Die Russen

[114] Der »Gottessegen« war ein hohes Haus, außer dem Erdgeschoß noch vier Etagen übereinander; dann folgte erst der Dachboden, an welchem alle Mietsleute ihren Anteil und Verschluß hatten. Hier oben war eine romantische Welt, ein Labyrinth von dunklen, winkligen Gängen, Verschlägen und Rumpelkammern voll alten, weggesetzten Hausrates und voll Reiz für Kinder. Überdem erfreute man sich aus den Dachluken einer weiten Aussicht auf die Meißener Gegend, wie auch nach Norden über das Schwarze Tor hinaus bis auf die waldigen Höhen der Radeberger Heide.

Indem mein Bruder und ich nun eines Morgens hier unser Wesen hatten, fiel es uns ein, doch einmal auszuschauen, ob die Russen noch nicht kämen. Wir blickten angestrengt und lange in die Ferne und wollten eben die Köpfe wieder einziehen – da! – nein, es war keine Täuschung: da zeigten sie sich wirklich! Am Saum des fernen Kiefernwaldes, wo dieser an eine öde Sandfläche grenzte, die sich bis zur Stadt heranzog, war plötzlich ein neuer Gegenstand erschienen, ein dunkles Etwas, das[114] sich lebhaft hin und her bewegte. Dann waren es zwei und immer mehrere. Bald schwärmte es wie ein Mückenschwarm der Stadt zu.

»Die Russen! die Russen!« frohlockten wir, und fort ging's mit Sturmeseile, den Eltern das entzückende Ereignis zu verkünden. Mein Bruder krallte sich fest an meine Jacke, schreiend, er wolle es auch mit sagen, denn er habe es zuerst gesehen, was auch nahe an die Wahrheit streifte. So wirbelten wir gekoppelt und doppelt die Treppe hinunter und drangen atemlos in das Arbeitszimmer des Vaters, der, empört über unser Ungestüm, den Malstock hob und uns die Flegelei verwies. Da er aber den Grund unserer Aufregung erfuhr, eilte er, die Arbeit vergessend, mit uns auf den Boden und blickte mit seinem scharfen Auge in die Ferne. Wir hatten recht gesehen: es waren Kosaken, die lustig auf dem Sande schwärmten und sich der Festung immer kecker nahten.

Ob wir hier Zeugen des ersten Schusses wurden, der aus der Stadt fiel, oder ob meine Phantasie die Erzählung anderer zum eigenen Erlebnis umgeprägt, kann ich nicht sagen; doch glaube ich gesehen zu haben, wie einer der Kosaken, nahe an die Palisaden heranreitend, auf den Knall einer Flinte taumelte und dann tot vom Pferde fiel, das ruhig neben ihm stehen blieb. Plötzlich aber war er wieder lebendig, sprang in den Sattel, schwenkte seine hohe Mütze gegen seine Mörder und jagte dann zurück zu seinen Kameraden. Dies Stückchen gefiel uns dermaßen wohl, daß wir es nachher, um es Margareten und anderen anschaulich zu machen, des öfteren wie eine Komödie aufgeführt haben. Ich kam auf einer Fußbank angesprengt mein Bruder feuerte hinter dem Holzkorb vor: und dann geschah alles so wie dort.

An demselben Morgen sahen wir aus unseren Fenstern, wie zwei schlanke, hechtblaue Sachsenleutnants einen kleinen stämmigen Kosakenoffizier mit verbundenen Augen vorüberführten.

»Sie haben ihm ins Gesicht geschossen«, sagte mein Bruder ruhig, »und ihn dann gefangen.« Aber der Vater belehrte uns, daß das ein Parlamentär sei, den man zum Kommandanten führe. Ich sah den kleinen, straffen Parlamentär mit so lebhaftem Interesse an, daß er mir mit seinen festen, kurzen Schritten, seinem breiten Nacken und der stolzen Haltung seines verbundenen Kopfes noch heute ganz lebendig vor den Augen steht. Nach einigen Stunden verbreitete sich die sehr willkommene Nachricht, daß die Neustadt am folgenden Morgen übergeben werden solle.

