das mich besorgen ließ, diese Geschichtchen würden keinesweges so interessant ausfallen, wie sie dem Herrn von Göthe und dem Grafen Alfieri in ihren Biographien geglückt sind, und würden ihnen dadurch nur ärgerlich oder langweilig geworden seyn.


11 Was ich ohne Dich, wäre, ich weiß es nicht aber mir grauet

Seh' ich, was ohne Dich Hundert und Tausende sind.


Schiller.


12 In der Iris von Jacobi 1805. sagt Theron bey Gelegenheit eines angeführten Impromtüs der verstorbenen Karschin: »der leichte Witz, die Schnelligkeit der Idee, die Besonnenheit sie anzuordnen, selbst die Kühnheit, etwas für alle Unerwartetes zu sagen, sind nicht Jedermanns Sache. Dazu kommt die Schwierigkeit, die unsre Sprache dem Reim und allen leichten Dichtarten entgegensetzt; der Italiener, bey dem die oben angeführten Eigenschaften Volkscharakter sind, dem eine sonore, reimreiche Sprache zu Hülfe kommt, hat es daher in der Kunst aus dem Stegreif zu dichten allen andern zuvorgethan.« Unter den Versen, die die Karschin hervorsprudelte, waren die meisten besser wie die, zu denen sie Zeit bekam. Der in Königsberg sehr bekannte Lauson, der in Allem etwas eignes hatte, improvisirte weit glücklicher, als er schrieb. Ramler hat mich oft versichert, er habe zu solchem Improvisiren eine große Neigung und viel Gabe gehabt, so daß es ihm schwer geworden sey sich davon loszumachen.


13 Im Junius 1758. ließ ich auf Veranlassung meiner Bekanntschaft mit dem damals als Schriftsteller nicht unbedeutenden Rathsherrn von Waasberg ein Gedicht auf die zweyhundertjährige Jubelfeyer des danziger Gymnasiums drucken, das von den damaligen Herrlichkeiten, Herrn von Waasberg ausgenommen, wohl keiner besser würde gemacht haben. Die stolzen Hochweisen Gestrengigkeiten nahmen aber von meinen Wissenschaften keine Notitz, und wer weiß, ist nicht dieser Unhöflichkeit wegen mein am Gedichtsschluß angebrachter Wunsch in den neusten Zeiten so wenig erfüllt worden.


14 Als ich einst im Tristram Shandy las: es komme in der Welt viel auf die Taufnamen an, schien diese Bemerkung mir ein bloß launigter Einfall: seit dem ich aber wahrgenommen, daß die Töchter höherer und niederer Abkunft andre Gesinnungen an Worten und Werken angenommen, seitdem jene nicht mehr Anua, Elisabeth etc. sondern Bertha, Thekla etc. und diese Carolina, Hanchen etc. getauft werden, fang ich an sie für eine Wahrheit zu halten.

Zu Completirung der Akten muß ich indessen eine vor Kurzem gelesene Stelle aus Göthes Dichtung und Wahrheit (3. Bd. S. 39.) anführen, die die Meinung über die Bedeutsamkeit der Namen mir zu bestätigen scheint: »Auch der Trieb, sein Kind durch einen wohlbedeutenden Namen, wenn er auch sonst weiter nichts hinter sich hätte, zu adeln, ist löblich, und diese Verknüpfung einer eigebildeten Welt mit der wirklichen verbreitet sogar über das ganze Lehen der Person einen anmuthigen Schimmer. Ein schönes Kind, welches wir mit Wohlgefallen Bertha nennen, würden wir zu beleidigen glauben, wenn wir es Urselblandine nennen sollten. Gewiß einem gebildeten Menschen, geschweige denn einem Liebhaber, würde ein solcher Name auf den Lippen stocken, der kalt und einseitig urtheilenden Welt ist nicht zu verargen, wenn sie alles, was phantastisch hervortritt, für lächerlich und verwerflich achtet, der denkende Kenner der Menschheit aber muß es nach seinem Werth zu würdigen wissen.« (den 23. Nov. 1814.)


15 Von diesem meinen ersten Verleger muß ich etwas anführen. Unzählige Projekte und oft falsch angebrachte Liberalität machten, daß er vielen, am meisten seinem eignen Ruf, schadete. Sein muntrer Kopf, der überall Feuer faßte, erwog und berechnete selten die Qualität und Quantität der Mittel, die zur Ausführung seiner Ideen erforderlich waren, und ihr unbedachtsames Ergreifen brachte oft ihn und seine aufrichtigsten Freunde, zu denen ich bis an sein Lebensende gehörte, in merkliche Verlegenheiten. Er hoffte stets mehr wirklich thun zu können, als er versprochen hatte, und schien, wenn es damit nicht gieng, mit dem ultra posse nemo obligatur sein Gewissen zu beruhigen. An Dienstfertigkeit für andere war ihm nicht leicht einer gleich, und nur zu oft versäumte er dadurch eigne Geschäfte. Vermittelst seiner Dreustigkeit und nervösen Darstellungsgabe hatte er den geldschonenden Friedrich II. dahin gebracht, ihm bis 18000 Thlr. zur Vervollständigung seiner in Trutenau angelegten Papier- und besonders der Preßspähnfabrike auszahlen zu lassen. Kanter, der immer neue Kunst- und Bauversuche machte, forderte aber immer mehr und hielt beym Könige in Graudenz um eine Audienz an, worauf der König zum Cabinetsrath Golster sagte: den kann ich nicht sprechen, er hat mich schon schriftlich breit genug geschlagen, und ich hab kein Geld mehr übrig für ihn.


