IV. Bessere Zeiten, 1834–1837.

[79] Als die Familie des Onkels im August nach Meran ging, reiste ich nach Venedig zurück. Ich besuchte die Kunstausstellung und fand dort auch mein eigenes Porträt. Es war der erste Versuch nach dem Leben zu malen, nachdem ich mich früher nur eingeübt hatte nach Gypsköpfen und Studien meines Meisters zu malen. Das kleine Bildniß des Jünglings von siebzehn Jahren fand allgemeinen Beifall und Kenner zweifelten, daß es von der Hand eines Schülers sei. Herr Rögla las am Abend einen Zeitungsartikel vor, der ein großes Lob über das Porträt enthielt. Es war das erste öffentliche Lob über meine Kunstleistungen und ich habe das Zeitungsblatt noch heute aufbewahrt. Im Hause des Rögla, der ein Tiroler und Beamter beim Tribunal war, ging es mir sehr gut und seine Frau war immer höflich und dienstfertig. Er hatte zwei Söhne: der ältere war schon Doctor der Rechte und ein sehr edler Mensch, der mit mir viel verkehrte; der zweite war noch ein Knabe, der durch die große Nachsicht der Mutter etwas schlimm, aber mir nie lästig wurde.[79]

Mein kleines Porträt hatte mir den ersten guten Ruf gemacht und ich erhielt mehrere Bestellungen für Porträte, die ich für zehn Thaler malte. Das Erste war das des Präsidenten Abram. Da ich nicht blos für Geld, sondern auch zu meinem Studium malte, machte ich nur die Bedingung, mir so viel Sitzungen zu geben als ich bedurfte. Dadurch gewann ich Zeit, meine Arbeit gewissenhaft durchzubilden, das Porträt gefiel allgemein und ich bekam genug zu thun. Dabei versäumte ich nicht die akademischen Studien und man sah mich täglich mit meinem Malerkästchen unter dem Arme durch die Gäßchen nach der Akademie und von da in die Häuser, wo ich Porträte malte, eiligst dahin schreiten. Ich wohnte jetzt nahe bei San Marco al Ponte dei Dai, in einem Dachzimmer, das leider nicht für das Malen geeignet war, da es nur ein kleines Fenster hatte. Deswegen mußte ich immer außer dem Hause arbeiten. Ich malte die Familie des Appellationspräsidenten Orefici und andere Beamtenfamilien, wobei ich viel studirte und es mir besser ging. Ich kleidete mich nun anständig und fing an meinen alten Vater zu unterstützen. Da ich öfters dem Onkel über mein Ergehen und die Studien berichtete, so fand er, daß es nicht mehr nöthig sei für mich täglich zwei Zwanziger zu bezahlen; er schrieb mir, daß er nur die Hälfte geben würde, das andere solle ich selber an Herrn Rögla bezahlen. Ich erhielt nun auch Erlaubniß, mich freier zu bewegen. Und obwohl ich ungern von Herrn Rögla auszog, war ich doch geneigt, ein Atelier mit einem Zimmer unweit der Akademie zu miethen. Ich wohnte im Palazzo Giustiniani am Canal grande an der Piazzetta Squelini im zweiten Stocke, hatte ein gutes Atelier, und ein Schlafzimmer[80] daneben. Das Geld von meinem Onkel, ungefähr fünfzehn Zwanziger im Monat, reichte gerade für den Zins aus. Mein Hausherr war ein alter Priester und seine Wirthschafterin, Signora Bettina, eine gute beleibte Frau, bediente mich. Sie machte mir jeden Morgen den Kaffee, zum Essen ging ich zum Traiteur. Im Frühjahr begann das Modellstudium schon um 6 Uhr Früh an der Akademie, wo ich keine Minute versäumte und bis gegen 8 Uhr eifrig nach der Natur malte. Den Tag über malte ich Porträte und zeichnete oder malte in der Galerie. Auch benützte mich schon mein Professor, dem ich Repliken von Bildern und Porträten untermalte. Manche beneideten mich um den außerordentlichen Nutzen, mich in die Manier des Professors, die damals viel Beifall hatte, einstudiren zu können; aber ich sah die Natur ganz anders an, als Lipparini mit seinen gesuchten koketten Pinselstrichen und hingelegten Farbenflecken. Gewöhnlich nimmt der Schüler die Malweise des Lehrers an, bei mir war gerade das Gegentheil der Fall, ich sah darin nur auffallende mit Studium und Mühe hingeklexte Striche und vermißte den Ausdruck der Naturwahrheit, sowie eine klare charakteristische Zeichnung. Ich sagte mir oft, Tizian habe ganz anders gemalt, und wenn ich aus der Galerie Manfrin oder sonst einer Galerie ging, sah ich die Menschen und die Natur so, wie sie Tizian malte. Aber obwohl ich mich ganz anders zu malen bestrebte als Meister Lipparini, wurde ich doch täglich mehr sein Liebling. Auch ich liebte ihn, da er mich beim Onkel so sehr vertheidigt hatte, wir blieben Freunde und bis zu seinem Tode in beständigem Briefwechsel.[81]

Mein Freund und Gönner Peter von Giovanelli wollte seinem Bruder in Bozen ein Geschenk mit einem Bilde machen; er berieth sich mit mir und ging auf meinen Vorschlag ein, für ihn die heilige Magdalena von Tizian in der Galerie Barbarigo zu copiren. Ich malte, konnte aber keinen Gefallen an meiner Malerei finden; gegen das Original wurden meine Farben ledern, schwer und undurchsichtig, obwohl Zeichnung und Ausdruck sehr genau waren. Da besuchte Cornelius auf seiner Durchreise nach Rom diese Galerie in Gesellschaft eines Malers, der mich kannte und dem großen Meister, vor dem ich eine hohe Ehrfurcht hatte, vorstellte. Ich bat ihn mir meine Fehler an der Copie zu nennen, indem ich mich beklagte, daß ich diesen Silberton nebst der Tiefe und Wärme im Colorit des wunderbaren Originals nicht erreichen könne. »Ja«, sagte er, »das ist nicht leicht, mein Lieber, das müssen Sie ganz anders anfangen. Sehen sie«, fuhr er fort und führte mich zu einem halbvollendeten Bilde Tizian's, »Tizian untermalte und modellirte schon fast fertig das Fleisch grau, fast mit Weiß und Schwarz; dann malte er mit brillanter aber dünner Farbe darüber, so daß der graue Ton und die Modellirung sehr durchsichtig erscheinen und doch mit dem Ganzen so warm in Harmonie verbunden sind.« Das Bild, das Cornelius mir zeigte, war ein Ecce homo. Kopf, Brust und Arme waren sehr schön colorirt, die Hand aber, die auf die Brust drückte, war noch grau untermalt und daher nicht fertig. Das war genug, um es vollkommen zu begreifen. Nachdem ich in der Nacht vom Grauuntermalen geträumt hatte, malte ich Tags darauf gleich den Kopf der Magdalena grau, dann alle übrigen Fleischtheile und, wie es[82] genug ausgetrocknet war, übermalte ich es wie Cornelius, gerathen; es gelang mir und zwar zur Bewunderung meiner Mitschüler und zur Zufriedenheit des Professors, der aber diese neue Methode tadelte. Ich malte in der Folge alle meine Porträts in dieser Weise und fand darin eine große Erleichterung, weil ich die Schwierigkeit in zwei Theile theilte, nämlich in jene der Form und die im Colorit. Merkwürdig ist dabei, daß Cornelius, der ein großer Compositeur und Poet in der Malerei, aber ein schlechter Colorist war, mich zuerst auf die Malweise Tizian's oder Manier der venetianischen Schule aufmerksam gemacht hat.

