Das Amtshaus

[53] Mein Vater war für den größten Teil des Winters nach Weimar gegangen, um diese Stadt für eine Sammlung auszubeuten, die seine Werkstatt illustrierte. Er hatte nämlich seit Jahren den Aufenthalt namhafter Zeitgenossen in Dresden benutzt, um sie zu malen, und besaß bereits die lebensgroßen Brustbilder von Schubert, Werner, Rühle, Fernow, Böttiger, Leis, Morgenstern, Seume, Öhlenschläger und anderen.[53]

Jetzt sollten die weimarischen Koryphäen die Sammlung krönen. Der treffliche Meister verlebte schöne Tage im kleinen Musenstädtchen an der Ilm und schrieb zufriedene Briefe. Goethe und Wieland saßen bereitwillig in eigener Person; die Bilder Schillers und Herders dagegen konnten, weil beide bereits das Zeitliche gesegnet, nur nach den Totenmasken, nach schon vorhandenen Bildern und nach der Beschreibung nächststehender Freunde gemalt werden, galten jedoch gleichfalls für sehr gelungen. Es waren vier herrliche, überaus charakteristische Gemälde, die der rückkehrende Meister seiner berühmten Sammlung einverleibte.

Inzwischen war gegen Ende der Abwesenheit meines Vaters die Mutter erkrankt, wahrscheinlich infolge verfrühten Wochenbettes. Wir Kinder erfuhren nur, daß sie unpaß sei und größte Schonung nötig habe; wenigstens verlangte der Arzt von uns, wir sollten da sein, als existierten wir nicht, und da das seine Schwierigkeiten hatte, so ward beschlossen, wenigstens mich und meinen Bruder einstweilen ganz aus dem Hause zu tun. Volkmanns, die allerdings das nächste Anrecht zu solcher Belästigung gehabt hätten, waren damals nicht vorhanden, indem sie einen vorübergehenden Aufenthalt in Leipzig machten, aber die Hofrätin Näcke nahm uns gern in ihre Hütten auf.

An ihrer Hand zogen die kleinen Exulanten in dem altehrwürdigen Amtshause auf der Pirnaischen Gasse ein, wo sie alles anders als zu Hause fanden, nämlich schlechter, wie sie meinten. Der Unterschied lag, abgesehen davon, daß das Amtshaus nicht der Gottessegen und Näckes nicht unsere Eltern waren, vorzüglich in der Einrichtung. Meine Mutter bewohnte ihre besten Zimmer selbst, helle, luftige Räume mit einfarbigen Wänden, deren Schmuck sich auf wenige gute Bilder beschränkte. Nichts war bei uns verhangen, verschleiert oder verkramt – keine Vögel, keine Blumen, keine Gerüche und nichts, was bloß des Putzes wegen dagewesen wäre. Sehr einfach waren auch die Möbel, im rechtwinkligen Kastenstil der Zeit, den man griechisch nannte und der mich ganz befriedigte.

Anders war es im Amtshause. Die heiteren, nach der Straße gelegenen Räume der schönen Wohnung wurden nicht bewohnt und schienen nur ihrer selbst wegen da zu sein. Es waren glänzende Putzgemächer, zu schade zum Gebrauch. Die Familie beschränkte sich vielmehr auf einige enge Zimmer, die nach dem düstern, von hohen Gebäuden umstellten Hofe sahen, dessen Ödigkeit sich durch das eintönige Plätschern eines Röhrbrunnens noch bemerklicher machte. Die Fenster gaben daher nur wenig Licht, das überdem noch durch bunte Gardinen gebrochen war. Die gedrängten Möbel, im Zopfstil phantastisch gespreizt und ausgeschweift, waren mit Porzellan, mit Muscheln und allerlei unnützen Nichtswürdigkeiten besetzt. Auf den Fensterbrettern standen Balsaminen,[54] Geranien und Nelken; gelangweilte Goldfische in gläsernen Kugeln zierten die Spiegeltische, abwechselnd mit Potpourris, welche die Zimmeratmosphäre mit starken Gerüchen füllten. Das Hauptstück aber und die Krone aller Langweiligkeit war ein Vogelbauer von Golddraht, dessen Insasse, ein alter Dompfaffe, unablässig den Anfang des Dessauer Marsches pfiff.

Fremdartiges widersteht anfänglich. Doch gewöhnten wir uns bald nach Kinderweise und wurden heimisch bei den guten Menschen, die es sich angelegen sein ließen, uns den Aufenthalt in ihrem Hause so angenehm zu machen, als sie konnten. Jeden einzelnen von ihnen, besonders den alten Vater und die drei Söhne, schloß ich ins Herz und freute mich der heiteren Unterhaltungen am Mittagstische, der die ganze Familie zu vereinen pflegte.