16 »Die Erinnerung dieser Zeit (als die Franzosen die Schweiz im letzten Kriege überfielen) führt natürlich auf die Frage: was denn für die Schweizer nun zu thun sey? da kann von hingebender Verzweiflung, die zu nichts als zu schnöder Verzweiflung führt, keine Rede seyn, und nicht weniger verderblich wären unbesonnene Versuche, deren Ausgang eine erdrückende Erschwerung des Jochs seyn würde. Die allgemeine Lehre ist: Schicket euch in die Zeit, ohne zu versäumen, euch einer bessern würdig zu machen. Den Schweizern wird angerathen (vom Verfasser des Aufsatzes) ihrer Miliz die möglichste Vollkommenheit zu geben, und durch Ehrgefühl und Vaterlandsliebe die Kraft derselben zu erhöhen – das sollten alle Staaten bedenken, daß, da der größte von ihnen ganz militairisch wird, alle verloren sind, welche im blinden Vertrauen auf die regulirten Truppen, versäumen, das Volk ebenfalls zu tapfrer Selbstvertheidigung zu organisiren. Wenn jeder bewaffnet, jeder unterrichtet ist, welchen Nachbaren, unter welche Führung er sich anzuschließen hat, und Gefühl für Nationallehre mit der Begierde sein Eigenthum zu retten sich vereinigt, wird es dann auch wohl so leicht seyn, bey einer kraftvollen Nation, wie in einer Hürde wehrloser Schaafe herum zu wühlen, welche nun einmal da sind, um geschoren zu werden? Und hiezu ist Wollen, ist muthiger Entschluß hinreichend: denn was die Natur eingiebt, wozu sie aufruft, ist leicht, weit leichter als Hohn und Raub zu ertragen. Wir bemerken große Einsicht in der Abhandlung der Frage: ob es vortheilhafter sey, sämmtliche leichte Infanterie mit der Linieninfanterie zu verbinden; daß beyderley Manier nützlich und nach Umständen nothwendig ist, ergiebt sich als Resultat; wichtiger aber ist die Ausführung durch das Andringen auf Bildung des Geistes der Armee. Das Steife, Maschinen- und Paradenmäßige des auf einen Leisten berechneten Liniendienstes hat ihn beynah erstickt. Wie könnte dieser ohne Gedanken, ohne eignen Eifer, ohne lebendige Theilnahme und Gemeingeist gegen Truppen bestehen, die für den Zweck (wäre es auch nur Beute und Ruhm) begeisterungsvoll von Feldherren geführt werden, die freyen Spielraum haben in Erfindung aller Mittel zu dessen Erreichung? Ist's sich groß zu wundern, wenn über den kalten Mechanismus der Regulirten, und über die Unanstelligkeit der Miliz (wo etwa einige Spuren von derselben übrig sind) die Oberhand für den Feind unzweifelhaft wird? Oder sollten, unsrer Schläfrigkeit zu gefallen, Kühnheit im Unternehmen und Raschheit in der That ihre inwohnende Kraft verlieren! Die Schwachsinnigkeit ist erstaunenswürdig nach der die alten Ideen von Ehre, Freyheit, Religion (die selbst für Friedrich so viel gethan) mit der elenden Vorspiegelung einer gemeinen Sache der Fürsten vertauscht worden, als wäre die Erhaltung der Verfassungen, des Eigenthums, und einer Nationalehre nicht Sache der Völker, zu denen auch die Heere gehören – der Despotismus glaubt zu können, was er will, Lokalitäten und Nationalität behalten aber ihre Rechte; wer es gegen sie aufnimmt, wird immer nur etwas Halbes machen, und den Zweck verfehlen – Nichts ist wichtiger, als daß der militairische Geist der Nation wieder empor komme (er hätte nie einschlafen sollen); Landbau und Waffen sind die wahren Stützen der Freyheit.«


17 Nach dem zum Schilde angenommenen Lachs wird in Danzig die berühmte Brandweindistillaterey, die ihre feinen Spiritualitäten in alle Weltgegenden verschickt, der Lachs genannt.


18 Viele haben mich für den Verfasser dieser versificirten Ejaculationen gehalten, um meine Denkungsart über solche Meursiussche Elegantias nicht zu verläugnen bezieh ich mich auf das 1801. im Druck erschienene Etwas über Gedichte nach dem Leben.


19 »Wenn der Mensch mit beobachtendem Geiste die Natur wie das Leben betrachtet, so ist die Einsamkeit sein Himmel und die Beschäftigung seine Göttin. Zwey nie versiegende Quellen göttlicher Kraft bieten das Gemüth und der Verstand ihm dar, und was er durch sie hat, empfindet und begreift, nimmt er in seine Schöpfung auf, formet und bildet es, und stellt es vor den beschauenden Sinn des Menschen, erleuchtet den Verstand, bessert und erfreut zugleich das Gemüth, und ist selbst der glücklichste, weil er das Schöne liebt, das Nützliche achtet, das Gute vermehrt, und tausende in seine Kreise zieht.« IV. Tischbeins Bruchstücke eines Romans im Januarstück 1811. des vaterländischen Museums S. 75.


20 Johann Müller schreibt an seinen Bruder (Werke 6ter Bd. S. 344.) »das (über Livius und sein Fürst) ist ein classisches Werk in dem Sinn wie die Alten, lauter gediegenes Gold, Erfahrungen durch den richtigen Verstand beleuchtet, nichts schimärisch, nicht einseitig, nichts unfruchtbar, wahre politische Weisheit, aber man muß wissen, sie zu fassen, wer Ohren hat, der höre.«


21 Im Jahr 1772. hielt ich mich in Bromberg einige Wochen bey ihm auf, als ich unter dem Westpreußischen Oberclassifications-Commissario, dem Geheimen Finanzrath Rohde, die Cämmereyetats der kleinen Städte fertigen mußte, lernte dort seine Finanzgenialität, seine oft zu wenig auf Recht und Umstände Rücksicht nehmende Thätigkeit, so wie seine beynah nur auf die Namensunterschrift eingeschränkte Schreibkunst kennen, ärgerte mich aber oft im Stillen nicht wenig über die Arroganz und den Leichtsinn einiger den Canalbau unter ihm mitbearbeitender jungen Räthe, denen es zwar so wenig wie ihrem Chef an offnem Kopf und Raschheit, aber vielfältig an gehöriger Ueberlegung, Schonung und Besonnenheit fehlte, wenn gleich einige in der Folge hoch im Finanzfach angestellt wurden und in den neuesten Zeiten gewiß noch weit schreyenderes Glück würden gemacht haben, – Am etwas geräuschvollen Tisch des Geheimen Finanzraths, an dem manchmal 30 Personen mit dem etwa für 20 Angerichteten sich begnügen mußten – ging es recht gut, aber auf nähere Bekanntschaft ließ ich mich mit Keinem ein, weil das Hochfahrende und auf die leichte Schulternehmende mir von jeher, besonders an Officianten, seiner sichern Schädlichkeit wegen sehr zuwider gewesen und auch geblieben ist.