In der Akademie hing ich mit Fleiß an meinen Studien, besonders des nackten menschlichen Körpers und versäumte dabei nicht das Zeichnen nach der Antike, der Falten der Gewänder, nebst dem sehr nothwendigen Studium der äußeren Anatomie. Da ich für meinen Unterhalt sorgen mußte und daher bei Tage Porträt zeichnete und malte, so blieb mir im Winter nur der Abend und im Sommer die frühen Morgenstunden um die Akademie zu besuchen. Das Studium der Anatomie betrieb ich sehr eifrig, weil man nur dadurch den menschlichen Körper verstehen und darstellen lernt. Der Professor für Anatomie stellte den Schülern in den kalten Monaten immer Präparate vor, wirkliche Theile des menschlichen Körpers, die er im Spital von Leichen nahm, z.B. Arme, Beine, Köpfe, einen Rumpf, von welchen er die Haut abnahm, so daß man die Muskeln deutlich sehen und darnach zeichnen konnte. Diese Präparate heftete er in der Mitte des Anatomiesaales an eine Kette, die vom Gewölbe herabhing, so daß die Schüler das Bein oder den Kopf von allen Seiten zeichnen und studiren konnten. Neben[83] diesen menschlichen Fleischtheilen stand das Skelet, so daß man auch noch die Knochen in derselben Stellung zeichnen konnte. Da ich meist erst Abends zu diesem Studium kam, so traf es sich, daß ich öfters ganz allein bei dieser düsteren Arbeit war. Eines Tages, Anfangs November, ging ich um 4 Uhr hinein. Vor dem Thore traf ich ein paar Kameraden und sie behaupteten, ich würde heute, wenn ich allein zeichnen wollte, gewiß davonlaufen; sie wollten darauf wetten, denn es sei fürchterlich den Kopf zu sehen. Ohne sie weiter anzuhören ging ich den langen Corridor hinein bis zum Anatomielocal. Obwohl es schon Dämmerung war, trat ich doch mit festen Schritten in den Saal, näherte mich dem scheußlichen Präparate, setzte mich mit meinem Buche auf dem Schoß und zeichnete. Aber der Kopf war wirklich grauenerregend. Die Hälfte war geschunden, das Auge glotzte mich furchtbar an, die andere Hälfte sah noch fürchterlicher aus, weil der Haken die Haut in die Höhe zog, so daß der Ausdruck des Gesichtes entsetzlich war. Ich muß gestehen, daß mir unheimlich wurde; dabei wurde es immer dunkler und niemand zündete die Lampe an, da alle Schüler fertig waren; aber ich zeichnete doch fort mit rother und schwarzer Kreide auf graues Papier und machte mit weißer die Lichter darauf. Weil es Nacht wurde, beeilte ich mich, aber ich fing an mich zu fürchten; die Stille, der Geruch, das schreckliche Doppelgesicht des Todten trieben mich zur Eile, bis auf einmal der Kopf abriß, mit einem dumpfen Knalle zur Erde fiel und ich mit meiner Zeichnung davonlief. Im Modellsaale, wo alle Schüler zeichneten, zeigte ich den Kameraden meinen Todtenkopf als Zeugen meiner langen Anwesenheit bei dem Todten. Damals wohnte ich noch bei[84] Rögla und da ich die Zeichnung an der Wand meines Zimmers befestigte, lief beim Anblick derselben die Hausmagd schreiend davon und wollte nicht eher das Zimmer in Ordnung bringen, bis ich die Zeichnung in die Mappe steckte. Vor dem Schlafengehen componirte ich, las Geschichte und die deutschen Classiker, dann lernte ich aus einer italienischen Grammatik, schlief aber gewöhnlich auf gut deutsch ein.

In diesem Jahre erhielt ich wieder zwei erste Preise und zwar den höchsten, den der Composition, obwohl ich der jüngste Preiswerber war. Die Aufgabe war: »Tullia, wie sie über den Leichnam ihres Vaters fährt.« Da der Professor diese Geschichte italienisch vorlas, konnte ich sie nicht verstehen und bat ihn, er möge sie mir im venetianischen Dialect erzählen, den ich besser verstand, weil ich eben mehr aus der Praxis italienisch lernte. Meine Composition war die lebendigste, deutlichste und auch in Linien und der Gruppirung allen andern vorzuziehen, daher mir auch der erste Preis zukam. Professor Zandomenichi, Bildhauer, machte mir darüber ein überschwengliches Lob, was ganz dazu angethan war mich eitel zu machen. Weil ich diesen Preis erhalten hatte, durfte ich im nächsten Jahre nicht mehr um die Preise concurriren.

Es war Ende des Jahres 1834 und die Ferien hatten begonnen; ich schrieb dem Onkel meine Erfolge und bat um Erlaubniß nach Verona und zu meinem Vater nach Nauders reisen zu dürfen, was er mir sogleich gewährte. Diesmal kam ich schon weniger schüchtern in das Haus des Onkels und wurde mit mehr Freude aufgenommen. Die Familie reiste einige Tage darauf nach Meran und ich blieb noch zwei Tage bei einem anderen Neffen des Onkels, der von[85] ihm unterstützt wurde: Cassian Purtscher aus Graun. Er war mein Cicerone in Verona und ich machte ihn auf die Schönheit der Gemälde und Kirchen aufmerksam. S. Zeno, die alte Kirche, welche der letzte Longobardenkönig erbaut hatte, machte mir einen erhabenen und unvergeßlichen Eindruck. Dann reiste ich ab und machte in Bozen Halt, um mich dem Herrn Baron Joseph von Giovanelli vorzustellen, wo schon die Copie der heiligen Magdalena neben andern Bildern den Salon zierte. Ich wurde von diesem Freunde der Künstler und Gelehrten auf das freundschaftlichste aufgenommen und speiste zweimal in dem Hause, wo man mich längere Zeit behalten wollte. Mich zog es aber in die Heimat. In Meran blieb ich beim Onkel und machte mit den Söhnen Ausflüge nach Schloß Tirol und Schönna, dann ging es mit einem Landkutscher durch das Etschthal bergan nach Nauders. Außer der Freude des Wiedersehens meines Vaters und zweier Schwestern erwähne ich, daß ich damals zweimal das Porträt meines Vaters malte: das eine besitze ich und das andere meine noch lebende Schwester Therese, die in Lana bei Meran glücklich verheiratet ist. In Nauders ging ich viel auf die Jagd, weil aber in Tirol Jeder mann schießt, so war fast kein Wild zu finden, außer einigen Auerhähnen, mit denen ich aber kein Glück hatte. Ich übte mich im Scheibenschießen und zeichnete einige Ansichten von Nauders und Martinsbruck in mein Skizzenbuch. Der Herr Landrichter und Actuar Lindner, die ich besuchte, hatten große Freude an mir und zeigten meine Diplome und Preise beim Bezirksgericht, damals Landesgericht, vor, wodurch ich nach dem damaligen Gesetze vom Militär befreit wurde. Ich traf einige[86] Schulkameraden, die als Studenten zu Hause waren, und wir brachten schöne frohe Stunden auf Bergpartieen zu.