Nächsten Tags in aller Frühe zog denn auch die sächsische Besatzung ab, während sich unsere Neustädter Honoratioren am Schwarzen Tor versammelten, um die Kosaken zu empfangen. Diese, geführt vom Obristen Brendel, etwa achthundert Mann stark, zogen in[115] guter Ordnung ein und machten unweit des Tores auf dem damals noch freien Platze zwischen Kirche und Kaserne, halt. Auch mein Vater war mit uns Knaben hingegangen.

»Das sind deine Landsleute«, sagte er mir, in welcher Bezeichnung für mich eine Aufforderung zu ungemessener Zärtlichkeit lag. Gern hätte ich wenigstens einigen die Hand gedrückt, da ich's nicht allen konnte, wenn mein Vater mich nicht an der seinigen festgehalten und die strenge Haltung dieser wilden Krieger mir nicht einiges Bedenken eingeflößt hätte.

Inzwischen dauerte die anfängliche militärische Erstarrung des jovialen Kosakenvölkchens nicht allzulange. Was irgend Beine hatte in der Neustadt, war nach dem Tore geeilt, und von allen Seiten drängten die Bürger mit freudigem Zuruf auf ihre Befreier ein. Diese Russen waren als Feinde der Franzosen teure Freunde und Gesinnungsgenossen: sie wurden wie Brüder empfangen, und enthusiastisches Jauchzen erfüllte den Platz. Der Branntwein strömte; jeder hatte ihn mitgebracht, und jeder wollte der erste sein, den langersehnten Barbaren den Hals damit zu füllen. Halb zog man sie, halb sanken sie im Freudentaumel aus den Sätteln. Man umarmte, man küßte sich und sprach in allen Zungen, bis die Quartierbilletts verteilt waren und die glücklichen Wirte mit ihren Mannschaften abzogen. Es war ein Funke der weltgeschichtlichen Begeisterung einer großen Zeit, der in die Herzen des Dresdner Volkes gefallen war.

Meinen Eltern ward ein Offizier zugeteilt, mit dessen Burschen wir Kinder, wie mit den übrigen Kosaken im Hause, bald gute Freundschaft machten. Unsere gegenseitige laute und ununterbrochene Konversation war zwar sehr überflüssig, da wir uns nicht verstanden, doch gab es andere Mittel, sich zu befreunden, und Taten sind mehr wert als Worte. Wir schleppten unseren Freunden Lebensmittel zu, schenkten ihnen unsere ersparten Kupfermünzen und gingen ihnen zur Hand, so gut wir es vermochten. Sie dagegen schnitzten uns hölzerne Lanzen und Säbel, zeigten uns ihre Waffen, unter denen uns besonders ihre langen, in diversen Türkenkriegen erbeuteten und zum Teil sehr reich mit Silber eingelegten Pistolen wohlgefielen, und ließen uns auf ihren kleinen Pferden reiten.

Die Kosaken aus den Freiheitskriegen waren gutartige, kindliche Burschen, zwar etwas diebisch und sehr versoffen, wie unser Hauswirt finden wollte, aber doch dabei recht fromm. Als einer von ihnen mit einer Meldung an seinen Offizier zu uns ins Zimmer trat und das große Marienbild erblickte, bekreuzte er sich sogleich und blieb mit aufgerissenem Munde wie angenagelt an der Tür stehen, keinen Blick von jenem[116] Heiligtum verwendend. Der Offizier ersuchte meine Eltern in französischer Sprache, dem armen Kerl, der noch nie in seinem Leben ein so schönes Bild gesehen, zu gestatten, daß er näher hinzutreten und meine Mutter, in aller Eile die Trümmer ihres halb vergessenen Russisch zusammenraffend, lud ihn nun selbst in seiner eigenen Sprache dazu ein.

