Der Geburtstag

[5] ist ein sehr schöner Tag, so lange er in die ersten drei Jahrzehnte fällt. Wenigstens für das männliche Geschlecht. Das weibliche Geschlecht ist auch auf diesem Gebiet kritischer veranlagt. Die Mädchen und Frauen sind Gegnerinnen des Dreibundes der Null. Die ersteren sehen in ihm den Seelenfriedensstörer, eine Art Godegisel, namentlich wenn sie vergeblich, wie es im Leben der Völker oft geschieht, auf den kommenden Mann warten, während die Frauen bekanntlich schon an der Schwelle des einunddreißigsten Jahres anfangen, diese Ziffer zu verleugnen und falsche Angaben zu machen, oder auch die ungalante Frage nach ihrem Alter unbefangen zu überhören.

Da dies Überhören nicht leicht ist, so seien hier einige gut scheinende Ratschläge eingeschaltet.

Wird eine Dame, einerlei ob verheiratet oder ledig, gefragt, wie alt sie sei, so meine sie, um irgend etwas gefragt zu sein, worauf sie: »Bedaure sehr, nein« oder »Was Sie sagen!« antworten müsse. Wird nun die bösartige Frage wiederholt, so zögere sie so lange wie irgend möglich, denn es könnte doch sein, daß den Frager der Schlag treffe, oder daß eine andere Verkehrsstörung eintrete. Erfüllt sich aber diese Hoffnung in keiner Weise, so beantworte sie die greuliche Frage mit der Bitte: »Raten Sie doch.« Ist der Frager nun nicht mit einem unheilbaren Knotentum begabt, so wird er irgend eine Ziffer angeben, welche der Wahrheit nahe kommt, worauf die Dame mit einem tiefen, durch liebenswürdiges Lächeln gemilderten Ingrimm ausrufe: Sie Schmeichler! und beschließt, den Umgang mit dem Barbaren abzubrechen. Hierauf drehe sie ihm den Rücken, der bekanntlich meist tugendlicher als die Vorderseite aussieht.[5]

Der Fall, daß eine Dame nach ihrem Alter gefragt wird, ereignet sich übrigens so selten, daß wir ihn mit dem wenigen gesagten für erledigt erklären dürfen. Es mag übrigens den Damen genügen, daß ihrer angegebenen Altersziffer im gewissen Sinne das vollste Vertrauen geschenkt wird. Niemand denkt nämlich daran, anzunehmen, daß sie jünger seien, als sie angeben. Diese Ansicht ist allgemein verbreitet, und es wird keinem Menschen einfallen, in der oft allzu heftigen Unterschlagung von Jahren etwas anderes zu erblicken, als eine liebenswürdige Kleptomanie des weiblichen Geschlechtes, welche jeder sofort, ohne eine Miene zu verziehen, korrigiert.

Der Geburtstag als solcher, welcher ja stets ohne Bezeichnung des wievielten gefeiert wird, darf natürlich nicht verschwiegen werden, und er wird ja auch nicht verschwiegen. Verschwiegene Geburtstage sind auffallend selten. Mädchen und Frauen werden aber gut thun, sich nicht auf das Gedächtnis der Hausfreunde zu verlassen. Oft genug ist auch das Vergessen des Geburtstages kein Gedächtnisfehler, sondern eine bewußte Schändlichkeit des männlichen Charakters.

Hat eine Dame das dringende Bedürfnis, welches ihrem Herzen Ehre macht, das schwache Gedächtnis ihrer Freunde zu stärken, oder ihre Freunde von der erwähnten Schändlichkeit des Charakters zu heilen, so scheue sie die Mühe nicht, schon etwa vier Wochen vor ihrem Geburtstag hier und da so unauffällig zu sprechen, daß nur die geistvollen Freunde die Absicht merken, und deren sind so wenige, daß es sich kaum lohen wird, Rücksicht auf sie zu nehmen. Das Einflechten des Datums des Geburtstags ist ungemein leicht, hat aber mit dem harmlosesten Gesichtsausdruck zu geschehen. Man beachte das Folgende.

