Die Krankheit, die letzten Jahre und die Gründung des deutschen Künstlerbundes

[67] Die Berliner Secession hatte auf der großen Ausstellung in Düsseldorf 1903 einige Säle für sich bekommen und Leistikow war dort, um unsere Bilder aufzuhängen. Hier hatte er den ersten besorgniserregenden Anfall, dem er noch nicht Wichtigkeit beilegen wollte. Aber bald durfte er an dem Unheil nicht mehr zweifeln.

Von jetzt ab begann ein qualvolles Martyrium, das erst mit dem Tode endigen sollte. Aber dennoch geht derjenige fehl, welcher glauben würde, daß nun alle Sonne aus seinem Leben gewichen. Jetzt erst während seines schweren Daseins kam sein scharfgeprägter, stählerner Charakter zur vollen Geltung. Nichts Sentimentales hing ihm an; er stellte sich mit seinem Leiden Auge in Auge, und so oft es nötig war, überwand er es durch seine Energie. Auch seine angeborene Heiterkeit blieb ihm treu; oft konnte wohl ein Unwissender diesen geistsprühenden Menschen beneiden, der ganze Tischgesellschaften in fröhliche Laune versetzen konnte.

Seine Malerei gewann dabei immer mehr an Innerlichkeit, Vertiefung und Reichtum an Motiven. Überall, wo er zur Kur weilte: in Meran, Gastein oder auch bei Besuchen entfernt wohnender Freunde, wie bei Schöllers in Duisburg, entstanden nun Bilder, die zur Freude der Menschheit geschaffen schienen.

Er bleibt von einer Vielseitigkeit, die nicht seinesgleichen hat: die Nord- und Ostsee, Hafenplätze, Segelboote und Lotsenboote, die[67] hügligen Terrains Dänemarks, die Berge Norwegens, das Riesengebirge und die Alpen der Schweiz und Tirols, Parkanlagen, Wiesen, Felder und Wälder, kurz und gut, es gibt nichts auf Gottes weiter Welt, was er nicht bildlich dargestellt hat.

Auch in der Charakterisierung von Tages- und Jahreszeiten zeigt sich seine große landschaftliche Begabung.

Seine Winterbilder, hauptsächlich in Aquarellen, sind eine ganz neue Variation seiner Spezialität. Der Rauhreif, welcher sich schwer auf die gebogenen Äste der Kiefern legt, reizt ihn zu Gemälden großen Formats. Und bei all dem fieberhaften Arbeiten hat er das große Verdienst, nie nach einem Schema zu arbeiten, wo doch die Gefahr besteht, in Virtuosentum zu verfallen. Nein, bei jedem neuen Bilde ist die Art seiner Darstellung auch immer neu und dem Stoff angemessen. Gerade in unserer Zeit, wo französische Imitation und Virtuosität an der Tagesordnung sind, ist es desto mehr zu loben, daß er, der körperlich Erkrankte, in innerer Überzeugungstreue fest seines Weges geht und seine Individualität bewahrt. Ob ihm auch tausendmal gesagt wird, daß die aneinandergesetzten Töne Monets größere künstlerische Wirkungen erzielen, als seine breit hingestrichenen Flächen, oder gar die leidenschaftliche Farbenhäufung seines Seelenverwandten van Gogh ihm zum erstrebenswerten Vorbild angeraten wird, immer bleibt er sich selbst treu, wie er in erster Jugend sich in »Walter Selber« sein Pseudonym gewählt hatte.

Die materiellen und ideellen Erfolge wuchsen immer noch mehr an. Selbst der Staat, durch dessen akademische Beamten ihm einstmals die malerische Begabung abgesprochen, konnte nicht umhin, ihm seine Qualifikation als Künstler offiziell anzuerkennen, indem er ihm den Ehrentitel »Professor« verlieh. Ein anderes, trivialeres Zeichen allgemeiner Anerkennung und Beliebtheit wurde ihm indieser gleichen Zeit zuteil, als die Redaktion der »Woche« abstimmen ließ, welches wohl die beliebtesten Maler Berlins wären. Aus diesem seltsamen Plebiscit kam nächst Menzel als zweiter unser Leistikow mit Stimmenmehrheit heraus.

Auch Aussichten auf neue Kämpfe unter der Künstlerschaft winkten aus nächster Nähe.

Auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 sollte neben deutscher Industrie auch deutsche Malerei auf bedeutendste Weise vertreten sein. Aber da der Reichskommissar wohl die Beteiligung sämtlicher Maler wünschte, aber den Secessionen, in denen doch die besten Maler Deutschlands Mitglieder waren, jede Selbstbestimmung an dem Arrangement ihrer Bilder verweigerte, so führte[70] diese Tyrannei zu Reibereien, die endlich damit endeten, daß die Secessionisten auf die Beschickung der Ausstellung zu verzichten drohten; die Secessionen und ein Teil der besseren Künstler waren schon vorher aus der allgemeinen Künstlergenossenschaft ausgetreten, da diese auch nichts zugunsten der Secessionisten tun wollte. Trotzdem nun noch Verhandlungen hin- und herliefen, hielten sich die Secessionen definitiv von der Beteiligung in St. Louis fern. Das Resultat auf der Weltausstellung war demnach auch ein glänzendes Fiasko für die deutsche Malerei.

In Weimar wurde dann bald unter dem Protektorat des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach der deutsche Künstlerbund als Parallelverband zu der großen Künstlergenossenschaft gegründet. Der Präsident wurde Graf Leopold von Kalckreuth. Dieser Gründung ist der »Villa Romana-Preis« angegliedert, um den sich jedes Mitglied bewerben kann. Er besteht in einem einjährigen Aufenthalt in der Villa Romana in Florenz, die eigens zu diesem Zweck Max Klinger mit einem Konsortium angekauft und eingerichtet hat (Ateliers etc.). Außerdem ist mit der Prämiierung die Austeilung einer bedeutenden Geldsumme verbunden.

Die Organisation des Künstlerbundes ist hauptsächlich wieder ein Werk Leistikows und wir lernen sie am besten aus einem Artikel kennen, den Leistikow zu jener Zeit selbst für die »Kunst für Alle« schrieb:


»Die Gründung der Berliner Secession, der jüngsten der secessionistischen Schwestern, vor einigen Jahren und nun heute die Schaffung des Deutschen Künstlerbundes in Weimar haben, wenn man der Sache auf den Grund geht, denselben Schöpfer. Es ist dies der Berliner Akademiedirektor Anton von Werner. Es scheint, als wenn ohne diesen Herrn kein rechter Fortschritt, keine rechte Bewegung im Deutschen Kunstleben möglich ist. Ob er es aus eigener Kraft ermöglicht hat? Wohl schwerlich. – Der bekannte Geist, der stets[71] das Schlechte will und stets das Gute schafft, hat ihm jedenfalls, – gerufen oder nicht, mag dahingestellt sein – mit Rat und Tat geholfen.

Kein Berliner hätte sich damals die Finger verbrennen wollen, eine Secession zu gründen, die eine Unmasse Arbeit, sehr wenig Dank, dafür desto mehr Feindschaft einbringen mußte. Aber Akademiedirektor Anton von Werner half über alles Zagen mutig hinweg, indem er seinen großen Einfluß, seine nicht ganz gewöhnliche Intelligenz und Energie aufwandte, den Antrag der zusammengeschlossenen Berliner Künstler auf eigene Räume, eigene Jury und Hängekommission im Glaspalast am Lehrter Bahnhof zu Fall zu bringen. Es gelang ihm wie durch Zauberei, zu beweisen, daß das gegen des Königs Wort und Wille wäre. Daß die Illustratoren tatsächlich ganz dasselbe erreichten, tut nichts zur Sache – des Königs Wille scheint danach zweier Auslegungen möglich.

Die Künstler sind – Gott sei es geklagt – ein faules, bequemes, scheues Pack, das am liebsten in Ruhe gelassen sein will, und wenn es irgend angeht, krumm gerade sein läßt. Grund zur Beunruhigung war, weiß der Himmel, genug vorhanden. Die gute, alte Allgemeine Kunstgenossenschaft hatte ihre Unfähigkeit, eine würdige Vertretung deutscher Kunst im Auslande zustande zu bringen, in Chicago und Paris so überzeugend dargetan, daß ein beschämendes Fiasko die selbstverständliche Folge war. Der Geruch, in dem die deutsche Kunst infolgedessen bei allen Ausländern steht, ist naturgemäß kein angenehmer. Das merkte sogar die Regierung, und sie ging daran, wie es ihr mit Fug und Recht zukommt, die kommende Ausstellung in St. Louis selbst in die Hand zu nehmen. Sie tat dies auf eine so klare, überzeugende und sachgemäße Weise, daß ein glücklicher Ausgang garantiert schien. Im preußischen Kultusministerium als Referent für Kunstangelegenheiten saß Geheimrat Müller, ein ungewöhnlich weitsichtiger, vorurteilsloser Mann, der schon begriffen hatte, daß Uhde kein Anarchist sein müsse, weil er arme Leute male, daß Liebermann nicht Ehrenmitglied der Sozialdemokratie, weil er das Leben der Arbeiter und Bauern mit künstlerischem Auge ansieht, daß diejenigen noch nicht Rinnsteinkünstler genannt werden brauchen,[72] die die Natur nach selbstangestellten Beobachtungen wiederzugeben sich bemühen, statt bequem die ausgetretenen Pfade der staatlichen Akademie zu wandern.

