14. Zur Ausstellung der ›Neuen Künstlervereinigung‹ bei Thannhauser[126] *

Gegenüber der allgemeinen Ablehnung, die die »neue Künstlervereinigung« in München erfahrt, ist es vielleicht angebracht, auch eine andere Stimme und Meinung laut werden zu lassen. –

An etwas stößt sich hier das Publikum augenscheinlich: es sucht Staffeleikunst und wird nervös und zweiflerisch, wenn es kaum ein reines Staffeleibild von gewohntem Stil in dieser Ausstellung findet. Bei allen Bildern ist noch ein Plus im Spiel, das ihm die reine Freude nimmt, aber jedesmal den Hauptwert des Werkes ausmacht. [Die Bilder sind als Exempel gemalt für weite Ideen über Raumaufteilung und dekorative Farbenwerte, die sich einst das kommende Kunstgewerbe nutzbar machen wird. Die meisten dieser Bilder müssen mißverstanden werden, wenn man diese Voraussetzung außer Acht läßt. Aber kann sie nicht als Mahnung dienen, diese Künstler mit dem Ernst anzusehen, den sie verdienen? –]

Die völlig vergeistigte und entmaterialisirte Innerlichkeit der Empfindung, der im »Bilde« beizukommen unsre Väter, die Künstler des 19. Jahrhunderts nie auch nur versuchten. Dies kühne Unterfangen, die »Materie«, an der sich der Impressionismus festge bissen hat, zu vergeistigen, ist eine notwendige Reaktion, die in Pont-Aven unter Gauguin begann und bereits unzählige Versuche aufweist. Was bei diesem neuen, das die »neue Künstlervereinigung« macht, uns so aussichtsreich erscheint, ist, daß ihre Bilder neben ihrem auf's Höchste vergeistigten Sinn höchst wertvolle Exempel für Raumaufteilung, Rhythmus und Farbentheorie enthalten.

Ein Nebengedanke drängt sich hier auf: wird nicht vielleicht das kommende Kunstgewerbe einen glücklichen Anschluß an diese Werke, die voll Rhythmus und ornamentaler Farbe sind, finden können? Einen Anschluß, den es seit dem Biedermeier entbehrt und den wir alle sehnlichst verlangen. Dieser doppelte Sinn, der geistige und der ornamentale, sollte uns doch zur Besinnung bringen, diese echten Künstler mit dem Ernst anzusehen, den sie verdienen.

Es ist schade, daß man Kandinskys große Komposition und manches andere nicht neben die muhamedanischen Teppiche im Ausstellungspark hängen kann. Ein Vergleich wäre unvermeidlich und wie lehrreich für uns Alle! Worin besteht unsere staunende Bewunderung vor dieser orientalischen Kunst? Zeigt sie uns nicht spottend die einseitige Begrenztheit unserer europäischen Begriffe[126] von Malerei? Ihre tausendfach tiefere Farben- und Kompositionskunst macht unsere konventionellen Theorien zu Schanden. Wir haben in Deutschland kaum ein dekoratives Werk, geschweige einen Teppich, den wir daneben hängen dürfen. Versuchen wir es mit Kandinskys Kompositionen – sie werden diese gefährliche Probe aushalten, und nicht als Teppiche, sondern als »Bilder«. Welche künstlerische Einsicht birgt dieser seltene Maler! Die große Konsequenz seiner Farben hält seiner zeichnerischen [Willkür] Freiheit die Wage 〈sic!〉, – ist dies nicht zugleich eine Definition der Malerei? –

In der großen Marées-Ausstellung empfanden wir dankbar die Erlösung vom Kleinkram unserer Staffeleimalerei; Bechtejeff wandelt in seinen und Feuerbachs Bahnen. Glaubt man denn wirklich im Ernst, daß Bechtejeff ein ungeschickter Aktzeichner ist? Er erkannte, was Marées Ringen tragisch hemmte und die großen Ideen Feuerbachs verdarb: Beide gingen an die Darstellung des Menschen mit den gänzlich ausgeschöpften Mitteln der italienischen Renaissance und wagten nicht die letzte Konsequenz, ihn als Linienornament in ihre ornamentalen Kompositionen einzuführen; hier liegt einer der Wege für die moderne Wandkunst. Mit welch bewußter Sicherheit wählt ihn Bechtejeff. Seine Amazonenschlacht vorigen Jahres ist [mir] wie eine heitere Erfüllung von Feuerbachs und Trübners Versuchen an demselben Thema. –

Mancher tote Meister würde vor Erbslöhs mächti gem Frauenakt erschauern und einen fernen Stil ahnen, den er vergeblich gesucht. Die Erfüllung steht noch weit vor uns; aber diese Künstler reißen den Boden mutig auf für eine gute Saat. –

Warum lacht man vor Girieuds köstlichen Jahreszeiten? Ich glaube, man belächelt sich dabei selber traurig. Ist die Phantasie heute so verbiedermeiert und verstopft, daß sie hier versagt? Man sammelt wütend alte Japandrucke und persische Liebesbücher – warum [stutzt] schreckt man vor Girieuds aristophanischer Laune zurück? –

Man ist vor allem enttäuscht, auch unter den Stilleben [keine] nicht die gewohnten Staffeleibilder zu finden. Sie wollen es auch kaum sein. Ihre konsequent durchgeführte Aufteilung der Fläche [zielt, vielleicht unbeabsichtigt, auf etwas ganz anderes, auf das Kunstgewerbe. Das dekorative Kunstgewerbe wird einmal die Ernte dieser Arbeit einbringen.], die geheimnisvollen Linien des einen, der Farbenklang des andern sucht geistige Stimmungen auszulösen, die mit der Materie des Dargestellten wenig zu thun haben aber einer neuen, sehr vergeistigten Ästhetik den Boden bereiten. Auch hieraus könnte das Kunstgewerbe, wenn es einst will, – und es wird wollen, die wertvollsten Anregungen[127] holen. Vielleicht versteht man in diesem Gedankengang besser, warum Le Fauconnier an den Anfang seiner Kunst Zahlen und Maße setzt. –

Hodler und Klimt, den großen Neuerern unserer Kunst, stehen diese Künstler verhältnismäßig fern. Es erhöht in unseren Augen ihr Verdienst, daß sie abseits von diesen Meistern einen eigenen Weg suchen. Daß sie dabei ihrerseits nicht traditionslos sind, schmälert dieses Verdienst nicht. Marées, Cézanne, Gauguin, die russische Gotik und der Orient, der heute eine der Säulen europäischer Kunsttradition geworden ist, sind ihre Manen, – ein schwer zu verwaltendes Erbe. Wir sollten mittun und helfen und nicht durch blödes Gelächter entmutigen.

Die Art, wie das Münchner Publikum die Aussteller abtut, hat fast etwas Erheiterndes. Man benimmt sich, wie wenn es vereinzelte Auswüchse kranker Gehirne seien, während es schlichte und herbe Anfänge auf einem noch unbebauten Lande sind. Weiß man nicht, daß an allen Enden Europas heute der gleiche, neuschaffende Geist tätig ist, trotzig und bewußt? Man denke sich die kleine Ausstellung ergänzt durch ein paar deutsche wie Barlach, Metzner, Thornprikker, Brühlmann, Weiss, Hofer, der selbst Mitglied ist, und Ausländer wie Matisse, Minne, Manguin, Puy u.a. – Wer Augen hat, muß hier den machtvollen Zug der neuen Kunst [und vor allem des kommenden Kunstgewerbes] sehen. –[128]


* ›Zur Ausstellung der »Neuen Künstlervereinigung« bei Thannhauser‹ (September 1910)

Maschinenschriftliches Konzept mit handschriftlichen Verbesserungen und zwei handschriftlichen ›Einlagen‹

Sieben Seiten in Quart und auf Briefbogen (eigenhändig)

Irschenhausen, Nachlaß Adolf Erbslöh


  • Anselm Feuerbach: Amazonenschlacht, 1873). Öl auf Leinwand, 405 × 693 cm. Nürnberg, Museen der Stadt
    Anselm Feuerbach: Amazonenschlacht, 1873). Öl auf Leinwand, 405 × 693 cm. Nürnberg, Museen der Stadt

Quelle:
Franz Marc: Schriften. Köln: DuMont, 1978.
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