Findet z.B. der Geburtstag der Dame im August statt, so merke sie sich den in diesen Monat[6] fallenden Geburts- oder Sterbetag berühmter Männer, wozu nicht etwa anstrengende Studien vonnöten sind, sondern schon ein Einblick in einen halbwegs ausführlichen Abreißkalender genügen dürfte. Die Dame hat dann zeitig bei denen, welche verdächtig sind, entweder ein ehrlich schlechtes Gedächtnis zu haben oder mit Vorliebe absichtlich einen Geburtstag gerne zu vergessen, das Gespräch auf den Namen der Berühmtheiten zu lenken, die in dem wichtigen Monat geboren oder gestorben sind. Das ist nicht nur keine schwere Aufgabe, sondern hat auch den nicht zu unterschätzenden Nutzen, daß der Hörer schon vor Staunen darüber, wie enorm viel der Mensch gelernt haben kann, nicht dazu kommt zu ahnen, daß er in höchst schlauer Weise gemaßregelt wird.

Ein Beispiel mag als Muster genügen.

»Ich habe Ihnen bekanntlich noch nicht mitgeteilt, daß ich vor einigen Tagen einmal wieder den Egmont gelesen habe«, mit diesen Worten wendet sich eine junge Dame an einen in Geburtstagsangelegenheiten unzuverlässigen Freund, häufigen Tischnachbar und Walzertänzer. Nun macht sie einige tadelnde Vermerkungen über Klärchen wegen ihres Verkehrs mit Egmont und fährt dann fort: »Aber trotzdem liebe ich dies Drama, und Goethe ist nach wie vor mein Lieblingsdichter. Ihrer doch auch? Wie traurig, daß ein solcher Genius wie ein Alltagsgeschöpf sterben mußte! Wann wurde er doch geboren? Richtig, da fällt es mir ein: am 28. August. 1749. Es klingt ja lächerlich, was ich sage; aber ich muß es doch sagen, daß ich stolz darauf bin, wenigstens gleichfalls im August geboren zu sein. So hat ein armer Sterbliche doch wenigstens etwas, wenn auch noch so wenig, mit Goethe gemeinsam: ich bin im August genau neun Tage früher geboren, mein Geburtstag ist der 19. August. So was vergißt man nicht.«[7]

Der letzte Satz ist mit pointierender Betonung auszusprechen, denn er ist von großer Wichtigkeit.

Wir wollen uns vorzugsweise mit dem Geburtstag der Damen beschäftigen.

Der mißtrauische oder ängstliche Freund der Damen hat diese, natürlich wie zufällig, merken zu lassen, daß er ein gutes Gedächtnis habe. Die Damen sind ja nicht häufig, welche mehr als einmal jährlich einen Geburtstag feiern, aber es giebt deren, und daher scheint Vorsicht geboten.

Über die Blumenspenden zum Geburtstag ist manches zu bemerken.

Die Mädchen und Frauen sind meist Blumenfreundinnen. Sind sie dies nicht schon von frühester Jugend an, so sind sie es in den meisten Fällen durch das Lesen lyrischer Gedichte geworden, in denen bekanntlich mit Blumen, namentlich mit leicht zu reimenden, ein großer Luxus getrieben wird. Aber selbst in diesen Fällen sind sie zu ihrem großen Bedauern zu der Überzeugung gelangt, daß den Blumen leider ein nur kurzes Dasein beschieden ist, trotzdem sie viel Geld kosten, besonders wenn sie in einem nur halbwegs eleganten Arrangement auftreten, und daß für dies Geld oder etwas mehr viele Dinge längerlebigen Charakters zu beschaffen seien, welche den Gebern ein dauerhafteres dankbares Gedenken sichern.

Derjenige, dem hieran nichts liegt, spende also den ihm befreundeten oder von ihm angebeteten Damen Blumen zum Geburtstag.

Ebenso handle er, wenn nach seiner unmaßgeblichen Meinung der Unwillen, der sich auf dem Antlitz der Damen beim Eintreffen von Blumen zu malen pflegt, dasselbe verschönt, und zur Verschönerung des weiblichen Antlitzes keine Kosten gescheut werden dürfen.

