Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Prediger.

[275] »Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rath der Gottlosen, noch sitzet, da die Spötter sitzen! Aber Heil auch dem Jünglinge, der unter den Spöttern lag, und horchte auf den Rath der Verworfenen! Ihr saht ihn Alle, meine Andächtigen,[275] den erwählten Knaben, den ich einen neuen David nennen möchte, denn der Herr hat ihn berufen, dem Herrn unseres Landes, dem Gewählten Gottes, sein uns kostbares Leben zu bewahren. Ihr saht ihn vor einer Stunde knieen, den Knaben, der die Schleuder genommen, und der Kopf des Riesen fiel, niederknieen als Knaben und auferstehen als Ritter. Preiset den Herrn, er hat durch kleine Dinge Großes gefüget; er hat den Geringen erhoben und die Großen und die Gewaltigen gestürzt. Lobpreiset ihn und dankt ihm durch den vollen Klang Eurer Stimme im Gesange!«

So hub der Prediger am Sonntage in der Nicolaikirche zu Berlin die Dankpredigt an für die gnadenreiche Rettung und Erhaltung des Kurfürsten. Es war der Dechant und Pfarrer von Altenbrrandenburg, der für den kranken Probst als Gast vor den Berlinern redete, und im gedrängt vollen Gotteshause hörten sie ihm mit einer Stille zu, daß man den Hauch des Mundes vernahm.