22 Die Hauptveranlassung zum Schreiben der Hippelschen Biographie gab der Heidelbergsche Prediger Abegg, der zum Besuch seines wackern hiesigen Bruders hergekommen war. Ein höchstgebildeter liebwerther Mann. Ihm hatte sein Freund Schichtegroll aufgetragen, Materialien zum Leben des Verfassers der Lebensläufe etc. zu sammlen, und diese wurden ihm denn auch vorzüglich durch den Oberconsistorialrath Borowsky und mich geschafft. Bey dieser Gelegenheit kam ich in einiges Verkehr mit Herrn Schlichtegroll, und in einen bis jetzt (1815.) fortgesetzten Briefwechsel mit dem Badenschen Kirchenrath und Pfarrer Abegg.


23 Er litt damals sehr an den Augen und verlor sogar das Eine ganz.


24 »Das καλον der Alten begriff in sich, nicht den flachen Anschein, mit welchem wir tändeln. Ihnen war es der höchste Begriff der Harmonie, des Anstandes, der Würde, die auch höchste Pflicht ist. Dieser Begriff schließt weder die Nutzbarkeit der Handlungen aus, noch weniger Pflicht, schwere Pflicht. Vielmehr ist diese Schönheit des Menschen nichts als reiner Charakter. Sie fordert ohne Rücksicht auf Lohn und Bequemlichkeit diesen als Menschencharakter, als Ziel und Genuß eines würdigen Menschenlebens. Ein honetter Mann thut nichts Häßliches, wenn es den Augen der Welt auch verborgen bliebe, er kann es nicht thun, denn es ist häßlich. Er muß sich ja vor sich selbst schämen. Ein Edelgesinnter thut, was ihm sein Herz gebietet, sein selbst d.i. der Gesinnung wegen, die im Gefühl der höchsten Convenienz, ohne alle Rück- und Seitenblicke sich ihrer Pflicht ganz und froh hingiebt. Nehmt der Tugend diesen Reiz, den Stachel der Liebe, wie eine hölzerne Braut sieht das Sittengesetz da, weder geliebt, noch fähig geliebt zu werden. Was erweckt Liebe? Im Himmel und auf Erden nichts anders, als das καλον der Griechen. Das Vortreffliche, das uns als unsre Bestimmung innig anspricht und ruft und fodert, das pulchrum, honestum, decens, decorum, unser Ein und Alles, die Summe des Schönen. Sie ruft mich, nur mich zum Werk, das kein andrer statt meiner thun kann, denn es ist meiner Natur harmonisch. Die Gottheit selbst ruft mir, daß ich es thue, sie ist in mir und wird mich stärken. Wer den inwohnenden Reiz der ächten Honettetät einer Menschenseele, einer daurendschönen Gemüthsfassung, die sich auf alles erstreckt, durch alles verbreitet, wer diesen Rückklang der Weltharmonie im Herzen des Menschen gefühlt hat, der fühlte zugleich, daß es außer ihm kein Sittengesetz gebe – kein Vernunftgesetz. Kein Natur- und Kunstwerk ist ohne eine unsern Organen zusprechende Convenienz und Organisation seiner Theile zu uns auch nur denkbar.« Herders Werke zur Philosophie und Geschichte 9ter Theil S. 183.


25 Siehe mit mehreren den schönen Aufsatz über den Unfug vieler deutschen Schriftsteller unserer Zeit, und über die Richtung, die sie unsrer Nation geben wollten, in den Miscellen für die neuste Weltkunde von 1811. No. 97. 98.


26 Unter den bey der Kammer arbeitenden jungen Männern, mit denen ich mich gern abzugeben pflegte, sprach keiner mir so ganz zu, wie der Landbaumeister Broscovius, über den ich durchaus ein Paar Worte sagen muß: dieser bescheidene Jüngling legte seinen Landbaumeisterposten nieder, um die Kameralistik zu studieren, von der in seiner klugen, edlen Seele vieles besser geschrieben stand, als in den mehresten damaligen Büchern zu lesen war, und in kunstreichern Zeiten von Buchstabenmenschen ausgeübt wurde und wird. Seine bey der größten Anspruchlosigkeit im Aeußern sichtbar werdende Ueberlegenheit beschleunigte, wider den gewöhnlichen Dienstgang, seine Beförderung zu höhern Posten, und er that in der Folge als Präsident der N.O. Pr. Kammer in Plozk der Provinz so fürtreffliche Dienste, daß die Warschauer neue Regierung (1807) ihn gerne würde zurückbehalten haben. Ohne Wunsch, den Glanz seiner Werke auf seine Person zu leiten, begnügte sich der edle Mann an der Freude, sie ohne Geräusch gethan zu haben, und das unmerklich Belehrende seines Umganges schützte seine Intelligenz-Ueberlegenheit vor aller Eifersucht der Belehrten. Es kam alles aus seiner gebildeten Seele gleichsam aus der ersten Hand, und erleichterte die Ausübung. Seiner durch die Kriegsunruhen sehr geschwächten Gesundheit ungeachtet mußte er nach dem Kriege die Präsidentenstelle in Gumbinnen annehmen, die er nur bis gegen den Herbst 1809 bekleidete, denn als er ärztliche Hülfe in Königsberg zu suchen kam, fand er da seinen sanften Tod; wenige Stunden vor diesem besprachen wir uns noch altvertraulich – Ihm ist gewiß die Erde leicht – und wie leicht würde manches im Staat werden, würde es von Broscovius-Händen getragen und gehoben.!!


27 Beylage A.


28 Dieses Wort erinnert mich an eine Stelle im Tacitus, der den abscheulichen Tiber folgende, allen gutmüthigen Regenten erwegungswerthe Worte über das Gnaden-Gehaltswesen sagen läßt: Languescet alioqui industria, intendetur socordia, si nullus ex se metus aut spes, et securi omnes aliena subsidia exspectabunt, sibi ignavi, nobis graves.