In jedem anderen Fall überrasche man die Damen auf die angenehmste Art mit einem kostbaren Fächer[8] oder einem anderen Gegenstand von Dauer. Man fürchte auch nicht, daß derlei Geschenke für taktlos gehalten werden. Selbst wenn dies geschähe, so wäre doch diese Anschauung eine so schnell sich verwischende, daß sie kaum imstande ist, sich länger als fünf Minuten aufrecht zu halten.

Geber, welche auf dem Gebiet der Reimkunst nicht recht Bescheid wissen, pflegen ihre Gabe mit einer Selbstdichtung zu begleiten, selbst wenn sie in der angenehmen Lage wären, dies Gedicht gegen baar aus einer Gedichtfabrik zu beziehen. Dies pflegt die Gabe in den Augen der Beschenkten nicht zu schädigen, ohne daß es aber den Geber zu einem Dichter zu stempeln vermag. Wird er trotzdem für einen Dichter erklärt, so kann er von Glück sagen.

Über diese poetische Litteratur läßt sich noch viel Trauriges mitteilen. Da die betreffenden Dichter nur in höchst seltenen Fällen kaum einen Begriff von Metrik aufzuweisen haben, so bilden die Gedichte eine schätzenswerte Sammlung von abschreckenden Beispielen, welche nur den einen Fehler hat, daß sie noch keinen Gelegenheitsdichter abgeschreckt hat. Immerhin hat sie doch einen bleibenden Wert als ein Archiv, das viele Gedichte enthält, aus denen zu lernen ist, wie solche nicht gemacht werden dürfen.

Goethe sagt: Gedichte sind gemalte Fensterscheiben. Es giebt aber kaum etwas, was verschiedener wäre als der Geschmack derjenigen, welche zum Geburtstag beschenkt werden. Diese pflegen dem Gedicht eine gemalte Fensterscheibe vorzuziehen. Dies ist für den Dichter gewiß nicht schmeichelhaft, aber es ist auch nicht jeder, der dichtet, ein Dichter.

Sollte ein Leser meinen, daß ich sehr ungerecht sei, so möge er es nur sagen. Das würde aber an meiner Behauptung nichts ändern.

Will man sich in Damenkreisen unheilbar unbeliebt[9] machen, so greife man zur Feier des Geburtstages der zu Beschenkenden zu der längst unmodern gewordenen Lichtertorte zurück. Die Lichtertorte ist bekanntlich eine Torte, welche mit genau so vielen Lichtern verunziert und ungenießbar gemacht wird, als die Dame Jahre zurückgelegt hat. Selbst wenn der Geber kein Licht zu viel oder gar ein Licht zu wenig angebracht hat, ist der Akt des Nachzählens ein höchst peinlicher nicht nur für die Beschenkte, sondern auch für deren Familie, besonders wenn die Lichterziffer sich von zwanzig aufwärts bewegt, da solche dadurch gewissermaßen plakatiert und allgemein bekannt wird, was den Damen für Heilmittel wichtiger als für ihre Altersangabe erscheint.

Macht man im Hause der Dame eine Gratulationsvisite, so dehne man diese nicht zu weit aus oder nur dann, wenn man bereits gefrühstückt hat. Man thue dies in eigenem Interesse, da die neben dem Gabentisch aufgebahrten eß- und trinkbaren Kleinigkeiten, wenn man sie nicht energisch zurückweist, den Magen, welcher bekanntlich nicht in Ordnung ist, vollständig ruinieren. Weist man sie aber energisch zurück, so darf man sicher sein, daß man sich bei den Damen und Kindern des Hauses ungemein beliebt macht, da diese in jedem, der in die Kuchenvorräte erhebliche Lücken hinein nascht, einen persönlichen Feind erblicken, den kein menschliches Gefühl bewegt. Sie freuen sich nämlich längst auf den Augenblick, wo sie mit dem Kuchen allein sein werden.

