Das Harmsche Haus

[11] Zu Schlitten kamen wir nach Estland und langten wohlbehalten in Alt-Harm, einem väterlichen Gute meiner Mutter, an. Hier sollte gerastet werden, um bessere Jahreszeit abzuwarten und meiner angegriffenen Mutter, wie auch mir, der ich ein schwächliches Kind war, Zeit zu geben, für die weitere Reise zu erstarken. Dazu war Harm der Ort. Meine Eltern verweilten hier im Kreise zahlreicher und liebenswürdiger Verwandten weit länger, als sie anfangs wollten; ja, mein Vater fühlte sich durch die Eigentümlichkeit des dortigen Landlebens so mächtig angezogen, daß er zur großen Freude meiner Mutter und ihrer ganzen Familie den Entschluß faßte, sich nach seiner Rückkehr von Deutschland in Estland anzukaufen, um hier zu leben und zu sterben.

So schien der Lebensplan nun fertig, und da noch obendrein der Zwillingsbruder meldete, er werde auch bald bei Vermögen sein und sich am Gutskaufe beteiligen, blickte man befriedigt in die Zukunft, den Segen dessen erwartend, der aller Menschen Schicksal leitet.

Im Harmschen Hause sah es übrigens recht einfach aus. Man hatte weiße Kalkwände, grüne Türen, Strohstühle, und von Gardinen wußte man im ganzen Lande nichts. Dafür aber war das Haus geräumig und bot der zahlreichen Familie und Hausgenossenschaft nicht nur jede erwünschte Bequemlichkeit, sondern in seinen Sammlungen und Werkstätten auch die mannigfaltigste Gelegenheit für Beschäftigung und Unterhaltung.

Mein Großvater hatte nämlich, behufs der Ausbildung seiner Kinder, Lehrer der verschiedensten Art an sich gezogen, Handwerker, Künstler und Gelehrte, die alle unter seinem Dache wohnten und dem Hause das Ansehen einer kleinen Akademie gaben. Neben wissenschaftlichen Disziplinen wurden neuere Sprachen getrieben, man malte, modellierte, kupferstecherte, drechselte, tischlerte, klempnerte und machte ganz vortreffliche Musik. Die schönen Quartette, an Winterabenden von der[11] Familie ausgeführt, haben im Andenken der Nachbarschaft noch lange fortgelebt.

Um endlich der kümmerlichen Natur, wenigstens in nächster Nähe, mehr Reize abzunötigen, hatte der Hausherr sein einsames Gehöft mit einem weiten Park umschlossen, in dem man Gärtnerei trieb oder sich mit Wasserfahrten und auf alle Weise zu belustigen pflegte.

Dort hatte er – meine Mutter zu überraschen – auf künstlichem Hügel eine steinerne Urne errichtet, mit der Inschrift »Maria«. Junge Tannen standen darum herum. Da saß die Mutter oft mit mir in schöner Jahreszeit, sich der Aussicht auf weite Wiesen und fernen Wald erfreuend. Von diesen Stunden hat sie mir oft erzählt, wie sie sich nach langem Aufenthalte in der Stadt der wiederkehrenden Sonne, der erwachenden Natur und meiner Entwicklung gefreut habe, während ich zu ihren Füßen im trockenen Sande wühlte. Vielleicht daß diese ersten unbewußten Eindrücke Grund zu einer fast idiosynkratischen Vorliebe geworden sind, die mir für Tannen, für Sand und für die einfachste Natur geblieben sind.

Ich war indessen in der besten Pflege, obschon sehr langsam, zu einem leidlich gesunden Jungen erstarkt, als meine Eltern sich nach fünfvierteljährigem Aufenthalte endlich zur Weiterreise anschickten. Man schied mit dem Versprechen baldiger Wiederkehr; zwei Jahre längstens, so war's beschlossen, und ich saß bereits im Reisewagen auf dem Schoße der weinenden Mutter, als mein Großvater noch einmal an den Schlag trat und mir eine kleine Tabakspfeife von Bernstein, die er selbst für mich gearbeitet, in die Hand steckte. »Faß zu, Junge!« – sagte er – »und daß du mir brav rauchen lernst!«

Ich faßte damals krampfhaft zu und hielt die Pfeife fest auf der ganzen weiten Reise; ich biß mir die Zähne daran durch und habe sie auch festgehalten mein lebelang.

Meine Mutter behauptete später, der Großvater habe es mir angetan mit Rauchen; und in der Tat war er ein Mann, der einem wohl was hätte antun können. Nicht daß er das gewesen wäre, was man gewöhnlich liebenswürdig nennt; vielmehr war er schroff und kantig, aber desto siegreicher und bezaubernder, wenn sein gutes Herz einmal hindurchbrach. Gewissermaßen glich er einem Schaltier, das die Knochen auswendig hat, und man mußte ihn genauer kennen, um durch die Herbigkeit und Kälte, womit er sich umgab, nicht verletzt zu werden. Selbst die Liebe zu seinen Kindern war die letzte Eigenschaft, die diese an ihrem Vater zu entdecken pflegten.