29 Wäre Friedrich II. Nichtachten auf treugeleistete, besonders Civildienste, nicht allgemein bekannt, so würd' ich Bedenken tragen, bey meiner Misbilligung des ungehinderten Abdrucks der von der Lieblingsschwester Friedrichs abgefaßten Memoires, die ein nicht zu bezweiflendes Gemälde von dem Hausbetragen der Familie Friedrich Wilhelm I. liefern, die Schilderung herzusetzen, die der Arzt Superville 1738. von Friedrich machte, und der die Markgräfin nichts entgegensetzte als: »je ne me serois jamais figuré, que son caractere fut si fort changé« ihr Gemahl aber mit der Versicherung bestätigte, »qu' il avoit deja porté le même jugement de son frêre.« »Je ne puis nier, que je ne sois bien dans l'esprit du prince royal, mais je n'ai eu que trop le tems de l'etudier. Ce prince a un grand genie, mais un mauvais coeur, et un mauvais caractere, il est dissimulé, soupçonneux, infatué d'amour propre, ingrat, vicieux, et je me trompe fort, ou il deviendra plus avare, que le Roi son pére ne l'est à present. Il n'a aucune religion et se fait une morale à sa guise, tout son étude n'etend, qu' à éblouir le public, mais malgré sa dissimulation bien de gens ont demelé son caractére. Il me distingue à present, pour étendre ses connoissances, une de ses plus grandes passions êtant l'étude des sciences, lorsqu'il aura tiré de moi celles, qu'il ignore, il me plantera là, comme il a fait à bien d'autres, et c'est pour cette raison, que j'ai jugé à propos de prendre mes mesures d'avance.« Memoires de Fr. Soph. Wilh. Marggrave de Bareuth, Soeur de Frederic le Grand, depuis l'année 1706. jusqu'a 1742. écrits de sa main. Brunswick 1810. chéz Vieweg. Tom. II. pag. 277. Demungeachtet hab ich noch am 24. Jan. 1814. wie schon seit vielen Jahren, mit einigen Freunden seinen Geburtstag gefeyert, und bleibe, ohne Rücksicht auf das, was ich manche über den Zeitsümpfen flatternde Staatsikarusse über den großen König sprechen höre, der Meinung, daß, wenn Friedrich durch wackre kluge Männer genöthiget worden wäre, sich von dem in den ersten 50 Lebensjahren durch seichte, kleine und große Umgebungen ihm angewöhnten Glauben an seine Geistesüberlegenheit zu entwöhnen, und für den Rest seines Lebens glauben zu lernen, daß auch andre Menschen Herz und Verstand haben, er gewiß von seinem Treibhaussystem abgelassen, und dann bald würde erfahren haben, daß ein Volk auf kürzern und wohlfeilern Wegen stark und glücklich gemacht werden könne, als auf den angeblichen Richtsteigen staatswirthschaftlicher Speculationskünsteleyen. Waren vom Sokrates nicht die Fehler abgelegt, die Zopyrus aus seiner Physionomie gelesen hatte? Ich kann es daher nicht unterlassen eine heut (15. Febr. 1814.) gelesene Stelle aus J. Müllers Briefen an seinen Bruder abzuschreiben. »Du weißt meinen alten Enthusiasmus; er ist nicht erloschen, und gern hab ich mir die Vorzüge meiner Dulcine vordemonstriren lassen (von Garve über Friedrich II.), wahrhaftig er war, der er seyn sollte, er hatte den Sinn seines Amtes und seiner Lage, ruach nedifah (den freudigen willigern Geist). Wo ist einer wie Er? Eine Revolution und Er! wie hätte die seyn können? Durch die Kraft seines Spottes, durch den Flammenblick seiner großen Augen, durch das Wort seines Gebotes, wären sie zerstreut worden die Urheber und mutterseelennakt in aller ihrer Mittelmäßigkeit und Büberey dagestanden, wie die ersten Aeltern nach dem Apfelbiß. Gott sey Dank für den 12. Febr. 1781! Da sah ich jenen König. Garve schwatzt freylich viel, aber angenehm und vernünftig, und ich höre so gern über diesen Mann.« Müllers Werke 6r B.S. 340. aber verschweigen kann ich es auch nicht, daß mir M. Arnds Aufsatz in seinen mit besonderm Geist und in eignem Ton geschriebenen Ansichten und Aussichten der teutschen Geschichte, 1. Th. S. 424 etc. über Friedrich II. und sein Zeitalter durch und durch zugesprochen hat. 2. Jan. 1815.


30 Beylage B.


31 Zwey ihrer Darstellungen hab ich mit großer Achtsamkeit gesehen, muß aber, vielleicht zu meiner Schande, bekennen, daß ich mich von großem Nutzen solcher Nachbildungen für die theatralische Kunst nicht so fest überzeugen kann, als zutrauensvoll Madame Schütz darüber sprach, und viele es ihr auf ihr Wort nachglauben. Eher find ich in diesen künstlichen Nachbildungen eine gewisse sclavische Sterilität, die mich glauben macht, daß eher 20 ihre Madonne als 2 ihr die Merope etc. nachspielen würden.


32 Daß nach den großen Erfahrungen über die Erfolge der Volksbewaffnung der Verfasser des Edikts von 1814. omne punctum über diesen höchstwichtigen Punkt der Staatsweisheit getroffen habe, mag ich nicht behaupten – Geduld – Rom ist nicht in einem Tage erbaut, und das Wort, Volksthümlichkeit klingt nicht mehr so fremd, und hat man nicht auch schon den Unterschied der Landstände von einer wahren Volksrepräsentation einsehen gelernt?


