Vereinsfest.

[36] Wer Mitglied eines Vereins ist, hat auch schon eines der Gründungs- und Jubiläumsfeste dieses Vereins mitgemacht, und es giebt wohl heute keinen Deutschen, der nicht Mitglied eines oder mehrerer Vereine ist.

Man hüte sich, in das Festkomitee gewählt zu werden. Es ist dies das einzige Mittel, vor dem Vorwurf bewahrt zu bleiben, daß man nichts gethan, aber alle vorkommenden Fehler verschuldet habe.

Ist man aber Mitglied des Festkomitees geworden, so versäume man deshalb alle Geschäfte, widme sich ganz den Aufgaben des Festes, arbeite unausgesetzt, komme nicht zu Atem, stürze sich in Unkosten und thue, was man kann. Man wird den noch nicht das Wohlgefallen des Vereins erringen.

Im Festkomitee befinden sich einige Mitglieder, welche absolut nichts thun. Vor diesen nehme man sich in Acht, denn sie haben an der Thätigkeit der Eifrigen immer etwas auszusetzen Man zeige ihnen nicht, daß man thätig ist, denn man wird sonst von[36] ihnen als ein aufdringlicher Streber und als ein Mensch bezeichnet, der sich fortwährend vordrängt.

Will man recht vernünftig sein, so mache man sich als Mitglied eines Vereins niemals verdächtig, ein organisatorisches Talent zu besitzen. Dann entgeht man mit ziemlicher Sicherheit jeder Wahl in das Festkomitee. Wird man aber gewählt, so erkranke man und lehne mit großem Bedauern die Wahl ab.

Wenn man kein Redner ist, so weiche man bescheiden, aber energisch der Aufforderung aus, eine Festrede zu halten. Dies geschieht allerdings selten, aber es ist doch zum Gelingen des Festes nützlich, wenn dann und wann eine Rede von einem wirklichen Redner gehalten wird.

An die Festtafel setze man sich so, daß man von den Rednern sehr weit entfernt sitze. Wird dann gesprochen, so hat man sich nur zu erheben, wenn alles zum Hochrufen und Anstoßen sich erhebt, und sich wieder zu setzen. Dies vereinfacht die Tafelpflichten wesentlich.

Aber auch, wenn man die Rede deutlich gehört hat, lobe man sie. Denn jeder Tadel wird dem Redner hinterbracht und vermehrt die Zahl der Feinde um einen. Glaube man nicht, daß der Tadel verschwiegen bleibt. Denn am allerwenigsten schläft der Verräter bei Tisch.

Ist die Tafel sehr groß, so mache man keine Ansprüche an das Menu, sondern halte sich an den Käse, der immer gut ist.

Nehmen Damen an der Tafel teil, so sei man vorsichtig in der Wahl des Unterhaltungsstoffs, namentlich den Damen gegenüber. Ich rate dies aus trüben Erfahrungen an. So beging ich einmal die Unvorsichtigkeit, in einem unbewachten Augenblick den Namen Ulrike v. Levetzow in die Unterhaltung zu werfen und dabei Goethes zu erwähnen. Ich werde dies niemals wieder wagen. Auf das Antlitz meiner Dame lagerte[37] sich alsbald die Furcht vor einem litterarischen Gespräch derart verzerrend und aus den schönen Augen blitzte es derart erschreckt, daß ich sofort über das Vanilleeis sprach, welches gerade herumgereicht wurde, und dadurch einer höchst peinlichen Scene ein Ende machte. Die Dame aber ist meine Gegnerin geblieben. Wie ich neulich hörte, hat sie behauptet, daß man ihr verraten habe, schon mein Großvater väterlicherseits sei ein Trinker gewesen. (Mein Großvater väterlicherseits hat nie getrunken.)

Was den Wein an der Tafel betrifft, so handelt es sich um eine Vertrauenssache, insofern man sicher vertrauen kann, daß er nichts oder wenig taugt. Man bestelle also Wein und trinke ihn nicht, dann richtet er keinen Schaden an. Unter den bei Tisch erscheinenden Getränken pflegen diejenigen Wässer, welche beim Öffnen des Patentverschlusses eine gewisse Unruhe verraten und mit Perlen um sich werfen, das Vertrauen zu verdienen, das man in sie setzt. Kann man aber nicht ohne Wein existieren, so sehe man sich nach einem alten Freund unter den Kellnern um und sage ihm etwas ins Ohr. Dies ist ein gutes Mittel, die Qualität des Weins zu verbessern.

