Der siebzigste Geburtstag

[14] ist unter den Geburtstagen derjenige, welchen jeder erreichen möchte, den aber keiner erreichen will. Ich habe mich über diesen vielbegehrten und gefürchteten[14] Geburtstag, als ich selbst von ihm erreicht wurde, wie folgt vernehmen lassen:1

»Das Alter« wird sehr geschätzt und gelobt. Ohne Zweifel gehörte auch ich zu seinen Schätzern und Lobern, denn auch ich bin einmal jung gewesen, sogar sehr jung. Es ist! – und das ist das gelindeste Wort – sonderbar, daß das Alter so selten oder so gar nicht den Alten gefällt. Höchstens gelangt es zu einem Achtungserfolg. Jeder hat das Recht, diese Worte pietätlos zu finden, aber die Wahrheit ist nun einmal häufig hart und ungemütlich wie eine Glocke, die das letzte Geleit giebt und nichts dafür kann.

Seit ich in die Jahre komme, habe ich viel Schönes und Tröstliches über das Alter hören müssen. Aber unter den Schön- und Trostrednern befand sich niemals ein Alter, niemals ein Grau- oder Weißhaariger. Das ist doch sehr verdächtig. Die Jungen sprechen aber vom Alter und vom grauen oder weißen Bart wie der Blinde von der Farbe. Sie haben keine Ahnung vom Alter, sie wollen sich nur einem Alten gegenüber angenehm machen, aber in ihrem ehrlichen Innern sagen sie: »Gott sei Lob und Dank, daß ich nicht selbst diese Last von Jahren auf dem Rücken habe!« Ich kann es nicht verhehlen, daß ich aus dem Schmeicheln des Alters immer etwas wie Schadenfreude heraushöre.

Aber auch das sogenannte beste Mannesalter, das noch vorhanden ist, wenn der kleine Zeiger der Lebensuhr auf fünfzig zeigt, kann berauschend liebenswürdig gegen den um zwanzig Jahre älteren Herrn sein. Häufig genug hört man den berauschend Liebenswürdigen sagen. »Ich wünsche mir, so rüstig zu sein, wie Sie es mit siebzig sind,« oder: »Ach was, die Jahre! Sie sind nicht älter als ich.« Aber wir dürfen[15] überzeugt sein, daß der liebe Tröster schon an seinem vierzigsten Geburtstag sehr verstimmt von der Brutalität der Ziffer gesprochen hat, genau wie ich, als ich am 2. November 1871 das einundvierzigste Jahr betrat; und ich gestehe offen ein, daß ich damals den Siebzigjährigen gleichfalls viel Tröstliches wohlgezielt an den Kopf warf. Den Siebzigjährigen gegenüber sind die Jüngeren allzumal Sünder. Wir, die wir vom siebzigsten Geburtstag erreicht werden, sehen mit weisen Augen und hören mit weisen Ohren, und wir haben die Empfindung, als müßten ehrliche Junge und Jüngere mit Gretchen sagen: »Man lobt euch halb mit Erbarmen.«

Wir werden recht unehrlich behandelt, wir, die Siebzigjährigen!

Ich weiß nicht viel Schönes vom Alter zu sagen, obschon ich oft von einem schönen Alter sprechen höre. Daß es nicht vor Thorheit schützt, das ist doch gewiß nicht schön, denn die Thorheit, vor der das Alter nicht schützt, ist Thorheit, wie Selterser Wasser Champagner ist. Und dann hat das Alter noch eine andere unschöne Eigenschaft. In der Frauenwelt genießt der Siebzigjährige eines unbegrenzten Vertrauens, das sehr langweilig ist, und in der Gattenwelt sieht man ihn mit beschämender Seelenruhe an der Seite selbst der muntersten Gattinnen. Man hält ihn nicht für feuergefährlich, sondern für einen Unschädling. Er ist längst in den beleidigend harmlosen Onkelstand getreten. Vergißt er sich derart, daß er tanzt, so starrt man ihn wie einen Bären an, der zu dieser Kunst durch furchtbare Prügel ausgebildet worden sein müsse, und die Dame, mit der er sich in den Strudel gestürzt hat, entschuldigt sich nachher, so gut es gehen mag, bei ihren Freundinnen. Er gilt als Großpapa und hat vielleicht keinen Enkel! Als einmal ein Siebziger einen Walzer getanzt hatte und mit[16] einem gewissen Stolz eine Dame fragte, was sie sich gedacht habe, als sie ihn eben wie einen jungen Leutnant dahintoben gesehen, antwortete sie: »Nun, ich dachte nur, ein Mann in Ihren Jahren gehöre um diese Zeit ins Bett.« Alles in allem nennt man das ein schönes Alter.

