Die Abendgesellschaft.

[40] Die abendlichen Vereinigungen sind mannigfacher Art, vom einfachen Thee bis zum prunkvollen Souper, oder bis zum wohlarrangierten Balle. Alle haben eben nur das eine gemeinsam, daß sie am Abende stattfinden. Die Hauptunterschiede aber liegen in der Bewirtung und Kleidung.

Bei einem einfachen Theeabende genügt es, den Gästen Thee und kalte Küche, sowie allerlei kleine Erfrischungen anzubieten. Die Damen kommen im Besuchskleide ohne kostbaren Schmuck; die Herren im Oberrock. Der Unterhaltungston ist ein zwangloser. In willkürlichen Gruppen steht man plaudernd umher und balanciert mit möglichster Geschicklichkeit und Grazie das Theeglas und den Kuchenteller. Die Speisen sind auf kleinen Tischen oder dem Büffet zierlich geordnet, Geräte und Servietten liegen daneben, und flache Teller sind reichlich vorhanden. Jeder langt ungenötigt zu, um sich dann mit Freunden gemeinsam an einem der sauber gedeckten Tische niederzulassen. Die Herren wetteifern, den Damen gefällig zu sein, ihnen alles Gewünschte herbeizubringen und sich eingehend ihrer Unterhaltung zu widmen. Es ist leider durchaus nichts Seltenes, daß sie diese Ritterpflicht ganz vergessen, und man hat sogar in sehr guter Gesellschaft den schlimmen Anblick, vier bis sechs Herren an einem Tische zu sehen, ausschließlich mit der Vertilgung von Speisen beschäftigt. Daß diese Herren am nächsten Schenktage ein Komplimentierbuch erhalten, ist einfache Menschenpflicht.

Die Hausfrau schenkt den Thee im Salon ein, und die Töchter des Hauses oder befreundete junge Damen geben ihn herum.

Unbeschadet des guten Tones kann man aber auch den Thee und allerlei kalte, leichte Gerichte im Eßzimmer am gedeckten Tische verabreichen lassen, was viele sogar für seiner halten.

Warmes Abendbrot wird ebenfalls hier eingenommen, oder es steht einem frei, »fliegende Tafel« zu wählen. Diese Art empfiehlt sich besonders da, wo Raummangel eine behagliche Tischordnung unmöglich machen würde.[40]

Es wird in solchem Falle ganz wie soeben beschrieben verfahren, und wir betonen nochmals, daß es Pflicht der Herren ist, sich den Damen zu widmen. Das geschieht am besten, indem sie eine Partnerin wählen und um die Erlaubnis bitten, sie zu einem Tische führen zu dürfen, sich vielleicht auch mit anderen Herren verständigen und dafür sorgen, daß gleichgesinnte Seelen zusammenkommen. Daß beim Zulangen an dem Büffet jedes Stoßen und Drängen vermieden werden muß, darf wohl nicht erst betont werden. Junge Damen haben zu warten, bis die älteren, Herren bis die Damen sich versorgt haben. Dasselbe gilt beim Besetzen der Plätze. Ist jemand uns zuvorgekommen, oder hat er den Platz gewählt, welchen mir bereits belegt hatten, so müssen wir gute Miene zum bösen Spiele machen und nicht etwa die gesellige Behaglichkeit, durch eigensinniges Beharren auf unserem »Rechte«, stören. Das einzige Recht, welches alle in der Gesellschaft haben, ist, ausgesucht höflich und liebenswürdig zu sein.

Der Thee wird nach fliegender Tafel im Salon gereicht und gewöhnlich stehend eingenommen.

Bei einer großen Soiree ist die Art der Einrichtung fast genau so, wie bei dem, im vorigen Kapitel besprochenen Mittagsessen. Die Toiletten sind ungefähr dieselben, vielleicht noch etwas glänzender. Die Bewirtung und der ganze Zuschnitt entspricht genau dem Diner, nur daß es keine Suppe in Tellern giebt, höchstens Bouillon aus Tassen, und daß man sich um 1/28 Uhr abends, oft sogar erst um 1/29 zu versammelt. Auch reicht man zuweilen vor Beginn der Tafel Thee und Gebäck oder Appetitschnitten.

Der Hauptunterschied zwischen der Mittags- und der Abendgesellschaft aber liegt vorzugsweise darin, daß man sich nicht unmittelbar nach dem Essen trennt, sondern daß nun erst die eigentliche Unterhaltung beginnen soll. Hierauf ihr Augenmerk zu richten, sei die Hauptaufgabe der Gastgeber.

Wenig schicklich will es uns erscheinen, wenn die Herren sich gleich nach Tische in das Rauchzimmer zurückziehen, um der geliebten Zigarre und dem Kartenspiele den Vorzug vor der Damenwelt zu geben. Das sei allenfalls den Graubärten gestattet; aber alles, was sich zur jüngeren Generation zählt, gehört in den Salon, um hier sein Teil zum allgemeinen Vergnügen beizutragen.

