VI. J.G. Müller in seinen letzten Jahren.

Wessen Lippe würde nicht von einem heitern Lächeln umspielt, wenn er des Genusses gedenkt, den ihm in frühern Tagen die Schriften dieses Mannes, namentlich sein »Siegfried von Lindenberg«, gewährten? Mir wenigstens ergeht es so, und so habe ich dem Verfasser so vieler erheiternden Bücher ein dankbares Andenken bewahrt.

Ich war noch recht jung, aber trotz dem schon sehr angeregt zum Denken und Beobachten, als ich die Bekanntschaft des Mannes machte, der mir durch seine Bücher so interessant und bedeutend geworden war und dem mein Herz sich, für viele von ihm mir durch seine Schriften bereitete heitre und genußreiche Stunden, zur innigsten Dankbarkeit verpflichtet fühlte.[207]

Oft frage ich mich jetzt, welchen Effect wohl in unserer Zeit ein Buch, wie der »Siegfried von Lindenberg,« machen würde? und ich gestehe, daß ich mir keine Antwort darauf zu geben weiß. Sollte es möglich sein, daß es jetzt spurlos vorüberginge, dieses Buch, das uns Aeltere so entzückt, so lebhaft angeregt hat, und noch jetzt in unserer Erinnerung als ein Stern erster Größe dasteht, obgleich wir mit der Zeit fortgegangen sind und fast Alles gelesen haben, was sie Bedeutendes mit sich brachte? Die Quelle des Humors, aus dem der »Siegfried von Lindenberg« floß, scheint jetzt versiegt zu sein; mit ihr aber auch zugleich der Geschmack daran?

Ich betrat den classischen Boden, auf dem dieser Roman aufgewachsen ist, als ich vor etwa 26 Jahren nach dem reizenden Städtchen Itzehoe in Holstein kam, und Müller lebte zu jener Zeit noch. Kaum hatte ich mich daher einigermaßen eingewohnt, so verlangte ich dringend von meinem Vetter, in dessen Familie ich lebte, daß er mich dem Verfasser des »Siegfried von Lindenberg« vorstelle, den kennen zu lernen ich vor Begierde brannte.

– »Sie wollen das Handwerk begrüßen, Amalia?« entgegnete mein Vetter lächelnd, indem[208] er auf einige poetische Versuche anspielte, die durch Justinus Kerner, Varnhagen und dessen Schwester, Rosa Maria, theils zum Druck in's »Morgenblatt,« theils in den von Kerner herausgegebenen poetischen Almanach, befördert worden waren. »Ich werde Sie zu ihm führen,« fuhr mein Vetter fort, »und Sie sollen einen seltsamen Mann kennen lernen. Hier, so klein der Ort ist, ignorirt man ihn gänzlich und er wird fast allein noch von dem edlen und gebildeten Grafen Conrad von Rantzau, Erbherrn der Grafschaft Breitenburg, beachtet und geehrt. Dieser, der Geschmack an ihm findet, ladet ihn oft zu sich ein, wenn er Gesellschaft bei sich sieht, und läßt ihn in seiner Equipage nach Breitenburg hinausholen, wo auch er sich sehr zu gefallen scheint.«

Schon nach wenigen Tagen wurde mein Wunsch erfüllt, J.G. Müller kennen zu lernen, der in einem dunklen häßlichen Nebengäßchen der Stadt und in einem überaus verfallenen Häuschen wohnte.

Wir wurden von einem hübschen, noch jungen Mädchen, der jüngsten Tochter Müllers, in ein links am Eingange des Flurs belegenes, sehr düsteres Zimmer geführt, das sichtbar zugleich das[209] Bibliothek-und Entree-Zimmer vorstellte. Die Wände waren mit Repositorien besetzt, worin eine große Menge schlecht erhaltener Bücher in zum Theil sehr alten Einbänden, und unter ihnen viele Folianten, standen. Dicker Staub, der auf diesen Büchern lagerte, bewies zur Genüge, daß ihr Besitzer sie jetzt selten oder gar nicht mehr benutzte. Ich musterte da mir das Nichterscheinen Müllers Zeit dazu ließ, die Titel dieser Werke, und sah, daß sie größtentheils aus ältern Romanen und Dichtern bestanden; von den Neuern befand sich auch nicht ein einziges Buch darunter.

