Ich suche ein anderes Theater – und finde es.

[74] Nun gute Nacht, Hamburg! Wohin, daß du nicht immer reisen darfst? Nach Berlin oder Gotha. Hätte ich's gemacht, wie viele, und wäre nach Berlin gereist, ich wäre noch da! So aber schrieb ich an Herrn Doebbelin, und da ließ er denn freilich bei der Menge von Leuten, die er hatte, keine neuen dazu kommen. Wer aber angereist kam, da erlaubte es ihm sein gutes Herz nicht, die wieder gehen zu lassen. Und mich hätte er gewiß nicht wieder reisen lassen. Nicht alle wußten's ihm Dank.

Nun schrieb ich nach Gotha an Herrn Boeck, der als Regisseur bei dem Hoftheater angestellt war. Herr Boeck hatte mich bei seiner Reise durch Hamburg gleich den Sommer, da ich wieder aufs Theater gegangen, spielen sehen. Vom Gothaer Hoftheater hatte ich viel Gutes gehört, von Pensionen, die die Schauspieler bekämen, wenn sie sich gut aufführen und einige Zeit dagewesen, kurz, eine Versorgung auf die ganze Lebenszeit. Wer sollte da nicht Lust haben, hinzugehen? Bald bekam ich Antwort. Nur wenige Briefe wurden gewechselt. Ich sollte nur 7 Thaler Gage die Woche haben und einige Klafter Holz. Doch machte mir Herr Boeck zu 8 Taler die Woche Hoffnung, wenn ich nur erst einige Zeit wäre dagewesen. Auch sollte ich sobald wie möglich zu Anfang des Advents kommen. 7 Taler die Woche war nicht zu viel, und noch Schulden davon zu bezahlen. Doch ich hätte 5 genommen und gern solche mit den mir blutsauern und mit so manchen Tränen benetzten 10 Ackermannschen Talern vertauscht: die Hoffnung zur Pension, Zeitlebens an einem Ort, meine Denkungsart. Du behilfst dich, und Gott wird dir die geringe Gage segnen. Kurz, ich gab mein Wort, und alles war richtig.

Nun aber bekomme ich einen Besuch von einer Person, von der ich überzeugt sein mußte, sie meinte es gut mit mir. Die sagte mir: »Liebe Kummerfeld, ich habe gehört, Sie wollen nach Gotha. Um Gotteswillen, tun Sie es nicht, so – so« usw. Sie sagte mir vieles, das mir nicht gleichgültig sein konnte, und ich mußte ihr dafür danken. Die Nachricht machte mir eine schlaflose Nacht.[74]

Am Morgen bekomme ich einen Brief von H. Großmann, der fing mit den Worten an: »Eine Person von meinen Verdiensten müsse nicht um Engagement schreiben; die müsse man aufsuchen, um sie zu bekommen.« Sehr verbindlich! Noch waren meine zwei Fehler nicht von der Elbe an den Rhein geschwommen. – H. Großmann und H. Helmuth waren auf zeitlebens oder doch, so lange der Kurfürst von Cöln leben sollte, bei demselben in Bonn engagiert. Es waren herrliche Aussichten. Gage sollte ich fordern. Ich dachte: Kannst du von Gotha deines Worts entlassen werden, so nimmst du das Engagement nach Bonn an. Ich schrieb an H. Boeck, man hätte mir vor Gotha bange gemacht. Nur sehr selten könnte eine Person weiblichen Geschlechts da gefallen bei allen theatralischen Verdiensten, wenn in ihrer Physiognomie oder Figur etwas wäre, das man nicht leiden kann. Man hätte sie in Gotha gehabt von allen Altern und Couleuren, wahre Mariengesichtchen, und man hätte sie doch nicht leiden können. Sie müssen Gotha kennen. Schön bin ich nicht. Aber glauben Sie, daß ich ein Gesicht und eine Figur habe, bei der man nicht, wenn sie auftritt, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, so bin ich verbunden, mein Wort zu halten. Sie haben mich gesehen den letzten Sommer. Es würde mir leid sein, das Gothaische Engagement angenommen zu haben, wenn es nur auf eine kurze Zeit wäre. Denn nach den Anstalten, die ich gemacht, möchte ich nicht gern so bald wieder wegreisen. Wäre es aber nach H. Boecks Meinung in die Länge für mich nichts in Gotha, so verkaufte ich mehr von meinen Sachen und richtete meine Bagage kleiner ein. Denn ich wäre gegenwärtig nicht verlegen, weil mir H. Großmann und H. Helmuth Engagement nach Bonn antragen usw. Das war so ohngefähr mein Brief. Mit demselben Posttag schrieb ich auch an H. Großmann, weil er baldige Antwort verlangte, ich hätte mein Wort gegeben, nach Gotha zu kommen, es läge nur noch an einer Bedingung. Sagte man mir die zu, so müßte ich mein Wort halten. Im Fall man es mir aber abschriebe, so wäre ich bereit, zu kommen. Um also alle Weitläuftigkeit zu vermeiden, verlangte ich, wenn ich käme, 10 Taler Gage in Gold[75] oder 2 Louisd'or die Woche, und nun noch wegen Rollen usw. Den 17. Oktober bekomme ich von H. Boeck Antwort. Ruhig sollte ich sein wegen des Punkts, und da ich mein Wort gegeben, hoffte er, ich würde kommen, und es würde mich auch nicht gereuen usw.