Da überwog fürs erste die freudigste Überraschung jede andere Empfindung. Die heimischen Laute entzückten den Weithergekommenen, er krümmte und schmiegte sich mit lauten Exklamationen vor meiner Mutter bis zur Erde, küßte und streichelte den Saum ihres Kleides und suchte auf alle Weise seine Freude zu bekunden. Dann wieder betrachtete er das Bild mit größter Verwunderung und erbat sich schließlich die Erlaubnis, auch einige Kameraden herzuführen.

So dauerte es denn nicht lange, daß ein ganzer Haufe von Kosaken mit ihren Schleppsäbeln die Treppe hinaufrasselten. Sie nahten sich dem Bilde aufs ehrerbietigste, warfen sich auf die Knie, bekreuzten sich und verrichteten ihre Andacht wie in der Kirche. Dann besprachen sie sich leise über das Wunderwerk, vor dem sie standen, und zogen sich dankend mit vielen Verbeugungen wieder zurück. Dasselbe wiederholte sich an demselben Tage noch öfter.

Der im vergangenen Jahre bei uns einquartiert gewesene französische General hatte sich vor demselben Bilde schmunzelnd eine Köchin gewünscht, die der Maria gleiche, worauf seine Adjutanten lachten und dem Gespräch eine so frivole Wendung gaben, daß meine Mutter das Zimmer verließ. Unsere Kosaken waren indes keine Generale, sondern nur gemeine Russen, denen man noch etwas Ehrfurcht vor dem Heiligen zugute halten konnte. Außerdem waren sie ein frisches, fröhliches Völkchen, voll Gesang und guter Laune und, wie gesagt, bisweilen auch voll Branntwein. Nüchtern aber oder trunken gingen sie doch immer ihrem Feinde keck zu Leibe, und täglich erzählte man sich von der unerschrockenen Gewandtheit, mit der sie ihre Streiche auszuführen wußten. Auf ihren unermüdlichen Pferden schwammen sie über den Strom, erschienen plötzlich im Rücken der Franzosen, die sie unablässig neckten und erschreckten und ihnen Abbruch taten, wo sie konnten. Bei Nacht gelang es ihnen sogar, zahlreiche am anderen Ufer versteckte Kähne wegzunehmen und nach der Neustadt überzuführen.

Der schlaue Führer dieses kecken Haufens, Obrist Brendel, war wunderlicherweise ein Deutscher und interessierte demnächst durch seinen ungeheuren Bart, der an üppiger Vegetation alle Vorstellung übertraf und ihm bis zum Gürtel reichte. Brendel hatte dem Vernehmen nach früher in österreichischen Diensten gestanden, wo er, wie man sagte, sich genötigt gesehen, jenen reglementswidrigen Auswuchs, da[117] er ihn nicht abschneiden wollte, in langen Flechten unter die Uniform zu knöpfen. Als ihm aber auch dies verleidet worden, habe er endlich in der Vorliebe für seinen Bart seinen eigentlichen Beruf erkannt und sei Kosak geworden. In Dresden erfreute sich dieser bärtige Obrist einer dreifachen Huldigung. Die nichts von seiner Herkunft wußten, feierten ihn als Russen und furchtbaren Barbaren, die anderen als wohlgesinnten deutschen Landsmann, und alle, die mit ihm in Berührung kamen, freuten sich seiner kräftigen und jovialen Persönlichkeit. Er ward schnell zum Löwen des Tages; aber obschon man ihn nach Kräften zu fetieren suchte, konnte er sich doch mit dem faulen Leben nicht vertragen. Er mußte vorwärts und die Nachhut der Franzosen weiterdrängen.