Bald ließen sich scharrende Tritte auf dem Vorplatze vernehmen, die Thür öffnete sich, und herein trat der Besitzer des Hauses, ein Mann von steifer, fast militairischer Haltung, mit wohlfrisirtem und gepudertem Haar, das hinten in einem dünnen, langen und sehr steifen Zopfe endete. Er war in einen, bis zum Halse fest zugeknöpften hellgrauen Oberrock gekleidet und hatte sehr blankgeputzte, bis zum Knie hinaufgehende Stiefel an den Füßen. Die Figur war überaus hager, ja, man hätte sagen dürfen, mumienartig eingetrocknet, und eben so das Gesicht, das eine frappante Aehnlichkeit mit den Portraits hatte, die man von Voltaire hat. Der Mund war eingesunken,[210] da ihm alle Zähne fehlten, die Lippen schmal und gekniffen, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen, die Nase gewöhnlich, die Stirn aber hoch und lichtvoll; buschige, schneeweiße Augenbraunen beschatteten ein Paar graue, tiefliegende und blitzende Augen, aus denen zugleich Geist und Schalkhaftigkeit hervorsahen.

Müller schien älter, als er wirklich war, denn 1744 geboren, konnte er damals – es war im Jahr 1810 – nicht älter, als 66 Jahr sein; allein er hatte das Ansehen eines Mannes, der in den Siebzigen steht, wenn man seine grade Haltung ausnimmt, die ihn jünger erscheinen ließ.

Sein Gruß war der eines Mannes von Welt und Bildung, und das Gespräch, von meinem Vetter eingeleitet, bald zwischen uns im Gange. Er erkundigte sich mit scheinbarem Interesse nach den neuesten literarischen Erscheinungen, lächelte aber sarkastisch, wenn ich, damals ganz von den Schlegeln, von La Motte-Fouqué, Novalis u.s.w. erfüllt, die Schriften derselben mit der Begeisterung lobte, die der Jugend so eigenthümlich ist, und sein Gesicht verklärte sich erst wieder, als ich ihm zugleich sagte, daß ich seine eigenen Schriften nicht nur sämmtlich gelesen, sondern mich daran erquickt und erfreut habe.[211]

– »So?« sagte er mit einem selbstgefälligen Lächeln; »so? ich bin also noch nicht gänzlich vergessen, und die jüngere Generation gedenkt meiner doch noch? Das freut mich! das freut mich aufrichtig! Es ist ein so trauriges Gefühl, sich selbst zu überleben, sich gänzlich vergessen zu sehen in dem, was man mit Lust und Liebe schaffte. So? der alte Johann Gottwerth Müller wird also doch noch gelesen? (er rieb sich vergnügt die vertrockneten Hände.) Es gelingt den Herren Schlegel und Consorten also doch nicht, ihn gänzlich aus der Literatur zu verdrängen? Diese Herren, die sich die neue Schule, die romantische, wenn ich nicht irre, nennen, haben ein gewaltiges Strohfeuer angezündet und hüllen damit alle Köpfe in stinkenden Qualm ein; allein es wird bald verlöschen und man wird wieder frei aufathmen, wieder zur Besinnung kommen, und dann auf sie sehen, wie sie jetzt auf die ältern Schriftsteller zu sehen wagen, mit Hohn und Nichtachtung! Sie sind noch so jung,« wandte er sich an mich, »Sie werden das noch erleben, und dann denken Sie an die Prophezeihung des alten Müllers, der dann vielleicht nicht mehr ist!«

Seine Augen blitzten, indem er Dieses und Aehnliches sprach und seine Züge verzogen sich fast[212] krampfhaft, so daß sie einen höchst unangenehmen Ausdruck, ich möchte fast sagen, einen erschreckenden, bekamen, denn Leidenschaft, welcher Art sie auch sein möge, nimmt sich in einem alten Gesichte sehr unangenehm aus.