Dieser begabte Mann hatte dem Reichskommissar für St. Louis die Mittel und Wege angegeben, die, wie er wußte, die Sache gründlich bessern würden. Alles war in schönster Ordnung, der begabte Mann ging ruhig in das Ministerium, sein Mittagsschläfchen zu halten und süß zu träumen von Erfolgen der Deutschen Kunst in Amerika, von Orden, Auszeichnungen, Ehrenstellen – da erwachte er und fand sich plötzlich auf der Straße. In seinem Kabinett, auf seinem Sessel im Ministerium aber saß ein neuer, ebenfalls sehr begabter Herr, der eifrigst damit beschäftigt war, alles mit dicker, schwarzer Tinte auszustreichen, was jener in edler Begeisterung gearbeitet hatte.

Ach, all dies war so schnell gekommen, daß es schwer schien, in den Zusammenhang einzudringen, obwohl der – wie gewöhnlich – ungeheuer einfach war. Die Schlummerstunde hatte Anton von Werner benutzt, um dem Herrn Reichskommissar klar zu machen, wie hochverräterisch ein Protegieren derjenigen Kunst ist, die sich einfallen ließe, außer Fürstenporträts, Verherrlichungen der Dynastie, Paraden und Schlachtfeldern – das Leben des Volkes und die Schönheit des deutschen Vaterlandes darzustellen. Anton von Werner sorgte dafür, daß von höchster Stelle angeordnet wurde, das Regierungskomitee aufzulösen, obwohl der Reichskanzler sowie die deutschen Bundesstaaten mit diesem Ar rangement einverstanden gewesen und zu den Vorberatungen Vertreter entsandt hatten.

So wurde die Karre gründlich verfahren, die Kunstgenossenschaft in ihre sogenannten geheiligten Rechte wieder eingesetzt und damit ein Ausstellungsmodus geschaffen, der mit tätlicher Sicherheit den Mißerfolg in St. Louis garantiert.

Unter diesen Umständen waren die deutschen Secessionen gezwungen, ihre Beteiligung an der Ausstellung abzusagen. Sie taten dies jede für sich, ohne vorhergehende Verständigung miteinander, aus dem patriotischen Bewußtsein heraus, daß so allein der Schimpf, den die deutsche Kunst erleben mußte, gemildert werden könnte. Jetzt kann wenigstens nicht die deutsche Kunst in Amerika unterliegen, sondern[73] nur ein Bruchteil – freilich der, der sich der offiziellen Anerkennung hier erfreut.

Diese Vorgänge waren es, die endlich das vollendeten, was so lange unmöglich erschien.

Einmütig, getrieben von demselben Zorn und Bedauern, traten in Weimar eine Reihe der hervorragendsten und verschiedenartigsten Künstler Deutschlands zusammen, einen neuen Bund zu gründen, der der alten Genossenschaft an die Seite zu setzen ist. Es ist dies eine Waffe in der Hand der Künstler gegen die veraltete Institution, es ist aber zugleich die ausgestreckte Hand, die die Künstler der Regierung bieten, um künftig ihr einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten, die St. Louis gezeitigt, zu ermöglichen.

Es sind nicht die Secessionen, nicht die secessionistischen Verbände oder andere Vereinigungen, die durch Abgeordnete in Weimar vertreten waren, sondern es haben sich einzelne Künstler verschiedenster Richtungen dort zusammengefunden, um gemeinsam zu beraten und gemeinsam zu taten. Jeder, der davon durchdrungen ist, daß in letzter Zeit im deutschen Kunstleben Einflüsse und Strömungen sich geltend zu machen suchten, die geeignet sind, die freie Entwicklung der deutschen Kunst ernstlich zu gefährden, soll und wird hier die Stätte finden, die die Freiheit und Selbständigkeit der Kunst schützen und bewahren will gegen alle Fährnisse.