33 Im Intelligenzblatt einer Literaturzeitung stand vor einiger Zeit, daß Melanchton auch chiromantisirt habe, und man suchte aus seinen Briefen darzuthun, er habe dieses nur zum Scherz gethan, um seinen Freunden gelegentlich etwas angenehmes sagen zu können. Kann er aber nicht auch im Ernst daran geglaubt haben? Bey Dingen, denen seit vielen Jahrhunderten noch keiner auf die rechte Spur hat kommen können, die doch aber nicht für völlig unwahrscheinlich oder gar unmöglich zu halten sind, ist keinem klugen, und vorzüglich keinem gelehrten Manne zu verdenken, wenn er seinen innern Glauben, seine Ahnung, nicht ernstlich geltend zu machen sucht, um seine Klugheit und Gelehrsamkeit nicht um ihren Credit zu bringen. So wenig man Recht hat, auf die Kunst des Luftschiffers, der Physionomik, der Gallschen Schädellehre etc. Verzicht zu thun, so wenig hat man ja auch Ursach, auf die Auslegungsgabe der Handlinien zu verzichten, für die sich mehr Wahrscheinlichkeitsgründe anführen lassen, als für Kartenlegen und Kaffeegießen, dem ich Personen nachhängen gesehen, deren Namen Aufsehen erregen würden, wenn ich sie nennte.

So wenig wir schon alles wissen, was aus dem Schriftkasten der Seele gesetzt werden kann, so wenig wissen wir auch wohl alles, was an unserm Leibe geschrieben steht. Je freyer ich mich selbst von vielen Vorurtheilen halte, desto weniger trag ich Bedenken, dieses niederzuschreiben.


34 Ein ähnliches Urtheil hab ich in Brandes trefflichem Werk über den Einfluß des Zeitgeistes auf die höhern Stände Deutschlands gefunden, wo er im 1. B.S. 19. No. 24. 25. sagt. »Verlangt ihr ein Beyspiel von einem Schriftsteller, der, weil er seine Materie erschöpfen wollte, bey den Lesern wenige Gedanken erzeugte, und wenige der seinen tief einprägte? so nehmt das Beyspiel eines wahrlich sehr achtungswerthen Denkers und Schriftstellers, das Beyspiel von Garve – hätte Garve nicht alles so ausführlich sagen wollen, er hätte euch mehr zu Denken gegeben, mehrere seiner Gedanken eingeprägt, wenn er gleich nicht sehr reich an Bemerkungen aus eigner äußern Anschauung war, allein fähig, oft behandelten Gegenständen neuen Reiz, ein neues Leben zu ertheilen – Mißverständnisse hat aber Garve, ungeachtet seiner zu großen Ausführlichkeit und seiner schönen, obgleich viel zu einförmigen Klarheit, doch nicht vermeiden können.«


35 Die bloßen Inhaltsanzeigen von den Kunst- und Prachtwerken der französischen Gelehrten nach der Bonapartischen Expedition, die ich in den Göttingschen Gelehrten Zeitungen gelesen, haben mich mehrmals im Stillen das Wort Egypten so auszusprechen gereizt, wie Petrarce das Wort Italie Italia mag ausgesprochen haben.


36 Der Spanier darf einer würdigen, ritterlich durchkämpften, aus poetischem Glanz und historischer Handlung gewebten Jugendzeit sich rühmen. Er ist mündig geworden unter Isabella und Ferdinand, und hat den Kulminationspunkt seines bürgerlichen Thatvermögens in der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts erreicht. Unglücklicherweise hat er um diese Zeit eine ungeheure Erbschaft gethan, und, im Besitz derselben, mancher Anstrengungen sich überhoben geglaubt, welche nöthig gewesen wären, seine Kraft ihm übend zu bewahren. Zugleich ist er finstern Leuten und Kopfhängern in die Hände gefallen, welche seinen natürlichen Beruf zum Ernst und zur Isolirung unverhältnißmäßig entwickelt haben. Drum hat sein Mannesalter keineswegs beharrlich geleistet, was seine schöne Jugend versprach. Zuletzt ist er in einen tiefen Schlaf gefallen, und hat darin das ganze achtzehnte Jahrhundert gleichsam übersprungen. Im Jahre 1808, durch ungeheure Stöße aufgeweckt, hat er sich verwundert umgeschaut, wie Epimenides. Aus natürlich kräftigem Instinkt hat er nun vor allen Dingen derb um sich geschlagen nach denen, so ihn gestoßen und in seinem süßen Schlummer ihn gestört. Er hat auch wirklich die Unverschämten mit blutigen Köpfen fortgeschickt, und einen Augenblick, wie verjüngt, in Jugendkraft vor den Augen des bewundernden Europa dagestanden. Aber er ist plötzlich wieder in seinen Berg gekrochen, und es bleibt noch ungewiß, ob er abermals zum Schlafen sich gelegt, oder ob er das neue Leben sinnend vorbereitet, zu dem es an Kraft noch auf keine Weise ihm gebricht.

Die Stimme eines preußischen Staatsbürgers in den wichtigsten Angelegenheiten dieser Zeit, vom Gouvernementsrath Koppe in Aachen, Köln 1815. S. 61.


37 Als Bestätigung meiner Besorgniß las ich heute (18. Okt. 1815.) im 5ten Bande der Nemesis S. 222. über den teutschen Bund folgendes: »Es läßt sich mit der höchsten Wahrscheinlichkeit behaupten, daß, wenn nicht Verhältnisse eintreten, die kein Mensch voraussehen, und also nicht berechnen kann, nach Alexanders oder Friedrich Wilhelms Tode nicht 10 Jahre vergehen werden, ohne daß die Russen zu Pohlen auch Preußen zu gewinnen suchen werden, angeblich auch nicht aus Vergrößerungssucht, sondern theils um der Flüsse Meister zu werden, theils um durch das Meer die rechte Seite zu sichern, und das Grenzbollwerk zu einem wahrhaftigen Bollwerk zu machen.«


38 Göthes biographische Skizze von Philip Hackert. Tübingen, 1811.


39 Siehe das Tagebuch einer Reise durch einen Theil von Deutschland und Italien, von Elisa von der Recke, 3ter Bd. S. 118.


