Museum der asiatischen Kunst und Kultur Neubauten bei dem Museum für Völkerkunde

[244] Für ein Museum der asiatischen Kunst wird der Platz auf der Museumsinsel nicht mehr vorhanden sein; er läßt sich aber an anderer Stelle und voraussichtlich in einem älteren Museumsgebäude, wenn[244] dasselbe teilweise frei werden wird, finden. Die islamische Sammlung mit der Fassade von M'schatta, einem Monument, wie wohl nie ein an Bedeutung und Umfang ähnliches in ein europäisches Museum wieder kommen wird, kann im Kaiser-Friedrich-Museum nur noch kurze Zeit beherbergt werden, zumal diese Sammlung, deren Bildung eben erst begonnen ist, wesentlich erweitert werden muß. Neben der vorderasiatisch-islamischen Kunst muß aber hinfort auch die alte chinesische und japanische Kunst bei uns gesammelt werden. Während der Wert der persisch-islamischen Kunst und ihre Einwirkung auf die europäische Kunst längst anerkannt ist, weiß man in weiteren Kreisen kaum, daß die Kunst Ostasiens die des Rokoko, ja zum Teil auch schon die des Barock wesentlich beeinflußt hat, daß sie die Quelle der ganzen Kunst Asiens durch Jahrtausende gewesen ist und dadurch indirekt auch auf die europäische Kunst eingewirkt hat. Ihr absoluter Wert ist bei uns bisher so gut wie unbekannt, da echte Werke der altasiatischen Kunst bisher nur ganz spärlich zu uns in öffentliche Sammlungen gekommen sind. Bei der Stellung, die sich Ostasien jetzt auch politisch und kulturell wieder zu erringen im Begriffe steht, wird die Bildung einer Sammlung der echten alten Kunst dieser Länder eine hervorragende Aufgabe unserer Museen werden.

Für diese Sammlungen der vorder- und hinterasiatischen Kunst ist, wie gesagt, ein Platz auf der Museumsinsel nicht mehr zu finden. Der Umstand, daß im Museum für Völkerkunde die asiatische Abteilung Verwandtes sammelt, und daß auch das Kunstgewerbe-Museum eine Abteilung kunstgewerblicher Arbeiten sowohl von Vorderasien wie von Hinterasien besitzt, läßt es, wenn auch andere Gründe für ihre Verbindung mit der antiken und der vorderasiatischen Kunst sprechen, doch erwünscht erscheinen, in der Nähe dieser Museen oder in Verbindung mit ihnen den Platz für diese neuen Sammlungen zu finden. Im Kunstgewerbe-Museum oder im Anschluß daran ist kein Raum mehr vorhanden, dagegen ließe sich solcher im Museum für Völkerkunde schaffen, wenn ein größerer Teil seiner Sammlungen an anderer Stelle ein neues Heim fände. Das außerordentliche Anwachsen sämtlicher Sammlungen des Museums für Völkerkunde macht dies, auch abgesehen von der Unterbringung der asiatischen Kunstabteilungen, zur gebieteri schen Notwendigkeit, so daß der bisherige, in der Denkschrift vom 9. März 1904 (Drucksache des Hauses der Abgeordneten, Session 1904, No. 144) näher erörterte Plan, die Erweiterung im Anschluß an den bisherigen Bau zu suchen, sich nicht aufrechterhalten läßt. Denn ein solcher Anbau, der nur in dem Parke Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Albrecht möglich wäre, würde wegen der außerordentlichen Kosten des Grund und Bodens auf einem nur kleinen Baugrundstück und daher durch sechs Stockwerke ausgeführt[245] werden müssen. Ein solcher Bau würde aber, abgesehen von dem Mangel an Übersichtlichkeit und der Abneigung des Publikums gegen den Besuch höherer Stockwerke in den Museen, wie der großen Feuergefährlichkeit, den Bedürfnissen der Sammlungen nur sehr unvollkommen und keinesfalls auf längere Zeit entsprechen. Haben sich diese doch seit der Eröffnung des Museums so sehr vermehrt, daß sich in zwanzig Jahren die Zahl der Gegenstände etwa verfünffacht hat. Nun ist es freilich gewiß wünschenswert, daß ein beträchtlicher Bruchteil des jetzigen Bestandes als Dubletten ausgeschieden oder als Studiensammlung gedrängt aufgestellt, und daß beim weiteren Sammeln möglichst kritisch vorgegangen wird. Allein gerade der Kolonialbesitz des Deutschen Reiches umfaßt in Afrika und Ozeanien ethnographisch ganz hervorragend wichtige Gegenden, deren bisher zu sehr versäumte wissenschaftliche Erforschung und systematische Ausbeutung für unsere Museen eine dringende Pflicht ist. Ebenso hat die prähistorische Abteilung eine bisher sehr vernachlässigte Aufgabe in der Sammlung einschlägiger Altertümer aus den Ländern außerhalb Deutschlands. Würde schon dafür der geplante Anbau keinen Raum mehr bieten, so würde sich hier auch die als dringend notwendig erkannte Scheidung der Sammlungen des Museums für Völkerkunde in eine Schausammlung und eine damit in unmittelbarer Verbindung zu belassende Lehrsammlung nicht durchführen lassen.

In dem jetzigen Museum für Völkerkunde, in dem die neuen Sammlungen der west- und ostasiatischen Kunst Platz finden würden, müßten auch die ethnologischen asiatischen Abteilungen verbleiben und in passender Verbindung mit jenen asiatischen Kunstsammlungen aufgestellt werden. Auch würde zu prüfen sein, ob nicht ein Übergang zwischen diesem Gebäude und dem benachbarten Kunstgewerbemuseum hergestellt werden kann, damit die kunstgewerblichen Sammlungen Asiens in diesem Museum in unmittelbare Verbindung gebracht würden mit den Sammlungen der asiatischen Kunst und Kultur im jetzigen Museum für Völkerkunde.

