Drakendorf

[195] Jenes trauliche Waldleben wurde durch eine Ortsveränderung unterbrochen, die schon den ganzen Sommer über in Aussicht gestanden und keine geringen Erwartungen angeregt hatte. In der Gegend von Jena nämlich liegt am Fuß der alten Lobdaburg das schöne Drakendorf, damals ein gemeinschaftliches Ziegesarsches Gut, welches alljährlich die verschiedenen Glieder der Familie für einige Sommerwochen zu vereinigen pflegte. Nach Bärings Rückkehr siedelten wir dahin über.

So schön es in Hummelshayn gewesen war, so war doch Drakendorf noch schöner, nicht nur wegen der größeren Heiterkeit seiner Umgebungen, sondern besonders, weil es neu und anders war. Ein freundliches, modernes Wohnhaus, ein sonniger, weit ausgedehnter Park, lachende Fluren, von fließendem Wasser durchzogen und umkränzt von Laubholz, endlich die malerischen Räume des alten Bergschlosses mit weiter, entzückender Aussicht, das alles war einladend und schön. Nicht minder erfreute uns hier die größere Geselligkeit. Es fanden sich nämlich mit den Hummelshaynschen in Drakendorf auch noch andere Glieder der Ziegesarschen Familie zusammen, nämlich der Bruder des Oheims mit Frau und Kindern und eine jüngere, noch unverheiratete Schwester, namens Silvia. Dazu kamen täglich Gäste aus dem nahegelegenen Jena, Leute guter Art und jeden Standes, deren Namen und Bilder meinem Gedächtnisse leider meist wieder entschwunden sind.

Ich entsinne mich indessen, daß die Frau Erbgroßherzogin eines Tages mit sechs wunderschönen Isabellen vor das Schloßtor sauste. Die hohe Dame verschwand am Arm der Tante im Inneren des Hauses. Mich Draußenstehenden aber nahm die begleitende Hofdame bei der Hand und trug mir Grüße an meinen Vater auf, den sie von Weimar her gut kennen wollte. Weil ich jedoch während dieser mir sehr gleichgültigen Sache weniger die Dame ansehen mochte als vielmehr die herrlichen Pferde, die mit der leichten Equipage langsam im Hofe kreisten, schärfte jene mir ihren Auftrag wohl zehnmal ein, damit ich's ordentlich begreifen und bestellen sollte. Sie heiße Baumbach, sagte[195] sie, und ganz unmöglich würde ich dies vergessen können, wenn ich an einen Baum denken wollte, der am Wasser sei. Ich bestellte meinem Vater später viele Grüße von Fräulein Weidewasser.

Lebhafter interessierte ich mich für drei russische Kavallerieoffiziere, die zufällig in Drakendorf zusammentrafen und dort längere Zeit verweilten, bildschöne junge Leute, und alle drei untereinander vervettert, wie auch der Tante nahe verwandt. Sie hießen Ferdinand, Frommhold und Fritz von Sivers und schnitten mit einem dreimaligen »F.S.« ihre Namen, einer unter dem anderen, in den weißen Stamm einer Buche im Park. Vierzig Jahre später, während des westmächtlich-russischen Krieges, nannten die Zeitungen den einen von ihnen als Kommandeur des finnischen Armeekorps.

Nicht weniger anziehend erschien mir ein anderer junger Estländer, namens Walther. Er studierte in Jena, kam öfter von dort nach Drakendorf herüber und ist nachmals in seinem Vaterlande zu den höchsten kirchlichen Würden gelangt. Damals hatte er eine tolle Studentengeschichte, welche die Neuigkeit des Tages war, in die pathetische Form eines Epos gebracht, und gern erinnere ich mich des Entzückens, mit welchem ich der Deklamation des jungen Dichters lauschte, wenn er dies Heldengedicht, je nachdem es vorrückte, im Drakendorfer Freundeskreise vortrug.

Der tägliche und gefeiertste der Gäste, die von Jena kamen, war indes der Professor Köthe, nachmaliger Superintendent zu Allstedt, der Jugendfreund unseres geliebten Schubert, und auch unserem Hause aus früherer Zeit von Dresden her befreundet. Er war ein liebenswürdiger Gelehrter, bescheiden, sanft und klug, und gehörte zu den rüstigsten Vorkämpfern des wiedererwachenden Glaubens in der Theologie. Als Gottesgelehrter war Köthe von Gott gelehrt, als natürlich edler Charakter von Gott geadelt, und diesen Adel hatte vor allem Fräulein Silvia anerkannt. Sie hatte sich ihm verlobt, und beide waren entschlossen, ihre Pilgerreise fortan selbander fortzusetzen.