Ich war also schön nach Hause gebracht worden mit meiner Vorliebe und Begeisterung für die »neue Schule« und hatte, jung und schüchtern wie ich noch war, nicht den Muth, meine Lieblinge gegen diesen alten zornigen Mann zu vertheidigen, so große Neigung ich auch dazu in mir verspürte, und so weh es mir auch that, das verlästern zu hören, was ich so hoch hielt.

– »Aber die Schlegelsche Uebersetzung des Shakespeare werden Sie doch gelten lassen?« fragte ich schüchtern, um doch Etwas zu sagen, als er endlich schwieg.

– »Der wäre besser gänzlich unübersetzt geblieben,« versetzte er; »und dann haben wir ja die gute Uebersetzung von Eschenburg, wenn wir einmal nicht ohne diesen englischen ›Hanswurst-Komödienschreiber‹ leben konnten. Ich, für meinen Theil, kann an diesen Absurditäten keinen Geschmak finden, und wenn ich mich einmal dazu verleiten lasse, eine Shakespearesche Komödie oder Tragödie zu lesen, so ist es mir[213] immer, als ob ich alle darin auftretenden Personen auf Stelzen gehen sähe. Da ist mir der Kotzebue tausendmal lieber; der hat die Menschen studirt, bei dem kann man noch warm und kalt werden; allein Der soll ja nun auch nichts mehr gelten, der bewirft die neue Clique s.v. mit Koth; aber er wird noch leben, wenn sie schon längst alle vergessen sind, verlassen Sie sich darauf, und wenn Sie mir glauben und von einem alten erfahrenen Manne einen guten Rath annehmen wollen, so stopfen Sie sich den Kopf nicht mit diesem modernen Plunder voll, der Ihr Urtheil nur verwirren und Ihren Geschmack nur verderben kann.«

Dieses Gespräch fing an, mich zu ärgern, und ich suchte ihm durch die Frage eine andere Wendung zu geben, ob er selbst noch schriebe? und was?

– »Wohl!« versetzte er, sichtbar erfreut darüber, daß ich wieder auf ihn selbst zurückkam, »wohl schreibe ich noch, und zwar ›die Familie Bentheim‹ (ich glaube, daß dies der Titel des Buchs war, kann mich aber nicht dafür verbürgen, daß der Name richtig ist), und dieses Werk wird, so Gott will, mein bestes werden. Ich hatte noch einige Charaktere im Hintergrunde,[214] so noch einige Bekannte, denen ich ein Denkmal setzen wollte, wie in meinen frühern Werken; so noch einige kleine Schulden abzutragen (er lächelte boshaft), und die sollen darin berichtigt werden, wenn Gott mir Kraft und Zeit verleiht, die letzte Feile an mein Werk zu legen, das nur noch dieser bedarf.«

– »Nur mich bringen Sie nicht mit hinein, Sie böser Mann,« unterbrach ihn mein Vetter lächelnd; »Sie wissen, was ich Ihnen versprochen habe, wenn Sie mich mit der Ehre verschonen, in Ihren Büchern eine Stelle zu spielen, eine Ehre, nach der ich nicht das geringste Verlangen trage, nachdem Sie dem armen Doctor C., Ihrem Nebenbuhler bei der schönen Generalin von ***, so arg mitgespielt, und ihn endlich gar auf einen Schinder-Karren gesetzt haben, um seinen Geiz zu bezeichnen, der ihm, dem Todtmüden, nicht erlaubte, sich einer andern Equipage auf seinem Berufswege zu bedienen.«

– »Sie werden aber doch zugestehen müssen, lieber Herr H., daß der Doctor C., den Sie zu meinem Nebenbuhler zu machen belieben, die groteskeste Figur von der Welt, und so wohl würdig war, von mir portraitirt und damit der Nachwelt überliefert zu werden?« versetzte Müller;[215] »Sie aber sind ein lieber, ein ganz charmanter Mann« –

– »Und Ihr künftiger Biograph, wie ich Ihnen versprochen habe,« unterbrach ihn mein Vetter nochmals.