Der Marschall Davout war zwar unmittelbar nach Sprengung der Brücke mit dem Kerne seiner Truppen abgezogen, doch standen in der Altstadt immer noch dreitausend Mann, die mit der Pudelmütze nicht wegzuschlagen waren. Da geschah es aber, daß wir etwa in der zweiten Nacht nach Brendels Ankunft durch starken Trommelwirbel und ein schwerfälliges Gerassel aus dem Schlafe aufgestört wurden. Jedermann dachte an den Einmarsch eines Armeekorps mit zahlreicher Artillerie, und man war daher nicht wenig erstaunt, am nächsten Morgen die Straßen leer und alles beim alten zu finden. Der ganze Spektakel war nichts anderes gewesen als ein Gespenst, das Brendel heraufbeschworen, um die Franzosen aus der Altstadt wegzuschrecken. Er hatte nämlich aus den benachbarten kleinen Städten und Ortschaften die sämtlichen Trommler der Schützengesellschaften zusammentreiben und durch die Straßen der Neustadt wirbeln lassen. Hinter ihnen fuhren mit Steinen schwer beladene Leiterwagen. Die Franzosen aber hatten richtig Schein mit Sein verwechselt: sie waren abgezogen, und Brendel schwamm mit seinen Kosaken durch den Strom, sie zu verfolgen. Erst hinter ihnen schloß ein interimistischer Holzbau die große Bresche in der Brücke.

Jetzt brachte jeder Tag sein Neues. Auf die Kosaken folgten reguläre russische Truppen. Das Wintzingerodesche Armeekorps zog größtenteils durch Dresden, und zwar in bester Haltung mit Sang und Klang, mit fliegenden Fahnen und umgeben von dem Nimbus der gerechten Sache, für die es stritt. Solche Durchmärsche mit anzusehen, wäre an und für sich schon gut genug gewesen; wir Kinder aber hatten dabei noch ein spezifisches Interesse. In der russischen Armee nämlich dienten viele Livländer, unter denen sich leicht Verwandte finden konnten, eine Menschenklasse, die uns Kindern bis dahin fremd geblieben war, da die Familien des Vaters wie der Mutter so weit von uns zu Hause waren. Wir sahen daher jeden russischen Offizier darauf an, ob nicht[118] vielleicht ein Onkel in ihm stecke, suchten auch einzelnen, die uns wohlgefielen, durch vertrauliches Zunicken eine Entdeckung zu erleichtern, an der ihnen, wie wir meinten, ebensoviel gelegen sein mußte als uns selbst. Auf diese Weise erhielten wir manchen freundlichen Gruß zurück, ohne jedoch zu unserem Ziel zu kommen.

Aber die rechten Onkels stellten sich ganz von selber ein, und oh! wie klopfte mir das Herz, als ich eines Morgens in der Haustür stehend, von einem anreitenden Husarenoffizier gefragt ward, ob hier mein Vater wohne. Es war ein Vetter meiner Mutter, namens Georg von Bock, ein wunderschöner junger Mann vom stattlichsten Aussehen. Fast verschlang ich ihn mit den Augen und hatte eine Freude, die nur durch die vergangene Verwandtendürre erklärlich werden konnte. An seinem Arme ging ich stolz durch die Straßen bei den präsentierenden Posten vorüber und fühlte mich nicht schlecht geschmeichelt, wenn begegnende Soldaten Front vor uns machten. Das war doch anders als mit Talkenberg! Und oh, wie anziehend waren die Gespräche dieses Onkels für groß und klein, denn er hatte die ganze Kampagne in Rußland mitgemacht und erzählte in trefflicher Weise als Augenzeuge von den Schlachten bei Smolensk, bei Moshajsk, bei Malojaroslawez und von den Greueln an der Beresina. Leider konnte er nicht immer bleiben, er mußte weiter, wie andere liebe Verwandte, die ihm folgten, und wie ein Traumbild sind mir diese ersten Russen mit ihren Onkels hingeschwunden.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 114-119.
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