Von den auf der Tafel stehenden Früchten das Folgende: Wer saure Trauben, Kochbirnen, recht trockene Datteln und alte Walnüsse liebt, greife munter zu, und er wird nicht enttäuscht werden.

Man bemühe sich, zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen. Thun dies dann auch andere, so belebt sich die Stimmung und es wird die Unterhaltung derart allgemein und laut, daß kein Toast mehr gehört wird. Diesen Moment benutze man selbst zu einem Toast, wenn man nichts zu sagen weiß.

Beginnt das Auseinanderreißen der Knallbonbons, so erzähle man die Geschichte von einem bei solcher Gelegenheit ausgeschossenen Auge. Es nützt aber[38] nichts. Dagegen kann man die Unsitte und Geschmacklosigkeit dieses Bombardements dadurch mildern, daß man die Damen in der Nähe bittet, die Knallbonbons den lieben Kinderchen mitzubringen, nachdem man zu deren Besten die Patronen aus den Papierhüllen herausgezogen und weggeworfen hat. Nützt auch dieses nicht, sondern wird das Kanonieren verlangt, so füge man sich, verzichte aber darauf, sich die Papierkappe aufzusetzen, die nach dem Schuß zum Vorschein kommt, es sei denn, daß man das dringende Bedürfnis habe, sich lächerlich zu machen.

Erscheint der Kellner mit dem letzten Gang, mit den Zahnstochern, so sei man gentil, lege einen Thaler auf den Teller und lasse sich nicht mehr als zwei Mark fünfzig Pfennig herausgeben. Will man aber sehr vornehm sein, so giebt man gar nichts, sondern dankt herablassend.

Wird ein Tischlied gesungen, so lobe man den Text als geistvoll, der Gelegenheit vortrefflich angemessen und hervorragend gereimt. Erst wenn man festgestellt hat, daß der Dichter nicht nebenan oder gegenüber sitzt und seine Gattin oder andere nahe Verwandte nicht in der Nähe sich befinden, sage man die Wahrheit.

Wenn vor, während oder nach der Tafel ein Festspiel zur Aufführung kommt, so erkundige Dich rechts und links, sowie bei den vor und hinter Dir sitzenden Zuschauern nach dem Sinn der Anspielungen, die Du nicht verstehst. Damit geht die Zeit rascher vorüber. Langweilt Dich das Stück trotzdem und findest Du es schlecht, so unterlasse nicht, Dich an dem Applaus, dem Dacapo- und Hervorruf zu beteiligen, um nicht als Dummkopf oder als Störenfried bezeichnet zu werden. Ist das Stück von Dilettanten gespielt worden, so sage man ihnen aus demselben Grunde, wenn sie nach dem Schluß wieder in der Gesellschaft erscheinen, man[39] habe selten so meisterhaft darstellen sehen, und man frage sie auch, weshalb sie nicht zur Bühne gehen.

Wird die Glocke von Schiller oder ein anderes unterhaltendes längeres Gedicht deklamiert, so beteilige man sich lebhaft an dem Schreien nach Ruhe. Dies macht gewöhnlich solchen Spektakel, daß man das bereits bekannte Gedicht nicht hört.

Ein Tänzchen pflegt den Abend zu beschließen oder, wie es offiziell heißt: das Fest zu krönen. Wenn man nun gewillt ist, nach dem bekannten lateinischen Lehrsatz, statt herumzustehen, tausend Schritte zu gehen, so wähle man eine Dame, welche das gleiche zu unternehmen wünscht, und schließe sich mit ihr der Polonaise an. Beginnen aber die Riesenunternehmen, welche nach Tisch sich besonders für gewissenhaft übende Akrobaten eignen, so namentlich das in gebückter Körperhaltung auszuführende Passieren des von den Paaren gebildeten Tunnels, so sage man seiner Dame, diese Tour mache korpulent, worauf sie sich gern auf einen der an der Wand stehenden Stühle transportieren läßt.

Ist man älter als ein halbes Jahrhundert und hat man das Bedürfnis, sich lächerlich zu machen, so tanze man nach der Polonaise einen Walzer mit einer jungen Dame. Ein einziger Walzer genügt zur Erreichung des angegebenen Zwecks. Dies merkt man sofort, wenn die junge Dame sagt: »Sie tanzen noch sehr gut.« Man soll aber überhaupt nicht tanzen, wenn man noch sehr gut tanzt.