– »Ganz recht, und darum Friede zwischen uns, mein werther Herr H.,« versetzte Müller, ihm die Hand reichend. »Aber wo blieben wir doch stehen?« wandte er sich an mich. »Ganz recht, bei meiner ›Familie Bentheim!‹ Ich denke, das Buch soll selbst jetzt noch Aufsehn erregen, und so arbeite und feile ich unaufhörlich daran, zumal da es wohl meine letzte Gabe an das Publicum sein wird.«

– »Man sagt,« nahm ich wieder das Wort, »daß Sie in dem ›Siegfried von Lindenberg‹ einen Edelmann in der hiesigen Gegend geschildert haben sollen? Ist dem wirklich so?«

– »Ganz recht, die böse Welt behauptet – ich aber thue das nicht – daß der Baron von M** auf H. mir zum Portrait meines Siegfrieds gedient haben soll,« versetzte er schalkhaft lächelnd. »Wollen Sie aber das Original zu einer andern Schilderung von mir in den ›Papieren des braunen Mannes‹ kennen lernen, so haben Sie nicht weit zu gehen, denn er wohnt[216] hier und ist für Jedermann zugänglich, da er Besitzer einer Leihbibliothek ist. Ich kann Sie leider nicht bei ihm einführen, denn mich haßt er tödtlich, und Sie werden keinen einzigen Band meiner Schriften in seiner Bibliothek finden; ja, er geräth in Wuth, wenn man ihn nach denselben befragt, und nennt sie Schofel-Waare.«

Ich erkundigte mich nach dem Namen dieses Mannes, der Brüning hieß, und werde auch diesem Originale späterhin einen kleinen Artikel weihen.

Wir endeten jetzt unsere Visite, nachdem mein Vetter Müller auf den nächsten Sonntag eingeladen und dieser die Einladung freundlich angenommen hatte.

– »Nun, wie gefällt Ihnen der Mann mit seinem Hasse gegen Alles, was Sie verehren und bewundern?« fragte mich mein Vetter auf dem Rückwege; »Sie haben sich wohl recht an ihm geärgert?«

– »Durchaus nicht, ich ärgere mich nie über die Meinungen und Ansichten Anderer, wenn man sie mir nicht mit Gewalt aufdringen will, und ich begreife sogar die Vorliebe dieses alten Mannes für alles Alte,« versetzte ich; »theilt er dies doch[217] mit allen Greisen. Auch wir werden alt werden und es dann vielleicht nicht besser machen.«

– »Sonntag sollen Sie ihn erst in seinem vollen Glanze sehen,« nahm mein Vetter wieder das Wort. »Wir werden Gesellschaft haben, und er wird sein Steckenpferd reiten, indem er hundert Anekdoten vorbringt, von denen er der Held gewesen sein will, und wovon auch nicht eine einzige wahr ist. Ich glaube, daß Müller der größte und frechste Lügner ist, den die Welt je gesehen hat, und will Ihnen nur einen Zug, zum Beweise meiner Behauptung, aus der neuesten Zeit erzählen. Müller, obschon arm, und seit Jahren schon ganz allein mit seiner Familie von der kleinen, ihm vom Könige ausgesetzten Pension lebend, prahlt doch gern groß, selbst vor Solchen, von denen er weiß, daß sie seine Lage genau kennen und von seiner Dürftigkeit hinreichend unterrichtet sind.«

So traf es sich auch vor einiger Zeit, daß er sich an der Tafel des Grafen von Rantzau berühmte, im Besitze von zwanzig Paaren von Stiefeln zu sein, die ein renommirter Schuster in Hamburg ihm aus Dankbarkeit für den Genuß, den seine Schriften ihm gewährt, gemacht haben sollte.[218]

Kurze Zeit darauf traf es sich, daß der Graf unerwartet Besuch aus der Fremde bekam, und von diesem der Wunsch geäußert wurde, die Bekanntschaft des alten Müllers zu machen.

– »Nichts ist leichter als das,« versetzte der Graf; »er besucht mich oft und gern; ich sende ihm meine Equipage, wie ich in ähnlichen Fällen schon oft gethan, und er kommt sicher.«

Gesagt, gethan! Die Equipage fuhr, zum nicht geringen Entzücken des alten Müllers, vor das unscheinbare Haus desselben und der sie begleitende Jäger des Grafen trat mit seiner Einladung in das Zimmer des Dichters.

