Weltausstellungen

[92] zuwendet, so liegt dies daran, daß sie nicht allsommerlich erscheinen, sondern nur von Zeit zu Zeit nicht fertig sind, wenn sie eröffnet werden.

Um die Weltausstellung umsonst besuchen zu können, sei man kein Aussteller. Hierauf berechne man, wieviel man aus dem Fenster geworfen hätte, wenn man Aussteller gewesen wäre, und für diese Summe oder für einen Teil dieser Summe unternehme man alsdann die Reise zur Ausstellung. So macht man sie umsonst.

Will man in ein Besuchergedränge geraten, in welchem es kein vernünftiger Mensch auszuhalten vermag, so wähle man die Zeit, wo Extrazüge auf die Stadt der Weltausstellung losgelassen werden.

Kommt man daselbst an und findet keinen Platz im Hotel, so sei man nicht gleich trostlos, man wird auch in einem Privatlogis geprellt. Dies wird man auch wieder in Paris bestätigt finden, woselbst die nächste Weltausstellung stattfinden wird und schon Anstalten getroffen werden, den Besuchern nicht mehr Geld abzunehmen, als sie besitzen.

Spricht man nicht perfekt französisch, so schadet es nichts, denn man verrät auch, daß man kein Franzose ist, wenn man etwas perfekter spricht.

Nimmt man sich vernünftigerweise vor, nicht alles sehen zu wollen, was in der Weltausstellung zu sehen ist, so gehe man womöglich zweimal täglich hinein. Dann sieht man auch von dem Wenigen, was man sehen will, nicht alles.[92]

Will man seine Abende nicht verlieren und aus diesem Grunde kein Theater besuchen, so gehe man abends an die Kaffe, woselbst man kein Billet mehr bekommt.

Trifft man auf einem öffentlichen Ball eine reizende Dame, von deren unschuldigem Aussehen man entzückt ist, so warte man fünf Minuten und ihr Geliebter wird erscheinen. Entfernt sich dieser, so warte man drei Minuten und ihr zweiter Geliebter wird erscheinen u.s.w., bis der sechste erschienen sein wird.

Man spreche nicht vom deutsch-französischen Krieg, denn man kann auch durch andere Gespräche große Unannehmlichkeiten haben.

Ist man eines Tages zu einer recht großen und originellen Dummheit aufgelegt, so spreche man mit einem Pariser über Dreyfus. Aber man wird es nicht wiederthun.

Ist man mit der Gattin in Paris, so besuche man mit ihr kein Tanzlokal, das man als Junggeselle besucht hat. Denn die anwesenden Cancaneusen haben ein gutes Gedächtnis und, um das Deine aufzufrischen, erinnern sie Dich vielleicht daran, daß Du ihnen noch ein Souper schuldest. Das ist Deiner Gattin ganz angenehm, weil es sich nur um ein Souper und um kein Armband handelt, aber es handelt sich doch vielleicht diesmal um kein Souper, sondern um ein Armband für die Gattin.

Wird man in einem Magazin für einen Russen oder einen Türken gehalten, so hat man dies gewiß selbst dadurch verschuldet, daß man französisch sprach. Dies führt die echten Pariser meist irre.

Will man sehen, wie Frankreich seine Helden verehrt, so besuche man das Grab Napoleons im Invalidenhotel, und wenn man sehen will, wie Frankreich seine Helden verunehrt, so betrachte man die Napoleonssäule auf der Place Vendôme, welche 1871 umgeworfen wurde.[93]

Begegnet man in der Weltausstellung einem General, vor dem jeder den Hut zieht, so mache man keine malitiöse Bemerkung, welche ihn beleidigen könnte, denn er ist vielleicht kein Fälscher.

Will man sich eine peinliche Scene ersparen, so antworte man in der Vorstellung des »Lohengrin« im Pariser Opernhause seinem Nachbar nichts, wenn er versichert, Richard Wagner sei ein geborener Franzose und durch ein widriges Schicksal nach Deutschland verschlagen. Ein Widerspruch, eine Berichtigung, oder gar ein Lachen würde den Pariser schwer verletzen und veranlassen, daß man wegen Beleidigung der französischen Nation als Prussien gelyncht wird.

Wird man in der Ausstellung von einer Dame begrüßt, die man nicht kennt, so sage man ihr: Sprechen Sie mit meiner Mutter! und lasse sie in ihrer Verblüffung stehen.

Um die französische Sprache zu erlernen, kann man zwei Wege einschlagen: man mache entweder die Bekanntschaft einer Pariserin, oder nehme Unterricht bei einem Sprachlehrer. Jener Weg ist der teuerste und auch der unsicherste, dieser Weg ist der billigere und ebenso unsicher.