»Da lag der Jüngling«, hub er an, als nun der Gesang schwieg, »schlafmüde von einem langen, langen Ritte in Diensten seines Herrn, der ihn in ferne Lande geschickt zum Wohle seines Reiches. Ach, dachte er, wo werden meine Kräfte ausreichen, daß ich noch heut meinen Fürsten treffe; hab' ich doch so wichtige Botschaft, und morgen vielleicht ist er weithin aufgebrochen und ich erreiche ihn auch übermorgen nicht. Aber die Kräfte versagten ihm. Er wollte wachen und schlief ein. Warum ward er schwach, warum verirrte er in dem Walde, warum kehrte er in den Haidekrug ein, davor ihm beim Einreiten graute? Der Jüngling, meine Andächtigen durfte dieses fragen. Wir wissen die Antwort. Es war der Finger des Herrn, der ihn schwach machte, der ihn irr führte, und doch zum Rechten. – Fest hatte er sich vorgesetzt, nur ein Stündchen zu schlafen, und er schlief eine, zwei, drei, ich weiß nicht wie viel Stunden. Da weckte ihn der Engel Michael, zu dem er vor'm Einschlafen gebetet, daß er zur rechten Zeit aufwachen möge. Hat der heilige Erzengel Michael ihn denn getäuscht? Meinst Du da – oder Du? – Er versäumte ja die Stunde, sagt Ihr. Ich sage Euch, die Engel wissen, wann wir wachen, und wann wir schlafen sollen. Nun so sage ich Euch, wär' er aufgesprungen, jach, wir hätten ihn heut nicht gesehen zum Ritter schlagen, ein blutiger Leichnam wär' er, unter ihren Dolchen zu Boden gesunken. Wer aber von Euch, wenn er, voll solchen brennenden Diensteifers, gemerkt, daß er zu lange geschlafen, wer würde[276] nicht auf der Stelle aufgesprungen sein, zur Thür hinausgestürzt, sein Roß gesattelt haben? – Der rasche und ungestüme Jüngling schlief fort, d.h. die Heiligen woben um ihn den Schein eines Schlafenden, damit er die Rathschlüsse der Gottlosen ganz anhöre. Welches Meer unergründlicher Wunder thut sich vor uns auf. Warum gerade an dem Orte, daß ihn die unbegreifliche Schwachheit befiel, wo die unbegreifliche Tücke der Bösen Rathes pflog? Einen Augenblick zu früh, einen Augenblick zu spät, und Du, mein theures Vaterland, mußtest Dich einhüllen in schwarze Trauergewänder um den besten Fürsten. Schon hatte Satan die Gruft dort in Kloster Lehnin mit seinen Krallen aufgerissen, aber der Engel Michael stieß sie wieder zu mit seiner ehernen Ferse. Wie aber schlug er die Ruchlosen mit Blindheit, welches Mysterium, daß sie in dem Schlummernden einen der Ihrigen zu erkennen glaubten? Hatte er sich etwa verkleidet, entstellt? Nein, arglos lag er da, ganz er selbst. Aber die Heiligen, die über ihm schwebten, hatten ihn verwandelt vor ihren Blicken. Aber warum stießen sie ihn nicht an, die Missethäter, warum weckten sie ihn nicht? Beschlich sie denn gar kein Argwohn, der doch dem Einfältigsten unter uns kommen würde, wenn wir zu einer ruchlosen That in nächtlicher Stunde versammelt ständen, und Einer schliefe unter uns, dessen Gesicht wir nicht einmal sehen? – O fragt, fragt, fragt doch in alle Ewigkeit. Die Gläubigen fragen nicht, sie wissen, daß der Herr die nicht antasten läßt, die er erkoren zu Rettern Israels. Fragt Ihr nicht auch: Wie doch kam es, da die Rotte Korah vor ihm aufbrach, gestreckten Laufes, das vatermörderische Schwert in der Faust, daß er, der nach ihnen sattelte und ausritt, auf demselben Wege, sie überholte, er ritt mitten durch sie, wie ein Windhauch durch die Aehren, sie sahen ihn nicht, sie fühlten ihn nicht, sie hörten ihn nicht. Nur ein Schauern durchfröstelte sie. Sein Pferd, blutig gespornt, keuchte, es wäre gestürzt, wenn die Engel es nicht gehalten. Dort fand er seinen Fürsten, nur mit wenigen Begleitern, die lustig umher tummelten, wie Jäger Art ist vor dem lustigen Waidwerk. Unser hoher Landesherr nur sprach mit meinem frommen Bischof von Brandenburg, dem Gott ein langes Leben schenke, gewiß tiefsinnige, gelehrte fromme Gespräche. Da keucht ein Reiter an. Sein Roß stürzt, er auch; er erhebt sich wieder. Er streckt beide Arme empor, er will sprechen, aber die Stimme versagte ihm. Dennoch spricht er, die Gedanken, die in ihm würgen, werden zu Worten: ›Zurück! Fliehe, Fürst! Verräther, Mörder lauern[277] Dein im Walde!‹ Und der fromme Bischof Scultetus wendet des Herrn Roß: ›Das hat Gott gesprochen.‹ Da besinnt sich unser durchlauchtigster Herr, als sie dem Thor schon wieder nahe sind. Rasch kehrt er sein Roß: ›Ein Fürst soll nicht fliehen vor Mördern; er soll sie suchen gehen!