– »Geschwind, Christine, meinen besten grauen Rock!« rief Müller der eintretenden Tochter zu; »und die Puderschachtel, die schwarze Weste, hörst Du? Der Herr Graf wünschen meine Gegenwart im Schlosse, und die Equipage hält, wie Du gesehen haben wirst, vor der Thür.«

– »Aber, lieber Vater,« stammelte die Tochter verlegen, und hielt dann plötzlich inne.

– »Nun?« fragte er aufgebracht; »werde ich etwa meinen Rock, meine Weste, meine Puderschachtel nicht bekommen können?«

– »Freilich, lieber Vater – aber« ...

– »Was soll dieses Aber? Willst du mich[219] ganz unwirrsch damit machen? Heraus mit der Sprache, wenn ich nicht im Ernste böse werden soll!«

– »Nun denn, Sie haben keine Stiefel,« platzte die auf's Aeußerste gebrachte Tochter, die durch die Anwesenheit des Jägers bisher zurückgehalten worden war, endlich heraus; »Sie wissen, daß ich sie zum Schuster habe schicken müssen, und sie werden noch nicht fertig sein. In Pantoffeln können Sie aber doch unmöglich zum Grafen fahren?«

– »Ei der Blitz! daran habe ich nicht gedacht!« rief Müller erbleichend. »Schick aber doch hin zum Schuster, vielleicht sind sie fertig, und ich kann doch mit fahren.«

Die Tochter lief selbst hin, kehrte aber mit dem traurigen Bescheide zurück, daß die Stiefel eben in Arbeit genommen und vor dem Abend nicht zu liefern wären.

– »Melden Sie, lieber Freund,« wandte sich unser Dichter an den sich herzlich an dieser Scene belustigenden Jäger, »Sr. Excellenz, daß ich wegen Unpäßlichkeit leider heute nicht die Ehre haben kann. Von den Stiefeln aber sagen Sie nichts,« flüsterte er ihm zu, indem er ihm zutraulich die Hand drückte und eine etwas verlegene[220] Miene machte. Der Jäger plauderte aber doch, und die Geschichte belustigte den Grafen nicht wenig.

Ich lasse die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Geschichte dahin gestellt sein; so viel aber ist gewiß, daß nie ein Mensch das Talent der Aufschneiderei in einem höhern Grade besaß, als der alte Müller. Er war unerschöpflich an Anekdoten und Geschichten und war von allen, selbst von den bekanntesten, der Held, und wenn man es wagte, ihn auf diese oder jene Unwahrscheinlichkeit aufmerksam zu machen, so wurde er nicht nur aufgebracht, sondern sogar grob und ausfallend. Ueberdies verlangte er, daß man ihm zuhören sollte, wie man dem Prediger auf der Kanzel zuhört, ohne Unterbrechung, ohne Widerspruch; kurz, er war kein angenehmer Gesellschafter und wurde deshalb auch nicht gesucht, außer bei dem Grafen, bei dem er sich freilich bescheidener geben mochte, oder der Gefallen an seiner Aufschneiderei fand und sich dadurch zu belustigen suchte.

Was das Werk anbetrifft, das er noch unter Händen haben wollte, so versicherte mein Vetter, daß er seit zehn Jahren immer Dasselbe darüber sage, und noch keine Zeile davon geschrieben habe,[221] obgleich er vorgab, es bis auf die Feile vollendet zu haben.

Sein Charakter wurde in Itzehoe nicht geschätzt und man schrieb ihm eine große Malice zu. Gewiß ist es, daß er weder Freund noch Feind schonte, wenn es ihm in den Sinn kam, sein Buch durch Aufstellung piquanter Situationen und auffallender Persönlichkeiten interessant zu machen, und er verstand so zu schildern, daß man gleich mit Fingern auf den von ihm Getroffenen wies. Namentlich hat er den Doctor C., einen sonst geachteten Mann, der aber sein bevorzugter Nebenbuhler bei einer schönen Frau war, mit einer unverzeihlichen Bosheit behandelt.

Bekanntlich ist J.G. Müller seit einigen Jahren im hohen Alter in Itzehoe gestorben.[222]

Quelle:
Schoppe, Amalia: Erinnerungen aus meinem Leben, in kleinen Bildern. Altona 1838, S. 205-223.
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