Warum es wieder nach Lausa geht

[350] Ich habe jetzt in meiner Erzählung um einige Monate zurückzugreifen, da mich ein anderer Verlust betroffen, der weher tat als der von Rock und Haaren. Die fortwährend kränkelnde Mutter hatte den Wunsch gehabt, zu ihrer Hilfe ein junges Mädchen ins Haus zu nehmen, und in dieser Beziehung an eine rheinische Verwandte, die sechzehnjährige Helene X., gedacht, für welche sie sich, als für ihr Patenkindchen, sehr lebhaft interessierte. Helenes Eltern hatten eingewilligt, und im Spätherbst des Jahres 1818 konnten wir der Ankunft dieser uns allen bis dahin völlig unbekannten Kusine entgegensehen. Sie wurde von jung und alt mit einiger Spannung erwartet, zumeist vielleicht von mir, da ihr der Ruf von Liebenswürdigkeit und Schönheit vorauslief, ich aber gerade in dem Alter war, wo einem die Augen für dergleichen Vorzüge aufzugehen pflegen. Aber so günstig meine Vorstellung auch sein mochte, so wurde sie doch noch übertroffen, als die Ersehnte endlich[350] anlangte und, aus ihren winterlichen Hüllen ausgeschält, so frisch und lieblich wie ein Maienmorgen vor mir stand.

Ein gleich schönes Äußere hätte mich bei einer Fremden vielleicht verschüchtert und entfernt gehalten; aber Helene war nichts weniger als fremd. Sie war eine nahe Verwandte, mit der man gleich von vornherein auf du und du stand, die einem zur Begrüßung um den Hals flog und sich so zutraulich bezeigte wie eine Schwester. Den Umgang einer Kusine hatte ich noch nie gekostet: ich fand ihn allerliebst und freute mich, daß er so leicht vonstatten ging. Wir waren gleich die allerbesten Freunde, gingen Arm in Arm spazieren, sangen miteinander und konnten ohne Ende miteinander kosen. Helene war ein frisches, heiteres Mädchen, das man gern sprechen hörte, und wenn sie heimische Schnurren in niedlichster Mundart erzählte und selber dazu lachte wie ein Glöckchen, dann tanzte mir das Herz im Leibe vor Vergnügen. Am liebsten hätte ich die ganze Person gleich aufgegessen.

Die Eltern hatten freilich nicht beabsichtigt, durch die Anwesenheit eines so reizenden Wesens Kohlen an ein Pulverfaß zu legen; geschehen aber war es so. Sie mochten ihrem ältesten Sohne kälteres Blut zugetraut haben, als er besaß, denn ich war allerdings bis dahin so erfüllt von meinen Gipsköpfen gewesen, daß ich die lebendigen Köpfe kaum angesehen hatte und an den teilweise sehr hübschen jungen Mädchen unserer Dresdener Bekanntschaft ganz teilnahmslos vorübergepilgert war. An Helene aber war nicht so vor beizukommen: sie saß ja immer da, und wo ich hinsah, war sie, und ich ward nicht müde, sie anzusehen. Auch redete ich mir natürlich ein, daß das arme Mädchen bei der Unreife und Schulbelastung der Geschwister mit ihren Ansprüchen an Geselligkeit ganz vorzugsweise auf mich angewiesen sei; daher ich alle meine freie Zeit mit ihr verbrachte, sie zu erfreuen suchte, wo ich konnte, und dabei wie ein trunkener Nachtfalter der Flamme, die ich umschwärmte, immer näher kam. Von Liebe war dabei zwar nie die Rede, es schien alles Freundschaft und Verwandtschaft, doch hatte mich der kleine Knabe Amor schon beim Schopfe, und immer tiefer ward ich in die Netze der allgewaltigsten Leidenschaft verstrickt, deren verborgenen Stachel ich noch nicht kannte. Ich fühlte mich anfangs nur beseligt und sah die ganze Welt in einem Rosenschimmer, so glanzvoll und so farbig, als sei sie noch der schöne Garten Eden, da unsere ersten Eltern sich umarmten.

Leider aber ist unsere arme Welt kein Paradies mehr, und die Kränze, die sie noch bietet, sind unter Umständen der bedenklichsten Verwandlung fähig. Mein unerfahrenes Herz war allgemach auf jene schiefe Ebene geraten, da es keine Haltepunkte der Ruhe mehr gibt, wo sonst[351] beglückende kleine Konzessionen nicht mehr befriedigen und die heitere Illumination des Herzens in zehrende Glut umschlägt. Ich erschrak jetzt vor mir selber, denn je unverdorbener ich wirklich war, je heißer kochte mein Blut auf, und wie ein Verrückter hatte ich bald nur noch einen einzigen Gedanken – der hieß: Helene. Sie war das einzige Element, in dem ich leben konnte, und außerdem war nichts mehr da und alle Interessen fort an Natur und Kunst, an Eltern und Geschwistern und Freunden. Ich war zur Marionette in eines Mädchen Hand geworden.