‹ Wer hätte sich unterfangen ihn in seinem gerechten Zorne zu halten? Da führt der Zufall, sagt die Weisheit der Kinder dieser Welt, die geharnischten Dreihundert, die Kurt Schlabrendorf einüben will, zum Köpnicker Thor hinaus. Nun, wer den Engel Michael mit flammendem Schwerte nicht sehen will, der sehe diese wackere Schaar, vom Zufall geleitet, ihrem Fürsten folgen. Schaut, wie ihre glänzenden Panzer, ihre Schilde und Helme durch die Haide flimmern; die Krähen und Raben schreckten auf vor dem Glanze, die siebzig Mörder sahen sie nicht; vor dem Klirren der Stahlrüstungen, vor dem Getös und Getrampel der zwölf hundert Hufen flohen die Hirsche, man sah die Hasen in's Wasser springen, die Vögel entflohen, die Räuber hörten nicht, und flohen nicht. Sie ließen sich umzingeln wie ein blödes Thier. Siebenzig Dolche, siebenzig Schwerter, siebenzig Streitäxte, siebenzig verzweifelte Bösewichter wehrten sich nicht. Sie ließen sich fangen, binden, führen, richten, ohne einen Schwertschlag. Wer blendete, betäubte, lähmte sie, die sich vermessen, unsern Kurfürsten umzubringen, und das Reich umzudrehen? – O Berlin, Berlin, du große, reiche, sündhafte Stadt, wenn einst der Arm, der jene blendete, betäubte, lähmte, drohend über Dir sich erhöbe, würden alle die Sünder, die in Dir athmen, auch wie jene trotzen und fluchen, blind und taub, bis der Engel sein Feuerschwert über Euren Häuptern zückte? Würdet Ihr da erst schlotternd in Eure Knie sinken, zerschmettert von Eurem Schuldbewußtsein, und die Boten seines Zornes sind schon da! Hat der Sturm nicht Eure Dächer abgedeckt, hat er nicht die Seeraben in's Land geführt, haben die Dohlen und Raben nicht Krieg geführt in den Lüften, hat es nicht blutige Kreuze geregnet in der Priegnitz, in der Uckermark, im Lande Bellin, drüben in Teltow und hüben im Barnim. Dir, Dir, Dir da fielen sie auf's Busentuch, Dir auf den Nacken. O schau Dich nicht um nach der Nachbarin, ich sehe die Male auf Deiner eigenen Haut. O reißt doch die Augen auf, öffnet die Ohren, die Zeichen sind furchtbar, es kommt heran die Ruthe des Zornes. O ihr Geliebten, versäumt nicht die Stunde, nicht die Minute, denn sie ist kostbar, betet zum Schutzpatron dieser Kirche, daß der heilige Nicolaus Fürbitte für Euch einlege bei der allerheiligsten[278] Mutter Gottes. – Hört, hört! Wieder schallt das Sterbeglöcklein, wieder werden Ihrer hinausgeführt zum letzten, schweren Gange. Auf Eure Knie, Ihr Alle, betet für sie, Ihr, betet auch für Euch, denn in wessen Herzen stiegen nicht auch arge Gedanken auf gegen die geheiligte Person unseres gottgeweihten Fürsten. Es sind nicht diese unbändigen Schloßherren allein, nicht diese Landschädiger nur, die ihm Verderben brüteten; schaut in Eure Herzenskammern, Ihr Reichen, Ihr Uebermüthigen, findet Ihr nicht auch da grollende Gedanken? Und wahrlich, ich sage Euch, es giebt kein ärger Verbrechen, nächst Ketzerei und Ungehorsam gegen Gott, als übel zu denken von der Obrigkeit, die er hat eingesetzt. Wozu setzte er sie ein? – Ich will' es Euch sagen. Wie die Kirche und ihre Priester denken und sorgen für das Heil Deiner Seele, soll der Fürst denken und sorgen für Dein Irdisches. Uebernommen bist Du durch diese göttliche Huld der Sorge selbst zu denken. Er denkt für Alle, er weiß Alles besser. Zerknirschten Herzens über dieses Uebermaß von Güte, dieses neue Mysterium seiner Gnade, solltest Du preisen den Herrn der Heerschaaren; aber der Verderber flüstert Dir in's Ohr: Was braucht er für mich zu denken, kann ich doch selbst denken! Du wüßtest es am Ende besser, was Dir noth thäte. Nicht wahr, das sprach er? Sprach er nicht auch von alten Rechten, Freiheiten? Was! sein Ahnherr riß er nicht die Siegel von Euren Privilegien? Den Blutbann nahm er Euch. Die Bierziese ist zu arg, der Voigt zu streng, der Schoß zu hoch. – Ich höre Alles, was er Euch zuflüstert. Fordert nur! ruft er. Ja fordert nur, der mit dem Pferdefuß notirt hohnlachend jedes Eurer Worte, und giebt Euch keines zurück, aber sein Rachen öffnet sich, ich sehe die Gluth, die heraussprüht. – Berlin, Berlin! o daß die Todtenglocke nicht auch zu Deiner Sterbestunde ruft! Ihr weich geschaffenen Seelen, Ihr zarten Frauen, die Gottes Stimme hören, auch wenn sie sanft rauscht, wie der Abendwind, Ihr rettet Euch, wagt es auch für Eure Gatten, Söhne, Brüder; wahret sie vor dem Versucher, zieht sie zurück: Widerstand gegen die Obrigkeit, die Gott einsetzte, ist Empörung gegen Gott. Das ruft ihnen zu. Blutige Kreuze hat es schon geregnet, wenn es wieder regnet, regnet es Feuer, das Euch verschlingt. Domine salvum fac regem!«