40 Obgleich das Namennennen verhaßt ist, so bleibt doch das eben so alte: Beyspiele erläutern die Sache, nicht minder wahr, und ich erdreuste mich daher den großen, von mir wahrlich als höchst hervorstehenden Geist anerkannten Göthe zu nennen. Würde dieser, alles beynah überflügelnde Kunstmeister nicht allgemein geliebt und geehrt seyn, wenn er die durch seine frühere Bildung bestärkte natürliche Hochsinnigkeit nicht so stark hätte wachsen und in Arroganz ausarten lassen? Vielen Klugen ist er durch letztre widrig und wie vielen ein Gegenstand des Belachens geworden! Diese Arroganz hat ihn auch gewiß gehindert, wenigstens der Wiederholung abgeschmackter Apotheosen durch Unwillensbezeugung vorzubeugen, und ihm erlaubt, manches, wahrlich ganz schlechte, Verslein in die Sammlung seiner herrlichen Gedichte mit aufzunehmen.

Meine Verehrung des Götheschen Genius veranlaßt mich zum Hersetzen einer langen Stelle aus dem sehr lesenswerthen ersten Bande der Memoiren des Freyherrn von S–a, (Prag, 1815.) eines Thümmels altioris indaginis, die mir von S. 164–171 über Göthe sehr belehrend scheint:

»Ich hatte Göthe nur einmal gesehen, sagte die Gräfin unter andern, so war ich schon inne geworden, daß beynah Alles, was man ihm für Unart und Eigensinn auslegt, ein innres Bangen seiner Natur sey. Die Angst, von welcher das Genie in Verhältnissen, die allen andern Menschen leicht und handlich sind, oft ergriffen wird, und die uns Rousseau so überaus beredt geschildert hat, leidet mein Lieblingsdichter im Leben unbeschreiblich. Man glaubt es ihm nicht, weil er so manches, das andre Menschen wie eine ungeheure Last drückt, leicht handhabt und bewegt.«

Ist nur ein Mensch gegenwärtig, fast hätt' ich gesagt nur ein Körper, der mit seiner physischen Natur in gar keiner Wahlverwandtschaft steht, so ist dadurch sein Genie wie gelähmt. Da er zugleich die menschliche Freyheit stark in sich fühlt, wird er verdrießlich, angstvoll, daß er über diese Lähmung nicht Herr werden kann. Ich gestehe, daß es mich geschmerzt hat, ihn so zu sehen, wenn die andern über seinen vermeintlichen Hochmuth und seine Eigensucht erbittert waren. Man wird um so leichter über ihn irre geführt, weil er nie sein Herkommen aus einer angesehenen obrigkeitlichen Familie einer freyen Reichsstadt in seiner äußern Haltung verleugnet hat. Das Leben an einem kleinen Hofe diente zur Bewahrung dieser reichsbürgerlichen Feyerlichkeit und Repräsentation, ward bey ihm zur Folie derselben. »Behält er dann, fragte ich, dieses repräsentive Wesen auch in seiner Freude und Freundlichkeit, auch während der freyen Ergießung seiner Natur? und wie sehr muß dann deren geniale Schönheit durch solche beengende Steifheit leiden?« Mit nichten, erwiederte die Gräfin – wenn Göthe sich froh seiner Natur überläßt, so ist es wirklich, als wenn die Sonne aufgeht. Vor seinem Sinn verschwindet immer mehr alle Schranke, und in seinem Auge, seiner Stirn, seinen Zügen, die sich immer mehr erweitern, liegt gleichsam das Universum. Dennoch ist wahr, selbst wenn seine Natur in ihrer heitern Fülle waltete, steckte bisweilen etwas wieder hervor, das mich an den Schultheißen von Frankfurt erinnerte. Mich dünkt es war in solchen Augenblicken, wo viel Einzelnes in seiner Seele erst zu einem Allgemeinen werden wollte. Aber dann freute ich mich der rechtlichen Menschheit mitten unter seiner dämonischen Gewalt, und wenn er auch des Einzelnen noch nicht ganz habhaft war, dann wohl mit der Hand griff, als wollte er Bilder greifen, sehen Sie, dann hat er mich selbst kindlich gerührt. Das scheint mir überhaupt in Göthes Persönlichkeit, wie in seinen Werken, die am meisten durchgehende Eigenthümlichkeit, daß man sieht, wie das Einzelne in ihm zum Allgemeinen und das Allgemeine zum Einzelnen wird. Ich hab ihn einigemale mit Schiller zusammen gesehen und, möchte sagen, durch den Gegensatz dieser Natur ihn erst ganz gefaßt; unsre philosophische Freundin sagte: die erhabne Sentimentalität Schillers lehrt uns die antike Frische – in dieser geschraubten Bemerkung ist viel Wahrheit. Schiller ist eigentlich ein Denker, und Göthe ein Dichter. In jenem war, über wie tiefe Sachen sich das Gespräch verbreitete, immer alles fertig, und ich habe nie bemerkt, daß er mit seinen Gedanken in irgend eine Verlegenheit kam, und in meinem Lieblinge wurde alles, man schuf mit ihm, wenn jener nur gab. Die Freundschaft beyder Männer war sehr schön und hatte einen großen Charakter. Keiner ordnete sich dem andern unter, und wenn Schiller wohl fühlte, daß die bildende Kraft in seinem Freunde unendlich größer wie in ihm sey, wenn er im eigentlichsten Sinn glaubte an die dämonische Gewalt desselben, so trat Göthe mit Ehrfurcht in das Gebiet der hohen Ideen, worin Schiller seine Heimath hatte. – Ueberhaupt ist der zarten Schonung, der Gutmüthigkeit in Göthe weit mehr, als die Menschen glauben, und ich meyne, daß in seinem Charakter weniger Härte sey, als in Schillers. Doch ist es freylich leichter, keine Härte an sich hervortreten zu lassen, wenn man in Lebensfülle, reicher Wohlbehaglichkeit und rüstiger Gesundheit blüht, als doch im Ganzen von Göthe gilt, als wenn ein starker Geist seinem Körper, in welchem das Leben untergraben ist, die lebendigste Anstrengung abtrotzen muß. Wie hab ich Schillern leiden gesehen, und wenn sein Auge von den physischen Schmerzen wie erloschen war, brauchte nur irgend eine große Empfindung, ein tiefer Gedanke in ihm aufzukommen, so trat plötzlich ein scharfes Licht in das sanfte Blau seines Blickes, er hob die eingefallne Brust, das Haupt, eine milde Röthe stieg von den gefurchten Wangen in die sinnige Tiefe der Schläfe, und seine gewölbte Stirn ward strahlend. Diese Stirn konnt' ich nie genug betrachten, denn in ihrer untern Hälfte schien mir viel Phantasie zu seyn, und in der obern drängte sich darüber herrschend die Denkkraft hervor.