Nachdem ich fünf Wochen in Nauders zugebracht hatte, kehrte ich mit Freude und großen Vorsätzen nach Venedig zurück. In Verona gab mir der Onkel den Bescheid, daß ich mich nun selbst erhalten müsse, weil ich mit der Kunst Geld verdiene. Da ich mein erspartes Geld dem Vater gegeben hatte, kam ich mit leerer Börse an, aber Freund Peter von Giovanelli ließ mich nicht im Stiche. Er gab mir einen Napoleonsd'or und als ich ihn später zurückzahlen wollte, nahm er ihn nicht. Ich malte gleich zwei Porträts, einen Appellationsrath und seine Frau, dann eine schöne üppige Dame für einen Herrn und zwar als büßende Magdalena, wie er es wollte. Der bejahrte Herr war nicht der Gemahl der schönen Dame und war immer zugegen, wenn ich malte. Sie entblößte sich so weit, daß ich ihre Arme und einen Theil der üppigen Brust vor mir hatte; zum erstenmale malte ich nackte Theile nach der Natur, und ich ärgerte mich nur, daß sie nicht schön genug waren, denn die mediceische Venus und andere weibliche Statuen waren nicht so voll und rund. Mein Besteller war mit der Arbeit sehr zufrieden und ich mit dem Honorar, denn er zahlte das Doppelte was ich verlangte. Für den Herrn Onkel copirte ich nach Sassoferrato eine Madonna mit dem Kinde, welche ich als Neujahrsgeschenk nach Verona schickte. Für den deutschen Pfarrer, Herrn Unterbacher in Venedig, copirte ich eine sehr schöne, kleine Madonna aus der Kirche San Sebastian nach Paolo Veronese; für mich zeichnete und malte ich mehrere Studien nach Carpaccio, Tizian und Bonifacio. Abends aber machte ich Compositionen zu Bildern, denn ich wollte nun[87] selbst schaffen. Da ich meinen alten Vater unterstützte, hatte ich immer zu wenig Geld und mußte verdienen. Ich lithographirte auf Stein das Porträt der Sängerin Unger und ein Bild »Kain und seine Familie« nach Professor Lipparini, was mir aber wegen der anatomischen Unwahrheit und wegen des fehlerhaften Ausdruckes wenig Freude machte. Auch gab ich einer häßlichen Jüdin Zeichenunterricht, aber ich hatte kein Vergnügen dabei, sie war ohne Talent und ich mußte nach mehreren Monaten mein Honorar selbst begehren. Ich malte einen Fischer aus Chioggia, Halbfigur, und als Gegenstück eine Bigolante (Wasserträgerin), welche von einem Herrn von Caris bestellt war. Ich hatte noch keine Idee vom Stilisiren und malte mit der größten Naivetät und Treue die zwei Bilder nach der Natur, die ich gerne sehen möchte; ich weiß aber nicht, in welche Hände sie gekommen.

Ich versäumte nie im Sommer schon um 6 Uhr Früh beim Modellstudium in der Akademie zu sein. Da wir viele Freiheit hatten, so wurde in Abwesenheit des Professors und zur Ruhezeit mancher Unfug und, wie es unter jungen Leuten geschieht, auch oft Uebungen angestellt. Da war ein kleiner untersetzter aber herculisch gebauter Bursche, der auch nicht mehr jung war, ein gewisser Lodi aus Ferrara, der jeden herausforderte und behauptete, Jeden im Ringen zu Boden zu werfen. Nun ging der Spaß los; einen schönen großen Mailänder und drei andere Bursche warf er ohne Anstrengung und mit viel Geschick auf die Erde. Ich beobachtete genau die Vortheile, die er anwendete, wodurch er Männer von 20–25 Jahren, die um zwei Köpfe größer waren, besiegte. Er ging nämlich bis zur Wand zurück und im schnellen Laufe näherte er sich gebückt seinem Opfer,[88] welches aufrecht und in keiner festen Stellung dastand, er faßte seine Beine bei den Kniegelenken, hob es auf und mit einer Seitenbewegung lag der große Mailänder auf der Erde. F. Bassi, ein Wälschtiroler, der es zwar nicht wagte den Kampf aufzunehmen, sagte zu mir, ich solle doch den Tirolern Ehre machen und den kleinen dickschädligen »uomo romano«, wie wir ihn nannten, demüthigen. Da auch Andere mich zum Kampfe aufforderten, nahm ich ihn an und sagte: weil ich der jüngste unter den Besiegten sei, werde die Schande nicht so groß sein. Mein Gegner ging nun wieder zur Wand zurück und indem er seinen Lauf wie ein Tiger gegen mich nahm, stellte ich mich nicht so gemüthlich wie meine Vorkämpfer hin, sondern spreizte meine Beine weit auseinander, eines vorwärts und die Hand in Bereitschaft, gebückt den uomo romano zu empfangen. Schon wollte er mit seinen kurzen Armen meine Beine umfassen, allein diese standen fest und weit auseinander. Indeß er zappelte und mit meinen Beinen nichts ausrichtete, bückte ich mich über ihn, faßte mit aller Kraft seine Beine von rückwärts, riß sie vom Boden los und hob sie in die Höhe, so daß sein Kopf auf den Boden kam und er nun anstatt mich zu werfen, auf den Kopf gestellt wurde. Der Beifall wollte kein Ende nehmen. Der schöne große Mailänder, der die Deutschen haßte, war mir des Sieges neidig und versuchte auf alle mögliche Weise seinen Haß zu offenbaren. Im Antikensaale war eine Draperiefigur, eine weibliche Gliederpuppe mit einem sammtenen Schleppkleide, das ich zu meinem Studium auch mit malte. Der Mailänder, der übrigens nicht viel Talent, aber desto mehr Lust hatte über die Deutschen lächerliche Anekdoten zu erzählen, war unermüdet, mich bei dieser Arbeit zu reizen.[89] Ich ließ ihn plauschen und malte unverdrossen fort; als er aber hinter mir herkam und mich spöttisch fragte, ob ich den Kopf dieser Dame für eine Tabakspfeife gemalt hätte, nahm ich voll Wuth meine Palette und schlug sie ihm in's Gesicht, so daß alle Farben auf dem Gesichte blieben und ihm das Blut aus der Nase rann. Der Professor, der in einem Nebenzimmer den Lärm und das Gelächter hörte, kam herüber und als er den Mailänder so zugerichtet sah und ihm einer den Vorfall erzählte, mußte er selbst lachen. Ich bekam jedoch einen gütigen Verweis, daß ich meinen Jähzorn bekämpfen und künftig ihm die Sache zur Schlichtung vortragen solle. Mein großer Mailänder wurde nun sanft wie ein Lamm, reiste aber bald nachher ab, da er sich lächerlich gemacht und als feig erklärt wurde.

Mein Lebenselement war die Kunst, eine unsichtbare Kraft zog mich zu ihr. Obwohl mir tausend Hindernisse den Weg versperrten, obwohl ich mit bitterer Noth und Drangsal aller Art zu kämpfen hatte, war mein Sinn nur nach ihr gerichtet und ohne Rast und Ruhe strebte ich vorwärts. Eines Tages, als meine Casse wieder leer war, und ich mir schon bei einem Freunde einige Gulden borgen wollte, machte mir Professor Lipparini den Antrag, zu dem Herrn Baron Treves nach Padua zu gehen und dort an seine Kutschen das Baronswappen zu malen. Es war nichts bei dieser Arbeit zu lernen, aber sie war mir willkommen, da ich ohne Geld war. Auf der Reise dachte ich, noch erinnere ich mich lebhaft daran: wäre es nicht besser von Haus aus bemittelt zu sein, als ein so armer Junge in die Welt geschleudert zu werden, der Muse mich ganz zu ergeben und ein echter Künstler zu werden, als jede Arbeit wie ein anderer[90] Armer zum traurigen Erwerb machen zu müssen. Es war eine langweilige Beschäftigung, ich hatte viel Mühe und mußte das Wappen achtmal malen. Uebrigens lebte ich in der Familie des reichen Treves, wurde gut honorirt und kehrte wieder nach Venedig zurück.

