Der Komet und Margarete

[95] In Dresden wollte es mir anfangs nicht gefallen; nicht etwa, weil ich nun die Welt gesehen, Halle, Ballenstedt, Brocken und Baumannshöhle, sondern weil ich die gewohnte Häuslichkeit nicht vorfand. Schmerzlich vermißte ich meine Mutter. Sie hatte nach beendigter Kur im Radeberger Bade, das sie jährlich brauchte, auf Verlangen des Arztes noch einen Weinberg bezogen, um dort mit meiner Schwester den Rest des Sommers zu verleben. Der Vater leistete ihr meist Gesellschaft, und da auch Volkmanns von einem Aufenthalte auf ihrem Gute Tschorta bei Leipzig noch nicht zurück waren, blieben mein Bruder und ich vorerst allein in Dresden am Senffschen Schultisch übrig.

So verödet, wie wir waren, hatten weder Studien noch Spiele Reiz. In steter Sehnsucht nach Eltern, Genuß und Freiheit, zählten wir die Wochentage als bloße Nullen ab, den Zähler Sonntag vollzumachen,[95] den wir gemeinschaftlich in Loschwitz auf dem Weinberge zu verfeiern pflegten. Und in der Tat war es kein Hund – wie die Studenten sagen –, nach sechstägiger, heißer, mühsam durchgeplagter Schulzeit am Sonntagmorgen auf freier Bergeshöhe im Paradiese Gottes zu erwachen. Da fuhr man ungeweckt in aller Frühe schon vor 5 Uhr aus dem Bette, während man sich doch in Dresden, trotz Senffs Geschrei und Rütteln, kaum um 7 Uhr ermuntern konnte.

Mein erstes war denn, wie ich war und aus den Federn fuhr, hinaus ins Freie zu treten, wo mich in der Regel schon der Winzerjunge, Gottlieb Braun, ein derber Junge meines Alters, erwartete. Auch er pflegte in dieser frühen Stunde nicht anders als im Negligé, nämlich im bloßen Hemde, zu erscheinen. Wir gingen dann mit nackten Füßen behaglich durch das tauige Gras zum Röhrbrunnen hin, in dessen frischem Wasser wir uns wuschen. Hierin war Gottlieb Meister. Er lehrte mich den Mund voll Wasser ziehen und dieses geräuschvoll in starken Strahlen gegen die ausgebreiteten Hände blasen, von denen es ins Gesicht rikoschettierte. Ich übertraf indes den Meister bald, indem ich mit ganzem Leibe in den Trog sprang, was jener mir nicht nachtun konnte, weil er von seinem Hemde unzertrennlich war. Seine Mutter pflegte ihm nämlich am Johannistage jedes Jahres ein ganz neues Hemd auf den Leib zu nähen, welches er zwölf Monate lang tragen mußte, um es dann als abgenutzten Lumpen über den Zaun zu werfen.

Wenn wir gebadet hatten, drängte eine Lust die andere, und man konnte es radikal vergessen, daß es auch noch Rechenstunde und lateinische Grammatik in der Welt gebe. Um die Mutter freilich, auf die ich mich doch zumeist gefreut, bekümmerte ich mich wenig. Wenn wir Kinder uns herumtrieben, den Abfluß des Röhrbrunnens abdämmten und Überschwemmungen machten oder Höhlen in den Sand des Weinbergs gruben, in denen uns kein Burkhard schrecken durfte, war sie beim Vater und den Freunden, die sie sonntags zu besuchen pflegten; doch aber war es wesentlich das Bewußtsein der mütterlichen Nähe, das mir jene Tage so verklärte, Spiel und Speisen würzte und das Scheiden schwer machte. Wenn dann der spätere Abend herankam und sie mir beim Abschied noch den verwüsteten Hemdkragen glattstrich und mich auf die Stirne küßte, dann fühlte ich's erst recht, wie lieb ich meine Mutter hatte, und schonte meinen Kragen auf dem ganzen Wege, damit er möglichst lange bliebe, wie er von ihrer Hand gelegt war.