Für den Kotillon engagiere man, wenn man kein Freund oder Meister der Unterhaltung sein sollte, eine Dame, deren Beliebtheit bekannt und die deshalb meist auf Extratouren unterwegs ist.

Ist man jung, in ernährender Position und nicht gerade von abschreckendem Äußeren, so sei man während des ganzen Abends vorsichtig und aufmerksam, sonst[40] ist man bald verlobt. Von Vereinsfesten führt eine elektrische Bahn zu allen Standesämtern. Das junge Mädchen im Ballkostüm, das höchst bescheiden auftritt, nicht bis drei zählen zu können scheint, eine Knospe im Haar und die Augen zu Boden geschlagen trägt, ist mit der größten Vorsicht zu behandeln, weil es auf dem Ball ein ganz anderes Geschöpf zu sein pflegt, als nach demselben. Auf einem Ball hat noch kein Mensch ein junges Mädchen kennen gelernt. Man macht dort nur ihre Bekanntschaft.

Wird man im Tanzgewühl heftig angerannt, so entschuldige man sich. Der Anrenner pflegt dies nicht zu thun, und es ist immer hübsch, wenn wenigstens eine Entschuldigung erfolgt. Keinenfalls benutze man, wenn man ein Paar herantoben sieht, die eigene Dame als Pufferstaat, wie ähnliches in der Politik zu geschehen pflegt, denn in der Politik ist erlaubt, was sich in guter Gesellschaft verbietet.

Hat man sich gelangweilt, so warte man geduldig die Festberichte in den Zeitungen ab, von denen man eines Besseren belehrt wird, indem man erfährt, daß das Fest in ungetrübter Fröhlichkeit verlief und bis in die späte Morgenstunde hinein einen glänzenden Verlauf nahm. Man kann sich also unmöglich gelangweilt haben.

Kennt man einen Berichterstatter persönlich, so erfülle man die Bitte der Dame, ihn ihr vorzustellen, auch wenn sie ausdrücklich hinzufügt, sie möchte in dem Ballbericht sich nicht als besonders entzückende Erscheinung erwähnt finden. Unter uns gesagt, sie fürchtet dies gar nicht, sondern wünscht es.

Geht man gern erkältet nach Hause, so verlasse man sich auf den in den Garderobenräumen herrschenden Zug.

Während nun der Stiftungstag oder die Jubelfeier eines Vereins, wenn auch schon ziemlich verschwommen,[41] einen noch immer deutlich erkennbaren intimen Charakter trägt, indem an solchen Veranstaltungen vor allem die Mitglieder und deren Familienmitglieder teilnehmen, welcher Kreis sich durch Nahestehende erweitert und verstärkt, giebt es jetzt eine Reihe von Ballfesten, die zum besten der Unterstützungskassen und anderer wohlthätiger Zwecke von litterarischen, künstlerischen, industriellen und verwandten Korporationen und Genossenschaften arrangiert werden. Hierher gehören das Ballfest der Presse, der Schriftsteller, der Bühnengenossenschaft, des Vereins der Künstler, der Juristen, des Vereins der Kaufleute und Industriellen, der großen Vereine Schlaraffia und Eulenspiegel und anderer Vereinigungen, welche alljährlich das Publikum einladen, seinen oft bewährten Wohlthätigkeitssinn abermals an den Tag zu legen, der bis zum anderen Morgen dauert.

Allen diesen Ballfesten ist es angeboren, daß sie alle anderen bisher gegebenen durch den Glanz der Arrangements, wie durch die Fülle der Überraschungen in den Schatten stellen werden. Auch ist jedesmal der Andrang zu den Einlaßkarten seitens der besten Gesellschaft viel bedeutender als in einem der vorangegangenen Jahre, so daß nur noch eine kleine Anzahl Billets zu haben sein dürfte. Man hat sich deshalb zu beeilen.

Wer dies glaubt, lese keine der vielen Zeitungen, welche diese Notizen verbreiten. Denn da man die gedruckten Nachrichten meist für unwahr hält, so würde man seinen guten Glauben erschüttert sehen.

Eilt man infolge der Ballfestnotiz, daß nur noch wenige Karten übrig seien, in das betreffende Bureau und findet noch viele hundert Billets vorrätig, so erzählt man überall, man habe das letzte Paar Karten gekauft, damit noch viele auf jene Notiz hineinfallen und man also nicht einer der wenigen bleibt.[42]

Wenn man das


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 41906, Bd. I, S. 36-43.
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