Mich drängte es ein Genrebild zu malen, das ein Herr Kiesele in Bozen auf Empfehlung des Peter von Giovanelli bei mir bestellt hatte, einen »Meeressturm«. Ich dachte mir einen Fischer aus Chioggia, der mit seiner Tochter, einer jungen Frau mit einem kleinen Mädchen und dem Haushunde bei einem heftigen Sturm am Meeresufer steht und wie Alle vor Angst in die brausenden hochschäumenden Wogen hinausschauen, ob nicht die Barke zu sehen sei, auf welcher der Fischer, der Mann des jungen Weibes, in Gefahr ist. Das Bild fand viel Beifall und ist noch bei den Erben des Herrn Kiesele. Es war dies mein erster Versuch eine eigene Composition auszuführen; ich hatte dabei strenge nach der Natur studirt und auch sehr geeignete Modelle gefunden.

In dieser Zeit kam ein junger Mann in meinem Alter von München nach Venedig, Namens Heinrich Petz. Er studirte ebenfalls in der Akademie und wir malten in der Frühe zusammen nach dem Modell. Er war ein gebürtiger Ungar, ein schöner blondgelockter lieber Mensch, zu dem ich mich hingezogen fühlte, nicht wegen seiner Kunst, denn er war kein Genie, aber er hatte, was mir fehlte: eine allgemeine Bildung, Sprachkenntnisse, war sehr belesen und ein guter Fechter. Nach und nach wurden wir sehr gute Freunde. Da ich ihm den Antrag machte sein Bildniß zu malen, gab er sich viel mit mir ab, lehrte mich Fechten und er profitirte wieder von mir im Malen. Wie schon erwähnt,[91] wohnte ich im zweiten Stockwerk des alten Palastes Giustiniani. Unter mir im ersten Stocke war eine Bandfabrik, wo viele Weiber und Mädchen arbeiteten. Es war an einem heißen Sommertag und ich malte eben an dem Porträt des Freundes Petz, wobei er mir den Faust vorlas. Da unsere und die Fenster des ersten Stockes offen waren, hörten wir den lärmenden Gesang aus Hunderten von Kehlen, wodurch das Lesen nicht möglich war. Da uns das lästig fiel, kam ich auf einen Einfall, dem Lärm abzuhelfen. Ich nahm einen Todtenschädel vom Kasten herab, den ich wegen meiner anatomischen Studien angeschafft hatte und band ihn an eine lange Schnur mit Kreuzbändernso, daß er mit geradem Gesichte daran hing, Freund Petz nahm die volle Wasserflasche und ich ließ nun den Todtenschädel zum Balconfenster des großen Saales, wo die Mädchen arbeiteten, hinab und hin und her schwingen. Nach der ersten Schwingung war der Lärm und Gesang verstummt, aber bald hörten wir ein allgemeines Angstgeschrei und einige Köpfe erschienen am Fenster. Die Mädchen drohten und schimpften, aber Petz, der mit der Wasserflasche bereit stand, goß ihnen, als sie herausschauten, einen Wasserfall in's Gesicht. Es getraute sich wohl keine mehr zum Fenster, aber wir hörten, wie sie sich mit Stöcken bewaffneten, und verriegelten deswegen unsere Thüre. Die Mädchen kamen herauf, stießen mit Stöcken und Hämmern an die Thüre und wollten uns züchtigen, aber wir beruhigten sie mit Scherzen und Lachen und die jungen Mädchen zogen ab, sie nahmen auch die alten Weiber und Furien fort und besänftigten sie.

In der Gemäldesammlung des Baron Treves in Venedig war ein Bild meines Meisters Lipparini. Es stellte vor, wie[92] Sokrates zu Alcibiades kommt, ihn bei seinen Freudenmädchen findet und ihm Vorwürfe macht. Herr Caris bestellte bei mir eine Copie des Bildes im kleineren Maßstabe. Das Gegenstück an der anderen Wand war vom Maler Hayez gemalt. Obwohl Hayez nie ein großer Colorist war, auch seine Figuren nicht genug charakterisirte und sogar oft Sklave des Modells blieb, so hatte er doch eine so wunderbare Zeichnung und Modellirung im Nackten und einen so geschmackvollen Vortrag im Pinsel, daß ich in seine Kunst ganz verliebt war, und ich gestehe es, heute noch bin. Jenes Bild stellte Hektor vor, wie er zu Paris kommt, ihn bei der schönen Helena seine Waffen reinigend findet und auffordert, in die Schlacht zu gehen. Ich stand oft stundenlang vor dem Bilde; vieles fand ich zu tadeln, aber mir gefiel seine unübertreffliche Zeichnung und Modellirung. Ich habe mir fast das ganze Bild in mein Skizzenbuch gezeichnet und als ich zurückkehrte, fand ich die Figur des Lipparini wie von angestrichenem Holz. Die Copie nahm ich sammt dem Fischer und der Bigolante mit mir, da die Ferien angebrochen waren, nach Verona, wo Herr Caris sich damals aufhielt.

In Verona war zu dieser Zeit mein Bruder Jacob als Postcontrolor angestellt, verheiratet, hatte ein Söhnchen und ich wohnte bei ihm. Zu Mittag war ich immer beim Onkel zu Tisch und hielt mich auch den ganzen Tag bei der Familie auf, weil ich dort ein Arbeitszimmer hatte und die zwei Söhne im Landschaftszeichnen unterrichtete. Damals malte ich auch das Porträt meines Onkels. Während des Sitzens er zählte er mir seine Lebensgeschichte, die mich sehr interessirte, und viel Aehnliches mit der meinigen hatte; er war auch Hirtenknabe und ohne Mittel, und hatte es mit Talent[93] und Fleiß zum Präsidenten des Senates und zum Freiherrn gebracht, was in jenen Zeiten schwer war. Ich malte auch seine Frau und zeichnete alle Kinder mit Bleistift. Dabei copirte ich ein kleines Bild von Hayez, das ich später zu Geld machte und zwei Landschaften nach Canella, die sehr viel Naturwahrheit hatten. Auch malte ich das Porträt meines Bruders und seiner Frau. Ich wurde der Liebling der Kinder des Onkels und Adolph, ein heiterer, witziger Junge, wollte mir besonders wohl.

Nach sechs Wochen kehrte ich nach Venedig zurück und setzte meine Studien fort. Von einigen Malern, welche ich kennen lernte, konnte ich viel profitiren, besonders von Malatesta, der jetzt Director in Modena ist; er hatte ein schönes Colorit und eine breite angenehme Malweise. In jener Zeit copirte ich die heilige Barbara, das Meisterwerk des Palmavecchio in der Kirche S. Maria formosa in gleicher Größe, und es wurde mir erlaubt auf dem Altar selbst neben der Staffelei zu stehen um das Bild, das für die Ferne nicht genug beleuchtet war, näher sehen zu können. Das Bild gehört zu den schönsten Schöpfungen, die je hervorgebracht wurden, denn Raphael hat nie schöner gezeichnet und Tizian nie besser gemalt. Mit wahrhaft himmlischem Wohlbehagen steht die schönste Jungfrau, das schönste Weib da, mit der Siegespalme in der Hand. Ich malte das Bild mit wahrer Vergötterung des Meisters, der nie wieder etwas Aehnliches geschaffen, und habe auch sehr viel dabei gelernt. Meine Copie diente zu einer Mosaik für einen polnischen Grafen, den ich nicht kennen lernte, da ich die Arbeit für Lipparini malte.[94]

Man bewunderte zu dieser Zeit ein großes Genrebild des Franzosen Leop. Robert, der sich nach Vollendung desselben selbst getödtet hat. Es stellte den Abschied der Fischer von Chioggia von ihrer Familie dar. Auch ich war davon begeistert und malte später denselben Gegenstand, aber in einer ganz anderen Auffassung, mit weniger Figuren und in kleinerem Maßstabe. Es wurde auch von Caris gekauft. Dieser Caris war der Sohn eines Wiener Bankiers, ein schöner Mann und ein Verschwender; später machte er falsche Wechsel, floh in die Schweiz, wo er internirt wurde und starb. Wo meine vier Bilder jetzt sind, ist mir unbekannt. Ich malte noch ein kleines Bild, das einen Fischer vorstellte, wie er seine Fische verkauft. Diese Arbeit sehe ich jetzt, so oft ich bei Baron Härdtl die Tante Spurni besuche, eine Schwester der Frau des Onkels. Von meinen lithographischen Arbeiten, deren ich mehrere zeichnete, will ich nur mein eigenes Porträt erwähnen, das ich auf Stein zeichnete und mir auf Briefpapier statt eines Monogrammes abdrucken ließ.

Die Ferien kamen und da ich mir ein wenig Geld erspart hatte, wollte ich München sehen, wovon mir Freund Petz so vieles erzählt hatte. Auch hatte ich in München einen Freund Dreselli, der mit mir in Venedig studirte und wie sein Vater Lithograph wurde. Ich glaube es war Anfangs September 1835 als ich mit der Diligence über Treviso nach Ceneda reiste und von da zu Fuß auf der neuen Fahrstraße, welche über Ampezzo in's Pusterthal führt, mit meinem Ränzchen auf dem Rücken, weiter marschirte. Zur Nacht kam ich in ein einsames, unheimliches Wirthshaus am Lago di S. Croce. Es sah wie eine Räuberhütte[95] aus; von der Gasse trat man in einen großen Raum, am Ende desselben stand ein Herd, auf dem ein Baumstamm brannte. Ein altes Weib rührte die Polenta in einem Kessel um und sah wie eine Hexe aus. In der Mitte des Raumes war ein großer Tisch, auf dem eine kleine Lampe brannte und ringsherum saßen die Bauern und Knechte und rauchten ihre Pfeifen. Die Wirthin machte mir endlich einen Braten zurecht und nachdem ich gegessen und getrunken, bezahlte ich sogleich meine Zeche und ging in meine Kammer, in's erste Stockwerk. Die Bettwäsche war rein, aber wegen des vielen Ungeziefers konnte ich nicht schlafen. Da der Vollmond leuchtete, brach ich noch in der Nacht auf und wanderte auf der Straße neben dem See fort. Das Mondlicht schimmerte auf dem Wasser, eine erfrischende Luft wehte von den Bergen, ich habe die wunderbare Nacht nie vergessen. Bei Tagesanbruch kam ich in ein Dorf, dann in eine zweite Ortschaft, wo ich in einem Kaffeehause frühstückte. Ich ging noch weiter, bis ich mich müde und matt in einem Walde niederlegte; dort schlief ich, mein Ränzchen unter dem Kopfe, mehrere Stunden. Abends kam ich nach Venas, war aber sehr ermüdet, da ich diesen Tag 38 italienische Miglien zurückgelegt hatte. Am anderen Tag übernachtete ich in Cortina und wanderte durch das Höllenthal zwischen den zackigen Dolomitfelsen in's Pusterthal. Ich zeichnete mir Skizzen in mein Buch, aber die Bleistiftstriche gefielen mir nicht, weil sie der Wahrheit nicht entsprachen; auch hatte ich noch zu wenig Uebung im Landschaftenzeichnen. In Brunecken blieb ich einen Tag, weil mein Stiefel zerrissen war, aber die Ruhe that mir wohl und die Wirthin mit ihren zwei hübschen Töchtern leistete mir angenehme Gesellschaft.[96] Ich überstieg dann den Brenner und kam nach Innsbruck, wo ich acht Tage blieb. Ich fand viele bekannte Familien und Freunde, auch meinen ältesten Bruder Franz, den Postconducteur. Ich hatte ihn mehrere Jahre nicht gesehen, denn er war früher in Wien und hatte sich erst jetzt nach Innsbruck versetzen lassen. In Innsbruck malte ich drei Porträts, jedes an einem Tage, freilich nur skizzenhaft, aber ich verdiente mir einen Zehrpfennig für die Weiterreise. In Rattenberg besuchte ich Herrn Lindner, der nun hier Landrichter war und mich mit Freude und Rührung aufnahm. Er war der erste, der mein Talent erkannt und mich angespornt hatte, Maler zu werden. Er hatte im Tiroler Boten von meiner Auszeichnung in der venetianischen Akademie gelesen. Ebensoviel Freude zeigte seine Frau und ich mußte Abends so viel erzählen, daß es Mitternacht wurde. Tags darauf zeichnete ich das Schloß Rattenberg und da ich noch eine dritte Nacht bei ihnen bleiben mußte, kam ich erst am dritten Tage nach Jenbach. Im Gasthaus fand ich in der schönen Kellnerin eine Bekannte, eine Nachbarstochter aus Nauders, welche mit mir die Schule besucht und oft mit mir gespielt hatte. Sie bediente mich vortrefflich; wenn sie einen freien Augenblick hatte, setzte sie sich zu mir und wir plauderten vergnügt von unseren Kinderjahren. Sie begleitete mich dann auf mein Zimmer, stellte Wasser und Licht auf den Tisch und als ich ihr einen Kuß gab, lief sie erröthend davon. Ich habe sie nie wieder gesehen; im Jahre 1860, als ich Professor an der Akademie in Venedig war, erhielt ich einen Brief, in dem sie mich bat, mich ihres Sohnes, der bei der Marine diente, anzunehmen, und später[97] schrieb sie mir dankend, weil er auf meine Empfehlung avancirt war.

Am anderen Morgen ging ich durch das Achenthal, bewunderte die schönen Farben des Sees und marschirte bei dem herrlichsten Wetter, auch an die schöne Felicitas zurückdenkend, immer weiter. In dem Wirthshause, wo ich Mittag hielt, fand ich zwei Münchener Studenten, denen ich mich anschloß, da sie denselben Weg nach München zogen. Abends, als es schon finster war, kamen wir in einen Markt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Da es Sonntag war, trafen wir in dem Wirthshause, wo wir bleiben wollten, viele zechende Bauern. Kaum hatten wir uns an einem kleinen Tische, welchen die Wirthin in einem Winkel bereitet hatte, niedergesetzt, als ein großer dicker Mann sich hinsetzte, die Ellenbogen aufstützte und fragte: »Wer seids denn ös!«, »Maler sind wir.« »Maler, Maler seids, Lumpen seids, alle Maler sein Lumpen, und i laß mir halt do nit mein – malen; sechts.« Dann lachte er und wiederholte sein »sechts«. Meinen Reisegefährten wurde unheimlich, wir zahlten und gingen in ein anderes Gasthaus; die Wirthin brachte uns Bier und Essen; wir ließen es uns behagen, als der Strolch von drüben wieder kam und uns in Rausch und Lachen wieder »Lumpen« titulirte. Die Wirthin führte ihn dann zur Ofenbank, wo er sich ausstreckte und mit dem »I laß mir halt do nit mein.... malen« einschlief. Der Grobian war der Wirth in diesem Hause und hatte uns auf diese Weise aus dem früheren Wirthshause verjagt, um uns zu zwingen, bei ihm zu zehren und zu übernachten. Dank der braven Wirthin waren wir auch gut aufgehoben. In Tegernsee verließ ich meine Reisegefährten, weil ich über die Kreuzalpe und über[98] Schliersee nach München wollte. Durch ein tiefes Thal kam ich zu einem Fußsteige, der mich auf die Höhe der Alpe führte, wo ich eine herrliche Aussicht genoß: vor mir hatte ich das bairische Flachland, München und viele Ortschaften, hinter mir die Tiroler Alpen und Gletscher. Ich ging nun den Berg hinunter, der steil bis zum Schliersee abfällt und kam hungrig in das Gasthaus am See, wo eine Malerpalette das Schild war. Nach einem ergiebigen Mittagmal wanderte ich noch bis zur nächsten Ortschaft. Da aber die Fußreise in der bairischen Ebene langweilig wurde, nahm ich einen Einspänner und fuhr so der Stadt München zu.

Der erste Gang war zu meinem Freund Dreselli, der mir gleich in seiner Nachbarschaft ein Zimmer fand. Ich besichtigte die Kunstsammlungen, Glyptothek und Pinakothek, den Königsbau, die neuen Kirchen und alle Sehenswürdigkeiten des neuen Athens. König Ludwig, dessen Kunstsinn und wahres Verständniß München seinen Aufschwung zu danken hat, war damals noch in den schönsten Jahren und fuhr unermüdlich fort, die Stadt mit neuen Kunstschätzen zu bereichern. Er wählte sich selbst die Künstler, gab ihnen Aufträge, besuchte sie, berieth sich mit ihnen, war so zu sagen ihr Freund und im vollsten Sinne des Wortes der größte Gönner und Förderer der Kunst in unserem Jahrhundert. Sein Beispiel erweckte Nachahmer, wie den Hof in Petersburg, wo nun ein großer Kunstsinn eingewurzelt ist, den Hof von Berlin, der auch nicht zurückbleiben wollte, sowie verschiedene kleine deutsche Höfe. Sie blieben aber nur Nachahmer ohne das Verständniß des Königs Ludwig von Baiern. Seine Thätigkeit war ein Glück für die Kunst, besonders für die monumentale. Die Meister Cornelius,[99] Schwanthaler, Schnorr, Heß und viele Andere wurden groß, weil ihnen König Ludwig Gelegenheit gab ihr Talent entwickeln zu können. Von Cornelius waren die Fresken aus der Ilias in der Arbeit. Ich hatte viel Rühmliches gehört, fühlte mich aber damals sehr enttäuscht. In der Composition fand ich wohl viel Erhabenes, Großartiges, aber mir mißfiel die schroffe Härte und Farblosigkeit der Bilder. Mein Auge war durch Tizian, Veronese, Giorgione an andere Farben und mehr Wahrheit gewöhnt, auch war mein Studium bisher streng auf das Reale, auf die Natur gerichtet, daher ich von den Bildern des Cornelius nicht entzückt sein konnte, die als idealistisch mir fremd und unverständlich waren. Ich war auch gewöhnt, das Griechenthum aus den Darstellungen der Reliefs vom Parthenon anders zu sehen, als es Cornelius darstellte. Mehr gefielen mir die Recken aus den Nibelungen, auch die von Schnorr. Da mißfiel mir diese Schroffheit nicht, im Gegentheil, sie könnte noch kräftiger sein, aber Gesuchtheit, Unwahrheit und Härte mißfielen mir immer. Freund Dreselli war sehr für diese Kunst eingenommen und stritt mit mir, weil ich mich so wenig dafür begeisterte. Auch ein paar andere ausgezeichnete junge Maler waren mit mir über diese neue große Kunst im Hader, so daß ich den kürzeren ziehen mußte und sogar anfing zu zweifeln, und mit mir uneins zu werden. Einige Jahre später wurde ich in Rom für diese strenge Kunst ganz begeistert.

In der Pinakothek war ich entzückt von der alten niederrheinischen Schule und von den Niederländern: Rembrandt, Teniers, van Dyk und besonders von Rubens »Amazonenschlacht«. Dieses Bild hat mir vor allen anderen[100] einen guten Eindruck gemacht, denn Raphael verstand ich noch nicht. Auch blieben mir die großen Evangelisten Dürer's unvergeßlich. In Schwanthaler's Atelier wurde eben an der Riesenstatue der Bavaria modellirt, er selbst war krank. Von den neueren Bauten gefiel mir die Allerheiligencapelle sehr, weil sie mich an die Marcuskirche erinnerte; die Frescobilder darin sind von Heinrich Heß. Ich empfand zum erstenmale, daß die religiöse Kunst anders als blos naturalistisch sein solle. Die Darstellung erweckte in mir Andacht und Frömmigkeit und ich fing an zu begreifen, daß man mit Naturnachahmung allein ohne höheres Studium und frommes Empfinden solche Bilder nicht schaffen könne. In München blieb ich beinahe den ganzen Monat October (1836) und machte die Octoberfeste mit. Durch meinen Freund Dreselli, den ich porträtirt hatte, bekam ich eine Bestellung zwei Schweizer Priester zu malen. Da sie in drei Tagen abreisen wollten, übernahm ich es die zwei Herren in einem Tage zu malen, damit die Bilder den zweiten Tag austrocknen und dann eingepackt werden konnten. Die Bilder waren wohl mehr skizzirt und nicht wie meine gewöhnlichen Arbeiten durchgebildet, aber sie waren ähnlich und machten für die Ferne einen guten Effect. Ich verdiente mir in vier Stunden vierzig Gulden und hatte nun wieder mein Reisegeld beisammen. Wegen Schneewetter und Kälte fuhr ich mit der Post über Partenkirchen und die Scharnitz nach Innsbruck, wo ich wieder sechs Tage blieb und das Porträt einer sehr beliebten Frau, die Mutter vieler Kinder war, malte. In Schneegestöber und Kälte kam ich am vierten November nach Nauders und blieb acht Tage bei meinem Vater, den ich nochmals für meine Geschwister malte. Er war noch[101] immer der beste Schütze im ganzen Oberinnthal und Etschthal; bei einem Scheibenschießen traf er immer in's Schwarze und der vierte Schuß schlug das Centrum heraus. Auch ich versuchte mit dem schweren Stutzen zu schießen, traf jedoch nur einmal den Rand des Schwarzen. Ich gewann nichts, der Vater aber hatte sich einen Widder und Geld erschossen und behielt seinen guten Ruf als Schütze.

