Das Dörfchen

[45] Das kleine Lotzdorf mochte an und für sich recht wenig Reize haben. Doch hierin urteilt jeder anders. Für Kinder hat nur das Nächste ein Interesse, sie leben vorzugsweise im Vordergrunde. Da unterhält sie jede Kleinigkeit, und die Ferne mag beschaffen sein, wie's Gott gefällt. in Lotzdorf gab's gar keine Ferne: alles, was die Gegend darbot, lag nah und war zu greifen. Ich hatte ein Verständnis für diese einfache Natur und denke noch heute mit wehmütiger Lust des flachen Baches mit seinem Kieselgrunde, der kleinen Waldschlucht, in die er sich geheimnisvoll verlief, des hohen Feldrains mit seinen Brombeersträuchern und der warmen Hänge, an denen wir mit unseren Müttern lagerten. Diese hatten sich am äußersten Ende des Dorfes in benachbarten Häusern eingerichtet. Bei Leineweber Ulbrichs hausten Volkmanns, wir bei Maurer Großmanns, achtungswerten und vermöglichen Leuten, die mit ihrem einzigen Töchterchen, namens Lore, ihr Haus nicht füllten und ein paar Zimmer missen konnten. Meine Mutter bewohnte bei ihnen eine große bäuerliche Stube mit frisch gekalkten Wänden, an welchen eine lange, weißgescheuerte Holzbank rings herumlief. Dielen, Tische, Stühle glänzten von Sauberkeit, und durch die niedrigen, von Blumen und Weinlaub dicht umrankten Fenster stahl sich das Sonnenlicht, zu mancherlei Farben gebrochen. Der Raum aber hinter dem Ofen war doch das Schönste; wie in allen sächsischen Bauernstuben, fand er sich durch ein etwa drei Fuß hohes Podium ausgefüllt, welches »die Hölle« genannt wurde und zum Schmoren des Hausvaters am Feierabend bestimmt war. Diese Hölle ward mir zu meiner Einrichtung überlassen und fand sich an Regentagen wie geboren zur Fabrikation von kleinen Ringen und Ketten aus Pferdehaar, die Lore mich flechten lehrte.

Bei schönem Wetter dagegen kümmerte man sich nicht um Pferdehaare;[45] wir trieben uns dann mit Volkmanns und hinzugesellten Bauernkindern, mit oder ohne Aufsicht, fast den ganzen Tag im Freien umher, und meine sonst so ängstliche Mutter ließ hier geschehen, was ihre Freundin guthieß, erwägend, daß die unschuldige Dorfjugend mit der verderbten Brut der Städte nicht zu vergleichen sei. Auch muß ich meinen ländlichen Freunden aus jener Zeit das Zeugnis geben, daß ich gewiß von ihnen nichts Schlimmeres gelernt habe, als sie von mir. Denn daß sie etwa die kleinen, glatten Schmerlen, die sie mit den Händen haschten, sowie auch die sogenannten Butterkrebse, ja alle Krebse, die sie fingen, roh und lebendig verzehrten, war gewißlich keine sittliche, vielleicht nicht einmal eine Geschmacksverirrung. Sie lehrten auch uns diese Wasserjagd und lachten uns aus, daß wir unsern Fang erst durch den Umweg des Kochtopfes in den Magen brächten, wodurch die beste Kraft verloren ginge. Wenn sie endlich etwas abergläubisch waren, so teilten sie dieses Laster wenigstens mit Julius Cäsar, Wallenstein, Napoleon und anderen großen Herren, die doch zweifelsohne zur besten Gesellschaft gerechnet wurden.

So lag z.B. unfern des Großmannschen Hauses auf einer sandigen, mit Gras bewachsenen Anhöhe eine morsche Hütte, bewohnt von einem alten Ehepaar, mit Namen Burkhard. Diese Leute, vielleicht durch eigene Schuld heruntergekommen, gehörten zu den Parias im Dorfe. Niemand verkehrte mit ihnen, und wegen ihrer mürrischen Gemütsart waren sie der Schreck der Kinder, die sich die sinnlosesten Geschichten von ihrer Grausamkeit erzählten. Auch sahen sie beide wie Krautteufel aus, zur Zeit der Reife in Erbsenfeldern aufgestellt, daher wir ihnen bei zufälligen Begegnungen schon in angemessener Ferne auszuweichen pflegten.

