Die Komposition.

[87] Wenn der Maler ein Bild plant, so pflegt er vorher eine Kompositionsskizze davon zu entwerfen mit Stift oder mit Farbe. Hierdurch verschafft er sich Klarheit über die Gruppierung der Figuren, über die Fleckenwirkung der Farben und über das Format.

Es gibt die verschiedensten Arten von Bildern. Jetzt soll aber nur von solchen die Rede sein, deren Motiv ein geschichtliches ist.

In diesen Kompositionen soll sich nun der Neuling nebst den Naturstudien ebenfalls üben. Er wird sich bereits Gedanken machen können, was er später in Bildern am liebsten darstellen möchte, und wird oft deshalb denken: »Wozu soll mir dieses? Da ich doch andere Wege gehen will.«

Aber dem ist nicht so. Der Künstler muß alles können. Durch diese Kompositionsarbeiten übt er sein Wissen in den Arrangements, im Zeichnen ohne Modell und von Gruppen. Er lernt die Formate (Hochbild und Längsbild) kennen und die Raumeinteilung. Es ist also eine Art geistiger Gymnastik.

Durch die Kunstgeschichte, welche ich unter die nötigen[88] Unterrichtsfächer gesetzt habe, wird der Studierende alle Augenblicke auf Motive aufmerksam gemacht werden, welche aus bekannten Geschichten ent nommen sind.

Ganz abgesehen von der Schulbildung, die jeder genossen hat, wird der Lernende unwillkürlich darauf geleitet, diese Motive, die hauptsächlich aus der Bibel und aus der antiken Geschichte entnommen sind, wiederum in das Gedächtnis zurückzurufen; er wird sich derartige Bücher anschaffen, um die großen Meister der Vergangenheit besser kennen zu lernen. Er bekommt aber auch das Verlangen, derartige Szenen selbst zu entwerfen, und lernt dabei bereits zweierlei Arten von Motiven kennen:


die allgemein menschlichen, die jeder Einzige aus dem Leben versteht, und

die literarischen, welche nur durch beistehende Erklärung verstanden werden können.


Für uns handelt es sich natürlich nur um die ersteren.

Gehen wir nun an die Wahl solcher Sujets. Prachtvolle Erzählungen findet man im Alten Testament. Die dankbarsten allein schon bei den Schilderungen von Jakob und seinen Söhnen.

Nehmen wir nun das bekannte Motiv: »Die Söhne Jakobs bringen dem Alten den blutbefleckten Rock Josefs und sagen, ein wildes Tier hat ihn zerrissen.« Nun arbeiten im Kopf des Zeichners die verschiedensten Gedanken: es handelt sich um eine böse Tat, aus geführt an einem Bruder. Sie verabreden sich während des ganzen Weges, was sie dem Vater vorlügen sollen. Die verschiedenen Gemütsbewegungen von zehn Menschen, das Mitleid aller mit dem Schmerz des Alten, den sie bereits vorausahnen.

Es gibt auch mehrfache Situationen dieses Motivs: wie sie hineinkommen, bereits das schlechte Gewissen in den Mienen, während der Alte aber noch nichts ahnt. Ferner, wie der Beredtste die Geschichte erzählt und Jakob zu verstehen beginnt, und dann: wo[89] Jakob alles weiß und vor Gram zusammenbricht; der Erzähler mitleidig und zerknirscht mit dem blutenden Rock dasteht und die anderen Brüder ebenfalls ihre schmerzliche und reuige Teilnahme auf den Alten richten.

Um sich weitere Klarheit zu verschaffen, muß das Zentrum der Handlung gesucht werden. Da würde der eine Mittelpunkt sein: der Erzähler mit dem blutigen Rock. Der andere Mittelpunkt wäre Jakob in seinem Schmerz und ringsum die schuldbewußten Söhne.

Als das bei weitem dramatischste und künstlerisch einfachste, weil einheitlich, ist wohl jedenfalls das letztere Motiv zu erachten. Umsomehr, wenn man auch bedenkt, daß ein alter Mann als die Hauptsache im Bilde auch am interessantesten darzustellen ist. Ferner bietet er durch seine Wucht ein Gegengewicht gegen die Gruppe seiner Söhne. Ist man zu dieser letzten Situation entschlossen, so ist weiter das Format zu bedenken, welches aus dem Arrangement der zusammengestellten Figuren sich folgert. Ebenso hat man auch die Raumeinteilung zu bedenken.

Schließlich kommt dann noch die Lichtbeleuchtung und der Ort der Handlung in Frage. Das Gewöhnlichste ist, daß die Hauptgruppe meist in hellem Licht steht und die Nebengruppen je nach der Art der Beleuchtung getönt sind. Jedoch kann die Beleuchtung je nach Art der Stellung eine andere sein.

Im Bilde ist die Folgerung dann eine umgekehrte, da man zuerst das Format hat und die Raumeinteilung und das Weitere in der Skizze gegeben ist.

Ein anderes Motiv: Brennus hat Rom erobert und läßt den geforderten Tribut auf einer Wage abwägen. Als es stimmt, wirft er das Schwert in die Wagschale mit dem bekannten Ruf: »vae victis«.

Hier ist die Situation bereits in der Aufgabe gegeben: Brennus an der Wagschale, wie er sie sinken macht.

Die Art, wie dieses geschieht, ist freigestellt. Deutlicher wird[90] der Vorgang, wenn er mit dem Schwert die Wage einfach herunterdrückt.

Man wird auch versuchen, die Wagschale als Hauptmotiv, infolgedessen als etwas Mächtiges hinzustellen. Der Hohn seines Gefolges, der Vorwurf und die Angst der Römer. Hintergrund die brennende Stadt. Die Beleuchtung im Freien kann gegen das Licht genommen werden oder hell und dunkel durch die verschieden gekleideten Gruppen.

So könnten noch viele andere Motive hingestellt werden, wobei aber immer wieder dieselben Erwägungen sich einstellen werden.

Bei vielfachen Gruppen nebeneinander wird sich meistens das Längsformat folgern.

Das Höhenformat entsteht durch Gruppierungen übereinander, z.B. Komposition um oder auf einer Treppe, oder schwebender Figuren um eine stehende (Geburt der Venus).

Die Skizzen müssen nur in den Hauptsachen angedeutet werden. Die Richtigkeit der Figuren kommt nicht wesentlich in Betracht, falls nur der Ausdruck des Tuns und Gebarens getroffen ist. Auch das Kostüm spielt keine wichtige historische Rolle. Notwendig ist nur die malerische, interessante Zusammenstellung der Gewänder und Waffen.

Es steht jedem frei, andere Kompositionsstoffe zu wählen, wie z.B. Motive aus dem modernen Leben, aber Erfahrung[91] und Praxis empfehlen eben die genannten und ähnliche Stoffe, da gerade in diesen das allgemein Menschliche und vieles, was man lernen soll, erhalten ist.

Wie es aber in der Kunst keine Gesetze gibt, oder nur solche, die man übertreten kann, so ist jedem ge stattet, auf eigene Fasson selig zu werden; vieleicht, daß man neue Wege bahnen könnte.

Die Hauptsache ist aber immer die Arbeit. Nur durch intensivstes Hineinversenken in die Kunst kann man das Ziel erreichen.

Quelle:
Corinth, Lovis: Das Erlernen der Malerei. Berlin: Bruno Cassirer, 1920, S. 87-92.
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