Mein Wort mußte ich halten und würde es gehalten haben, wenn ich mich auch nur für 5 Taler engagiert hätte. Denselben Abend kommt der jüngste H. Helmuth zu mir und bringt einen Brief von H. Großmann mit dem Inhalt, daß er mir alles bewillige und daß in wenigen Tagen eine Kutsche eintreffen würde, die mich nach Mainz liefern sollte. H. Helmuth sagte: »Sie nehmen mich mit; denn ich reise auch zu meinem Bruder.« »Liebes Kind, wie kann ich das?« Bis an den Advent muß ich hier bleiben, und nach meinem heutigen Brief von H. Boeck kann ich nicht zu Ihrem H. Bruder und H. Großmann. Auch wissen Sie es ja aus meinem Brief, daß es noch nicht gewiß war. Wie können Sie mir eine Kutsche schicken?« Ich schrieb an H. Großmann, daß ich nicht kommen könnte, und was das für ein Irrtum sei usw.

Herr Großmann antwortete mir sehr impertinent und drohte mir gar mit einem Prozeß und Arrest, daß ich mein Wort dem Herrn Kurfürsten, bei dem ich mich engagiert hätte, nicht halten wollte, und daß der Kurfürst Herrn Boeck vorginge. Ist der Mann von Sinnen, oder sind's Komödiantenkniffe? Denkt der, mich ins Bockshorn zu jagen? Herr Großmann, da kennen Sie die Kummerfeld noch nicht, die von Kniffen keinen Gebrauch macht! Ich setzte es H. Großmann deutsch nach meiner Art auseinander, daß ich mich nicht bei H. Boeck, sondern auf das Herzogliche Hoftheater in Gotha engagiert hätte, daß das mein erstes Wort gehabt, daß ich nicht mehr die Woche wie 7 Tlr. und einige Klafter Holz hätte, daß, wenn ich gewohnt wäre, mein Wort zu brechen, mir doch 10 Tlr. in Gold lieber sein müßten wie 7 Tlr. Daraus sollte er mich kennen lernen, ob ich gewohnt wäre, mit meinem Wort zu spielen usw. Die Sache war auch abgetan, und ich bekam keine Antwort wieder. Auch machte[76] ich Anstalt und verkaufte nach und nach ein Stück ums andere, alles aus der Hand.

Vor ihrer Abreise beschämt sie noch die Verwandten durch einen Akt der Selbstlosigkeit. Ihren Brief will der Schwager auf der Börse verlesen. Man bittet ihr alles Unrecht ab. Nur Abendroths fette Wangen färben sich mit keinem Rot. Ausgesöhnt sonst mit der ganzen Familie, kann sie doch nicht unterlassen, beim Vorüberfahren an Schwerdtners Haus das Fenster zu öffnen und auszuspucken. Der 9. Dezember war der Tag ihrer Abreise. Von Hamburg verabschiedet sie sich in ihrem Buche mit Segenswünschen und den Worten:

»Die ihr euer zärtliches Ohr an meine Deklamation und euer hellsehendes Auge an meine Aktion nicht gewöhnen wolltet – euch vergebe ich und wünsche, daß die Welt mit eurer Deklamation und Aktion besser zufrieden sein möge, wie ihr hier mit mir wart.«

Daß sie alle die Geldverhältnisse ausführlich dargelegt, kommt daher, daß man ihr nachgesagt, sie sei durch ihren Mann reichlich versorgt gewesen und habe gar nicht nötig gehabt, wieder zur Bühne zu gehen. Selbst ihr Bruder hat solchem Gerede Glauben geschenkt. Sie aber konnte nicht denken wie Gotters Hedwig: »Laß die Schlangen zischen und die Bären brummen, ihre Natur bringt's nicht anders mit sich.« Nein, sie will in diesem Buche alles genau darstellen auch für ihren Bruder, der nicht weiß, was sie alles für ihn erduldet, sie, die vor einem bösen Wesen aus seinem Hause hat weichen müssen.

In Hannover kann sie ihren Freunden und Wohltätern persönlich danken, in Braunschweig einige Stunden bei lieben Menschen sein und ihren Schwager, Herrn v. Brunian, begrüßen. Seine Gattin, ihre Halbschwester Marianne, das vortreffliche, seelengute Weib, war freilich noch in Prag. Sie hat sie seit 1753 nicht mehr gesehen.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 74-77.
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