Geht man mit einem Freunde in Paris spazieren, so sage man ihm fortwährend, daß man auf historischem Boden sich befinde, indem hier ein Straßenkampf, dort eine Hinrichtung stattgefunden haben. Es ist immer richtig, und die Bemerkung macht auf den Freund einen guten Eindruck.

Will man wenig essen, durch den Preis aber den Eindruck empfangen, als habe man für Drei gespeist so diniere man in der Ausstellung.

Will man Verrückte sehen, so besuche man aristokratische Gesellschaften und antworte auf die Frage, woher man sei: Aus St. Petersburg. Sofort wird[94] man auf Händen getragen und besser bewirtet, als die Anderen.

Man werfe nicht leichtsinnig mit dem Gelde, sondern drehe jedes Zwanzigfrancstück, bevor man es ausgiebt, erst dreimal in der Hand um. Es hilft aber wahrscheinlich nichts.

Hat man keine Lust, den Ehebruch darstellen zu sehen, so gehe man nicht ins Theater.

Will man einen klaren Begriff von der Dauer der Ewigkeit erhalten, so freue man sich, die Bekanntschaft einer Pariserin zu machen, von der man sofort den Eid ewiger Treue empfängt. Geschieht dies mittags, so weiß man schon abends nach 10 Uhr, wie lange die Ewigkeit gedauert hat.

Da die Franzosen als die Wirte zu betrachten sind, bei denen man während der Weltausstellung zu Gast ist, so verletze man sie auch da nicht, wo dies schwer zu vermeiden erscheint. So versichere man in der deutschen Ausstellung nicht, daß die Meister der ausgestellten deutschen Kunstwerke geborene Deutsche sind, wenn die anwesenden Franzosen selbstverständlich erklären, sie seien Franzosen, weil sämtliche Künstler Franzosen sind. Man entschuldige sich, gebe es zu und freue sich, so gut davongekommen zu sein.

In einer befreundeten Familie bewundere man auch die schönste Pendule nicht, wenn sie nicht befürchten soll, man wolle sie stehlen, obschon sich nichts weniger zum Mitnehmen eignet, als eine Pendule. Aber seit dem Jahre 1870 glauben die Franzosen, daß sich wenige Wertgegenstände so leicht stehlen lassen wie Pendulen und am leichtesten sich in Tornistern transportieren lassen.

Will man seine Freunde, welche den Eiffelturm bestiegen haben, nicht kränken, so erzähle man ihnen, daß man gleichfalls hinaufgestiegen sei, auch wenn man es unterlassen haben sollte. Denn es ärgert sie, daß[95] man vernünftiger gewesen ist und sich dieser Strapaze nicht unterzogen hat.

Hat man das Begehren, als perfekter Cancantänzer nach Hause zu kommen, so gehe man anstatt auf einen öffentlichen Ball in den Jardin des plantes und sehe alles den Affen ab. Diese beschämen in dieser Kunst jeden Pariser.

Macht ein Franzose große Worte, so versuche man nicht, größere zu machen, weil dies unmöglich ist.

Will man einem Pariser eine Freude machen, so kaufe man in seiner Gesellschaft in der Weltanstellung eine Cigarrenspitze als Andenken an Paris mit dem Bemerken, man wolle immer an die Spitze der Civilisation erinnert sein.

Man finde nicht, daß auch Paris seine Mängel habe, wie jede andere Stadt. Man finde lieber, daß alle Mohren weiß sind.

Will man seine Familie und Freunde nicht betrügen, so achte man darauf, daß man in der Weltausstellung keine Geschenke für sie kaufe, die deutsches Fabrikat und mit französischer Etiquette versehen sind. Da sich dies aber schwer erkennen läßt, so kaufe man lieber nichts.

Ist man ohne Gattin in Paris und will ihr eine Freude machen, so schreibe man ihr, man lebe trotz der Ausstellung sehr still und zurückgezogen. Da sie darüber ungläubig lächelt oder lacht, so hat man ihr also eine Freude gemacht.

Will man in der Heimat etwas erzählen, was niemand glaubt, so berichte man, man sei trotz der in Paris herrschenden Teuerung dort nicht nur mit dem Gelde ausgekommen, sondern habe noch eine namhafte Summe wieder mitgebracht. Es ist dies zur Befestigung des Rufes der Solidität, dessen man sich ohne Grund erfreut, zwar sehr klug erdacht, aber geglaubt wird es trotzdem nicht.[96]

Selbstverständlich hat man


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1905, Bd. II, S. 92-97.
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