So war es, und daß es nicht so bleiben durfte, war mir klar, nicht aber, wie es anders werden sollte. Weder wollte es gelingen, den Herzpfeil wieder auszureißen, noch konnte ich ihn stecken lassen, am allerwenigsten aber an Heirat denken, welche der nahen Verwandtschaft wegen mit der überdies katholischen Helene ganz unmöglich schien. Zwar kämpfte ich nach besten Kräften, wie ich glaube, versuchte zu meiden, was ich liebte, schloß mich meinem Bruder mehr als vordem an, besuchte meine Freunde und führte über mein Verhalten ein Journal; aber alles war vergebens, und die Folgen meiner Anstrengungen waren nur Verdrossenheit und üble Laune. Ich ward ungerecht und kränkend sogar gegen diejenige, die ich am liebsten auf Händen durchs ganze Leben getragen hätte, und während sie weinte, rannte ich mit scheußlichem Gewissen einsam bei Nacht und Nebel durch die Heide wie ein alberner Werther.

Als ich nun eines Abends, nachdem die anderen längst gegessen hatten, abgejagt und müde nach Hause kam und stracks zu Bette gehen wollte, trat mein Vater mit besorgter Miene bei mir ein. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Du hast was auf dem Herzen!« Ja freilich hatte ich das. Ich flog ihm um den Hals und bat um eine Unterredung.

Der Vater nahm mich mit sich auf sein Zimmer, stellte sein halb niedergebranntes Licht auf eine Konsole und entfernte einen Haufen Mappen von dem kleinen, zwischen Skelett und Gliedermann stehenden Diwan. Da saßen wir, umgeben von allen den tausend Utensilien der Werkstatt, unter denen es mir von Kindheit an stets am heimischsten zumute war. Die Beichte ward erleichtert durch entgegenkommende Fragen, und es entspann sich ein Gespräch, das mich gegen meinen Vater mit unaussprechlicher Dankbarkeit erfüllte, da er mir nicht als Richter, sondern als teilnehmender Freund entgegentrat. Übrigens mochte er sich Schlimmeres gedacht haben, als ich zu gestehen hatte, denn allgemach schwand alle Sorge aus seinen Zügen. In solchen Fällen, sagte er, dürfe man sich nicht schämen, das Hasenpanier zu ergreifen,[352] da der einzige mögliche Sieg hier in der Flucht sei. Helene müsse ich vorderhand nicht wiedersehen und morgen mit dem frühsten fort zum Pastor Roller. Niemand, der mich kenne, würde sich wundern, daß mich die Lust habe anwandeln können, einmal zu ungewohnter Stunde in Lausa einzusprechen, und ebenso wenig, wenn ich berichte, daß Roller mich nach seiner Weise nicht sogleich wieder entlassen wollte. Das übrige wollten wir Gott befehlen.

Ich ging zu Bett. Die Unterredung mit meinem Vater hatte mich mit neuen Banden der innigsten und ehrerbietigsten Liebe an diesen meinen besten Freund gekettet und mich gekräftigt. Ich stand dem Feinde in meinem Herzen nicht mehr allein gegenüber wie vordem, sondern hatte einen Bundesgenossen gewonnen, und in diesem Bewußtsein schlief ich ruhig ein.

Am anderen Morgen, als noch alles tot im Hause war, trieb mich mein Vater aus dem Bette, übergab mir einen Brief an Roller und hatte es sehr eilig. Ich stob vor Tagesanbruch fort, zum Haus und Tore hinaus, hinein in den Wald. Es war ein frischer Morgen, und um warm zu werden, lief ich wie ein Bürstenbinder, aber es war mir zu Sinn, als trabte ich über lauter Gräber, und in allen lag Helene. Ich war so traurig, daß das Herzwasser mir aus den Augen ging und mir die Backen mit Glatteis überzog; doch sah es still und friedlich in mir aus. Wenn der Tote erst begraben ist, so zieht der Trost ein.

Helene machte mir keine Sorge. Wohl dachte ich, daß sie ihren Kameraden vermissen würde, wenn er am Abend nicht, auch morgen und übermorgen nicht zu ihr zurückkehre; doch war ich nicht unbescheiden genug, anzunehmen, daß ihr Gefühl dem meinigen auch nur im entferntesten gleiche – und überdem, so wußte ich, daß meine Eltern, die sie wie eine Tochter liebten, sie nicht entgelten lassen würden, was sie am wenigsten verschuldet.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 350-353.
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