Der Bund in Weimar ist nicht geschlossen worden, und gewisse, sogenannte moderne Kunstrichtungen zu fördern – in ihm sind ja alle möglichen Richtungen vertreten –, sondern er ist geschaffen, um an die Stelle der alten, überlebten Organisation der Kunstgenossenschaft eine neue, lebensfähige zu setzen, die eine richtigere und gerechtere Vertretung der wirklich Kunstschaffenden ermöglicht.

In der Genossenschaft herrscht das demokratische Prinzip der Stimmengleichheit. Jedes Mitglied – und Mitglied kann jeder werden, der irgend einmal irgend etwas sogenannt Künstlerisches hervorgebracht hat, mag es auch noch so lange Jahre her sein – hat gleiches Stimmrecht. Natürlich wimmelt es in der Genossenschaft von Dilettanten und solchen, die gerne Künstler sein wollen, es aber nicht sind. Alle diese guten Leute reden mit gutem Recht in die künstlerischen[74] Angelegenheiten hinein, ebenso wie die wirklichen Künstler. Diese letzteren sind natürlich in der Minorität und zurückgedrängt – jedenfalls ist eine wirkliche Vertretung künstlerischer Interessen auf diese Weise fast unmöglich.

In dem neuen Bunde ist die gesamte Leitung aller künstlerischen Angelegenheiten einem großen Kreise von einigen dreißig Männern anvertraut, die durch ihre Namen, durch ihr Wesen die denkbar vollkommenste Gewähr dafür bieten, daß persönliche Bestrebungen ausgeschlossen sind, daß stets sachlich von künstlerischen Gesichtspunkten aus verhandelt wird. Hier finden wir Thoma neben Klinger, Olde neben Kalckreuth, Uhde neben Liebermann, Stuck neben L. v. Hofmann, Tuaillon neben Floßmann, Dill neben Habermann, Marr neben Bochmann, Claus Meyer neben v. d. Velde, Erler neben Mackensen, Grethe neben Keller, Slevogt neben E. Kampf, mich neben Corinth etc. Dieser Vorstand kann sich jederzeit ergänzen, er kann Kommissionen ernennen etc. Er ist auf fünf Jahre gewählt. Das Stimmrecht derjenigen Mitglieder, die innerhalb fünf Jahren nicht mindestens zweimal in Ausstellungen des Vereins ausgestellt haben, ruht.

Der Deutsche Künstlerbund hat auch Nichtkünstler, Kunstfreunde, Kunstgelehrte unter seinen Mitgliedern. Er wird diese zu entsprechenden Arbeiten heranziehen und erhofft durch diese Tätigkeit Gewinn in kulturellen Aufgaben. Ebenso wird er österreichisch-deutsche Künstler zu sich heranziehen und an sich knüpfen.

Außer den ausländischen Ausstellungen wird der Bund solche in Deutschland veranstalten. In München, Berlin, Düsseldorf, wo nur immer ein Bedürfnis vorliegt, wird er eingreifen. Sollte es nicht gelingen, in Berlin die Pforten des Glaspalastes am Lehr ter Bahnhof dem Bunde zu öffnen, dann wird er sich ein eigenes passendes Haus schaffen.

Aber tief zu bedauern wäre es, wenn hier durch Unverstand und Übelwollen der bestimmenden Herren der Riß erweitert und unüberbrückbar gemacht würde, den gewisse Kreise ziehen wollen zwischen einer offiziellen engherzigen kgl. preußischen Beamtenkunst und einer lebenskräftigen nationalen deutschen Kunst! Nicht derjenige ist der nationale[75] Künstler, der einen deutschen Grenadier hinstreicht, sondern derjenige, der ein Werk schafft, das überall als Ausfluß deutscher Kunstfertigkeit und nationaler Kultur geschätzt werden kann! Über die weiteren Aufgaben, die sich der Deutsche Künstlerbund gestellt hat, will ich nur wenig Worte sagen, da Taten, die allerdings nicht von heute auf morgen zu erwarten sind, für sich sprechen sollen. Nur das sei gesagt, daß der Bund hofft, unter anderem auch eine moderne Galerie gründen zu helfen, die ein treues und sicheres Spiegelbild werden soll alles dessen, was die deutsche Kunst unserer Tage zu leisten vermag.