Nach der Rückkehr des Oheims von Karlsbad wurde eine glänzende Hochzeit ausgerichtet. Drakendorf füllte sich mit Freunden und Verwandten. Die reichbekränzte Kirche prangte und duftete vom Schmuck der Blumen. Dahin ging der Brautzug über die breiten, mit Laub und bunten Blüten bestreuten Kieswege des Gartens. Hermann und ich waren Brautmarschälle. Mit unseren weißen Stäben schritten wir feierlich[196] und ernst vor der edeln, weiß verschleierten Gestalt der Braut einher; wir blieben auch am Altar zu ihrem Trost an ihrer Seite und hatten uns vorgenommen, jeden über den Kopf zu hauen, der sich unterstehen würde, ihr auch nur ein Haar zu krümmen. Nichtsdestoweniger aber war sie doch sehr bewegt; sie weinte und, wie mir's schien, recht schmerzlich, was ich mir nicht anders erklären konnte, als weil sie von dem dicht vor ihr stehenden Pastor so angeschrien wurde. Auch würde ich es heute noch für eine Wohltat halten, wenn die Herren Pastoren bedeutet würden, ihre Stimme in nächster Nähe nicht mehr zu erheben, als nötig ist.

Nach beendigtem Gottesdienste war solenne Kirchenparade. Hermann hatte die sämtlichen Bauernjungens des Dorfes zu einer auf Stöcken reitenden Schwadron vereinigt. Er selbst war Rittmeister und zeichnete sich durch eine beneidenswerte Ulanenmütze von rotem Samt wie auch durch einen veritablen kleinen Säbel vor uns anderen aus, die wir nur mit selbstgemachten Papierhüten und Stöcken armiert waren. Der Sohn des Gerichtshalters, ein ernster Knabe, war freilich noch durch Achselschnüre von gelbem Federbindfaden als Adjutant beglaubigt. Ich war Quartiermeister, als welcher ich, da wir ewig auf dem Marsche waren, mit vielem Hin- und Herjagen von allen die reichlichste Motion hatte.

Als wir aus der Kirche kamen, fanden wir die Schwadron unter dem Kommando des Adjutanten bereits vor dem Schlosse aufmarschiert. Hermann setzte sich an die Spitze, und nun durchrasten wir den Garten wie verrückt, ohne daß das Brautpaar oder sonst jemand weiter auf uns geachtet hätte.

Bei Tafel imponierten mir die Zahl der Gäste, der Kuchen und der große kreisende Familienpokal mit seinen Toasten. Ich gewann von der Würde des jungen Paares eine noch höhere Vorstellung, als ich vordem schon hatte, und fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, als der Bräutigam, dem ich gegenübersaß, das Wort auch an mich zu richten geruhte. Er sagte aber nichts Geringeres, als daß er bei Gelegenheit der Kirchenparade bemerkt habe, wie ich ohne eigentlichen Säbel sei, und er wolle mir einen Kosakensäbel schenken, den er von ungefähr besäße.

Vor Freude konnte ich's kaum aushalten bei Tisch und sehnte mich nach Einsamkeit, um ohne zerstreuende Eindrücke der Außenwelt meines zukünftigen Säbels zu gedenken. Ich träumte mich in alle erdenklichen Situationen mit jenem Säbel und dachte, wie er mir als Quartiermeister ziemen würde, und wie sehr als Rückreisendem nach Dresden. Ich dachte an den Kosakensäbel, wachend, schlafend, tagelang, wochenlang, ja monatelang erwartete ich ihn noch in Dresden[197] mit der Post, bis ich mich endlich überzeugte, daß er vergessen war.

Nicht lange nach jenen hochzeitlichen Tagen zogen wir nach Hummelshayn zurück und lebten dort in hergebrachter Ordnung, bis etwa um die Zeit der Pflaumenreife die Eltern wiederkehrten, uns abzuholen. Vom Abschiede, von der Reise und der Ankunft in Dresden weiß ich nicht das geringste mehr. Das Ende jener ganzen Lebensperiode wie der Anfang einer neuen ist mir mit Nacht umflossen; immer aber werde ich mit wärmstem Herzen meines geliebten Hummelshayns gedenken, seiner dunklen Wälder, seines alten Schlosses und der trefflichen, mir ewig teuren Menschen, die dort hausten. Bis auf einen einzigen, den ehrenfesten Hermann, sind sie nach manchen bitteren Kämpfen und Verlusten, die ihrer harrten, bereits alle in eine bessere Welt gegangen, dahin ihre Hoffnung, ihre Liebe und ihr Glaube schon hier auf Erden stand.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 195-198.
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