August Macke 19.05.1913

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Bonn, 19. Mai 1913


Lieber Franzl!


Hast Du Dich nicht gewundert, dass ich so plötzlich in Berlin war? Ich mußte mal was sehen. Matisse-Ausstellung, Sezession, Herbstsalon-Räume, bei Koehler meine neuen Bilder, die er von mir gekauft hat. In Hamburg habe ich mir einige kleine Negerplastiken zugelegt. Wir sind nachts erst um 4 resp. 7 Uhr ins Bett geklettert. Eindrücke: Delaunay, Marc: Kämpfende Kühe (ich liebe daran das Starke, man hört die Hörner klingen im Gegensatz zu dem großen weißen Stier und den Affen, die nicht so herb wirken). Also im Sinne der Kühe: heil. Deine neuen Bilder: Affe und Reh im Klostergarten wirken sehr ernst und direkt poetisch. Sie sind ganz anders als die Kühe, in ihrer Art mag ich sie sehr gern. Von meinen Bildern habe ich den umgekehrten Eindruck, wie ich erwartete. Was mir im Gedächtnis als schlecht vorschwebte, fand ich viel besser wie das Gutgedachte. In der Sezession wirkt Matisse am stärksten. Heckel und Kirchner wie geistreich bestrichene Sackleinwand. Mir wurde von Kaesbach, der sehr an Cassirer glaubt, erzählt, Cassirer habe die ›stärkeren Sachen‹ von Heckel auf Seite gestellt mit den trostreichen Worten: »Das verstecken wir bis zum Herbst, das sind die stärkeren Sachen.« Dabei ist Heckel neben Matisse totgehängt. Ich kann mir nicht helfen. Die Sachen sind entfernt nicht das, was in Köln war von Heckel. Pechstein ist salonmäßig, herrenstoffmäßig geworden. Der einzige, der gut wirkt in der Gesellschaft, ist Schmidt-Rottluff mit einem Stilleben. Pascin, Purrmann, ein alter Cézanne. Jetzt iss sie scho hiiin aa! Matisse bei Gurlitt, feinfühlig, reizvoll, improvisiert im guten wie im schlechten Sinne. Scheffler schreibt in der Vossischen Zeitung: »Matisse, der Flächenfex!« Es ist schon fabelhaft. Kennst Du die Tschechische Kunstzeitschrift? Ganz famos, ich hab sie mir durch Walden bestellt. Die Leute, besonders ein Bildhauer Gutfreund, müssen alle mittun. Ich hab mit Walden in dem Sinne geredet. Es sind fünf bis sieben. Ich sprach mit Lübbecke, der wieder recht dumm war, über Herbstsalon in Frankfurt. Er denkt, Swarzenski macht sowas. Gutbier (Arnold) in Dresden. Man könnte ihn reisen lassen! Berlin, Dresden, München (Thannhauser?! versuch's mal), Frankfurt (schreib doch an Swarzenski, Du kennst ihn doch), Hamburg (durch Walden). 50% vom Eintritt überall für den ›Sturm‹, resp. Deckung der Unkosten. Schreib mal was und seid umarmt, Ihr paarungsbedürftige Gesellschaft.


Euer August


Kennst Du einen Maler Henseler aus München?[161]

Erinnerst Du Dich vielleicht des Korbstillebens und des Gartenbildes, die wir damals zum Blauen Reiter ausgesucht hatten. Hab ich die nach Berlin an Walden oder an Goldschmidt geschickt? Sie sind nicht beim Blauen Reiter. Walden weiss nicht, wo sie sind.

Quelle:
Franz Marc, August Macke: Briefwechsel. Köln: DuMont, 1964., S. 159-162.
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