Dagegen erscheint die auch von den meisten Fachleuten dringend empfohlene Verlegung der übrigen Sammlungen des Museums für Völkerkunde nach Dahlem aus allen den obigen Gründen geradezu geboten, zumal die Verbindungen dieses Vororts mit dem Zentrum der Stadt schon jetzt sehr gute sind und mit jedem Jahre besser und zahlreicher werden. Dort würde es möglich sein, jede der verbleibenden Hauptabteilungen des Museums für Völkerkunde, die afrikanische, die ozeanische, die amerikanische und die vorgeschichtliche, in einzelnen Gebäuden unterzubringen, die ein- oder höchstens zweistöckig sein würden und in Eisenkonstruktion herzustellen wären.[246]

Solche Neubauten in Dahlem würden den ethnologischen und verwandten Sammlungen für alle Zeiten ausreichenden Platz bieten. Bei einer Umgestaltung des jetzigen Museums für Völkerkunde in ein Asiatisches Museum und der Herstellung eines Verbindungsbaues mit dem Kunstgewerbe-Museum würde für die Kunst- und Kultursammlungen Asiens genügender Raum vorhanden sein; ja, es ließe sich für absehbare Zeit im Oberstock auch der Platz finden, um dort die verschiedenen, jetzt dort magazinierten anthropologischen Sammlungen Berlins, die der Anthropologischen Gesellschaft, dem Museum für Völkerkunde, der Virchow-Stiftung und Professor von Luschan gehören, aufzustellen und dem Publikum zugänglich zu machen.

Der gewiß nicht zu unterschätzenden Gefahr des Anwachsens der ethnologischen und verwandten Sammlungen ins Ungemessene wird durch ihre Scheidung in Schau- und Lehrabteilungen erfolgreich begegnet werden. Als ein weiteres wirksames Mittel dagegen erscheint eine größere Berücksichtigung der Provinzialsammlungen auf dem Gebiete der heimischen Prähistorie und der deutschen Volkskunde, die sich auch aus sachlichen Gründen empfiehlt. Die prähistorische Abteilung der Königlichen Museen sollte sich das Ziel setzen, unter besonderer Betonung aller germanischen Völker die vorgeschichtlichen Altertümer aller Kulturvölker in ihren mannigfaltigen Typen durch vorzügliche Exemplare nach ihrer formalen und geschichtlichen Entwicklung vorzuführen. Auf die Ausbeutung des Bodens der einzelnen Provinzen Preußens nach dieser Richtung sollte aber in Zukunft den öffentlichen Sammlungen der betreffenden Provinzen das erste Anrecht zustehen, wenn auch unter Teilnahme des Berliner Museums, dem ein Recht auf die Auswahl von typischen, über den Rahmen der Provinz hinaus bedeutungsvollen Funden zu belassen wäre. In den Provinzen haben die dort gefundenen und meist auch entstandenen Altertümer ihren gegebenen Platz und erwecken dort das meiste Interesse; hier läßt sich auch der ausreichende Raum zu ihrer Aufstellung finden. Noch in höherem Grade gilt das Gleiche von den Sammlungen für deutsche Volkskunde: diese sind wirklich lebensfähig und von wahrer Bedeutung nur in den Provinzen, sei es – wie wohl in der Regel – in der Hauptstadt der einzelnen Provinz oder Landschaft, sei es gelegentlich an dem Platz, wo ein kräftig entwickeltes Volksleben sich besonders frisch aus alter Zeit erhalten hat. Hier läßt sich in einem oder einzelnen besonders charakteristischen und gut erhaltenen alten Bauernhäusern und gelegentlich auch alten städtischen Bauten von der Kulturentwicklung der betreffenden Provinz ein geschlossenes, klares Bild geben. Ein großes Zentral-Museum der Art in Berlin würde dagegen notwendig[247] zu einem unübersehbaren Konglomerat der zahlreichen charakteristischen Bauten der verschiedenen Provinzen und Landschaften, welche diesen entzogen werden müßten, anwachsen, und in demselben würde sich eine Überfülle der verschiedensten Trachten, Geräte, Werkzeuge usw. zur Darlegung der Entwicklung des Handwerks, des Kostüms, des Hausrats, der Verkehrsmittel usw. aufstapeln, für die schließlich weder der Raum noch die Mittel zu beschaffen wären, und deren ausreichende Bewachung unmöglich sein würde. Auch würde eine solche Kolonie von museumsartigen Bauten innerhalb eines großen Parkes, in dem sie allein zu denken wären, den »Dörfern« und »Städten«, wie sie die letzten Weltausstellungen ge zeigt haben, bedenklich ähnlich werden und auf die Dauer weder die Schaulust noch gar das wissenschaftliche Interesse des Publikums fesseln können, was bei der Beschränkung auf die einzelnen Provinzen sehr wohl möglich ist. Eine Kräftigung und Vermehrung der Provinzial-, Städtischen und ähnlichen Museen nach dieser Richtung würde diese zugleich auf ihre Hauptaufgabe und eigentliche Bedeutung verstärkt hinweisen: auf das intensive Sammeln der Werke der ganzen Kunst und Kultur der betreffenden Landschaft, wobei ihnen die Berliner Zentral-Museen nicht durch Konkurrenz hinderlich sein, sondern fördernd zur Seite stehen sollten.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 2. Band. Berlin 1930, S. 244-248.
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