Neue Mitarbeiter.

[82] Nun will ich wieder zu unserm Verhältnis in der Deckenschererei zurückkehren. Pust wurde immer mehr unzuverlässig. Dies war auch keine Arbeit für einen Geisteskranken. Als der Sonntag kam, erzählte ich es meinem lieben Wilhelmshavener Zimmerer, der mir auch heute wieder ein Stück Wurst und was zu lesen gab. Der hatte gut lachen, kam er doch drei Wochen früher als ich von der »Winde«.

Der Sonntag kam und ging und die zwei Tage, dann war Schluß meiner zehnten Woche und ich kalkulierte, daß in hundertdreizehn Tagen meine Zeit vorbei war und ich diese mir so zum Ekel und Haß gewordene Anstalt verlassen konnte.


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Heute ging es mit Pust nicht mehr. Zwar versuchte ich meine drei Arbeitskollegen zum Guten gegen diesen Geisteskranken zu stimmen, die erklärten aber rundweg: »Wir haben keine Lust, uns für den mitzuschinden. Der Drehbock geht so schwer zu drehen, weil dieser alte Karren nicht im Lot ist. – Und dann die Quasselei von dem Verrückten! Zum Teufel! Die Verwaltung kann ihn ja nach Nietleben schicken. Da kann er ja Wasser in die Kiepen schleppen!«

Wir lachten über diesen Witz. Den M. aber dauerte Pust und er sagte zu ihm: »Das ist keine Arbeit für Dich mit Deinen Brummkiesel. Du kannst die Arbeit nicht mehr lange machen, schließlich bekommst noch die Krämpfe oder die Tobsucht und steckst uns mit Deine verwirrten Reden an. Der Aufseher kann Dir wo anders unterbringen!«

Wir sagten es zum zweiten Mal dem Werkmeister und wirklich – Pust kam nach einer anderen Abteilung. Pust wurde aber immer kränker. Nachts stieg er aus seinem Bette und störte die in seiner Abteilung Liegenden im Schlafe. Diese beschwerten sich beim Hausvater. Der ließ ihn dann in einem kleinen Raum allein schlafen. Sein Verfolgungswahnsinn stieg aber trotzalledem. Der Verwaltung ist kein Vorwurf[83] zu machen; sie hätte ihn gern wo anders hingeschickt. Aber da ist der Paragraph, daß jeder seine Strafe abmachen muß – und wird einer krank, dann ist ja die Hospitalabteilung da, in der er verpflegt wird. In solchen Häusern stellen sich auch Leute krank und verrückt, wenn ihnen die Arbeit nicht zusagt, oder das Pensum für sie nicht erreichbar ist. Habe ich doch selbst kein Pensum geliefert beim Deckenmachen, weil diese Arbeit mich krank gemacht hätte. Den ganzen Tag das Sitzen war ich nicht gewohnt. Dazu diese geisttötende Arbeit. Der Aufseher, der mich beobachtete, hatte ganz recht, als er mir sagte: »Schuchardt, Sie wollen bloß nicht diese Arbeit verrichten; nehmen Sie sich zusammen, daß ich Sie nicht bestrafen muß!«

Am Abend bekamen wir einen anderen Mann. Dieser war auch nicht normal. Er bekam die Lachkrämpfe.

»Es ist zum Verzweifeln«, sagten meine Leute. »Die Deckenschererei wird noch die reine Gummizelle. Ein verrücktes Luder sind wir kaum los, für diesen bekommen wir wieder einen narrischen Kauz!« Wir wünschten uns zum Teufel und weit weg aus diesem Raum und der Anstalt.

Wilhelm hieß mein neuer Partner und war in Aschersleben geboren. Er hatte das Unglück, daß er schon das zweite Mal in dieser Anstalt war und nun neun Monate machte. Vier Wochen war er bei uns, dann bat er den Aufseher, ihn wo anders unterzubringen. Anpacken konnte er, wenn er wollte. Die letzten sechs Arbeitstage mußte ich mich jedoch für ihn quälen. Er tat bloß, als wenn er drehte. D. und W. merkten es auch und sagten: »Ihr faulen Hunde, wollt Ihr denn gar nicht drehen?«

Daß ich meine Schuldigkeit aus Ehrgefühl tat, wußten sie und sagten: »Das lachende Elend versteht es, dem geht es wie dem Karnickel, das Viech schläft mit offenen Augen. Wenn wir nicht drehten und schufteten, bliebe das Rad stehen! Willem, willst denn Deine Gorillafänge gar nicht anstrengen? Sonst müssen wir Dir mal beibringen, wie Rad gedreht wird, Du faules Aas!«[84]

Das half aber nichts. Eines Morgens sagte M. es dem Aufseher und da hat Wilhelm heimliche Püffe erhalten und wir bekamen wieder einen neuen Mann.