Von der Frau wurde halblaut erzählt, daß sie eine alte Hexe sei – worunter wir uns nichts anderes dachten als etwas ganz Entsetzliches – und daß sie nachts, bisweilen splitternackt, auf Nachbarsäckern Unfug treibe. Was eigentlich? das wußte keiner. Das aber wußten die Kinder, daß niemand anders als sie das große Irrlicht gewesen sei, durch das verlockt die Radeberger Botenfrau vergangenen Herbst den Hals gebrochen. Der Mann aber – sagten sie – würde auch wohl wissen, wie es zugehe, daß er ohne Arbeit ein Wohlleben führen könne. Auf letzteres wurde großes Gewicht gelegt, und ich fand es auch recht übel. Wenn man freilich – so wurde behauptet – eine gewisse Kröte von der Größe eines ledernen Tabaksbeutels, die tief unter dem Hause niste, beseitigen könne, so würden die Leute ihre Kraft verlieren.

Nun weiß ich nicht, ob wir wirklich die Absicht hatten, jene verderbliche Kröte auszugraben, oder was uns sonst bewog – kurz, wir begaben uns mit unseren kleinen Schaufeln frisch ans Werk; die Bauernkinder halfen,[46] und nach mehrtägiger Arbeit hatten wir einen Stollen in jenen Hügel eingetrieben, der groß genug war, uns alle aufzunehmen. Unterdes hatte aber auch der alte Burkhard bemerkt, daß er unterminiert wurde, und seine Vorkehrung getroffen.

Wir, nichts Schlimmes ahnend, hockten in unserer Höhle und sangen ein Liedchen, das unter den Dorfkindern sehr im Schwange war. Noch entsinne ich mich der anziehenden Stelle: »Schöne Dame Kummeran, laß mich sehen deinen Schein.« – »Kummeran« war übrigens kein Name, sondern nur eine Korruption von: Komm herein! – Da plötzlich, als wir so recht con amore sangen, da erschien vor dem Eingang der Höhle der alte Burkhard wie ein schwarzer Höllengeist und machte sich mit seiner Hacke unverweilt daran, den Eingang zu verschütten.

So mochte es dem Häuflein des Ulysses zu Sinn gewesen sein, als Polyphem sich zeigte. Wir waren wie vom Blitz getroffen und hatten keinen Laut mehr in der Kehle, denn es schien uns nur die Wahl zu bleiben, entweder lebendig begraben zu werden oder jenem Mörder unter die Hacke zu laufen. Endlich löste sich der Krampf, und die Höllenangst brach in Geschrei aus.

Da hielt der alte Burkhard inne. »Ja so«, sagte er, »seid ihr da drinnen, ihr gottverdammte Höllenbrut? Nun wart', ich will euch!«

In der Tat mag dieser Auftritt dem armen Manne, der es wohl nicht so ernstlich meinte, eine süße Genugtuung für die Nichtachtung gewesen sein, die er von seiten der Jugend erfuhr. Auch tat er uns weiter nichts zuleide, sondern begnügte sich damit, für angebliche Schändung seines Grundstückes von unsern Müttern einige Groschen zu erpressen.

Diese Mütter waren übrigens durch den Gebrauch des Bades und den wohltätigen Einfluß der Landluft zusehends erstarkt und sehr bald imstande, den größten Teil des Tages mit uns und unseren Freunden im Freien zuzubringen. Unter ihrer Führung sammelten wir im nahen Holze große Quantitäten wilder Beeren, die mit einem Aufguß von frischer Milch zum Abendbrot verschmaust wurden. Wir lagerten dann im Grase um einen mächtigen Holztrog und löffelten mit den Bauernkindern unsere kalte Schale ohne Ekel. Dann faßten wir uns alle bei den Händen, drehten uns tanzend in großen Kreisen oder durchzogen in langen Schlangenlinien singend das Dorf, während die alten Bauern mit ihren Tabakspfeifen schmunzelnd vor den Türen saßen.

Kamen aber erst die Väter von Dresden heraus und brachten sie wohl noch Freunde mit, wie z.B. den Landschaftsmaler Friedrich und den[47] allgemeinen Liebling Kraft, einen jungen Estländer, der sich unter meines Vaters Leitung ebenfalls zum Maler bildete, so gab es großartigere Lustbarkeiten, als z.B. Kegelschieben auf der Gänseweide oder Vogelschießen mit trefflichen Schnappern, die Volkmann lieferte. Dazu ward stets auch die Dorfjugend eingeladen, und die gewonnenen Preise, als Taschenmesser, Brummeisen, Sonnenringe und dergleichen, beglückten dergestalt, daß mancher vor Freuden verstummte und sich wegschlich, um des Besitzes sicher zu werden.

Eines schönen Nachmittags schlug Friedrich uns Kindern ein ganz besonderes Vergnügen vor, nämlich mitten im Wasser einen Turm zu errichten. Mit Begeisterung schleppten wir, den flachen Bach durchwatend, die Bausteine herbei, und Friedrich, in einer Art von Fischeraufzug wie ein hochbeiniger Reiher in der Flut stehend, ordnete sie zur Pyramide oder Säule, die bald mannshoch aus dem Wasser aufstieg. Die übrige Gesellschaft war hinzugekommen und schaute, am Ufer gelagert, dem Jubel zu; und hier gedenke ich einer merkwürdigen, unserem Hause schon seit längerer Zeit befreundeten Gestalt, die mir bei dieser Gelegenheit zuerst in die Erinnerung tritt.