Heitere, anregende Gespräche bilden den Hauptreiz der Unterhaltung. Musikalische und deklamatorische Vorträge geben eine angenehme Abwechslung. Sache der Hausfrau ist es, die Betreffenden, welche auf diesen Gebieten etwas leisten, heranzuziehen und ihnen Gelegenheit zu geben, ihr Können zu zeigen. Wer von ihr aufgefordert[41] wird, sich hören zu lassen, betrachte es als eine angenehme Pflicht der Gesellschaft einen Genuß zu verschaffen und der Wirtin gefällig zu sein.

Die Auswahl der Stücke hängt von der Zuhörerschaft ab. Rein klassische Sachen finden größtenteils nur vor Musikverständigen die richtige Würdigung, darum ist es gut, auch Salonstücke heiteren und ernsten Genres einzuüben, um sie eventuell zum Vortrage bringen zu können.

Die Hausfrau sollte nur dann vorspielen oder vorsingen, wenn sie so dringend aufgefordert wird, daß sie meint, es nicht mehr umgehen zu können. Man sollte aber andererseits nicht zu sehr in sie dringen; denn sie ist erstens durch ihre Pflichten an diesem Abende reichlich in Anspruch genommen, und dann könnte es auch gar zu leicht den Anstrich gewinnen, als hätte sie die Gesellschaft versammelt, um ihr Talent gebührend bewundern zu lassen. Denn daß man gegen sie noch freigebiger mit Lob ist, wie gegen die anderen, liegt in der Natur der Sache. Dagegen ist es nur richtig und durchaus übereinstimmend mit guter Lebensart, wenn die Tochter oder der Sohn des Hauses sich gerne hören lassen; ja, sie haben eigentlich die Verpflichtung, es den anderen zuvorzuthun und den Anfang zu machen.

Vorträge von Kindern sind größtenteils wenig erquickend für die Zuhörer und haben außerdem noch den üblen Nachgeschmack, daß die Kleinen leicht eine zu hohe Meinung von ihrem Können erhalten, und Eitelkeit und Selbstüberschätzung in ihnen groß gezogen wird.

Hat jemand den Vorzug, eine angenehme oder gar schöne Stimme zu besitzen, so thue er sein Teil zum allgemeinen Vergnügen. Dasselbe gilt von jedem deklamatorisch Begabten. Die Art des Stoffes hängt hier, wie beim Klavierspiele, ganz von der Gesellschaft ab, und der Vortragende muß die Geschicklichkeit haben, zu entscheiden, was die Zuhörer beifällig aufnehmen werden.

Beim Musizieren legt man die Handschuhe ab, um sie nach beendetem Vortrage wieder anzulegen. Beim Singen oder Deklamieren behält man sie an.

Die Zuhörer haben sich während eines Vortrages der größten Ruhe zu befleißigen. Ein angefangenes Gespräch kann höchstens im Flüstertone notdürftig erledigt werden, am besten bricht man es sofort ab. Der Hausfrau aber ist es wohl gestattet, durch einen kleinen Wink oder freundliches Wort an diese Pflicht der Höflichkeit zu erinnern, sollten sich ja welche finden, die ihrer vergäßen.

Daß die Artigkeit von den Zuhörern nach beendetem Vortrage eine Beifallsäußerung fordert, wurde schon erwähnt. Sollte die Leistung eine solche durchaus nicht rechtfertigen, so zolle man sie dem[42] guten Willen, welcher den Gästen eine Abwechslung bieten wollte. Wie für jede Gefälligkeit, so hat man sich auch für einen Vortrag zu bedanken. Am besten ist es, die Hausfrau thut dies im Namen aller; denn ihr gilt sie doch in erster Linie. Während eines besonnenen Vortrages den Salon zu betreten oder zu verlassen, ist unschicklich, man hat bis zum Schlusse zu warten.

Ein andere Art der Unterhaltung sind die Gesellschaftsspiele. Hübsch arrangiert bringen sie stets Leben unter das junge Volk, wenn auch ihre Glanzperiode eigentlich vorüber ist. Bei der Ausmahl derselben versteige man sich in der Art nicht zu hoch, sondern rechne mit der Majorität. Es giebt Bücher, die guten Rat für allerlei gesellige Spiele wissen, und wir empfehlen sie denjenigen, welche selbst gern spielen oder sich ein Vergnügen daraus machen, ms maître de plaisir zu fungieren, zum eifrigen Studium.

Ist ein Spiel in Gang gebracht, so erwartet man von jedem, daß er sich ohne weiteres in die Spielregeln fügt. Spielverderber sind schon unter den Kindern nicht wohl gelitten, unter Erwachsenen sind sie eine furchtbare Spezies, die eine ganze Gesellschaft zur Verzweiflung bringen kann.

