Vorbericht.

Kann nicht Schlichtegroll, der schon manchen, auch unbedeutenden Mann auf Verlangen von dessen Freunden und Bekannten mit Geläut auf seinem litterarischen Kirchhofe begrub und begraben ließ, und dem Du bey Gelegenheit des Hippelschen Lebens im Nekrolog bekannt geworden bist, auf den Einfall kommen, auch Dir eine Stelle unter seinen Leichen anzuweisen? Und könnte dann nicht in einer etwanigen Unterhaltung über Dich manches Unrichtige von Dir gesagt werden?

Diese Fragen brachten mich im Herbst 1801 auf den Gedanken, auch in dieser Rücksicht mein Haus zu bestellen und selbst[1] einige Bogen über das wenn, wie, wo und mit wem ich gelebt habe, aufzuzeichnen, die im Verlauf vieler folgenden Jahre durch Zusätze, Nachträge und aus andern Autoren, hoffentlich nicht zum Schaden der Leser, angeführte Stellen zu einem starken Bande aus Rand und Band angewachsen sind. J'ai choisi le tems, ou ma vie, que j'ai à peindre, je l'aye toute devant moy, ce qui en reste tient plus de la mort. Montaigne Livr. III. ch. 12.

Zwar haben Cicero1, Vopiscus2,[2] Horatio Walpole3 und Klopstock4 Bedenklichkeiten gegen das Schreiben über sich selbst geäußert; auch mögen viele ohne Rücksicht auf obige 4 mit Namensunterschrift versehene Warnungstafeln behaupten,[3] es liege im Geschäft des Selbstbiographirens eine Eigenliebigkeit, der man dadurch, daß man es als Spiegel zum Copiren seiner eignen und andrer Gestalt benutzt, ein moralischnützliches Aussehen zu schaffen suche; es zwinge beynah die schreibende Hand, zum Behuf eines sichern Ergreifens und Festhaltens, die Finger dann und wann krumm zu machen, so daß man in Gefahr komme, ungeachtet alles Hasses gegen fremde Bestechung sich ex propriis zu bestechen, und daß daher weder Rousseau in seinen Bekenntnissen5 noch der seine Hand so unbefangen bietende Montaigne6 sie uns immer blos und nicht auch manchmal im fleischfarbnen Handschuh geboten habe.[4]

Dem allen ungeachtet habe ich eine Beschreibung meiner Lebensreise gewagt, sine gratia et ambitione, bonae tantum conscientiae pretio (Tacit. Vita Agricolae) und hoffe dreust, es werde mir meine unaussprechliche Wahrheitsliebe geholfen haben, zwischen oberwähnten Scyllen und Charybden glücklich durchzusegeln, und mit diesen mir selbst besorgten Exsequien diejenigen, die mich im Leben bald so, bald anders beurtheilten, zu dem Geständniß zu nöthigen: Niemand könne den Geist des Menschen kennen, als der Geist, der in ihm ist.

Da aber ein bloßer Privatmann selten etwas von sich zu erzählen hat, das ihn von andern auszeichnen könnte, und daher die kleinen Züge sammeln muß, um seine Besondernheit im Denken und Handeln unterscheidbar zu machen, so rath ich jedem, der meinen Aufsatz einst zu Gesicht bekommt und in ihm sonderbare Schicksalserzählungen zu finden hofft, ihn entweder gleich[5] wegzulegen, oder mir zu verzeihen, daß ich, um die Kenntlichkeit des Bildes zu befördern, vielleicht zu viel Pinselstriche7 angebracht und, auf Anrathen eines hochverständigen Freundes, hin und wieder Gedanken und Meinungen über Manches im Leben mit einprotokollirt habe.

Meine Urtheile über Nebenmenschen und Umgebungen sind reine Ausflüsse meiner Ueberzeugung und Einsicht, und was meine eigne Person betrifft, so kann ich auf Ehre und Gewissen versichern, daß alles buchstäblich wahr ist, denn
[6]

»Ich bin nicht, der irgend etwas abzuleugnen im Stande wäre. Was ich that, das that ich; doch bin ich auch nicht der, der alles, was Er that, als recht gethan vertheid'gen möchte. Was sollt' ich eines Fehls mich schämen? Hab' ich nicht den festen Vorsatz, ihn zu bessern? Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem es Menschen bringen können?«

Nathan V. Akt 5. Auftr.