41 Das durch den Fleiß seines auf einer Reise nach dem Bade Anno 1815. gestorbenen Direktors, des D. Hennig, in weit beßre Ordnung gebracht ist, so daß seine, bisher zum Theil verborgen gelegne Schätze künftig von Geschichtgelehrten leichter zu benutzen seyn werden.


42 Ein in meinem Vaterlande sehr bekannter, schon gestorbner Mann trug ein ähnliches Zeichen, und ob er mir gleich aus Berlin besonders empfohlen war, so erwieß ich ihm doch nur die gewöhnlichen Höflichkeiten und trat ihm nie so nahe, um zu erfahren, ob der beym ersten Besuch wahrgenommene Zug eine Hieroglyphe, oder eine unbedeutende Naturschramme gewesen. Ich kann mich nicht enthalten zu glauben, der Predigt- und Moralberühmte Reinhard sey auch irgendwo bezeichnet gewesen.


43 Nachdem ich das gelesen und erwogen, was Göthe im 2ten Bande aus seinem Leben über die erste Bekanntschaft mit Herder in Strasburg sagt, thut mir diese Unterlassung eben nicht leid, doch bedaure ich es nach Lesung des 3ten Bandes keinen Besuch bey dem deutschliterarischen Heros Göthe gewagt zu haben.


44 Im Jahr 1805. war Heinrich von Kleist, der nach Verlassung des Kriegsdienstes in Begleitung seiner pyladischgesinnten klugen Schwester in Frankreich und Italien gewesen und von seinem Gönner, dem Minister von Hardenberg, zur Ausbildung im Finanzfach nach Königsberg geschickt war, oft in meinem Hause. Da in seinem Aeußern etwas Finsteres und Sonderbares vorherrschte, so gab ein Fehler am Sprachorgan seinem Eifer in geistreichen Unterhaltungen einen Anschein von eigensinniger Härte, die seinem Charakter wohl nicht eigen war. Wie ein der Meerestiefe entsteigender Taucher sich wenigstens in den ersten Augenblicken nicht auf alles Große und Schöne besinnt, was er in der Wasserwelt gesehen, und es nicht zu erzählen vermag, so schien es bisweilen bey Heinrich von Kleist der Fall zu seyn. Tiefsinn und Begeisterung, sich allein überlassen, bringen ihre Entwürfe oft nicht zur Vollendung. Dieses beweisen die vielen hochgenialen Stellen in den Kleistischen Schriften und aus seiner zu sorglosen Hingebung an jene treffliche Eigenschaft läßt sich vielleicht die wunderlich tragischromantische Lebensbeendigung erklären, zu der sich dieser junge edle Mann, der ein Meisterschriftsteller Deutschlands hätte werden können, entschloß.


45 Da ich in der Folge, als er mein Freund geworden, vielfältig gefunden habe, daß Herr v.A. mit Geschmack und Gemüthlichkeit wirklich schöne Dichter und Prosaisten trefflich vorliest, so muß in seinem fundo animae ein poetischer Keim liegen, den nur seine ausgebildete Geschäftsklugheit und vielleicht manchmal zu weitgehende Umsichtigkeit nicht zum sichtbaren Grünen und farbigem Blühen kommen läßt; denn sicher ist, daß man ein Dichter seyn kann, ohne Verse machen zu können, indessen möcht' ich doch nicht vom Raphael mit andern behaupten, er würde ein Mahler gewesen seyn, wenn er auch keine Hände gehabt hätte; das zum Mahlen nothwendige Dichtungsvermögen, die Idee zur Transfiguration konnte er wohl auch ohne Finger haben, und den andern ein Gemälde diktiren – so daß er ein Homer hätte werden können, aber kein Raphael.


46 Die seitdem in manchen Städten angelegten Mädchenschulen zeugen, daß man jetzt nicht mehr wie sonst diese weibliche bessere Unterrichtsbesorgung für überflüßig hält – möchte man doch aber auch hier das ne quid nimis nicht unbefolgt lassen.


47 Als ob das Sprichwort vexatio dat intellectum auch in Landeseinrichtungen zuträfe, hat sich seit dem Einbruch der preußischen Paßionszeit auch in diesem Stück manches geändert; in Königsberg sind Gymnasien, Bürger- und Mädchenschulen feyerlich in Aktivität gesetzt, und wenn hier der Geist nicht unter dem Buchstaben, wie leider oft geschieht, erliegt, so wird gewiß der Segen für Land und Stadt nicht ausbleiben.


48 Ob der Recensent der Spätlinge in No. 19. der Leipziger Lit. Zeitung von 1804. ganz Recht hat, wenn er in selbigen keine Spur von lebendiger Phantasie, poetischem Witz, oder nur kunstreicher Bildung der äußern Form gefunden zu haben behauptet, bin ich zweifelhaft, weil man im Freymüthigen, auch im 87sten Bd. der A. Allgem. deutschen Bibl. S. 380–86. ingleichen in der Jenaischen Lit. Zeitung von 1808. No. 136. das Gegentheil versichert. Habent sua fata libelli und die Bücherrichter haben ihre Schrollen, man lasse jedem die ihm selbst gefällige Weise.