Eine der haltbarsten und wohl auch schönsten Idyllen unserer klassischen Litteratur ist »Der siebzigste Geburtstag« von Voß. Der Dichter stellt seinen Jubelgreis vor: auf die Postille gebückt, zur Seite des wärmenden Ofens. Gewiß, ein rührender Anblick der Ehrwürdigkeit, so ein alter Herr in einem mit Schnitzwerk und braunnarbigem Juchten voll schwellender Haare gezierten Lehnstuhl sitzend. Aber wenn man diesen redlichen Tamm fragte so würde er, da er eben redlich ist, gestehen, daß er doch vorzöge, seinen dreißigsten Geburtstag zu feiern, denn dann würde er nicht zur Seite des wärmenden Ofens sitzen, der ohnehin für einen Siebziger nie genug wärmt, und die schwellenden Haare, von denen Voß singt, wären dann ein Schmuck seines Hauptes und nicht der des Lehnstuhls.

Eben ist der Titel Jubelgreis gefallen. Er ist dem siebzig Werdenden sicher, sicherer als irgend ein anderer in unserem titelreichen Vaterlande. Ist der alte Herr Schriftsteller, so gesellt sich in den meisten Fällen ein anderer Titel zum Jubelgreis: der greise Dichter. Aber dem Jubelgreis kann er absolut nicht ausweichen, einerlei, ob er Grund zum Jubeln habe oder nicht, oder gar nur zum Seufzen und Jammern über geistige und körperliche Leiden. Ist er gebrechlich, verkannt, trotz der angestrengtesten Arbeit und lebendigsten Produktionslust verschuldet, blickt er trostlos in die Zukunft, hat die neue Zeit ihn kaltgestellt, hat ihm die Gegenwart jede Illusion genommen und ist all sein Hoffen dahin: er wird zum Jubelgreis[17] ernannt, und die Presse weist auf den greisen Dichter hin, wie er heute auf eine schöne Zeit zurückblickt, von aller Welt verehrt, noch rüstig schafft, ein Vorbild, reich belohnt als Liebling der gebildeten Kreise, aus einem Platz in der Litteratur, den ihm keiner streitig macht. Das liest der Gefeierte mit verdrießlichem Staunen, und in dieser Stimmung liest er auch die eintreffenden Telegramme, die ihm in Vers und Prosa ein aufmunterndes und zu nichts verpflichtendes: Auf ins Achtzigste, ins Hundertste! zurufen. Wie verschwenderisch die Gratulanten an diesem Tage mit solchen Baarsummen (Zeit ist Geld!) um sich werfen, das spottet jeder Beschreibung. Man hat die Empfindung, die Verschwender müßten unter Kuratel gestellt wer den. Die Geschichte vermag nur sehr wenige Jubelgreise namhaft zu machen, die es wirklich sind oder waren.