Eine kleinere, aber besonders gewählte Elite-Ausstellung wird voraussichtlich im nächsten Jahre in Weimar veranstaltet werden, sie soll gleichsam ein Zeichen sein des Dankes, den der junge Künstlerbund dem Großherzog von Sachsen-Weimar schuldet für die Förderung, die dieser kunstfreundliche Fürst unseren Bestrebungen entgegengebracht und die auf dem Kongreß in Weimar so warmherzigen Ausdruck gefunden hat.

Der Deutsche Künstlerbund hat sich sofort nach seiner Konstituierung mit dem Reichskommissar und später mit dem Reichskanzler sowie dessen Stellvertreter ins Einvernehmen gesetzt, um noch in letzter Stunde eine allgemeine deutsche Beteiligung in St. Louis zu ermöglichen. Daß diese Versuche zu nichts führten, ist bedauerlich. Die Staatsregierung wird vor dem Reichstag Gelegenheit haben, ihren Standpunkt zu rechtfertigen. Daß sie nicht handeln konnte, ist ausgeschlossen. Ebensowohl, wie sie das erste Mal das Arrangement umwerfen konnte, konnte sie es auch noch einmal, wenn nur der Wille dagewesen wäre.«


Das waren stolze Tage in Weimar. Der dortige Künstlerverein gab in der ehemaligen alten Hofschmiede, die seit einer Reihe von Jahren zum malerischen Vereinslokal umgemodelt ist, den Delegierten aus allen deutschen Städten die glänzendsten Feste; auch ein Fackelzug mit einigen Vorreitern auf Schimmeln führte die Gäste von dem Hotel zum Erbprinz nach dem Vereinshaus. Das Ganze[76] krönte ein Abend bei Großherzogs. Es war wie aus einem Märchen, als der weißbärtige Hofmarschall mit seinem Stabe dreimal aufklopfte und darauf das Fürstenpaar, der junge fünfundzwanzigjährige Großherzog die schöne achtzehnjährige Großherzogin mit Fingerspitzen führend, eintrat und eine gegenseitige tiefe Reverenz das Zusammensein einleitete. Man sah dem kranken Leistikow an, welche Energie er aufwenden mußte, um sich aufrecht zu erhalten; aber er machte alles mit, sowohl die anstrengenden Beratungen am Tage, wo er schließlich immer den Ausschlag gab, wie auch die repräsentativen Wichten bei den abendlichen Festlichkeiten.

Ich möchte hier noch einschalten, bevor ich von Leistikow weiterberichte, welches Privatinteresse die Berliner Secession an der Gründung des deutschen Künstlerbundes noch besonders hatte: Der Platz, auf dem das kleine Ausstellungsgebäude der Secession stand, war nur auf mehrere Jahre kontraktlich ihr eigen und gerade um die Weltausstellung von St. Louis lief diese Zeit ab. Es handelte sich darum, ein neues Heim zu finden, und da sämtliche Gelder,[77] welche die Freunde der Secession vorgeschossen hatten, wieder zurückgezahlt waren, konnte man wohl auf nochmalige Unterstützung in dieser schwierigen Situation rechnen. Aber dennoch war das Interesse an der Secession selbst nicht mehr so spontan als bei der Gründung; da auch die Zeiten sich bereits geändert hatten und dieser Teil Charlottenburgs, der 1899 noch weite unbebaute Strecken hatte, jetzt vollständig bewohnt und fast zu einem Zentrum der Stadt gediehen war, so waren auch wegen der Steigerung des Grundwertes größere Summen notwendig. So war denn für uns diese Neuschöpfung und Zusammenschließung aller Secessionen und auch fremder bedeutender Künstler zu einem deutschen Künstlerbund von großem Vorteil, indem es den opferwilligen Kunstfreun den Berlins zeigte, wie notwendig noch immer die Erhaltung der Secession für die Berliner Kunstpflege war.