Eine Frau, welcher der Geburtstag immer Gelegenheit giebt, längst gehegte Wünsche erfüllen zu lassen, wird ihren Gatten beizeiten auf diese Wünsche dressieren, besonders wenn er eine gewisse Neigung nicht unterdrücken kann, wie bei anderen unpassenden Gelegenheiten auch zum Geburtstag der Frau zu zeigen, daß er ein selbständiger Herr sei. Hierdurch[10] wird er nicht nur in den Augen der Frau eine Nuance lächerlicher, als er ohnehin schon zu sein pflegt, sondern durch diesen Drang, sich als Herr im Hause zu zeigen, wird er veranlaßt, zum Entsetzen der Frau mit den wunderlichsten Geschenken anzutreten, mit denen sie nichts anzufangen weiß, die sie nicht nötig hat, und über die sie sich so lange ärgert, bis sie sie umgetauscht oder weitergeschenkt hat. Nichtig ist es daher, daß sie den Gatten strenge überwacht, damit er zu ihrem Geburtstag keine Excesse begehe. Sie hat ihm also frei heraus zu sagen, was sie außer dem baaren Gelde zum Geburtstag erwarte, so daß der Gatte nur mit gebundener Marschroute den Weg in die Magazine antreten kann. Will sie ganz sicher gehen, daß ihr ihr Gatte nicht etwa mit einer größeren Spieldose, einem Papagei, einer Kolossalpunschbowle, einem komplizierten Riesenschirmhalter oder einem anderen ihm unentbehrlich scheinenden Gegenstand lästig werde, so teile sie ihm zeitig schonend mit, daß sie leider seit einiger Zeit sehr nervös sei und namentlich jede Überraschung fürchte, da solche die unberechenbarsten Folgen nach sich ziehen könne. Schon aus Furcht vor einer kostspieligen Kur, die in eine Erholungsreise ausarten könnte, wird der Gatte jeden Versuch, selbständig erscheinen zu wollen, schon in eigenem Interesse unterlassen und sich geduldig die erwähnte gebundene Marschroute aufbinden lassen.

Es giebt Gatten und Väter, welche kurz vor den von den Damen seines Hauses gefeierten Geburtstagen über schlechte Zeiten klagen. In solchen Fällen pflegen die Zeiten besser zu sein als der Ruf, in den die Redner sie bringen. Die Damen werden dann gut thun, ihre Ohren nicht zu spitzen, was ja mit leichter Mühe geschehen kann. Wenn sie aber ein Übriges thun wollen, so nehmen sie sich der ihnen unbekannten Zeiten mit aller Wärme an, indem sie ausrufen:[11] Es wird wohl nicht so schlimm sein! und den Rednern den Vorwurf des Schwarzsehens nicht ersparen. Solches wirkt immer überaus beruhigend, da jeder klagende Gatte und Vater fürchtet, daß die Damen Erkundigungen eingezogen haben und gut unterrichtet sind, obschon dies niemals der Fall ist.

Der Geburtstag in der Männerwelt vollzieht sich zwar in einfacheren und natürlicheren Formen, ist aber gleichfalls nicht frei von allerlei Unbequemlichkeiten und sogar Bedenklichem.

Will der Mann diesem ausweichen, so hüllt er sei nen Geburtstag in Dunkel. Dem Junggesellen ist dies ein Leichtes, während es dem Gatten und Vater unmöglich oder sehr schwierig ist, nachdem er schon als Bräutigam genötigt war, zu seinem Geburtstag der immer holden und geliebten Braut, sowie ihren immer hochverehrten Angehörigen Gelegenheit zu geben, ihn mit Beweisen ihrer Liebe und Anhänglichkeit in der Form kleiner, aber gänzlich unbrauchbarer Geschenke zu umgeben, für die er mit unbeschreiblichem Jubel dankbar scheinen muß.

Besitzt der Bräutigam Charakterstärke, oder will er solche wenigstens zeigen, so dankt er mit dem erwähnten Jubel auch für Stickereien in und auf Brief-und Cigarrentaschen, bei denen vorausgesetzt wird, daß er sie nicht in Gebrauch nimmt, oder die er nicht in Gebrauch nehmen kann, wenn dies ihm zur Pflicht gemacht werden sollte.