Bei diesen nächtlichen Wanderungen in die Stadt, die wir teils zu Fuße machten oder auch in größerer Gesellschaft zu Wasser, erschien dann regelmäßig am Himmel unter tausend und abertausend kleinen Sternen die Feuerrute des riesigen Kometen von 1811.[96]

Gottlieb hatte mir gesagt, daß das Krieg bedeute, und weder Senff noch die übrigen aufgeklärten Freunde unseres Hauses widersprachen, denn leider war der einsame Segler dort oben nicht der einzige Prophet, der damals Unheil und schwere Zeit verkündete. Das mächtige Kaiserreich Napoleons rüstete jetzt offenbar in allen seinen Teilen, und auch Rußland raffte sich auf und wies die Zähne. Es rief die Reichswehr zu den Waffen und konzentrierte imposante Kräfte an den Grenzen. Durch Allianzen suchten beide Mächte sich zu stärken, und im Spätherbst 1811 mochte wohl niemand mehr ernstlich an die Erhaltung des Friedens glauben. Große und kleine Leute fühlten sich beängstigt und zürnten dem Blutmenschen Napoleon und seiner ruhelosen Nation, die in ihrer Tobsucht nimmer müde wurde, die erschöpften Völker in immer neue Händel zu verwickeln.

Da geschah es, daß um jene Zeit des bittersten Franzosenhasses eine blutjunge Pariserin von kaum 17 Jahren nicht nur in unser Haus verschlagen ward, sondern auch festen Fuß bei uns faßte. Wir Kinder, die wir einen eigentlichen Unterschied zwischen Spitzbuben und Franzosen nicht anzunehmen vermochten, sahen dies neue Familienglied mit scheelen Blicken an und mußten unseres ungefügen Benehmens wegen zu mehrerer Artigkeit ernstlich vermahnt werden. Bald aber faßten wir Zutrauen zu dem heiteren Mädchen und überzeugten uns, daß Marguerite Neff, oder Margarete, wie wir sie mit deutscher Betonung nannten, an allen Übeltaten ihres Volkes ebenso unschuldig war als unsere kleine Schwester.

Margarete hatte eine harte Jugendzeit durchlebt. In den Schreckenstagen der Revolution geboren, war sie erst im dritten Jahre, und zwar heimlich im Keller unter Weinfässern, getauft und somit ihr eigener Taufzeuge geworden. Dann hatte sie ihre Eltern verloren, war von unbemittelten Verwandten lieblos erzogen und endlich ins Ausland gejagt worden, um sich mittels ihrer Sprache selbständig zu erhalten. Rat- und freundlos kam sie nach Dresden und, Gott weiß wie, in unser Haus, wo meine Mutter sie aus Erbarmen mit ihrer Jugend zurückhielt, bis sich eine bessere Stelle für sie gefunden hätte. Da ging es denn an ein tüchtiges Parlieren mit Großen und mit Kleinen, und wir Kinder legten, wenigstens in der Aussprache guten Grund zu ferneren Studien.

In unserer Feindschaft gegen Napoleon störte Margarete uns übrigens mit keinem Blick. In ihrem Reiseköfferchen verwahrte sie unter anderem Plunder, den sie uns gern vorwies, auch ein gleich einer Omelette zusammengerolltes Ölbild, ein männliches Porträt mit rotem Kragen,[97] bloß mit Lokalfarben angestrichen und ganz geeignet, die Sperlinge damit zu schrecken. Nichts destoweniger pflegte Margarete diesen Götzen mit zerstörenden Küssen zu bedecken, denn er stellte ihren einzigen Bruder vor, der in Spanien von fanatischen Bauern wie ein Schwein geschlachtet worden war. Er sei so gut und brav gewesen, sagte sie mit heißen Tränen, und habe doch so ganz entsetzlich enden müssen!

Dann wieder hielt sie uns die Fratze neckend vor die Augen, daß wir entsetzt zurückfuhren, und fragte, ob wir nicht fänden, daß man sich davor fürchten könne. Es sei entsetzlich häßlich ausgefallen und gar nicht ähnlich. Aber der Bruder sei zu arm gewesen, einen Maler zu bezahlen, und ein Kamerad hätte es nur aus Gefälligkeit gemacht.

Die traurige Katastrophe des geliebten Bruders gab Margarete übrigens weniger den Mördern als Napoleon schuld. Frankreich, sagte sie, sei schön und groß genug, und man hätte jene spanischen Kannibalen in Frieden lassen mögen; aber der Kaiser bezwecke nicht das Glück der Franzosen, sondern den Ruin der ganzen Welt, und sie hasse ihn de tout son cœur. Das taten wir denn auch so weit als kindermöglich und gewannen Margarete dabei immer lieber, die bald wie eine ältere Schwester unter uns waltete und während der Kriegsdrangsale, die unser warteten, durch ihre Sprache und Landsmannschaft mit dem Feinde dem ganzen Hause von mancherlei Nutzen war. Sie war ein prächtiges Mädchen, französische Beweglichkeit mit deutscher Solidität verbindend, und hat es meine Eltern nie bereuen lassen, daß sie sich ihrer angenommen.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 95-98.
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