Solches Zähneklappern und Schluchzen ist nie gewesen in der Nicolaikirche zu Berlin.

»Das war eine Predigt, das ist ein Prediger!« sagte die[279] Frau Bürgermeisterin auf dem Heimwege, und die Rathsmännin erwiederte: »Der hat's ihnen mal gegeben, der versteht's.« – »Diese gottlosen Menschen,« schluchzte die Bürgermeisterin. »Der Musculus predigt auch zum Herzen,« sagte die Rathsmännin, »aber –« »aber immer von den Pluderhosen,« fiel die Bürgermeisterin ein. »Das soll eigentlich unanständig sein, hat man mir gesagt.« – »Gewiß, Frau Bürgermeisterin, man muß doch Respekt vor der Obrigkeit haben. Mein Mann hat sich jetzt nach dem neuen Schnitt welche bestellt. An so was sollte doch ein Prediger denken.« – »Ach was sind alle Hosen gegen den Feuerregen! Es drang Einem durch Mark und Bein, als ob die Funken schon gegen die Fensterscheiben knatterten. Solchen Prediger müssen wir haben.« – »Den müssen wir haben, wenn der alte Probst stirbt,« stimmten beide ein, und leiser setzte die Frau Bürgermeisterin hinzu: »ich will schon mit meinem Manne sprechen.«

Der Bürgermeister und der erste Rathmann gingen hinter ihren Gattinnen mit gesenkten Köpfen.

»Den werden wir nicht wieder los,« sagte der Rathmann. »Die Weiber lassen uns keine Ruh.«

Der Bürgermeister stieß einen leisen Seufzer aus: »Nun ist's entschieden. Mit dem Adel ist's aus. Wenn der Dechant von Altenbrandenburg so zu sprechen wagt, hat die Ritterschaft auf dem letzten Loche gepfiffen. Bin nicht ihr sonderlicher Freund, aber sie gehören doch auch zu uns. Es hätte besser sein können.«

Der Dechant selbst aber sonnte sich nach der Predigt, im Polsterstuhl ausgestreckt, an den Nachwonnen ihres Eindrucks, und hatte eben so wenig eine Bewegung gemacht, aufzustehen, da der Junker Peter Melchior eintrat, als er jetzt, nachdem er gesprochen, ihm ein Zeichen freundlicher Theilnahme gab. Vielmehr hatte er das Ansehen eines Richters, vor dem ein armer Sünder etwa ein Privatbekenntniß ablegte, und statt Trost ihm einzureden, weist der Mann des Gesetzes ihn noch herb zurück.