Henriette Courtan, in jüngeren Jahren mit der uns ebenfalls befreundeten Familie des Buchhändlers Hartknoch von Königsberg in Dresden eingewandert, lebte hier selbständig von den Zinsen eines kleinen Vermögens und in sehr ausgedehnten Freundeskreisen, in denen sie sich mit Eifer einer großen Humanitätstätigkeit hingab. Wo Hilfe not tat, Unterstützung, Pflege, Fürsprache, Rat und Tat, da war die Courtan bei der Hand mit eigenen oder fremden Mitteln, über welche letztere sie mit seltener Virtuosität zu disponieren wußte.

In der Tat brauchten auch Betrübte sie nur anzusehen, um sich augenblicklich aufzuheitern, denn sie strahlte wie die liebe Sonne in gelb- und feuerroten Farben und verdeutlichte sich noch mehr durch höchst phantastische Gewinde von schleierartigen Bandagen um Kopf und Schultern. Da sie nun übrigens ganz verständig und nichts weniger als hübsch war, so blieb es unbegreiflich, was sie zu einem so herausfordernden Kostüm bewegen konnte, an dem die Damen alles auszusetzen, die Herren aber beständig Veranlassung fanden, sich mit ihr herumzunecken. Wir Kinder nannten sie ihrer schwarzen Haare wegen die »schwarze Tante«. So hieß sie auch bald allgemein, und es hat lange gedauert, bis ich entdeckte, daß sie auch noch einen anderen Namen hatte.

Heute nun war die schwarze Tante mit den Dresdner Freunden zu uns herausgepilgert, lagerte mit den übrigen am Ufer und schaute mit steigendem Interesse dem babylonischen Turmbau zu. Das Rufen Friedrichs,[48] das Geschrei der Knaben, der Jubel im Wasser ward immer berauschender, und lockend plätscherte die kühle Welle über die bunten Kieselsteine des Baches. Das alles mochte sie gezogen und bewogen haben, kurz, auf einmal war die Tante barfuß, und ehe man sich's versah, ständerte auch sie hochgeschürzt und glückselig wie eine Bachstelze in der Flut umher.

Nun wollten zwar die Frauen schelten, aber sie störte sich nicht daran, weil sie es natürlich finden mochte, daß Fröhliche natürlich würden. Ist aber einer nur erst recht natürlich, so kann man gar nicht wissen, wo es enden wird. Die schwarze Tante war auf den glatten Steinen nicht recht sicher und geriet in immer tieferes Wasser.

Da sprang Friedrich zu, unbarmherzige Wassergüsse um sich sprühend. Er wollte die Nymphe haschen, um sie auf seinen Turm zu setzen, zu ihrer eigenen Sicherheit, wie er behauptete. Sie schrie vernehmlich, suchte zu entrinnen, glitschte, fiel und wurde triefend ans Land gefischt. – Die Frauen enteilten mit der eingeweichten Freundin.

Damit war indes die Freude nicht zu Ende, kam vielmehr nun erst recht zum Ausbruch. Man wollte nämlich weder der Zeit noch bösen Buben die Ehre gönnen, Friedrichs Kunstwerk wieder zu zerstören, dies vielmehr selbst besorgen; und alles stieg ins Wasser. Volkmann zwar, als obrigkeitliche Person und Ratsherr, vergab dem Dekorum nicht so leicht etwas; heute aber zog er dennoch mit den übrigen Rock und Stiefel aus, sprang in den Bach und raffte Steine aus der Tiefe.

Es begann nun eine treffliche Kanonade und ein unsägliches Vergnügen, denn im Zerstören ist große schöpferische Lust für jedermann. Die Geschosse, aus starker Faust entsendet, prallten von allen Seiten gegen das Denkmal, mit abgerissenen Trümmern zurück ins Wasser stürzend. Dies sprühte, mannigfach zerklüftet, um den dunkeln Bau, Staubregen und Kaskaden bildend, in welchen der Strahl der Abendsonne zitterte, bis die Zerstörung vollendet war und ein ländliches Mahl vor Volkmanns Türe die Festlichkeit beschloß.

So lebten wir in Lotzdorf ganz zufrieden und ohne sonderliche Gravität und Gene, nicht nur wir Kleinen, sondern auch die Großen, die sich dadurch von wirklich Großen unterschieden, bis endlich alle mit Bedauern aus dem kleinen Dörfchen schieden.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 45-49.
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