Dennoch schien ihm alles zu fehlen, wenn jemand von den Seinigen abwesend war, bis er ihn wieder zurückerwarten konnte. Dann trieb die freudigste Erwartung ihn im Hause um, und er konnte, wenn er nicht[12] bemerkt zu sein glaubte, stundenlang mit dem Fernrohre dem Kommenden entgegensehen; hatte er diesen aber glücklich erspäht, so legte sich die Spannung, die harte Schale klappte wieder zu, und man sah ihn irgend etwas beginnen, das keine Unterbrechung litt. Er goß dann etwa Bleikugeln, nahm irgendeine Kleberei vor oder dergleichen und hatte keine Hand frei, sie dem Eintretenden zu reichen, ja kaum einen Blick für ihn.

Ihn selbst dagegen nach längerer Abwesenheit zurückzuerwarten, hatte die Familie selten das Glück, weil er fast nie verreiste. Er ließ die Leute lieber zu sich kommen und verkehrte im allgemeinen so einsiedlerisch nur mit nächsten Nachbarn und Verwandten, daß, als es ihm einmal einfiel, seinen Sitz im Ritterhause zu Reval einzunehmen, niemand ihn kannte und man sich fragte, wer dieser Italiener sei; denn wider die Art seiner hochblonden Landsleute war er kohlschwarz von Aug' und Haaren mit gelblicher Gesichtsfarbe, und zwar klein von Person, aber doch ein »Teufelskerl«, wie er selbst von sich bekannte.

Schon in der Wiege hatte er eine Weihe eigener Art empfangen. Die Kaiserin Elisabeth bereiste nämlich damals ihre Ostseeländer und übernachtete unter anderem auch in Waiküll, dem Gute, da seine Eltern lebten. Da fand die hohe Frau denn solches Wohlgefallen an dem kleinen runden Teufelskerl, daß sie ihn hoch in die Luft hob und ihm einen herzhaften Kuß auf sein derbes Hinterteil versetzte, eine Auszeichnung, auf die er stolz war und deren sich sonst wahrscheinlich niemand im ganzen russischen Reiche rühmen durfte.

Damit ließ es die Kaiserin übrigens nicht bewenden, sondern steckte dem beneidenswerten Säugling außerdem noch ein Patent als Gardefähnrich in die Windeln, so daß er mit achtzehn Jahren gleich als Kapitän bei seinem Regimente eintreten konnte. Er verließ indes den Dienst bald wieder, um die Familiengüter anzutreten, die ihm durch den Tod seines Vaters zugefallen waren. Nun heiratete er meine Großmutter, eine schöne, weiche, kindlich fromme Frau, wirtschaftete mit Einsicht und nahm sich besonders tätig seiner Bauern an. Er besuchte sie fleißig, übersah ihre Wirtschaft und griff ihnen mit Rat und Tat, ja, wo es dienlich schien, nach Peter des Großen glorreichem Vorgang, sogar mit höchsteigenhändiger Handhabung des Stockes unter die Arme, und die Erfolge waren glänzend. Das Harmsche Gebiet zeichnete sich bald vor anderen durch Zucht und Wohlstand aus, und der Gutsherr erfreute sich nicht nur des unbedingten Zutrauens seiner eigenen Leute, sondern stand auch weit und breit bei Edelleuten und Bauern in hoher Achtung. Davon gab der folgende Vorfall Zeugnis:

Zu Anfang der neunziger Jahre waren, aus mir unbekannter Veranlassung,[13] die Bauern in mehreren Kirchspielen aufgestanden, hatten sich zusammengerottet und bereits einige Edelhöfe in Asche gelegt. Da füllte sich das Harmsche Haus mit flüchtigen Nachbarn, die bei dem Ansehen des Gutsherrn Schutz zu finden hofften. Als aber die mordbrennerischen Haufen nun dennoch auch gegen Harm heranzogen, die Auslieferung der Flüchtlinge fordernd, und guter Rat teuer war, warf sich mein Großvater aufs Pferd, ritt allein und unbewaffnet der aufständischen Rotte entgegen, und auf sein Wort – er mußte es ihnen angetan haben – zerstreuten sich die Bauern nach ihren heimischen Dörfern. Das Kosakenregiment, welches nächster Tage eintraf, fand nichts zu tun, als ein paar Rädelsführer einzufangen und auszuklopfen.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 11-14.
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