Wenn der Junggeselle sehr bei Kasse ist oder Kredit im Wirtshaus, zugleich aber den Wunsch hat, nicht alles auszugeben oder nicht in Schulden zu geraten, so gehe er am Vorabend seines Geburtstages nicht an seinen runden Tisch, wenn er sich nicht die Kraft zutraut, in der sogenannten Geisterstunde den Anbruch seines Geburtstages zu verschweigen. Denn auch nur die leiseste Andeutung oder die Anwesenheit[12] eines liebevollen Verräters, der bekanntlich nicht schläft, setzt ihn in die peinliche Lage sich davon zu überzeugen, wie enorm durstig Gratulanten zu sein pflegen und wie weit deren Begehren und Fähigkeit reichen, über den Durst zu trinken, namentlich auf dem Gebiet kostspieligerer Flüssigkeiten. Bedeutend einfacher vollzieht sich für ihn der Geburtstagsbeginn, wenn er nicht erscheint. Dann erhält er, falls sein Geburtstag bekannt sein sollte, am anderen Morgen eine Bierkarte mit mehr oder weniger unleserlichen Namen und einigen nur leicht verletzenden Grobheiten, falls sich der Text der Karte nicht auf ein donnerndes Hoch beschränken sollte.

Ist man ein etwas ökonomischer Familienvater, so thut man gut, seiner Gattin und seinen anderen Angehörigen häufig und bei Zeiten zu sagen, daß man ein Feind von Geschenken sei. Denn daß man die Geschenke, welche man von seinen Angehörigen bekommt, selbst bezahlen muß, das wird man aus Erfahrung wissen. Entweder hat man sie nach dem Eintreffen der Rechnungen zu bezahlen, dies ist der direkte Gang der Angelegenheit, oder auf dem indirekten Weg durch Deckung des Defizits im Wirtschaftsbuch der Gattin, oder im Taschengeld der Söhne und Töchter.

Hat man eine kluge Gattin, so wird die Freude über deren Klugheit dadurch nicht wesentlich gesteigert, daß deren Geburtstagsgeschenke, mit denen man überrascht wird, gewöhnlich aus Gegenständen bestehen, welche die Gattin gerade ganz besonders nötig braucht, wodurch sie das Angenehme für den Gatten mit dem Nützlichen für ihren Gebrauch zu verbinden pflegt. Braucht sie für ihren Schlummer nach Tisch ein etwas bequemeres Möbelstück, so wird sie wahrscheinlich ihrem Gatten eine raffiniert gepolsterte Chaiselongue, oder einen ebenso begabten Sessel schenken, von dessen[13] Seitenlehnen sie sich die Wonnen der so oft citierten Morpheusarme verspricht, an die sie vorahnend nicht denken kann, ohne im Geiste zu schnarchen. »Willst du nicht noch eine Flasche Bier haben?« fragte mich einmal einer meiner Söhne bei Tisch, »ich habe so 'n Durst«. Wenn man von der Familie beschenkt wird und die Geschenke mit einiger Schärfe beurteilt, so wird man bemerken, daß diese Geschenke meist für die Geber bestimmt sind. Wenn man klug ist, so bemerkt man dies aber nicht, sondern kann sich vor Freude und Dankbarkeit nicht fassen, weil das Gegenteil gar keinen Zweck haben würde.

Die Geburtstage im allgemeinen betrachtend, ist darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich sprechend ähnlich sehen. Man hört kein Wort, das nicht an allen Geburtstagen gesprochen wird. Er wird versichert, daß man bedeutend jünger aussehe und vor allem besser, als am vorigen Geburtstag. Alle Redner versichern, damals über das blasse Aussehen des Gratulierten den Kopf geschüttelt und ernste Bedenken geäußert zu haben. Heute sehe er aber ganz außerordentlich wohl aus, worüber sie sich ungemein freuten.

Dies wird am nächsten Geburtstag wörtlich wiederholt. Man hat im vorigen Jahr immer miserabel ausgeschaut und wird an dem diesjährigen Geburtstag um die prächtige gesunde Farbe und die blendende Rüstigkeit beneidet, und nun werde man hundert Jahre alt. Wenn man Lust hat, sich recht viel vorlügen zu lassen, so feiere man einen Geburtstag.


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 5-14.
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