Allerdings sind auch die Gratulanten nicht zu beneiden. Sie sind ja freilich stets in einer wenig beneidenswerten Lage, aber als Glückwünschende an einem Siebzigsten sind sie geradezu zu bedauern. Sind sie älter als der Jubilar, so müssen sie, vielleicht sonst die ehrlichsten Menschen, seine Hände gegen ihre Überzeugung schütteln und dürfen nichts von dem verlauten lassen, was sie eigentlich sagen möchten. Sie möchten eigentlich sagen, daß der Siebzigste doch, unter uns gesagt, ein kritischer Tag, daß nun, um es ganz milde auszudrücken, der größte Teil des Lebens vorüber, und daß der Geburtstag vor einem halben Jahrhundert doch eigentlich der erfreulichere gewesen sei. Und nun schütteln sie die schon ganze lose baumelnden Hände des Jubilars immer heftiger und wünschen immer eindringlicher Glück, wohl wissend, daß der über und über Beglückwünschte glücklich wäre, wenn er mit einem seiner Söhne oder andern Jüngeren tauschen könnte, obschon er natürlich gute Miene zur[18] bösen Gratulation machen und so thun muß, als rechne er seine grauen Haare zu denjenigen Dingen, von denen Goethe meint, man habe, was man in der Jugend wünscht, im Alter die Fülle. Ach, der Jubilar hat sich eigentlich in der Jugend etwas anderes gewünscht, und häufig fehlt jetzt selbst seinen grauen oder weißen Haaren die Fülle.

Ich will keinem die Freude, alt zu sein, verderben und will auch jedem glauben, daß diese Freude echt und unvermischt sei. Wenn mir ein junges Mädchen sagte, das Schönste an einem Ball sei das Ende, der Kehraus, das Heimgehen, so will ich es gern für durchaus aufrichtig und ehrlich halten, wenn ich auch nicht behaupten würde, ein lebenslustiges oder auch nur tanzlustiges Geschöpf vor mir zu haben. Wie dieses junge Mädchen denken wohl auch viele Menschen über das Leben, das sie, weil es nicht immer von der Sonne durchleuchtet und durchwärmt war, nicht noch einmal leben möchten, und dem sie das Schlimmste nachsagen, das Alter willkommen heißend, weil es der Qual ein Ende mache. An dieser Schwarzseherei hat aber nur dieses leidige, mit so vieler Feierlichkeit begrüßte Alter schuld. Vor einem halben Jahrhundert haben diese Virtuosen des Trübsalblasens viel amüsantere Melodieen hören lassen; der junge Optimist Posa ruft noch, zum Tode gehend: »Das Leben ist doch schön!« Karl von Holtei, damals älter als das Jahrhundert geworden, schrieb mir am 2. Oktober 1871. »Ich werde täglich schwächer, kränklicher, arbeitsmüder und – nicht zu vergessen – dümmer. Was ich in Gedankenlosigkeit leiste, ist enorm.« Und wie schöne Lieder hat derselbe Holtei in seiner Jugend gedichtet, und wie bezaubernd schrieb er! O, über den Bazillus des Alters! Wie konnte uns der junge Geibel begeistern, und wie viele Klagen ließ er mich hören, als ich im Jahre 1866 neben ihm im Lübecker Ratskeller[19] saß und den fünfzig Jahre alt gewordenen Dichter selbst nicht der süssigste Rotwein aufzuheitern vermochte. Wir alle kannten Heinrich Laube als einen nicht zu ermüdenden Lebemann, wie wir ihn als hervorragenden Schriftsteller kannten, und als ich ihn etwa ein Jahr vor seinem Tode in Karlsbad in den Posthof führte, wie viele der härtesten Worte hat er da gefunden, um seinem Alter grollend die Wahrheit zu sagen! Um sie drucken lassen zu können, brauchte ich viele Gedankenstriche.

Es giebt glückliche Siebzigjährige, an denen der verderbliche Tigerzahn der Zeit noch so viel übrig gelassen hat, daß sie nicht nur wohlerhalten sind, sondern das Lob, das man ihrem Aussehen, ihrer Haltung, ihrem ganzen Wesen spricht, nicht als fades Kompliment zu empfinden, die ihnen zugeschüttelte Gratulation nicht als landläufige Redensart anzuhören brauchen. Aber selbst für diese begnadeten Naturen ist es gefährlich, sich als jünger zu gebärden, als sie sind. Jede Äußerung der Lebenskraft und Lebenslust setzt sie dem diskreten oder dem ungezogen lauten Spott aus, man glaubt sie ihnen einfach nicht, und sei ihre Freude am Lebensgenuß eine noch so natürliche und ehrliche. Ein Alter erscheint immer als kindisch und sei er noch so männlich. Ich möchte nicht hören, was man selbst über Goethe sprach, als er mit seinem ewig jungen Herzen die holde Ulrike anbetete. Und wem, von der Jahre Last bedrückt, sollte nicht bange werden bei dem Gedanken, das Herz könne einen Augenblick vergessen, daß es genau so alt sei wie der Mensch, in dem es schlägt? Der Alte hat sich sorgfältig zu bewachen. Schon das ist höchst peinlich. Was man dem lächerlichsten jungen Mann vielleicht verzeiht oder ihm gar als eine berechtigte Eigentümlichkeit zugesteht, findet man bei einem dem Jubilarschicksal Verfallenen unpassend, wenn nicht gar komisch,[20] und so kämen wir zu dem trostlosen Schluß: nicht den Jüngling, den Alten ziert Bescheidenheit.

Aber das Alter hat auch eine Eigenschaft, welche es niemals ablegen wird, ablegen kann, welche ihm aber als die allerunangenehmste nachzutragen ist: das Alter hat das Leben hinter sich, hat es durchgelebt und nicht mehr zu leben. Die Jugend, welche das Leben vor sich hat, wird nie begreifen, wie viel sie versäumt und wie viel das Alter versäumt hat, wenn es zur Seite des wärmenden Ofens darüber nachdenkt, wie wenig ihm das Leben von dem gebracht hat, was sich die Jugend von ihm versprach. Die Jugend lebt von Erwartung, das Alter von Erinnerung, die Jugend schwelgt in Hoffnung, das Alter muß sich mit Erfahrung begnügen. Die Jugend ist das Glück, man braucht es ihr nicht zu wünschen, dem Alter wünscht man Glück, aber es käme zu spät. Immer und immer ist die Jugend im Vorteil. Bismarck hat wieder einmal recht: »die ersten Siebzig sind die besten.« –

Auf Grund dieser Auffassung wird man es begreiflich finden, daß ich von allen Festlichkeiten, welche für gewisse Tage in Scene gesetzt werden, die zur seltenen Feier des sechzigsten, siebzigsten oder gar achtzigsten Geburtstages veranstaltete am allerwenigsten geeignet erachte. Um es begreiflich zu finden, muß man allerdings selbst nicht nur die Kinderschuhe, sondern schon das in vorgerückten Jahren nötige solidere Fußzeug vertreten haben. Die Jugend begeht gern Feste, wie mit dem Wort ist sie auch schnell fertig mit dem Fest, wenn es ihr nur Gelegenheit verschafft, wieder einmal zu tanzen, oder sich in anderer Weise nach Noten auszutoben. Der altere Herr, dem der Tag dunkelt und der den Lebensabend heraufdämmern sieht und fühlt, wird durch diesen natürlichen Vorgang ernst gestimmt: und will nichts von einem geräuschvollen[21] Feiern seines Geburtstages wissen, zu dem ihm Lust und Stimmung fehlen, in die der unbeteiligte Festgast sich leicht zu versetzen mag, besonders wenn er den armen Geburtstagsgreis ansieht, der sich in acht nehmen muß, nach jedem Toast sein Glas zu leeren und inmitten des ihn umgebenden sogenannten Damenflors aus der Rolle des harmlosen Galleriebesuchers zu fallen.

Wenn dieser Führer sich über den Geburtstag etwas ausführlich wegen des Persönlichen desselben äußern mußte, so ist er ebenso gezwungen, über


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 14-22.
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