und spreche daher dem Johannes Müller (17. B.d.W.S. 404.) getrost nach:


»Ich mache mir nichts draus, geirrt zu haben und daß man es wisse, dafür bin ich ein Mensch – ohne mich fehlerfreyer, wie viele andre zu fühlen, halt ich dafür, daß der Mensch, auch der edelste und beste, sich nicht scheuen soll, nach dem Tode ganz, wie er war, gezeigt zu werden. Wie sonst sollen wir je zur Menschenkenntniß und zu einer auf sie gebauten Moral kommen?«

C'est ici un livre de bonne foy, Lecteur, il t'avertit des l'entrée, que je ne m'y suis proposé aucune fin que domestique et privée. Je n'y ai eu nulle consideration de ton service, ny de ma gloire; mes forces[7] ces ne sont pas capables d'un tel dessein. Je l'ai voué à la commodité particuliere de mes amis, à ce que m'ayans perdus (ce qu'ils ont à faire bientost) ils y puissent retrouver aucuns traits de mes conditions et humeurs, et que par ce moyen ils nourissent plus entiére et plus vifve la connoissauce, qu'ils ont eu de moy

Montaigne.


und da ich einmal im Abschreiben bin, so beschließ ich meinen Vorbericht noch mit einer Stelle aus No. 48. der Jenaischen L.Z. von 1806, wo der sehr verständige Recensent der von S.M. Lowe herausgegebenen Bildnisse jetzt lebender Gelehrten mit ihren Selbstbiographieen sagt:


»Es giebt zweierley Art, die Geschichte zu schreiben, eine für die Wissenden, die andre für die Nichtwissenden. Bey der ersten setzt man voraus, daß dem Lesenden das Einzelne bis zum Ueberdruß bekannt sey. Man denkt nur darauf, ihn auf eine geistreiche Weise durch Zusammenstellungen und Andeutungen an das zu erinnern,[8] was er weiß, und ihm für das Zerstreutbekannte eine große Einheit der Ansicht zu überliefern oder einzuprägen. Die andre Art ist die, wo wir, selbst bey der Absicht eine große Einheit darzustellen, auch das Einzelne unnachläßlich zu überliefern verpflichtet sind. – Sollten zu unsrer Zeit Männer, die über 40 und 50 Jahr im Leben stehen und wirken, ihre Biographie schreiben, so würden wir ihnen rathen, die letztre Art ins Auge zu fassen, denn außerdem, daß man sich gerade um das Nächstvorhergehende am wenigsten bekümmert, so ist unsre Zeit so reich an Thaten, so entschieden an besonderm Streben, daß die Jugend und das mittlere Alter, für die man denn doch eigentlich schreibt, kaum einen Begriff hat von dem, was vor 30 oder 40 Jahren eigentlich da gewesen ist. Alles, was sich also in einem Menschenleben dorther schreibt, oder dorthin bezieht, muß aufs neue gegeben werden.