Man hüte sich, ein Spiel bis zur Bewußtlosigkeit zu spielen, und bei der Pfänderauslösung wähle man Dinge, die im Bereiche der Möglichkeit liegen. Küsse bei dieser Gelegenheit auszuteilen, ist längst aus der Mode, und es ist gut so; denn sonst mußten wir es durch dieses Kapital endgültig zu den Akten legen.

Während die Jugend sich in dieser Weise vergnügt, werden die älteren Herrschaften gerne den Kartentisch aufsuchen. Jüngere sollten sich nie daran beteiligen, besonders schlecht steht es jungen Damen. Für junge Herren wird es freilich gut sein, wenn sie die beliebtesten Kartenspiele erlernen, um gelegentlich einspringen zu können und sich so gefällig zu erweisen.

Die Kartentische müssen entweder in einem besonderen Raume stehen, oder doch ein wenig von der Gesellschaft abgesondert. Alle Mitspieler haben ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Spiele zuzuwenden; denn zerstreutes und unaufmerksames Spielen verdirbt den anderen das Vergnügen und ist schon häufig Anlaß zu fatalen Auseinandersetzungen gewesen. Die Spielregeln müssen genau beachtet werden und Unehrlichkeiten sind, selbst im Scherze, unzulässig. Die meisten Spieler werden unangenehm berührt, wenn während des Spieles gesprochen wird. Darum verspare man sich alle etwaigen Erklärungen und Bemerkungen bis zur Beendigung der Partie.

Viele verlieren ihren Gleichmut und ihre Selbstbeherrschung, sobald sie im Verluste sind. Die Laune des seinen und gebildeten[43] Menschen darf durch Gewinn oder Verlust gar nicht gestört werden. Ebensowenig darf der Gewinner das Spiel abbrechen, wenn er nicht seine Lebenart und seinen Charakter in Frage stellen will.

Für die, welche einem Kartenspiele gern zusehen, sei es gesagt, daß laute Unterhaltung, Dazwischenreden, gute Ratschläge oder gar das Verraten der Karten an die übrigen arge Unarten sind, vor denen wir gar nicht genug warnen können.

Weitere Abendunterhaltungen, die allerdings einer gewissen Vorbereitung bedürfen, aber dafür auch durch den Erfolg belohnen, sind lebende Bil der und Theateraufführungen. Erstere können oft ohne große Umstände in Szene gesetzt werden. Sehr viel guter Wille, etwas Tand und Flitter, einige bengalische Flammen und ein rechter Arrangeur, dann ist in kurzer Zeit alles bereit, und die Mitwirkenden, wie die Zuschauer, haben ein großes Vergnügen davon.

Ein Theaterstück erfordert mehr Zeit, und es ist ratsam, schon einige Wochen vorher mit der Einübung zu beginnen. Bei der Verteilung der Rollen befleißige sich jeder der größten Bescheidenheit und nehme willig auch mit der kleinsten fürlieb. Wer eine Rolle übernommen hat, lerne sie vollkommen gut auswendig und widme ihr seine ganze Sorgfalt. Schon bei den Proben sei jeder bestrebt, sein Bestes zu geben. Hat jemand die Regie übernommen, so haben sich die übrigen willig in seine Anordnungen zu fügen.

Bei der Auswahl des Stückes achte man auf eine leichte Ausführbarkeit desselben, am besten eignen sich kleine für Dilettantenbühnen bearbeitete Lustspiele. Seine Rolle darf man ohne sehr triftigen Grund nicht wieder abgeben, weil dieses eine Beleidigung sämtlicher Mitspielenden in sich schlösse. Auch raten wir den Damen, keine Herrenrollen zu übernehmen. Ebensowenig schicklich ist es, wenn die »älteren jungen Mädchen« sich vorzugsweise zu den jugendlichen Rollen drängen.

Da jeder für seine eigene Toilette sorgt, so kommt es vor, daß die Gesellschafterin gewählter gekleidet ist, als die Herrin, der Kommis eleganter auftritt, als der Chef. Das sind Widersinnigkeiten, die den Eindruck des Stückes beeinträchtigen und auf jeden Fall vermieden werden müssen. Das geben wir besonders denen zu bedenken, welchen die gesellschaftlich geringeren Rollen zugefallen sind

Ist dann der Augenblick der Aufführung gekommen, so erleichtere jeder durch ein ruhiges und verständiges Benehmen dem Regisseur seine schwere Aufgabe und sichere sich seine persönliche Unbefangenheit, indem er es vermeidet, die Augen im Publikum umherschweifen zu lassen.

Außer den hier angeführten giebt es eine Menge anderer Unterhaltungen, und jeder Hausfrau liegt es ob, zu entscheiden, welche[44] Arten ihrem Kreise am besten zusagen würden. Den Gästen aber empfehlen wir, das Vergnügen nicht allzusehr auszudehnen. Darum verabschiede man sich bald nach Mitternacht von den Gastgebern, nachdem man ihnen mit herzlichen und höflichen Worten für den genußreichen Abend gedankt hat.

Quelle:
Schramm, Hermine: Das richtige Benehmen. Berlin 201919, S. 40-45.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon