VIII. In Glück und Genießen, 1842–1847.

[180] Unsere Wirthschaft war sehr klein, und wir mußten, da wir keine Küche hatten, zu Lepre oder Falcone zum Essen gehen. Meine Mittel erlaubten keinen Luxus, und nur nach und nach konnte ich mich bequemer einrichten. Ich dachte mir, es sei besser, vom Esel auf's Pferd zu steigen, als umgekehrt. Erst später konnte ich eine angenehme Wohnung finden, in der ich dann acht Jahre mit meiner Familie lebte. Mit meiner Frau lebte ich vom Anfang an im höchsten Glück, sie war meine einzige Umgebung und Gesellschaft. Stundenlang verweilte sie mit ihrer Arbeit im Atelier, nahm Antheil an meiner Kunst und wurde mir durch ihr gesundes Urtheil und ihr richtiges Gefühl oft nützlicher als die sogenannten Kunstkritiker. Sehr oft benützte ich sie als Modell zu Händen und Köpfen, auch für Draperiestudien zeigte sie sich geneigt, aber als sie einmal durch's lange Stehen ohnmächtig wurde, nahm ich ihre Geduld nie wieder in Anspruch. Da aber meine Frau bald aus anderen Ursachen unwohl wurde, führte ich sie für eine Zeit nach Albano zu ihrer Mutter und besuchte sie dann jeden Samstag und[180] Sonntag. Die anderen Tage der Woche malte ich fleißig an den Bildern für Lord Shrewsbury, der mir bald ein freundlicher Gönner wurde. Durch ihn wurde ich dem Fürsten Doria, seinem Schwiegersohne, vorgestellt. Er bestellte bei mir das Porträt der jungen Fürstin, und ich fühlte mich glücklich, eine der schönsten Damen Rom's malen zu können. Ja ich mußte das Bild zweimal malen, und dazu das Töchterchen Theresina, ein blondes schönes Kind von vier Jahren als ganze Figur. Auch davon wollte der Großvater eine Wiederholung. Dadurch kam ich in den Ruf als guter Porträtmaler und bekam bald mehr Aufträge, besonders von Engländern. Nebenbei malte ich eine »Rebecca am Brunnen« in dem Momente, wie sie dem Eleazar zu trinken gibt. Das Bild, das ich während des Sommers in Albano vollendete, ist im Besitze des Jacobo Treves in Venedig.

Im April bezog ich meine neue Wohnung in der Via Gregoriana im Hause des Canonicus Pacetti. Ich hatte hier im ersten Stock vier Zimmer, ein geräumiges Atelier, Küche, Keller und dabei die schönste Aussicht auf die Stadt bis zur Engelsburg, den Vatican und den Monte Mario. Der Monte Pincio mit seinen schönen Wegen war in der Nähe, und über die spanische Treppe konnte ich in wenigen Minuten in die untere Stadt hinabsteigen. Auch waren in dieser Gegend die Ateliers der meisten deutschen und fremdländischen Künstler. Vorerst ging ich mit meiner Frau, nachdem sie mit mir eingezogen und die neue Wohnung in Ordnung gebracht hatte, wieder nach Albano und malte fleißig an der Rebecca. Wie reizend waren meine und unsere Spaziergänge in der Umgegend von Albano nach Castel Gandolfo, nach Ariccia, durch den schattigen Wald zum See,[181] auf den Monte Cavo und besonders zu den sogenannten Galerien, d.h. die Bergstraße mit ihren Windungen. Hier sind die großartigsten Baumgruppen von Linden, Platanen, deutschen Eichen und dazwischen die mannigfaltigsten Aussichten vom Albaner See mit seinen steilen Ufern bis zur Hochebene, wo einst Albalonga gestanden und zu dem Städtchen Rocca di Papa, das wie ein Adlernest am Monte Cavo hängt. Welch' herrliche Erinnerungen knüpfen sich für mich an diese paradiesische Natur und an jene Zeit, in der ich in der Jugend und Vollkraft des Lebens stand! Jetzt bin ich ein Witwer, ein Mann von sechzig Jahren, und während ich das schreibe, im Winter 1875/76, herrscht eine Kälte wie in Nauders, und ich sehne mich nach jenem Klima und in jene Zeiten zurück.

Am 24. Juli 1843 wurde mein Sohn Eugen geboren. Der Pathe war Baron Buffiere aus Straßburg. Der Geistliche, der das Kind taufte, war ein großer und, wie es schien, roher Mann. Das reichlich über den Kopf ausgegossene Wasser brachte das Kind nicht zum Weinen, aber als der Geistliche mit seinem Riesenfinger das geweihte Salz, und zwar etwas viel dem Kinde in den Mund stopfte, fing dieses jämmerlich zu schreien an, bis ich ihm das Salz aus dem kleinen Munde, so gut als es ging, herausnahm. Der arme Kleine wurde wieder beruhigt, und wir brachten ihn zur Mutter, die ihn in ihre Arme nahm. Sie nährte ihr Kind selbst und ertrug, soviel sie auch auszustehen hatte, alles mit Liebe und bewunderungsvoller Geduld. Ich war glücklich und zufrieden in meiner kleinen Familie und verdiente mit der Kunst genug, um unsere bescheidenen Ansprüche befriedigen zu können. So oft meine Agnesina mit[182] dem kleinen Lolo zu mir in's Studio kam, lachte mir das Herz vor Freude. Dann warf ich Pinsel und Palette weg, nahm den starken, rothbackigen Kleinen in den Arm und herzte ihn so, daß er manchmal schrie und ihn die Mutter wieder auf den Arm nahm.

Von Rom kamen öfter deutsche Künstler, um mich zu besuchen und eine Partie in die latinischen Berge zu machen. Ich führte sie nach Rocca di Papa, über die Campi di Annibale, wo einst Hannibal sein Lager hatte, nach Tusculum und Frascati und über Grotta serrata und Marino nach Albano zurück; oder auf den Monte Cavo, von hier den Waldweg zum Nemi-See und über Genzano zurück. Diese und andere Partien habe ich in Gesellschaft von Freunden mit meiner Familie und Dr. Millingen sehr häufig gemacht und immer zu Esel. Vom Monte Cavo genießt man aus den Fenstern des Klosters die schönste Aussicht. Rom liegt 25 Miglien entfernt in Nebeldunst, aus dem nur die Peterskuppel wie ein aufgestelltes Ei deutlich aufragt; rechts in der Ferne ist der blaue Berg Soracte, links die Campagna und das leuchtende Meer bis zum Monte Circeo; im Vordergrund tief unten liegen die Seen von Albano und Nemi, wie in Kesseln, von steilen Ufern umgeben und von der üppigsten Vegetation begrenzt.

In Albano malte ich die Porträts der ganzen Familie, auch der Verwandten meiner Frau; aber das meiner Frau wollte mir nie gelingen. Ich konnte ihr seelisches Wesen, das Sanfte und Gute ihres Charakters mit den schönen frischen Formen nicht vereinen. Ost malte ich an ihrem Kopf, ohne daß sie mir dazu saß und wollte dann den Ausdruck, der mir vorschwebte, hineinlegen, aber ich verdarb[183] die Malerei, das Colorit, und es entstand ein idealer Kopf. Das zu viele Idealisiren war damals die schwache Seite der sogenannten strengen Künstler, wodurch faules Zeug entstand, und der Maler, statt das Charakteristische des Gegenstandes zu geben, mehr aus sich selbst heraus malte. Ach, auf welche Irrwege wurde mein schwaches Talent geführt und dadurch in seinem Triebe nach Vollkommenheit gehemmt. Wie viele unnütze Studien habe ich gemacht und mich dabei gequält statt mich an die Natur zu halten und aus ihr, der ewig frischen Quelle, zu schöpfen und zu lernen.

Damals besuchte mich in Albano der Maler Karl Rahl aus Wien, der schon einige Zeit in Rom sein Atelier aufgeschlagen hatte. Er speiste bei mir, und wir machten dann einen Spaziergang nach Ariccia. Er war ein genialer Mann, hatte ein vorzügliches Gedächtniß, einen durchdringenden Verstand, eine Beredsamkeit ohne Gleichen, und wenn er mit seiner angenehmen Stimme seine freie Gesinnung offenbarte, bezauberte er Alle, besonders die jungen Künstler. Er war kein Trinker, aber ein starker Esser und ein Freund der Frauen. Bei meinen bekannten streng religiösen Künstlern galt er als ein Wüstling und als ein Freimaurer. In der Malerei war sein Streben, den Venetianern, besonders Tizian und Bonifacio, gleich zu werden. Aber er konnte ihre Klarheit und Lebensfrische nicht erreichen. Zu jener Zeit malte er in Rom ein großes Altarbild, das er den Triumph des Copal-Firnisses nannte, da er immer den Pinsel in diesen Firniß tauchte. In Rom war er zu Lebzeiten Koch's viel in dessen Gesellschaft, ebenso verkehrte er mit Cornelius, der ihn hochschätzte, mit dem[184] Mythenmaler Riepenhausen und dem Landschafter Reinhart, von denen er viel lernte. Damals auf jenem Spaziergange in Albano philosophirte er von allerhand und behauptete, daß ein Künstler nicht heiraten dürfe. Meine Erwiderung war: »Der Künstler muß vor allem Mensch und dann erst Künstler sein; er kann ein glücklicher Familienvater und doch Künstler bleiben; er lebt dann für die Kunst und für die Familie, sein Leben wird viel gehaltvoller und würdiger als das eines Hagestolzen sein.« Er erwiderte nichts darauf und sprach von anderen Dingen. Meiner Frau gefiel er nicht, aber ich freute mich an seinem derben freien Sinn und seinem bedeutenden Geiste; ich blieb ihm gut und wie ein Freund gefällig. Als er mich ersuchte, ihm ebenfalls einen Auftrag von Baron Treves auszuwirken, schrieb ich sogleich nach Venedig und viel Rühmliches über ihn, aber Treves hatte damals keine Luft, und Rahl verließ auch bald nachher Rom.

In jenem Sommer malte ich die Bildnisse des alten, Fürsten Corsini und des Prinzen Conti nebst einigen Studienköpfen. Zugleich übte ich mich auch in Landschaftsstudien. Leider mußte ich als Familienvater darauf bedacht sein, alles zu verwerthen, was mein Pinsel hervorbrachte, und konnte daher nur spät Nachmittag, wenn mein Tagewerk vollendet war, meine Studien im Freien vornehmen In Genzano, ein gute Stunde von Albano, war die Familie des Vincenzo Jacobini mit meinem Schwiegervater sehr befreundet. Meine Frau führte mich dort auf, und ich bot mich an, die drei schönen Töchter in kleinem Maßstabe zu porträtiren. Theresina, die Schönste, malte ich für mich in Lebensgröße und im Albaner Costüme. Als ich das Bild[185] in Rom ausstellte, konnte ich es so gleich verkaufen und erhielt neue Aufträge zu Porträts. Dieses Mädchen hatte eine unbegreifliche Geduld mir als Modell zu stehen und war so eifersüchtig auf ihre Schwestern, daß sie bei der Sitzung immer zugegen war, bis sie wieder an die Reihe kam. Sie gab mir deutlich zu erkennen, daß sie in mich verliebt war, und wäre ich nicht von Liebe und Treue für Agnesina ganz durchdrungen gewesen, hätte es gefährlich werden können. Da ich mit meiner Frau einverstanden war, im Falle eines Gewitters bei der Familie zu übernachten, so rief Theresina oft; »Wenn die h. Madonna nur heute ein tüchtiges Gewitter kommen ließe!« Zweimal war dies wirklich der Fall; sie verließ mich nicht und trieb es in ihrer Unschuld so, daß ich verlegen wurde. Da die Familie wohlhabend war, so verheirateten sich später alle diese Mädchen, auch die Jüngeren, die damals noch Kinder waren.

So kam der October, der angenehmste Monat des ganzen Jahres. Die Jagden und die Weinlese gaben Anlaß zu sehr angenehmen und lustigen Zusammenkünften, bis wir wieder nach Rom übersiedelten. Diesmal waren wir schon unser Vier, außer meiner Frau der kleine Eugen und ein Kindmädchen Loretta aus Ariccia, ein braves treues Geschöpf, welches fünfzehn Jahre bei uns blieb. Meine Frau hatte eine große Freude in der angenehmen Wohnung und richtete sie äußerst bequem ein. Wie oft gingen wir in den acht Jahren, die wir dort wohnten, zum Monte Pincio; jährlich sahen wir von unserem Balcon zweimal, am Ostermontag und an St. Peter und Paul, das Feuerwerk auf der Engelsburg und die Beleuchtung der Peterskuppel. Es[186] stiegen oft mehr als 4000 Raketen auf. In diesem Winter wurde ich mit dem jungen Fürsten Salviati Borghese bekannt. Als er mich besuchte und die Skizze der h. Elisabeth von Thüringen sah, bestellte er eine Wiederholung im kleineren Maßstabe, die ich ihm mit einiger Veränderung der Composition malte. Auch mußte ich für ihn das Töchterchen seines Bruders malen, der damals seine schöne Frau durch den Tod verloren hatte. Sie war eine Schwester der Fürstin Doria und Tochter des Lord Shrewsbury, wegen ihrer Schönheit berühmt und von den Armen Rom's, deren Stütze sie war, beweint. Lady Walpole, eine der schönsten jungen englischen Damen, kam zu mir und ließ sich malen. Dieses Porträt brachte mir wieder andere Aufträge ein, denn ein so auffallend schönes Gesicht macht den Künstler, wenn es ihm gelingt, gleich berühmt. Viele Engländer besuchten mich, und ich erhielt Bestellungen von mehreren Porträts. Ich erinnere mich gar nicht mehr daran und habe auch leider keine Aufzeichnungen über meine Arbeiten geführt.

Das Porträtmalen ist für den Künstler sehr lehrreich, weil er dabei die Natur getreu nachbilden muß, und zugleich angenehm, wenn der Maler ein gescheidtes Individuum und einen charakteristischen Kopf vor sich hat. Das Gegentheil tritt aber dann ein, und es kommt so häufig vor, wenn Damen, die schon in der zweiten Lebenshälfte stehen, nie schön waren und es nie mehr werden können, geschmeichelt sein wollen. Der Maler erkennt dies schon in der ersten Sitzung durch's Gespräch und die Geberden der Dame. Wenn er es versteht und den Willen dazu hat, sie schöner, jünger und doch ähnlich darzustellen, wird er ihr Freund,[187] wenn sie auch sagt: »Sie haben mir geschmeichelt.« Wehe aber dem Maler, wenn er das nicht zu thun im Stande ist. So hatte ich im zweiten oder dritten Jahre nach meiner Vermählung die zwei Töchter des Lord Cadogan, des Admirals von England, zu malen. Die zwei Damen waren unverheiratet aber schon über die Jahre der Schönheit hinaus. Die Jüngere malte nicht ohne Talent als Dilettantin in Aquarell und besaß viel Liebe und Verständniß für die Kunst, so daß der Verkehr mit ihr sehr angenehm war. Das Porträt gelang mir gut, sie hatte Geduld und auch einen angenehmen Ausdruck im Gesichte. Aber ihre Schwester konnte den Mund wegen ihrer großen hervorragenden Vorderzähne nicht zuschließen oder nur mit Gewalt, was ihr einen höchst unangenehmen und unnatürlichen Ausdruck gab. Bei der ersten Sitzung malte ich sie schonungslos ähnlich. Aber der offene Mund und die Zähne gefielen ihr nicht, und ich mußte auf dem Bilde wieder den Mund geschlossen malen. Als ihre Schwester das mit Recht unnatürlich fand, sollte ich den Mund wieder öffnen; nun machte ich den Mund kleiner und gefälliger, so daß die Zähne nicht so hervorstanden, und sie war zufrieden. Da sie wie ihre Schwester decolletirt dargestellt sein wollte, malte ich den mageren Hals und die Brustknochen so getreu, daß es wie ein Gerippe vom Gottesacker aussah. Weil ihr das nicht behagte, kam sie in einem geschlossenen Vormittagskleide, und ich malte ihr mit Vergnügen das braunseidene Kleid über das anatomische Studium. Dann wollte sie an der Nase, an den Augen Etwas verändert haben; eines Tages kam sie in schwarzem Kleide mit Locken und Schleier und sagte: »Sehen Sie, so gefalle ich Jedermann, so war[188] ich in der Capelle Sistina, das Miserere zu hören.« Ich malte ihr das dritte Kleid, die Locken und den Schleier und hoffte wenigstens fertig zu werden, nachdem sie meine Geduld wochenlang auf die Probe gestellt hatte. Ich veränderte noch manches im Gesichte, sie sah schön, jung und doch ähnlich aus. Als sie das Bild ansah, meinte sie: »Das ist alles charmant und schön, aber schauen Sie hier im Licht meine Augen genau an; diese dürfen nur mit lapis lazuli gemalt werden, denn so schön blau sind meine Augen.« Nun fing es in mir zu brodeln an wie in einem siedenden Kessel, meine Geduld war erschöpft. Ich bat sie höflich, sich noch einmal zu setzen, nahm mit einem großen Pinsel von der Palette alle Farben auf einmal und strich sie über das Gesicht: »Nun bin ich fertig, kommen Sie her und schauen Sie«, sagte ich ihr und ging aus dem Atelier fort. Meine Frau sah mir gleich an, daß etwas Unangenehmes vorgefallen sein müsse; ich blieb einige Minuten bei ihr und erzählte die Geschichte. Als ich in's Atelier zurückkam, traf ich die Lady noch vor dem Spiegel, aber mit einem noch viel längeren Gesicht. Nun konnte ich mich nicht mehr bezwingen, und sagte ihr, daß sie meine Geduld erschöpft, daß sie sich geirrt habe mich wie einen elenden Handwerker zu behandeln, und dabei nahm ich das Bild von der Staffelei und schlug es mit solcher Gewalt auf den Sessel, daß es in zwei Stücken auf dem Boden lag, und verließ nochmals das Atelier. Endlich hörte ich den Wagen wegrollen, und ich war befreit. Eine Stunde nachher brachte der Diener die Bezahlung für das Porträt ihrer Schwester, aber von nun an blieb der Besuch der englischen Aristokratie in meinem Atelier aus. Dafür verschaffte mir ein amerikanischer Maler,[189] Herr Terry aus New-York, andere Bestellungen. Ich mußte einen Herrn und eine Frau, beide von großer Schönheit, in lebensgroßer halber Figur malen, und eine amerikanische Dame verlangte eine Wiederholung der h. Katharina, von Engeln getragen, von der sie eine Skizze bei mir gesehen. Auch hier brachte ich einige günstige Veränderungen an.

Zu Weihnachten fuhr ich mit meiner Familie nach Albano und blieb daselbst zehn Tage. Da ich damals in Gesellschaft von Jagdfreunden eine Jagd auf Hochwild, »cacciarella«, mitmachte, will ich Einiges darüber berichten. Die großen Waldungen bei Pratica, Ardea, bei Nettuno, Astura bis zur Halbinsel Circeo bilden ein ungeheures Jagdrevier für Rehe, Wildschweine und die ergiebigsten Jagdplätze waren Conca, Campo morto (ein Freiplatz und Asyl für Räuber und Mörder), so wie Cinque Scudi und andere Masserien, d.h. Meiereien, wo die römischen Großgrundbesitzer ihre Heerden von Büffeln, Schafen und Ziegen halten. Die größte am Campo morto gehörte St. Peter. Obwohl in der Umgebung von Rom überall Jagdfreiheit war und jeder Unbescholtene eine Jagdlicenz und einen Waffenpaß erhalten konnte, so war doch diese Waldwildniß den Römern und Albanern zu entfernt und wohl auch für den Einzelnen zu gefährlich. Don Miguel hatte durch die Familie Mencacci diese Gegend kennen gelernt und seine gelungenen Jagden gaben die Veranlassung zur Gründung einer Jagdgesellschaft von etwa 12–14 Jagdfreunden aus Albano, Ariccia und auch aus Rom. Sie unterhielten in einer Bauernhütte zwischen Ardea und Nettuno einen eigenen Hüter und eine Meute von mehr als dreißig Hunden. Dieser Gesellschaft schloß ich mich an und machte mit ihr durch[190] acht Jahre, so lange ich in Rom lebte, jeden Spätherbst und Winter einige Jagden mit. Ein solcher Jagdausflug dauerte gewöhnlich 6–8 Tage; nach Pratica, Ardea, oder Ostia ritten wir auf Eseln oder Pferden, nach Nettuno, Astura oder Conca fuhren wir, weil die Fahrstraße gut ist, in Wagen. Wir trafen dann schon 10–12 Hirten, von denen ein jeder Jäger ist und eine Flinte trägt, als Treiber. Der älteste und erfahrenste Schütze dieser Waldbewohner war der Capocaccia, der Leiter der Jagd. Eine solche wilde Jagd hat beinahe dieselben Regeln wie in Deutschland, nur kennt man in Italien weder ein Jägercostüme noch eine besondere Jagdsprache, auch wird das geschossene Wild am Ende der Jagd gleich vertheilt, während es bei uns dem Eigenthümer zufällt. Bei den ersten Jagden wurde mir als Neuling nur der schlechteste Platz zugetheilt, aber im zweiten Jahre rückte ich schon zwischen die zwei besten Schützen ein. Eines Tages, am 15. December 1845, brachen wir früh sechs Uhr von Campo morto auf. Der Zug ging durch Wiesen zwischen weidendem Hornvieh und dann in den Busch- und Hochwald von Eichen und Pinien. Wir mußten uns oft bücken und dann wieder durch acht Fuß hohes Farrenkraut dringen. Voran ging der Führer mit der Flinte auf dem Rücken, ein altes Waldmännchen, das in seiner verschossenen rothen Jacke, mit dem gelben zugespitzten Hut, mit Bundschuhen und langhaarigen Ziegenfellen an Schenkeln und Schultern eine höchst malerische Figur darstellte. Auch die anderen Treiber waren in ihrer zerlumpten Tracht nicht weniger malerisch. Als dann der Tag anbrach, und die Sonne ihre goldenen Strahlen in die Lichtungen dieses Urwaldes auf die alten und knorrigen Bäume und Schlingpflanzen[191] fallen ließ, gab dies einen entzückenden Anblick. Wie gern wäre ich verweilt, um zu zeichnen. Der Landschaftsmaler kennt diese wilde Natur nicht, sie ist im Sommer auch wegen der Malaria unzugänglich. Aber doppelt glücklich ist der Jäger, wenn er zugleich Maler ist, denn er hat einen Sinn mehr als andere Menschen, den für die malerische Schönheit der Natur. Welche Bilder zeigten sich da: Hier kommt man zu einem mit dichten Schlingpflanzen überwachsenen Monument, zu den Ueberresten einer alten Brücke oder Straße; im Buschwald ist alles grün und dicht vom niederen Gestrüppe bis zur Eiche, und dort im Hochwald tritt man unter die hohen Bäume, deren Kronen der Epheu umschlingt und verbindet, wie in einem gothischen Dom. Dazu die wechselnden Lichter und Schatten, die zerlumpten Treiber und wir selbst eilig und erregt, oft auf dem Steig nur Einer hinter dem Anderen. Schon im Buschwald zeigte uns der Alte die Fährte eines Ebers, die bald rechts, bald links in den Wald lief; dann stellte er von fünfzig zu fünfzig Schritt die Jäger auf und mich auf den besten Platz, wo die Fährte gerade vor mir hinlief und zwei Oeffnungen im dichten Gebüsch den Durchbruch des Wildes zeigten. Leise rief mir das Waldmännchen in's Ohr: »in bocca al lupo«, »im Rachen des Wolfes«, der Glückwunsch des Jägers, wie in Deutschland das »Waidmannsheil!« Die Nachbarn ließen sich blicken, damit jeder die Richtung kenne, mein Gewehr war in Ordnung, und ich stand unter einer jungen Eiche, der Dinge harrend. Nach einer halben Stunde hörte ich aus der Ferne Hundegebell, das Geschrei der Treiber und Pistolenschüsse; die Jagd hatte begonnen, dann zog sich der Lärm in die Ferne, bis[192] ich das Bellen eines einzelnen Hundes hörte. Mein Nachbar deutete mir nun, daß dieser Hund vor dem Eber stehe und ihn allein nicht austreiben könne. Ein alter Hund, Moschino genannt, ist nur auf die Wildschweine selbst abgerichtet, er achtet nicht einmal auf das Reh, während die anderen Hunde auch auf Hafen, Füchse und Büffel jagen. Unser Hund war ein alter Kämpfer und trug den ganzen Leib voll Narben von Wunden, die ihm die Hauer der Eber aufgerissen. Jeder Jäger kannte dieses edle Thier, und wenn er sein rauhes Gebell hörte, machte er sich zum Schuß bereit. Wir hörten nun deutlich, wie die anderen Hunde ihm zu Hilfe eilten und den Eber anbellten, bis er sich erhob. Dieser blieb vor dem ersten Jäger im Busche stehen, weil er aber Wind hatte, bog er schräg ab und gerade meiner Richtung zu. Ich hörte das Krachen der Aeste, sah die Wipfel der Bäumchen sich schütteln und dann aus der Oeffnung des Busches einen riesigen Schädel hervorleuchten. Ich schoß, der Eber trabte weiter, und als ich über den Steig sprang, um ihm noch einen Schuß zu geben, war er verschwunden. Aber getroffen hatte ich ihn, denn die Zweige waren voll Blut, und ich brach mir einen Busch Reiser als ein Zeichen ab. Mein Nachbar zur Linken klatschte mir zu, deutete aber stehen zu bleiben; er und der Jäger zur Rechten drängten sich durch den Busch, um dem Eber den Weg abzuschneiden und ihm den Rest zu geben. Ein kleinwinziger Hund zwängte sich am Boden durch die dichten Reiser fort, dann kam heulend die Meute der anderen Hunde und stürzte sich auf den Eber, der sich im dichten Busch gelagert hatte und nicht weiter konnte. Ich hörte ein furchtbares Gekläffe, dann einen Schuß und bald auch ein Signal,[193] daß der Trieb aus sei. Die Jäger und Treiber sammelten sich, zehn Mann schleppten das Unthier aus dem Dickicht auf den Pfad. Mein Schuß war ihm durch den Hals in die Brust gegangen und tödtlich, der zweite hatte ihn in den Kopf getroffen; sieben Hunde waren verwundet, einige auf den Tod. Während ein Mann in die Meierei eilte, um ein Saumpferd zu holen, und während der Trieb fortgesetzt wurde, blieb ich bei dem erlegten Wilde und zeichnete eine Skizze, die ich noch aufbewahrt habe. An diesem Tage wurden noch fünf Stück Wildschweine geschossen, aber alle zusammen wogen nicht mehr als mein Eber, der ohne Eingeweide 31/2 Centner schwer war. Diese Jagd dauerte acht Tage. Jeden Morgen wurde die Wildniß in einer anderen Richtung durchstreift und noch sehr viel geschossen. Ein schwerer Wagen, von Büffeln gezogen, brachte das erlegte Wild, Rehe und Schweine, nach Albano. Das Wetter war, obwohl in der Woche vor Weihnachten, schön und warm wie im April. Da wir einen Koch mithatten, wurde um eilf Uhr im Walde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen; die Menschen, die Hunde, das an den Bäumen aufgehängte Wild boten abermals ein schönes Bild, und ich verfehlte nicht, einiges davon zu zeichnen. Abends fünf Uhr zogen wir Alle zur Herberge, die oft noch zwei bis drei Stunden entfernt war, und wo es gewöhnlich noch lustig herging. Ich bin nur ein mittelmäßiger Schütze, weil mir die nöthige Ruhe und Kaltblütigkeit fehlt. Aber Ihr wißt Alle, daß man gern über ein Fach schwätzt, in dem man am wenigsten tüchtig ist, so ich hier über die Jagd. Ja ich konnte damals meinem Drange nicht widerstehen und malte ein Jagdbild, das einen Engländer, Mr.[194] Silvertopp, so erfreute, daß ich es ihm sogleich überlassen mußte.

Meine religiöse Richtung in der Kunst konnte damals den Naturalismus noch nicht vertragen, und meine deutschen Freunde, welche alle Anhänger Overbeck's und Cornelius' waren, hatten noch so viel Einfluß auf mich, daß ich beim Cartonzeichnen in coloristischer Beziehung völlig zu Grunde ging. Meine Bilder waren in der Nähe gesehen sehr detaillirt und gut durchgebildet, aber wegen der falschen Principien im Coloriren machten sie eine schlechte optische Wirkung. In unserem Kreise galt es als ein künstlerisches Verbrechen, am Bilde selbst nach einem Modell zu malen; man durfte wohl darnach zeichnen, aber nur nach dieser Zeichnung das Bild malen, so daß die Farben conventionell und falsch wurden, um so mehr, als man uns nur schlechte Regeln und diese unbedingt vorhielt. Die italienischen Maler, welche zu dieser Zeit in Rom lebten, waren entweder noch Anhänger des akademischen Zopfes des Malers Camuccini oder krasse Materialisten. Sie malten irgend einen Taugenichts mit langen Haaren als Christus, oder ein beliebiges unwürdiges Frauengesicht als Madonna. Obwohl sie besser colorirten als die Deutschen, konnten sie nur einen abschreckenden Eindruck auf mich machen. Auch mit der Richtung der französischen Akademie, welche damals unter Leitung des ausgezeichneten Directors Ingres stand, konnte ich mich nicht befreunden.

In Albano, den dritten Sommer nach meiner Vermählung, malte ich für Baron Buffiere zwei Bilder, eine Madonna mit zwei Engeln und eine Maria Heimsuchung in dem Augenblick, wie Maria zum Himmel blickt und die[195] Worte spricht: magnificat u.s.w.; Elisabeth kniet vor ihr, Joseph und Zacharias stehen unter einer Weinlaube. Damals wurde mir ein zweiter Sohn, Julius, geboren, ein zartes schwächliches Kind, das aber ein großer starker Mann geworden ist. In jenem Sommer lernte ich den Aquarellmaler Michel Stohl aus Wien, sowie die österreichischen Pensionäre, den Maler Karl Mayer und den Bildhauer Joseph Gasser kennen. Stohl wohnte mit seiner Frau in unserem Hause und wurde wegen seines Witzes und immer heiteren Laune bald bei uns beliebt. Er copirte gern moderne und alte Bilder, auch einige von mir in Aquarell, die er dann verkaufte. Noch heute ist er mir ein alter lieber Freund. Karl Mayer war schon damals ein bedeutendes Talent und vielseitig gebildeter Künstler. Er kannte alle Theorien und Methoden der Kunst, ließ jeder Richtung ihr Recht, versuchte auch allerlei Methoden, blieb aber immer ein Freund der Natur. Er hatte viele Bestellungen für Altarbilder aus Oesterreich. Oftmals, wenn das Bild halb vollendet war, trieb es ihn in die schöne Natur hinaus; er kam dann mit neuen Ideen zurück, stellte das Bild von gestern auf die Seite und begann ein neues. Während der zehn Jahre, die er in Rom zubrachte, hat er eine Unzahl von flüchtigen aber höchst werthvollen Notizen nach der Natur und Aquarell-Skizzen gearbeitet. Dabei besaß er ein ehrliches edles Herz, ein freisinniges Denken und war in allem mäßig und uneigennützig. Da ich noch in vielem unerfahren und in meiner Kunstanschauung sehr einseitig war, nahm er einen großen Einfluß auf mich; wie oft predigte er mir, das Atelier-Sitzen tauge nichts, man müsse hinaus in die Natur nicht nur für die Bilder, sondern auch um den Geist[196] zu bilden. Er kritisirte meine Bilder, daß ich sie hätte zerreißen mögen; ich folgte ihm einigemal, fand es aber doch für besser, mein eigenes Wissen und meine Ueberzeugung vorwalten zu lassen. Der Bildhauer Joseph Gasser blieb mehr zurückhaltend in sich gezogen; sein Talent und sein Schönheitssinn waren jedoch nicht minder ausgezeichnet, und sein Umgang hat ebenso einen guten Einfluß auf mich genommen. Wir wurden alle drei gute Freunde und sind es bis heute geblieben, denn Mayer und Gasser leben noch wie ich in Wien.

Graf Leon Potocki, der russische Botschafter in Neapel, für den ich schon manches, namentlich das Porträt seiner Frau gemalt hatte, lud mich auf seiner Durchreise in Rom nach Neapel ein, um die Porträts mehrerer russischer Familien zu malen. Mit Freude und rosenfarbigen Hoffnungen reiste ich mit meiner Familie im Mai 1847 nach Neapel, aber Graf Potocki war in die Krim gereist, und es hieß, daß er gar nicht mehr zurückkehren werde. Die nächste Aussicht auf Beschäftigung war damit vernichtet; aber die Gräfin Sobanska, eine Schwester Potocki's, gab mir den Auftrag, die h. Familie von Raphael, welche damals noch im Besitze des Principe di Terra nuova war und heutzutage in der Galerie zu Berlin ist, zu copiren. Der Principe di Terra nuova, ein großer Kunstfreund, gestattete die Copie und besuchte mich öfter bei meiner Arbeit. Seine schöne junge Frau ließ sich von mir porträtiren, und durch dieses gelungene Porträt wurde ich schnell in der neapolitanischen Aristokratie bekannt. Ich malte mehrere Porträts, so die zwei jüngeren Schwestern der Fürstin, die Principessa di Lavello und die jüngere noch ledige Schwester, sowie[197] ihren Bruder, den jungen Conte di Filangieri, später Herzog di Cardinali. An den Freiherrn von Rothschild verkaufte ich ein Costümebild aus Albano, und er lud mich in seine Villa bei Castellamare ein, um seine Frau zu malen. Auch war ich an vornehme russische Familien, besonders die Apraxin empfohlen, welche den Sommer über in Castellamare wohnten. Ich verließ nun meine reizende Wohnung in der Straße Chiatamone, wo wir die schöne Aussicht auf das Meer hatten, und fuhr mit meiner Familie das erstemal mit einer Eisenbahn nach Castellamare. Da dies die erste Bahn in Süditalien war, herrschte noch viel Unordnung. Die Lazzaroni drängten sich heran, um zu verdienen und zu stehlen, und ich mußte mit meinem Stock auf einige Schädel losschlagen, bis ich meine Kinder und mein Gepäck wieder beisammen hatte. Wir ritten dann auf Eseln den Berg hinauf nach Quisisana, wo ein Bekannter in einer Villa ein angenehmes Quartier bestellt hatte. Die Aussicht führte auf das Meer bis Neapel und Ischia, ein schöner Garten war dabei, die Luft war erquickend, denn nicht umsonst heißt diese Anhöhe mit dem königlichen Lustschloß »Quisisana«, hier wird man gesund. Ich kam mit nur geringen Hoffnungen und hatte mich nicht getäuscht. Die Baronin Rothschild verschob aus verschiedenen Gründen die Sitzung und ließ sich stets entschuldigen, wenn ich mich meldete; auch die Apraxin hatte keine Lust mehr sich porträtiren zu lassen. So kehrte ich nach Neapel zurück, wo die liebenswürdige Fürstin von Lavello die Güte hatte sich nochmals von mir, und zwar in einer anderen Stellung malen zu lassen. Uebrigens befand sich meine Familie wohl in Castellamare; meine Frau gebrauchte die Seebäder und lernte[198] gut schwimmen, leider verlor sie dabei einen kostbaren Ring, den kein Taucher wiederfinden konnte. Ich führte sie einmal zu ihrer großen Freude nach Pompeji und einige Wochen nachher mit den Kindern nach dem schönen lieblichen Sorrent. Schon die Reise dahin zwischen den kleinen Dörfern, zwischen Weingärten, Myrthensträuchern und Olivenwäldern ist genußreich, wie viel mehr Sorrent, das Paradies von Italien. Wir wohnten in einer Villa, eine Viertelstunde von der Stadt und hatten hier die Aussicht auf das Meer und seine schönen Ufer. Eine Treppe führte den felsigen Abhang hinab in eine Grotte am Meere, die mit Seewasser gefüllt war und ein erfrischendes herrliches Bad gewährte. Der Ausbruch des Vesuvs, der in jener Zeit stattfand, bot uns ein entzückendes Schauspiel. Tausende von feurigen Felsstücken flogen in die Luft, Millionen kleiner Steine stiegen wie Raketen himmelhoch auf, beleuchteten wie bei hellem Sonnenschein Neapel, die Inseln und den Golf und spiegelten in der Flut leuchtende Girandolen ab. Andere Felsstücke rollten vom Abhang des Kraters zur Tiefe nieder, und das Getöse des Ausbruchs war wie ein anhaltender Donner. Wenn wir Abends auf der Terrasse verweilten konnten wir uns nicht satt sehen und blieben oft bis ein Uhr in der Nacht bei gutem Wein und erfrischenden Wassermelonen sitzen. Die Familie des Eigenthümers wohnte in einem großen Bauernhause inmitten eines großen Orangengartens. Der Capocasa war ein Mann von 76 Jahren, groß und stämmig, von mildem ehrenhaften Aussehen; ebenso seine alte Frau, der Alle gehorchten. Sie hatten zwölf Kinder, fast alle erwachsen, und der älteste Sohn war wieder verheiratet, so daß die Familie aus sechzehn Personen bestand.[199] Wenn sich Abends Alt und Jung der Familie vor dem Hause unter den großen Nußbäumen und niederhängenden Weinreben versammelte, gab das ein wahrhaft patriarchalisches Bild. Es war ein herrlicher Menschenschlag, Alle blond, vielleicht von normannischer Abstammung und unverdorbene sittliche liebe Menschen. Ich malte einen Studienkopf nach dem einen zwölfjährigen, schönen, blondgelockten Knaben, und das malerische Bauernhaus mit der Staffage von Mädchen, Hühnern und Pfauen.