Liebenswürdig hat er (Joh. Müller) sich des großen Vortheils eines Selbstbiographen bedient, daß er gute, wackre, jedoch für die Welt im Großen unbedeutende Menschen, als Aeltern, Lehrer, Verwandte,[9] Gespielen namentlich vorführt und sie als ein vorzüglicher Mensch ins Gefolge seines bedeutenden Daseyns mit aufnahm. – Gegenwärtig hat er sich viel zu isolirt dargestellt. Wir finden die Wirkung großer Weltbegebenheiten auf ein so empfindliches Gemüth nicht gnugsam ausgedrückt. Paoli's und der Corsen ist gar nicht gedacht, des amerikanischen Krieges nur, in so fern ihm dadurch ein Freund geraubt ist, und der Genfer Begebenheiten nur, indem sie als ein Zündkraut einer ungeheuern Explosion erschienen. Und gerade jenes Herankommen von Ereignissen, welche Aufmerksamkeit mußte es einer solchen Natur und in jenem Alter nach und nach erregen, und was mußte sich an diesem Aeußern aus seinem Innern entwickeln! – – Bescheidenheit gehört eigentlich nur für persönliche Gegenwart. In guter Gesellschaft ist es billig, daß Niemand vorlaut werde, ist es nothwendig, daß der Gemeinste mit dem Vortrefflichsten in einen gewissen Zustand der Gleichheit gerathe. In alle freye schriftliche Darstellungen gehört Wahrheit, entweder in Bezug[10] auf den Gegenstand, ober in Bezug auf das Gefühl des Darstellenden, und, so Gott will, auf beydes. Wer einen Schriftsteller, der sich und die Sache fühlt, nicht lesen mag, der darf überhaupt das Beste ungelesen lassen. Wem es sonderbar scheinen möchte, daß wir auf diese Weise den Meister meistern, der bedenke, daß wir nur hiedurch die Schwürigkeiten einer Selbstbiographie fühlbarer zu machen gedenken. Aber wir ersuchen sämmtliche Theilnehmer, eine doppelte Pflicht stets vor Augen zu haben, nichts zu verschweigen, was von Außen, es sey nun als Person oder Begebenheit, auf Sie einwirkt, aber auch nicht im Schatten zu stellen, was sie selbst geleistet, von ihren Arbeiten, von deren Gelingen und Einfluß mit Behaglichkeit zu sprechen, die dadurch gewonnenen schönsten Stunden ihres Lebens zu bezeichnen und ihre Leser gleichfalls in eine fröhliche Stimmung zu versetzen. Es ist ja nur von Gelehrten und Künstlern die Rede, von Menschen, deren ganzes Leben und Treiben sich in einem harmlosen Kreise herumdreht, deren Kriege, Siege, Niederlagen[11] und Traktaten, obgleich unblutig, doch immer interessant bleiben, wenn nur für das Behagen des einzelnen Mannes und für die Freunde und den Nutzen der Welt irgend zuletzt Einiges hervorgeht.«

Fußnoten

1 In einem Briefe an den Geschichtschreiber und Senator Luccejus heißt es: haec sunt in eo genere (über sich selbst zu schreiben) vitia, et verecundius ipsi de se scribant necesse est, si quid est laudandum, et praetereant, si quid reprehendendum est. Accidit etiam, ut minor sit fides, minor auctoritas, multi donique reprehendunt.


2 Ein nach LessingsA1 Meinung höchst pünktlicher Schriftsteller, ist der Meinung: »neminem scriptorum, quantum ad historiam pertinet, non aliquid esse mentitum,« doch mag dieses öftrer wohl der Fall seyn bey vollständigen Begebenheiten, als bey kleinen Bestimmungen, die der Strom des Redens und Schreibens oft unwillkührlich aus dem Geschichtschreiber herausspült.


3 versichert: »die Lebensbeschreiber haben das Seltsame an sich, bey Abfassung der Biographieen gewöhnlich in ihren Gegenstand verliebt zu werden, ob man gleich im Gegentheil denken sollte, daß man, je genauer man das Leben eines Menschen untersucht, desto weniger Grund finden müsse, ihn zu lieben oder zu bewundern.«

(Historische, litterarische, unterhaltende

Schriften, übersetzt von A.W.

Schlegel, Leipzig 1800.)


4 sagt, »daß er wenig Sachen kenne, die schwerer wären, als sein eignes Leben zu schreiben, denn man solle umständlich seyn, indem ein kurzhingeworfnes Leben keins sey, und zugleich selbst den Schein der Eitelkeit vermeiden.«

(im ersten Stück des vaterländischen

Museums von 1810. p. 1.)


5 Je n'ai qu'une chose á craindre dans cette entreprise, ce n'est pas de trop dire ou de dire des mensonges, mais c'est de ne pas tout dire et de taire des verités – ma fonction est de dire la verité. mais non pas de la faire croire.


6 je veux, qu'on m'y voye en ma façon simple, naturelle et ordinaire, sans estude et artifice, car c'est moy, que je peins.


7 Franz Horn sagt im 2. Theil seiner Latona S. 231: »fast jeder Schriftsteller, der zu denken und zu empfinden im Stande ist, würde uns ein erträgliches oder gar ein gutes Buch geben können, wenn er sich entschlösse, seine eigne Biographie zu verfassen; nur wolle er dabey nichts weiter seyn als Er selbst. Er sey dabey hübsch ehrlich von dem Scheitel bis zur Ferse und fasse sich nicht etwa so zart an, wie einen Colibri, sondern stark, wie einen Menschen, der wenigstens stark werden will.«


A1 Werke, 5. Band S. 152.


Quelle:
Scheffner, Johann George: Mein Leben, wie ich, Johann George Scheffner, es selbst beschrieben. Leipzig 1823.
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