Die Gegenstände des Gesprächs sind fast in jedem Hause andere. Bei uns z.B. war vom Essen nie die Rede. Meine Mutter hatte dafür entweder selbst wenig Sinn oder wollte ihn in uns nicht wecken. Was sie für leicht verdaulich hielt, das schmeckte ihr und mußte uns am besten schmecken, und da in dieser Hinsicht nichts über unschmackhafte Speisen geht, so wurden diese für gewöhnlich vorgezogen. Mein guter Vater hatte zwar seine Vorurteile für Spargel, für Blumenkohl und Krebse, die stillschweigend berücksichtigt wurden; sonst aß er stillschweigend auch alles andere.

Bei Näckes dagegen war das Essen nichts weniger als ein verschwiegenes Kapitel und wurde stets zum Gegenstand lebhafter Unterhaltung. Jedweder hatte da nicht nur sein Lieblingsessen, womit er der Reihe nach bedacht ward, sondern an Fisch und Braten sogar sein Lieblingsstückchen, um das daher kein Streit sein konnte. Die allgemeine Leidenschaft war zarter Karpfen aus den Moritzburger Teichen, eine Schüssel, bei deren Erscheinen die allgemeine Stimmung augenblicklich in Fisch-Moll überging. Ein jeder wußte dann sein Kopf-, Schwanz- oder Mittel stückchen fast mit Rührung zu verspeisen und so herauszustreichen, daß man glauben konnte, es sei die Rede von ganz verschiedenen Gerichten. Uns Kindern legte man, wahrscheinlich wegen der Gräten, bloß Milch und Rogen vor, uns einredend, daß diese wohlschmeckendsten Teile nur Gästen verabfolgt würden. Auch mundeten mir besagte Eingeweide ganz vortrefflich, nur daß ich mich des unverdienten Vorzugs schämte.

Es waren heitere Mittage im Kreise dieser freundlichen Menschen, die es so wohl verstanden, Kleines groß zu machen, ja, wenn nichts anderes dagewesen wäre, ein Butterbrot zum lukullischen Mahle geadelt hätten. Man würde dann nur gestritten haben, ob Rinde oder Krume, dick oder dünn gestrichene Butter den Preis verdiene.[55]

Dieser Fähigkeit der Illusionen, die sich keineswegs nur auf Speisen beschränkte, verdankte die Familie viele gute Stunden, sowie freilich, namentlich in späteren Jahren, auch manchen Schmerz, welcher mitunter ebensowenig begründet sein mochte als die Vorzüglichkeit eines Fischkopfes vor dem Schwanzstück. Damals aber war es ein glückliches Zusammenleben: zwei Töchter und drei erwachsene Söhne von verschiedenem Berufe, alle wohlbegabt und geistvoll, mit den Eltern unter einem Dach, mittags und abends ihre Erlebnisse gegenseitig austauschend.

Besonders liebenswert erschien der Hausvater selbst, wenn er mit seinem gepuderten Kopf, in Kniehosen und Schnallenschuhen aus den Geschäftslokalen unter die Seinigen trat. Redlichkeit und Güte leuchteten aus seinen grauen Augen, sein anspruchsloses Wesen legte keinerlei Zwang auf, und immer stimmte er gern in die gute Laune seiner Kinder ein. Auch gegen uns, die fremden Kinder, die ihre Füße unter seinen Tisch hingen, war er gleichmäßig gut. Bisweilen nahm er uns sogar, vielleicht aus Erbarmen gegen seine Frau, mit sich in sein Arbeitszimmer und duldete unsere lauten Spiele, während er amtliche Erlasse las und unterzeichnete. Die Akten standen da zu Schanzen aufgetürmt. Dahinter versteckte ich meinen Bruder, und wenn ich dann klagte, daß er verloren sei, und der Alte ihn fruchtlos rief und suchte, bis er laut lachend aus seinem Versteck hervorbrach, konnte der würdige Mann so erstaunt aussehen, daß wir immer glaubten, ihn getäuscht zu haben.

Um in jenes abgelegene Arbeitszimmer zu gelangen, hatte man einen winkligen Korridor zu passieren, der zum ausschließlichen Gebrauch der Amtsfamilie eine Nebenverbindung unter den verschiedenen Teilen des labyrinthischen Gebäudes herstellte und dessen mysteriöses Dunkel uns Kindern je nach der Tageszeit mehr oder minder Bangigkeit einflößte. Man hatte uns nämlich davon in Kenntnis gesetzt, daß dort der Niemand hause, dem alle schon begegnet sein wollten.