Den Sonntag lernte ich einen Schneider kennen. Er war am Mittwoch von Genthin hier eingeliefert worden. Es war ein langer, dürrer Mensch in den fünfziger Jahren – und hatte neun Monate. Er arbeitete auf dem Lager, räumte auf und transportierte Material für die Weber. Bei der Arbeit stellte er sich so steif und eckig an, wie ein alter Bock. Durch das dumme Anstellen und das eckige, steife Benehmen war er bei seinen Kollegen nicht beliebt. Kein Tag verging, daß ihn der Meister nicht abrüffelte.

»Sie sind so dumm und faul. Mensch, was soll ich mit Ihnen anfangen? Die Firma muß eine Mark und fünfzig Pfennige für Sie an die Anstalt bezahlen, Ihre Arbeitsleistungen sind keine fünfzig Pfennige wert. Sagen Sie mir bloß, was können Sie denn arbeiten?« sagte der Meister, – sonst gegen uns in der Raddreherei kein ungerechter Mann. Wir erhielten von ihm für »extra geleistete Arbeit« öfters für 50 Pfg. Wurst in Kommune, das heißt wir fünf Mann. Wenn der Schneider seinen Verweis bekam, machte er ein ernstes Gesicht und sah mit seinem glatten Gesicht und den abstehenden Ohren so komisch dumm aus, daß die ganze Abteilung lachen mußte.

An seinem ersten Sonntag klagte er mir sein Leid. Die Korrigenden hier seien der Ausbund der Hölle. Da sei es in Rummelsburg bei Berlin golden gegen hier. Das Essen sei dort besser und es ginge auch nicht so schablonenmäßig und so verteufelt zu wie hier. Die Beamten machten dort auch einmal einen Spaß mit. Aber hier machten sich die Korrigenden das Leben selbst zur Last. Einer treibe den anderen, es sei die reine Affenschande. Bis er nun seine Zeit abgerissen hätte, da würde er wohl spinnen wie 'ne alte Kreuzspinne und von der vielen Mehlsuppe den sogenannten Mehlsuppenklaps bekommen. Ja, jeden Tag morgens, mittags und abends singen und beten: das wäre der reine Hohn auf Gotteswort. Hier sei das Verpfeifen (Verraten) an der Tagesordnung. In Rummelsburg wäre[85] es besser gewesen. Die Arbeit sei besser und nicht so schwer und es wäre mehr Freiheit unter den Leuten gewesen. Die Spanner hätten sie besser behandelt, selbst der Kautabak sei nicht so miserabel gewesen als hier. Ein dummes Luder sei er, daß er von Berlin weggegangen wäre. Da hätte ihm die Winde (Arbeitshaus) erstens nicht so früh geblüht und wenn er wirklich den Ueberzieher (Ueberweisung an die Landespolizei) erwischt hätte, dann bliebe »der Ochsenkopf« immer Rummelsburg.

Freilich tröstete ich ihn und sagte: »Das darfst Dir nicht zu Herzen nehmen, alte Bohnenstange – und mußt Dich nicht so viel einlassen mit Leuten, die Dich schikanieren. Was soll ich machen? Ich bin in der Inquisitionsabteilung und drehe Rad. Die Puste geht mir auch bald aus von dem vielen Drehen. Aber ich besitze Mut und denke: Aus einem verzagten A..ch geht kein fröhlicher Pf..z, und geht die Zeit nicht schnell hin, so mag sie zum Teufel langsam hinschleichen, und sollte ich hier auf dem letzten Kalmus pfeifen, da können meine Ueberreste die Gänse hinausschnattern!«

Er lachte und sagte: »Wenn ich nicht so alt wäre und steif, ginge es auch noch. Und solche Arbeit – wenn ich zum Schneidern könnte kommen, wäre es auch besser; diese Arbeit ist zu ungewohnt für mich!«

Bei den letzten Worten war er schon wieder ernst, und als ich ihm ein Stück Tabak gab, dankte er zerstreut und schob den Priem bedächtig zwischen seine Zähne. Organisiert war er nicht. Er war leider einer von denen, die so interesselos sind und warten, bis sie etwas erreichen können, was ihre Kollegen sich erkämpft haben. Mir tat der Kerl leid; seine Unbeholfenheit war so groß, wie bei einem kleinen Kind.

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 82-86.
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