Von Nauders reiste ich mit der Diligence nach Bozen, blieb als Gast zwei Tage bei Baron Joseph Giovanelli und fuhr über Verona nach Venedig zurück. Der Onkel schrieb mir, ich möge ein historisches Bild auf die Wiener Kunstausstellung schicken, um dadurch ein Reisestipendium zu erhalten und als Pensionär nach Rom reisen zu können. Ich wählte auf Anrathen der Professoren eine Skizze, die ich gemacht hatte: Moses, wie er auf dem Berge Sinai zu Gott betet und von Aron und Kur unterstützt wird, während die Schlacht zwischen den Ismaeliten und Israeliten gekämpft wird. Es war mein erstes historisches Bild und ich malte es ohne Beihilfe des Professors. Ein alter Mönch saß mir zum Kopf des Moses und ein Armenier zum Aron. Dazu modellirte ich mir aus Wachs die drei Figuren im kleinen Maßstabe und drapirte sie mit gelungenem Faltenwurfe. Ich wurde krank, malte aber doch das Bild bis zum 11. März 1837 fertig und schickte es sammt einem Bittgesuch um ein Reisestipendium nach Wien. Die Akademie votirte für mich und Fürst Metternich, welcher Protector der Akademie und meinem Onkel freundlich gesinnt war, schrieb die freudige Nachricht nach Verona und mein Onkel theilte sie mir sogleich mit. Als ich eines Abends etwas später als gewöhnlich nach Hause kam, fand ich den Brief des Onkels, der[102] mit den Worten anfing: »Jetzt danke Gott auf den Knieen u.s.w.« Meine Freude war so groß, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, denn die Sehnsucht nach Rom lebte schon seit den Kinderjahren in mir; fast hatte ich ein Gefühl, daß das Glück zu groß sei. Morgens 6 Uhr war ich schon bei Freund Petz und weckte ihn aus dem Schlafe. Das Decret, welches mir als k. Pensionär auf vier Jahre je 800 Gulden anwies, kam einige Tage später und wurde mir, weil ich noch Schüler war, durch die Akademie zugestellt.

Da ich mir durch einige Porträts wieder ein Reisegeld verdient hatte, reiste ich noch einmal nach Nauders, fand meinen Vater und die Schwester gesund, ich selbst aber wurde an einem Gedärmkatarrh krank, reiste aber doch wieder ab, kam in Bozen in einem sehr schwachen Zustande an und mußte mich zu Bette legen. Als ich meine Karte an B. G. schickte, suchte er mich sogleich im Gasthause auf und nahm mich in sein Haus, wo mir die beste Pflege zu Theil wurde. Die Kammerjungfer Anna, eine weite Verwandte, bediente mich auf's beste. Der Arzt Dr. Mazegger, ein wüthender Homöopath, kam täglich und gab mir kleine Pillen, welche wie Zucker in Weingeist aufgelöst schmeckten. Als er sagte: »Sehen Sie, mit diesen drei Kügelchen kann ich die ganze Etsch zur Medicin machen«, kam mir das Gleichniß aus der Bibel in den Sinn: »Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelloch schlüpft, als ein Reicher in den Himmel kommt.« Ich hatte durchaus kein Vertrauen auf seine Medicin, aber die strenge Diät, die Ruhe und meine gute Natur halfen mir heraus, und es ging mir von Tag zu Tag besser. Ich wurde nun in die Familie eingeführt und[103] mußte in ihrer Gesellschaft speisen. Die Söhne waren zu dieser Zeit bei ihren Studien in der Fremde, aber die vier Töchter lebten zu Hause. Die Mutter war eine geborne Baronin B. aus Wien. In dieser Familie wurde der strengste Katholicismus geübt. Der Vater war ein Freund der Theologen, religiösen Schriftsteller und Künstler. Er schätzte vor Allem die religiöse Kunst in Reimen, wie in Bildern. Jeden Abend las er aus Stolberg's Religionsgeschichte seinen Töchtern vor, welche eine sehr geistige Erziehung genossen, dabei aber sich in den häuslichen Arbeiten üben mußten. Es war eine sehr schöne Familie, ein großer herrlicher Menschenschlag, die Mädchen voll Gesundheit und Jugendfrische, welche aber unter dem Drucke der Religion sich nicht entwickeln konnte und völlig ersticken mußte. Der Vater war ein Mann hoch in den Fünfzigen, groß von Gestalt, hatte ein strenges Gesicht, große schöne Augen, war nie müßig, selbst bei Tisch durchschaute er gewöhnlich die Zeitung, wo er manchmal über die Freigeister ein scharfes Urtheil losließ und die Zeitung hinwarf. Da mein Bild, die Copie der heiligen Magdalena nach Tizian, im Salon hing, so hatte er Freude, mich bewirthen zu können, und sprach viel mit mir über die Kunst, d.h. über die religiöse Kunst, der allein ich mich zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen widmen möge. Er befragte mich über meine Ansichten von Cornelius, Heß, Schnorr's Werken, die ich in München gesehen, und schien nicht ganz mit meiner Ansicht einverstanden; ich empfand auch noch nicht den religiösen Geist, wie er es wollte. Er imponirte mir durch sein Wissen in der Kunstgeschichte, in der er mehr als ich bewandert war. Bei Tische saß mir die dritte Tochter Lina gegenüber, ein Mädchen von 15 Jahren, gerade jetzt[104] eine junge Rose aus der Knospe entfaltet, und in voller Pracht. Ihre großen, von schwarzen Wimpern beschatteten Augen sah ich öfter, während ich dem strengen Vater Rede und Antwort geben mußte, auf mich gerichtet. Wenn ich sie ansah, hielt sie meinen Blick nicht aus und eine sanfte Röthe überflog ihr Gesicht. Dieses Wonnespiel zündete so mächtig in mir, daß ich die Kunstgelehrsamkeit des Vaters überhörte, und es mir vorkam, als sähe ich in diesen Augen den Himmel offen. Ein unbestimmtes, unbekanntes Gefühl lenkte ihre schönen Augen stets auf mich herüber, daß ich öfter verlegen wurde. Wenn sie reden oder antworten sollte, war sie nie gesammelt, stets zerstreut. Ich verließ den Tisch immer in Gesellschaft der vier Töchter. Im Hauptgange links war mein Zimmer. Den dritten Tag sagte die älteste Tochter: »Wir wollen Sie doch in Ihrem Zimmer einmal besuchen und sehen was Sie machen.« Ich zeigte ihnen ein kleines Madonnabild, das ich für ihre Mutter bestimmt hatte. Die Mädchen waren voll jugendlichem Feuer, von ungezwungener Heiterkeit und geschwätzig. Ich sagte, wenn ich länger die Ehre hätte als Gast hier zu bleiben, würde ich mit Freuden alle porträtiren, was mit großer Freude aufgenommen wurde; nur Lina war schweigsam und schaute mich nur mit einem Blicke an, der mir das Paradies verhieß. Meine Ruhe war dahin. Die Sehnsucht und Liebe brannten in mir Tag und Nacht. Da kam die Nachricht, daß in Venedig die Cholera sehr heftig ausgebrochen sei, und der Hausherr sagte bei Tische: »Lieber Blaas, Sie dürfen jetzt nicht abreisen; die Seuche ist schon in ganz Oberitalien verbreitet, ich werde Ihrem Herrn Onkel selbst schreiben.« Wer war glücklicher als ich. Ich dachte nicht an die Vorwürfe des Onkels, selbst der[105] Drang nach Rom wurde durch die Macht der Liebe gedämpft. Ich malte das älteste Fräulein zuerst und so der Reihe nach, die Sitzungen immer wechselnd, da die Bilder inzwischen trocknen mußten; zumeist waren eine oder zwei Schwestern dabei, aber öfter blieb ich auch mit der Sitzenden allein. Die Sitzungen beim Porträt der schönen Lina dauerten länger, aber sie vergingen viel schneller, nur die Arbeit wollte nicht so gelingen. Ich mußte alle meine Kraft zusammen nehmen um vorwärts zu kommen. Wenn wir allein waren, vermied sie, mir in die Augen zu schauen. Wir sprachen nur Gleichgiltiges, aber wie sah es in unseren Herzen aus! Beim Fortgehen nach der zweiten Sitzung erfaßte ich ihre weiche Hand; sie ließ sie ruhig in der meinen, ich glaubte eine leise Erwiderung meines Druckes zu verspüren und zog sie an meinen Mund. Die Röthe stieg ihr in's Gesicht, leise sagte sie: »Es ist besser, daß ich gehe.« Sie verließ mich und lief hastig durch den langen Gang in ihr Zimmer. So oft eines der Mädchen bei meiner Thür vorbeiging, wurde geklopft, aber jede hatte ein anderes Klopfen, und ich erkannte es nach und nach, wenn sie auch gleich verschwanden. Alle sahen mich gerne, aber eine liebte mich und ich sie unaussprechlich. Bei der dritten Sitzung an Lina's Bild gelang es mir, sie sehr ähnlich zu machen. Ich war so froh darüber und beim Weggehen stellte ich mich vor die Thür. Sie gab mir die Hand, die ich küßte und ich sagte, wie sehr ich sie liebe und daß ich an ein Scheiden von hier gar nicht denke, ohne die grausamsten Schmerzen zu leiden. Sie schaute auf unsere in einander gelegten Hände und sagte ganz leise: »Auch ich liebe Sie, werde Sie immer lieben und nie vergessen.« Auf das umschlang ich sie und küßte sie auf ihren[106] schönen Mund. Sie entwand sich und verschwand. Beim Abendessen schaute sie nicht auf mich, wich sogar meinen Blicken aus. Hatte ich zu viel gewagt und war sie böse auf mich? Nein, es war in ihr die Erkenntniß, sie wußte nun, daß ihr unbekanntes Sehnen, dieses unbeschreibliche Gefühl Liebe sei.