Auch in der Stadt Sorrent malte und zeichnete ich einige Studien. Ein neapolitanischer Maler machte mich besonders auf zwei Schönheiten aufmerksam, eine junge Tischlersfrau und ein Mädchen, welches nach einigen Tagen in's Kloster ging. Ich kann wohl sagen, daß ich nie schönere Frauenköpfe gesehen habe. Sie hatten den griechischen Typus wie die Antiken, aber nicht in kaltem Marmor, sondern in bezaubernder Lebensfrische mit schmachtenden großen Augen und edlen Gesichtstheilen, welche die Formen des schönen Ovals ausfüllten. Die Tischlerin malte ich und verkaufte das Bild an einen russischen Grafen. Im Ganzen findet man jedoch in Neapel und seiner Umgebung viel weniger schöne Frauen als in Rom; ist aber Eine schön, so ist sie von griechischer oder saracenischer Abkunft und dann um so mehr her vorragend. Jene Tage in Sorrent gehören zu den angenehmsten meines Lebens, und nur ungern scheide ich von der Erinnerung daran, aber ich habe noch anderes zu schreiben.

Nach drei Wochen kamen wir wieder nach Quisisana bei Castellamare zurück, da sich die Mutter, Doctor Millingen, der junge Chigi und Doctor Bassanelli aus Albano[200] zu einem Besuch angesagt hatten. Wir machten dann zusammen eine Partie nach Salerno und begleiteten sie nach Neapel, wo wir zwei Verwandte meiner Frau, den Advocaten Francesco Raimondi und seinen jüngeren Bruder Ercole, zwei vortreffliche, edle Menschen kennen lernten. Der Letztere wurde ein Opfer der Revolution 1848 und ist im Kerker verschmachtet. Während Doctor Millingen und seine Gesellschaft die Rückreise über Ganta und Terracina einschlug, fuhren wir über Ceprano und Monte Casino. In Valmontone besuchten wir die Familie Bianchini, die mit Agnesina verwandt war, die alten ehrwürdigen Eltern, mehrere Söhne, junge Frauen, Enkel und Enkelinnen. Der Chef des Hauses war Verwalter der großen Herrschaft Colonna und die Familie wohnte im Schlosse Colonna. Bei Tisch waren 26 Personen; alle gesund, schön, aufrichtig und voll herzlicher Theilnahme für Agnesina und unsere Kinder. Da in Valmontone damals kein Gasthaus bestand, gewährte die Familie Bianchini Jedermann die beste Gastfreundschaft, wie man das noch häufig in Unteritalien findet, und auch wir mußten einen Tag Rast halten. Am anderen Morgen fuhren wir nach Albano und Ende October, nachdem ich einige Arbeiten vollendet und mehrere Jagden in der Campagna mitgemacht hatte, wieder nach Rom.

Meine erste Beschäftigung war das Bild einer Madonna nach Fra Bartolommeo in der Galerie Sciarra, welches die Gräfin Sobanska bei mir bestellt hatte. Zugleich componirte ich die sogenannte »Bella di Tiziano«, welches Bild ich an einen Engländer verkaufte. Eine Skizze davon habe ich behalten, und sie hängt noch in meinem Zimmer. Auch wiederholte ich die h. Familie von Raphael, die ich[201] in Neapel gemalt hatte, für einen Dänen in Kopenhagen. Dazu kamen noch in demselben Winter mehrere Porträte, ein Familienbild der Kinder des österreichischen Botschafters Grafen Lützow und die erste Familie, Adam und Eva mit den ungleichen Söhnen, für Herrn Silvertopp in England.[202]

Quelle:
Blaas, Karl: Selbstbiographie des Malers Karl Blaas 1815–1876. Wien 1876, S. 180-203.
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