Nun wäre ich möglicherweise alt genug gewesen, um mich nicht vor niemandem zu fürchten, wenn nicht das Wesen der Gespensterfurcht gerade in der Furcht vor nichts bestände. Man scheut sich, etwas wahrzunehmen, was nicht da ist, und wird sogleich beruhigt, sobald man sich nur überzeugt, daß wirklich etwas da ist. Indem ich nun den Bruder zu fürchten machte, fürchtete ich mich selbst am meisten, und wir spielten gewissermaßen mit der Gefahr, wenn wir uns des Abends damit amüsierten, so lange aus der halbgeöffneten Tür in jenen dunkeln Gang zu blicken und den Niemand anzuschreien, bis uns das Entsetzen überkam und wir die Türe eilig zuschlugen.

Diese Unterhaltung mochte der Mutter Näcke wegen einströmender Kälte und des Lärmes, den wir machten, wenig zusagen. Sie gebot uns[56] deshalb häufig Ruhe, hatte sich neuerdings sogar bis zu der Drohung verstiegen, wenn wir bei ihr nicht guttun wollten, uns gänzlich wegzutun, etwa zu Mamsell Claß; dennoch vergaßen wir uns fort und fort und fingen, der Bilderbücher und des Stillsitzens überdrüssig, immer wieder an zu wildern und die Neckereien mit dem Niemand fortzusetzen.

Eines schönen Abends nun, da das Gruseln nicht recht gelingen wollte, trieb ich den Vorwitz so weit, das Zimmer zu verlassen und den unheimlichen Korridor entlang zu wandeln, als wäre das ein Kinderspiel. So recht in der Verfassung, dem Niemand zu begegnen, schritt ich leichtsinnig fürbaß, während mein Bruder mir in vorgebeugter Stellung mit an die Knie gestemmten Händen nachsah, jeden Augenblick bereit, laut aufzubrüllen.

Unweit der Stubentüre machte der Gang ein Knie, von welchem der Schein einer entfernten Lampe sichtbar wurde, die vor dem Arbeitszimmer des Oberamtmanns brannte. Da! – wahrhaftig, da war etwas! Ich unterschied ganz deutlich eine kleine, verteufelte Gestalt, die mir entgegenhuschte. Ich prallte zurück, und, meinen Bruder über den Haufen werfend, stürzte ich ins Zimmer. Der Kleine entwischte schreiend auf allen vieren, während die Hofrätin Näcke ihre Brille abnahm und ernstlich scheltend von ihrer Arbeit aufstand. Gleichzeitig war aber auch der Niemand eingedrungen.

Da löste sich der Zauber, denn, bei Licht besehen, war dieser Niemand niemand anders als Mamsell Claß, die ich seit meinem Abenteuer in der Mädchenschule hier zum ersten Male wiedersah. Sie mochte beim Oberamtmann ein Geschäft gehabt und dann, vertraut mit der Gelegenheit des Hauses, jenen Gang benutzt haben, um die befreundete Familie zu besuchen. Daß mir's ganz wohl bei dieser Verwandlung gewesen wäre, kann ich nicht sagen, da es der Mutter Näcke jetzt leicht einfallen konnte, ihre Drohung wahrzumachen. Indes, es schien ihr dies doch nicht einzufallen, und alles löste sich in Wohlgefallen auf, bis auf den Umstand, daß Mamsell Claß mich auf den Schoß riß und mich küssen wollte – Strafe genug für meine Unart.

Beim Abendessen traf mich freilich der Spott der Tischgenossen; aber der Hausvater nahm mich in Schutz. Er mochte sich erinnern, daß auch er in früheren Zeiten vor Frauenzimmern geflüchtet war, und es verzeihlich finden, daß ich ein Weib für ein Gespenst gehalten.

Wie lange wir bei Näckes hausten, hab' ich vergessen: den Eindrücken nach, die mir geblieben, ein halbes Jahr; in Wahrheit vielleicht nicht länger als acht Tage; aber die Erinnerung weilt mit dankbarer Liebe und mit Wehmut bei diesen guten Menschen, deren glückliches Familienleben nur zu schnell zu Ende ging. Die Engel des Hauses, die beiden[57] Eltern, starben bald nach jener Zeit kurz hintereinander, das alte trauliche Amtshaus, da man so heimisch gewesen, mußte verlassen werden, und die Wege der Geschwister gingen auseinander. Sie waren sämtlich liebenswerte Menschen, die Söhne ausgezeichnet und geachtet in ihrem Beruf, die Töchter jeder Teilnahme der Freunde gewiß; dennoch begann sich mehr oder weniger in ihnen allen ein Gefühl des nicht Zugehörigen und Fremdseins zu entwickeln, das sie vereinsamte und je mehr und mehr von anderen Menschen isolierte. Unverheiratet blieben sie alle und sind nun schon seit einer langen Reihe von Jahren aus einem Leben geschieden, das seinen Glanz für sie verloren hatte.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 53-58.
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