Die Jungfer Anna, welche über alle Dienstleute im Hause stand, war zwar eine ziemlich gebildete Person und von angenehmem Aeußern, aber sie war eine Betschwester, obwohl erst 26 Jahre alt. In den ersten Tagen als ich noch das Bett hüten mußte, war sie oft und lange bei mir, auch später brachte sie mir mein Frühstück und saß bei mir, bis ich es verzehrt hatte. Ich konnte ihre Anhänglichkeit und ihr schmachtendes Wesen nicht recht verstehen, denn sie sprach nur über Frömmigkeit und zielte darauf mich fromm zu machen. Sie nannte mich »Vetter Karl«, wurde aber mit ihrer frommen Liebe immer zudringlicher. Eines Morgens konnte sie sich nicht enthalten, indem sie früher den Blick zum Himmel richtete, mich zu umhalsen; sie legte ihr Gesicht an meine Schulter und blieb so an mich geklammert mit hochaufathmender Brust. Hätte ich nicht an mein Paradies gedacht, so wäre es mir vielleicht ein Leichtes gewesen in den reisen Apfel zu beißen, den mir diese brennende Eva darreichte. »Was fühlen Sie, gute Nanni«, sagte ich, »fühlen Sie nicht jetzt jene hinreißende Macht der Liebe, von der Sie mir, um mich abzuhalten, täglich predigen?« Da sie kein Gegengefühl in mir gewahrte, sprang sie auf und entfernte sich beschämt. Des andern Morgens nach dieser sonderbaren Scene brachte sie mir wie gewöhnlich den Kaffee und wollte gleich wieder gehen. Ich fragte sie, warum sie heute[107] nicht hier bleibe, bis ich mein Frühstück beendet habe. »Ach«, sagte sie, die Hände vor das Gesicht haltend, »ich bin eine Thörin, ich sollte mich schämen vor Ihnen zu erscheinen, ich war gestern sehr aufgeregt, aber nun bin ich gescheidter.« »Was meinen Sie damit?« sagte ich. »Ja, ich habe schon beobachtet, wie Sie in Fräulein Lina verliebt sind, in das Kind, das nicht weiß, warum es Ihnen in die Augen schaut; ich habe alles gesehen, aber Sie würden noch ein größerer Thor sein, wenn Sie sich einbilden wollten, Lina einst besitzen zu können.« Dies waren sehr gereizte Worte und ich empfand genau, wie schwerwiegend sie waren; auch war mir ihr Einfluß auf die Mutter und die Mädchen bekannt, der mir nun, durch Zurücksetzung und Eifersucht gestärkt, sehr schädlich werden konnte. Ich suchte sie zu trösten und sagte ihr, daß ich ganz ohne Interesse das Fräulein liebe, es aber nie, selbst in weiter Ferne, vergessen werde können. Durch vieles Hin- und Herreden wurden wir wieder Freunde und obwohl ihr Schmachten nachgelassen hatte, so brauchte es nur einen freundlichen Blick oder einen Händedruck und in ihr stieg die Flamme wieder empor.

Ich muß bekennen, daß mein Benehmen zu Nanni eine Art Heuchelei war um sie mir gut zu stimmen, denn nur durch sie konnte der Weg zur Liebe, die Vermittelung von Briefen an Lina, betreten werden. Sie war aber noch schlauer, heuchelte mir Verschwiegenheit und versprach die Besorgung der Briefe, ja sie munterte mich auf recht oft zu schreiben. In Gegegenwart der Nanni sprach ich mit Lina selbst über unseren Briefwechsel. Sie gab mir die schönsten Zeichen ihrer reinen wahren Liebe. Obwohl ich die Eifersucht der Nanni kannte und mich auch gegenüber Lina äußerte, daß ich[108] an ihrer Aufrichtigkeit zweifle, ließ ich mich doch von ihr überreden, denn Lina hatte das vollste Vertrauen zu ihr, wodurch wir beide in die Falle gingen. Da die Zeit meiner Abreise sich näherte und die Porträte der vier Mädchen vollendet waren, zeichnete ich noch Lina im Geheimen. Ich sagte ihr, daß ich meine Kräfte und meinen Fleiß auf das Hundertfache verdoppeln würde um ein tüchtiger Künstler zu werden; fester und tiefer als mein Versprechen Lina gegenüber war der Gedanke und die Hoffnung in mir, nach vier Jahren wieder zu kommen, vor ihren Vater hinzutreten, und sie als mein Weib zu verlangen. Bis dahin sollte mich die Liebe durch das Labyrinth der Kunst auf eine gewisse Hohe führen. Morgens darauf, nachdem ich mich bedankt und empfohlen hatte, reiste ich mit der Diligence nach Verona. Mein Herz ließ ich in Bozen zurück. In Verona hatte ich nur Zeit meinen Besuch bei dem Onkel zu machen, wobei ich Vorwürfe über mein langes Verweilen in Bozen erhielt, und reiste dann ohne Aufenthalt weiter nach Venedig. Da hauste die Cholera von neuem, ich hatte keine Furcht, aber als man die Hausmagd, die ich Morgens beim Frühstück noch gesund gesprochen hatte, zu Mittag als Leiche wegtrug, überfiel mich ein Grauen. Ich beeilte mich mit der Abreise und schon nach sechs Tagen war ich wieder in Verona. Mein Onkel hatte nun Freude an mir und veranstaltete mir zu Ehren mit seiner Familie einen Ausflug an den Gardasee. Ich und die Söhne fuhren auf den See hinaus, wir speisten dann in Desenzano und kehrten nach Verona zurück.[109]

Quelle:
Blaas, Karl: Selbstbiographie des Malers Karl Blaas 1815–1876. Wien 1876, S. 79-110.
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