〈9. Aufzeichnungen auf Bogen in Folio*

[3. These]

1. und 2. erledigt

[Klarstellung]

3.

[Parenthese:]

Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen. [Was heute] Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das Existierende ist Stückwerk [, Pfahlbauten] und Gestammel. Es ist der Versuch [und die Sehnsucht, die Welt nicht mehr mit dem menschlichen Auge anzusehen und darzustellen, sondern] die Welt selbst zum Reden zu bringen. Der [klassische Mensch] Grieche, Gotiker und Renaissancekünstler stellte die Welt künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte; der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich behaupten; er hat auch erreicht was er wollte, – er hat aber auch alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den homunculus zu konstruieren, die [göttliche] Kraft durch das Präparat zu ersetzen, Geist durch Technik. Der Affe äffte [die Gottheit] seinen Schöpfer nach. Selbst die Kunst zwang er zu seinen Handlangerdiensten. [Die Zeiten sind erfüllt;] der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf der Seite der Nichteitelkeit, [des Nicht-»könnens«, des Nicht-»wissens«,] der Nicht-Anwendung des Wissens. Das Können und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: Die Befreiung der Kunst [, die Befreiung des Edlen vom Gemeinen] aus ihrer [utilitarischen] Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen. Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern wie sie wirklich sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr [abstraktes] absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns gelingt, den λογος von Jahrtausenden [vergessen] beim künstlerischen Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist a-logisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt[112] sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; sie hat es zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen [, von Zwecken]. Der Glaube an die Kunst an sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten; er lebt auf der »anderen Seite«.


4.

Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen und unsre Beziehung zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, – oh der glückliche Tag! – vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat seine Formen, seine Formel, die wir nicht mit unsern plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, – aber [zehren wir nicht alle heimlich von dem Geisterleben] glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, – weshalb suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind, hinter dem Schein?


5.

Die absolute Malerei

Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form. Warum wollen wir dazwischensprechen? Wir haben nichts kluges ihnen zu sagen. Haben wir nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge umso stummer werden, je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, ganz aus Eurem Geiste weg, – denkt Euch fort samt Eurem Weltbilde, – die Welt bleibt [, in ewiger Bewegung] in ihrer wahren [Kleid] Form zurück und wir Künstler ahnen diese Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.


6.

Es ist tief traurig, was für einen Haß gute Kunst heute erregt. Am traurigsten, da der Haß im Grunde einem einfachen Mißverständnisse entspringt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß Worte im Laufe der Zeiten ihre Bedeutung von[113] Grund aus ändern können. Am stärksten Worte, die moralische und geistige Dinge bezeichnen. Das Wort bleibt; aber man versteht heute unter Kunst doch etwas ganz anderes als früher. Da man Vorhandenes, so z.B. die »Kunstproduktion«, niemals gewaltsam vernichten soll, sondern warten, bis es von selber eingeht, mache ich den Vorschlag, daß wir das, was wir unter Kunst verstehen und bisher auch mit dem Namen Kunst bezeichnet haben, wodurch soviel Streit und Haß entstanden ist, mit einem neuen Namen bezeichnen; und zwar muß eine ganz neue Bezeichnung gesucht werden, die unter keinen Umständen irgend eine Konkurrenz mit etwas schon bestehendem wecken kann.

Wir hätten den unbeschreiblichen Vorzug davon, völlig unbehelligt künftig unsere Arbeit zu thun. Vielleicht scheitert der Versuch an der Aufmerksamkeit und dem Mißtrauen der von der Kultur bestellten Zollwächter, die einen fremden Stoff, der einen ihnen unbekannten Namen führt, unbedingt konfiszieren werden, da sie einen Sprengstoff gefährlichster Art in ihm vermuten werden. Bleibt also nur der Ausweg, das Wort Kunst wieder seiner Reinheit zuzuführen und statt zum goldenen Kalbe das Volk wieder zu Gott [beten zu lassen] zurückzuführen.


7.

Grenzen der Kunst

Die merkwürdigste Erscheinung ist die selbstgewollte Unfreiheit der Künstler. Alles spezifisch Künstlerische in der Malerei ist heute streng verboten; nur ganz verstohlen und verdeckt dürfen die Maler die künstlerische Note in ihre Bilder einschmuggeln; das Publikum, selbst der Kenner übersieht es dann gnädig; besonders raffinierte Meister in diesem Schmuggel waren die Impressionisten, nicht zum wenigsten Cézanne. Und die ganze Kunstwelt ging auf die Komödie ein. »Beobachten [Sie] die Naturwahrheit dieser Pfirsiche oder des Wintertags«; »wie wunderbar ist dieser Akt, diese Bewegung, diese Hüfte!« Es gilt nämlich als besondere Meisterschaft, was eine ganz und gar nebensächliche Sache ist, unkünstlerische Köpfe zu interessieren, ohne ganz unkünstlerisch zu werden, – ein selbstgewähltes Martyrium.

Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in das Zimmer spazieren darf; man darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen und so weiter. Aber lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf den Tisch legen und so weiter. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z.B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus« darunter schreiben.[114]


* Aufzeichnungen auf Bogen in Folio ohne Titel: Thesen über die ›abstrakte‹ Kunst und über ›Grenzen der Kunst‹ (1912–1913)

Fragment; Blatt 3–7, Blatt 1 und 2 fehlen

Maschinenschriftliche Kopie des Herausgebers von 1948 nach dem inzwischen verschollenen Original


Quelle:
Franz Marc: Schriften. Köln: DuMont, 1978.
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