»Das sollte ich Euch gesagt haben, Herr Junker von Krauchwitz! Und das wagt Ihr noch auszusprechen, nachdem Ihr vorgebt, eben aus meiner Predigt zu kommen!«

»Ihr müßt Euch doch entsinnen,« sagte der Junker, »als Wedigo mir den Antrag that, und ich zu Euch ritt nach Brandenburg und in Eurer Klause Euch die Sache vortrug, und um Euren Rath bat, ob Ihr's gerathen hieltet oder nicht, und Ihr den Kopf schütteltet und meintet: es sei eine kitzliche Sache,[280] man wisse nicht, wohin sie ausschlagen möchte, und endlich sagtet Ihr: Zögert mit Eurem Ja und Nein. Ja blickt mich nur verwundert an, so sagtet Ihr zu mir und drücktet mir die Hand, und grade da trat der Chorherr ein, es war der Sydow. Er hat es noch gehört.«

Der Dechant strich mit der Hand über das Gesicht: »Der Sydow hat es gehört. Das ist etwas anderes, lieber Junker. Davon also redet Ihr. Der Sydow, richtig! Nun das ist ein guter Mann. Wenn man ihn nicht fragt, redet er nicht. Setzt Euch doch, Herr von Krauchwitz. Ueber die Tücken Satans, der so oft in unsere Worte einen andern Sinn legt, nämlich daß die Andern etwas anderes verstehen, als wir meinten, können wachsame Christen nicht ernstlich genug sich gegenseitig verständigen. Worte, wie gesagt, hört Einer so, der Andere so, aber Ihr wißt, als Ihr damals mit dem Lindenberg ausrittet –«

»Sprecht nicht davon.« Der Junker erblaßte. »Ich kam ja darum nicht, auch nicht darum.«

»Dann ist es für uns beide gut, daß wir von dem schweigen, was wir wissen, vor allem aber für Euch«, sagte der Dechant, und fing wieder an, seinen Fuß behaglich über dem Kohlenbecken zu wärmen, das vor ihm stand. »Warum kommt Ihr denn?«

»Dechant!« sagte der Junker, sein Baret drückend. »Das Haar steht Einem doch zu Berge.«

»Kämmt es glatt.«

»Die Galgen und Hochgerichte und Stangen draußen wie ein Wald! Jeden Tag Neue eingefangen, schubweise führt man sie hinaus. Soll man fliehen, soll man bleiben.«

»Ich bleibe.«

»Wenn ich mich versteckte –«

»Lauft Ihr Gefahr, daß man vergäße, Euch zu suchen,« sagte mit einem hochmüthigen Lächeln der Dechant. »Der Adel muß ein ander Kleid anziehen, mein Lieber, das alte taugt nicht mehr. Das ist der beste Rath, den ich Euch als Freund geben kann. Geht zu Eurem Schneider, und fragt nach der neuesten Mode. Wenn's Euch auch zuerst unbequem sitzt, Ihr werdet Euch darin zu finden wissen. Ihr seid ein Mann, den man am Ende überall brauchen kann.« – »Ja, lieber Junker,« sprach der künftige Prälat, und legte seine Hand mit der behaglichen Miene eines Gönners Peter Melchior auf die Schulter, »bleibt; so ich mich recht bedenke, grad Ihr seid jetzt am Flecke. Nun kommt Eure Zeit. Lehrt Eure Zunge Knoten schlingen, Euren[281] Rücken, wie einen Aal biegen. Edelleute wird man bei Hofe immer brauchen, aber nicht im Eisenkleid, keine graden Nacken. Mit denen ist es aus. Der Adel muß in die Schule gehen. Aber tröstet Euch: Was Hänschen nicht lernen wollte, ich meine, diesmal wird es Hans doch lernen.«

Peter Melchior ist nicht geflohen und hat sich nicht verborgen. Hier scheiden wir von ihm für dieses Mal.

Aber am selben Sonntag Nachmittage ritt ein hoher, stolzer Ritter mit stattlichem Gefolge in Berlin ein. Sein Gesicht war blaß, seine Augen rollten fast zornig von dem, was er gesehen. Es hätte auch Andere erschreckt, die langen Reihen von Galgen, der Kopf auf der Eisenstange über dem Köpnicker Thore, der ihn schon von fern angrinste. Es war Otterstädts Kopf. Ein Karren mit zerrissenen Gliedern peitschte an den Reitern vorüber. Es waren Otterstädt's Glieder.