Infolgedessen gewannen wir noch in größerem Maße Unterstützungen, so daß von einer Gesellschaft Mäzene Grund und Boden am Kurfürstendamm erworben und für unsere Zwecke ein Ausstellungsgebäude darauf erbaut wurde. Die erste Ausstellung in diesem neuen Heim war dann auch die erste, welche der deutsche Künstlerbund veranstaltete. Als das erste Ausstellungsgebäude abgebrochen und in seinen noch brauchbaren Teilen verkauft werden sollte, aber die Besprechungen über Preisforderungen sich in die Länge zu ziehen drohten, schnitt Professor Liebermann diese Debatten im Hinweis auf ihre Unwichtigkeit mit dem treffenden Bonmot ab: »Ach was! wir handeln doch nicht mit alten Häusern.«

Leistikow hielt trotz seines Siechtums tapfer aus. Zeitweilige Aufenthalte, hauptsächlich in Meran, kräftigten ihn wieder für längere Zeit. Er malte dort in Meran die mit herbstlich-roten Weinreben bewachsenen Berge. Aus Thüringen brachte er üppige Waldmotive und wild zerklüftete, mit Wolkenschatten verdüsterte Hügelformationen.Dann folgten auch heitere Bilder: blühende Kastanienbäume, Gartenpartien mit Bosquets und weißblühendem Holunder.

In seinen letzten Jahren wurde ihm mehrfach für ei nige Sommermonate von einem seiner vielen Freunde in ähnlicher Weise wie früher die kleine Villa am Grunewaldsee, eine Villa am Wannsee als Wohnung zur Verfügung gestellt. Zu dieser Villa gehörte ein schöner Park, der bis an den See heranreichte. Hier hat er nun Bilder geschaffen, die lieblicher wirken, weil diese Ufer von dem üblichen Grunewald-Charakter abweichen. Hier sind blühende Pfirsichbäume, Gartenhütten in japanischem Charakter und mehr Laubbäume als Nadelholz. Die Beleuchtung variiert in den Bildern von freundlichstem Sonnenschein bis zu trübster Regenstimmung. Ein Motiv aus einem Winkel des Wannsees hat er hier verarbeitet, das er niemals wieder geschildert hat: »Weidenbäume im Sturm mit anziehendem Gewitter«.

Sein Privatleben war, wie ich schon vorher sagte, trotz alles Mißgeschicks nicht arm an Freuden. Ward ihm doch noch ein Sohn geboren, der viel Fröhlichkeit ins Haus brachte. Wie oft habe ich beide auf dem Boden gekauert vorgefunden, wie sie ernsthaft Häuser und Bahnhöfe aus Bauklötzen zusammenstellten.

So dachten wir – seine Freunde und Bekannten – daß Leistikow sein Leben und seine Kunst trotz allem noch viele Jahre hindurch weiter zu kultivieren imstande sein würde, aber es war anders bestimmt.

Im Juni 1908 mietete er sich am Hubertus-Platz im Grunewald ein kleines möbliertes Zimmer, und in etwa zwei Wochen malte er dort jene Bilder, die die letzten von seiner Hand sein sollten. Es war ein Stück Platz, von dem Fenster des Zimmers aus gesehen, dann zweimal dasselbe Motiv am Hubertus-See mit Kiefernund Trauerweiden, nur den Standpunkt das zweite Mal etwas verlegt, und ein Waldinneres von dünnen Kiefernstämmen, das nicht vollständig beendigt wurde. Er klagte dabei oft über schlechtes Wetter, das ihm seine Krankheit mehr fühlbar machte. Ob ihm selbst schon das Endziel sichtbarer vor Augen stand? – Jedenfalls atmen diese vier Bilder eine auffallende merkwürdige Poesie; sie sind befreit von jeglicher Erdenschwere und rein und klar ist der Ausdruck ihrer Sprache.

In diesen selben Monat Juni fällt auch eine Sitzung des Vorstandes der Secession, die letzte, bei der er zugegen war. Es ist dieselbe, welche auch Liebermann in seiner Rede bei der Begräbnisfeier erwähnt. Es wurde viel hin und hergesprochen von dem Versagen eines der jüngeren bedeutenden Talente der Secession in der damaligen Ausstellung. Erregt sprang Leistikow auf und erklärte in heftiger, leidenschaftlicher Rede, wie man vorsichtig in Absprechung von Leistungen sein sollte und wie es Aufgabe unsres Vereins wäre, die schützende Hand über das Suchen und Streben der Jugend zu halten. »Was ist denn Schlimmes daran, so endete er, dieses Jahr sind die Arbeiten nicht besonders, dafür können sie nächstes desto besser werden.« Uns aber – wir können hier ruhig die Bibelworte des dritten Evangelisten gebrauchen – uns aber brannte das Herz im Leibe, als er also mit uns sprach. Die helle Begeisterung für die Zukunft im leuchtenden Auge und er selbst die sichere Beute eines nahen Todes.[82]

Quelle:
Corinth, Lovis: Das Leben Walter Leistikows. Berlin: Bruno Cassirer, 1910, S. 67-83.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon