Oster-Gedancken

[69] Last uns mit den frommen Frauen/

Nun der frühe Tag anbricht/

Für erwachtem Sonnen-Licht

Zu des Herren Grabe schauen.

Last uns Salb' und Specerey/

Seinem Cörper bringen bey.


Seht Aurorens Röth auffsteigen/

Und der helle Morgen-Stern

Wird uns selbst den Weg zum Herrn

Durch den kühlen Thau anzeigen.

Aber ach! der schwere Stein

Kömmt mir unterwegens ein.


Kan ich mit dem Stein der Sünden/

Der mir auff dem Rücken liegt/

Tausend Centner überwiegt/

Mich zur heilgen Stätte finden?

Wo treff ich den Simson an

Der den Stein abweltzen kan?


Unverzagt! dir ist gerathen/

Der/ den du besuchen wilt/

Hat den Kummer schon gestillt:

Seine Treu kömmt dir zu statten/

Hebt den Stein für sich und dich/

Und nimmt deine Last auff sich.


Mag ihn Sünd und Tod nicht zwingen/

Hält ihn nicht der Höllen Klufft/

Kan er sich durch Stein und Grufft

Lebend in die Höhe schwingen/

So wird auch kein Sünden-Stein

Ihm bey dir zu mächtig seyn.


Schau/ das leere Grab ist offen/

Wo dein liebster Heyland lag/

Nun hast du den Oster-Tag

Froher Seligkeit zu hoffen/[70]

Und durchs kühle Schlaff-Gemach

Folgst du ihm in Himmel nach.


Quelle:
Hans Aßmann von Abschatz: Poetische Übersetzungen und Gedichte. Bern 1970, 2, S. 69-71.
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