49 Sulzer sagt in einem Briefe an Bodmer (Körtens Briefsammlung 1ster Bd. S. 107.) von Ramler: »er ist ein ewiger Ausbesserer und sieht nichts für eine Kleinigkeit an, il-y-a un peu de folie en cela,« worin er wohl Recht haben mag; vielleicht würde auch in seinen Oden manches anders seyn, wenn er nicht die Gewohnheit gehabt hätte, über ihre Hauptidee einen, oft recht langen, Aufsatz in Prosa niederzuschreiben, in solchem – dann die besten Stellen anzustreichen, sie in neue Ordnung zu bringen und erst nach zwey, dreymaligem Anstreichen und Abschreiben, zur Versificirung zu schreiten. Seine Uebersetzungen des Horaz, dessen Oden er auswendig wußte, schrieb er auf eine Seite seines Schreibtäfelchens, und die Correkturen, die ihm in Gesellschaft und auf Spaziergängen einfielen, auf die gegenüberstehende, löschte dann die erste Uebersetzung aus, schrieb die veränderte in ihre Stelle und verfuhr mit dieser so, wie mit der vorigen. In der Meinung, daß solches vorgängiges Niederschreiben in Prosa nicht vortheilhaft sey, bestätigt mich der Recensent von Alfieris Leben im 8ten Bande der Bibliothek der redenden und bildenden Künste, in der ich heut (3. Mai 1813.) gelesen habe, wenn er S. 276. sagt: »Weißlich entwarf Alfieri zuerst den Plan seiner Tragödien nach der ganzen Reihenfolge der Scenen – aber darin irrte er, daß er nun den Dialog in Prosa niederschrieb, bevor er an das Versificiren ging; daß er letztres ruckweise, oft erst nach Jahren that, dieß mußte seine Diktion nothwendig frostig machen. Gesetzt sein prosaischer Dialog war auch schon halbe Poesie, wie etwa die Prose unsers Geßners, so bleibt es doch eine mißliche Sache, solche Prose in Verse zu verwandeln, wie Ramler selbst es mit wenigem Glück versucht hat. Poetische Ideen müssen in der Sprache der Poesie empfangen werden und zur Welt kommen, oder man wird ihnen anmerken, daß sie im erborgten Gewande einherschreiten.«


50 Bey dieser Gelegenheit fällt mir die mühsame Durchsicht der meistentheils sehr glücklichen kleinen Gedichte des durch seine Genialität und erbärmliche Wirthschaft in Königsberg sehr bekannt gewordnen Kammersecretair John bey. Viele waren mit Bürgerschen und Gerstenbergschen Geiste geschrieben, unter andern eine dityrambische Ergießung über Luthers: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein Lebenlang. Die ganze Sammlung soll nach seinem Tode von den Erben dem Kriegsrath Müchler zugesandt seyn, was er davon für Gebrauch gemacht, ist mir unbekannt geblieben.


51 Ob die neue Zusammentragung, bey der der Oberconsistorialrath Borowsky die Auswahl der alten und der Consistorialrath Krause die der neuen Lieder übernommen hat, besser gedeihen werde, weil sie mit förmlich obrigkeitlichem Vorbewußt geschieht, wird die Zeit lehren, die ich aber wohl nicht zu erleben hoffe.


52 Durch mein unermüdliches Bitten, Erinnern und Drängen wurde der fast zur Ungebühr schriftstellereyscheue Pr. Kraus dahin gebracht, seine vieljährigen, dem Dienst schon so nützlich gewordenen Vorlesungen über Staatswirthschaft zu einem Buch zu ordnen, aus dem man lernen könnte, wie man den Adam Smith recht benutzen kann und soll, wenn ich gleich den Herren Sartorius, Lüder, Jacob, Hufeland, Soden etc. ihre Verdienste nicht absprechen will oder mag. Ohne diese Vorbitten wäre es seinem unermüdlichen Freunde Auerswald aber gewiß weit schwerer geworden, der gelehrten und Dienstwelt es zu geben und ihm seine übrigen kleinen Schriften folgen zu lassen. Auf der Gesandschaftsreise des Grafen Fr. Stollberg nach Petersburg lernt ich den ältesten Nicolovius, der ihn schon auf seinen größern Reisen begleitet hatte, näher kennen, und es that mir leid, einen so weltverständigen, biedern und gelehrten Mann außer seinem Vaterland dienen zu sehen, daß ich alles mögliche versuchte, ihn aus Eutin, seinem damaligen Wohnsitze, nach Preußen zurückrufen zu lassen, wo er anfänglich als weltlicher Consistorialrath zum Besten des Schul- und Kirchenfaches angestellt, bey der neuen Organisation Staatsrath bey der Sektion des Cultus und öffentlichen Unterrichts wurde, und besonders dem Fach des Cultus vorsteht. Ist er nun gleich durch seinen jetzigen Aufenthalt in Berlin für mich verloren, so leb ich doch in der Freude über das viele Gute, das er durch Eifer und Thätigkeit dort stiften wird.


53 Les grands Seigneurs.


Il faut toujours au grands Seigneurs

Rendre toute forte d'honneurs,

les aimer, c'est une autre affaire.

Qui ne les connoit qu' à demi,

S'honore d'être leur ami,

Qui les connoit, ne l'est guerre.

Ils font d'un commerce trés doux,

tant, qu'ils ont d'affaire à vous.

Hors de lâ c'est tout le contraire

Comme si tout leur étoit dû,

Chez eux d'un service rendu

L'ingratitude est le salaire,

Ils ne leur font pour serviteurs

Que des fades adulateurs.

La verité leurs est amére.

Aprochés à ceux comme du feu,

Les bien connoitre et les voir peu

C'est le mieux, que vous puissies faire;

au dchors ils semblent heureux,

Et tout semble être fait pour eux,

Au dedans ce n' est que misére;

Chaque passion tour à tour,

Comme une espece de vautour,

Les dechire et les depespere.

D'une sotte gloire boussis

Des Dieux ils s'estiment les fils

Sofia est peutêtre leur pére,

Leur mére en fait la verité.

Quoiqu'il en foit, la vanité

fait presque tout leur caractere;

Ce sont des ballons, que le fort

Pousse en l'air ou plus ou moins fort,

Et dont il joue à sa maniére;

De globes de savon et d'evau,

Que forme au bout d'un chalumau

D'un enfant l'haleine legere;

Chaque globe est moins ou plus grand,

Mais touts ne sont pleins que de vent.

Telle est des Grands la troupe entiére.

Des l'enfance à l'erreur livrés

Et de la verité sevrés

Ils se repaissent de chimeres,

A peine ont ils le sens commun.

J'en excepte pourtant quelqu'un

Que j'estime et que je revere,

Le reste n'est bon qu' à noyer,

Aussi j'opine à l'envoier

Par le plus court à la riviére.



Quelle:
Scheffner, Johann George: Mein Leben, wie ich, Johann George Scheffner, es selbst beschrieben. Leipzig 1823, S. 256.
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