Der Graf von Giech trat in glänzender Silberrüstung, als Abgesandter seines Herrn, des Markgrafen Friedrich des Aeltern, vor den Kurfürsten von Brandenburg. Der Vertreter des Oheims sprach zu dem Neffen seines Herrn. In ihm sprach mit der Zorn des großen, freien Edelmanns, vielleicht auch das verwundete Herz des Menschen. Nicht alle Gesandte sprechen so vor einem Fürsten, in dessen Hand noch das Richtschwert zittert. Die Hofleute sahen es mit Schrecken und hörten es doch mit heimlicher Freude.

»Mein Herr sende mich, war ich des Glaubens,« so schloß er, »in ein Land des deutschen römischen Reiches christlicher Nation, aber, heiliger Gott, ich glaube jetzt in ein Reich zu treten, wo der Großtürke und seine Bassen Gericht hielt!«

»Beim Kurfürsten von Brandenburg seid Ihr, Herr Graf von Giech,« unterbrach ihn Joachim, »der dies Land hat von Kaiser und Reich, daß er richte nach dem Recht, gleich über Alle.«

»Heißt das gleich richten über Alle, so Ihr die hochstehen und edel vor dem Volke, schlachtet und hängt wie seinen Auswurf? Der Fürsten Blut und Macht ging aus dem deutschen Adel hervor, und auf den Adel müssen die Fürsten sich lehnen, wenn sie bestehen wollen vor dem Volke. Das trug mein Herr auf, seinem Neffen zu sagen, den er der Vormundschaft entließ, weil er ihn für mündig hielt. Soll er Kaiser und Reich wieder angehen, daß sie ihm die Regentschaft, nach der der fromme Fürst nie getrachtet, wieder zurück geben, weil, der sie führt, vergißt, daß er hier ein Exempel giebt, so allen Fürsten zum Schaden ist? Welcher Fürst den Adel nicht achtet, achtet sich[282] selbst nicht; welcher des Adels Ansehen vernichtet, vernichtet sein eigenes, er untergräbt die heiligen Satzungen, auf denen alles Regiment ruht, er wüthet gegen sein eigenes Blut, er beschimpft sich selbst, denn er ist nur ein deutscher Edelmann, der glücklicher war als die andern. Weil aus einem Dienstmanne ein Herr ward, soll er nicht vergessen der Mannen, die seines Gleichen sind an Blut und Abkunft, so spricht mein Herr durch meinen Mund.«

Der Graf von Giech hatte vielleicht erwartet, daß der Kurfürst aufbrausen, gewiß, daß er an Otterstädts Frevelthat mahnen werde. Aber Joachim ließ ihn ruhig ausreden, und ruhig, fast lächelnd, hat er geantwortet:

»Ihr irrt, Herr Graf von Giech; sagt meinem theuren Ohm, ich habe kein adlig Blut vergossen. Die ich dem Henker überliefert, waren Schelme, Straßenräuber und Mörder.1 Den Adel achte ich so hoch, als nur ein Fürst, sagt das meinem erlauchten Ohm; meldet ihm aber auch, daß ich in den Jahren, seit er mich nicht sah, gewachsen bin. Ich ward so groß, daß ich jetzt allein gehen kann, und mich auf Niemand mehr zu stützen brauche. Die Fürsten beklage ich, die so schwach vor ihrem Volke sich fühlen, daß sie den Adel als Krücken benutzen. Im Uebrigen, was Rechtens ist, so meldet ihm auch, daß ich in meinen Feierstunden nicht umsonst in rechtsgelehrten Büchern lese. Ich fand daraus, daß das Recht in den Marken ein anderes ist, als in Franken. Daher mag der Irrthum kommen, der meinen Grafen von Giech zu der weiten, beschwerlichen Reise nöthigte, die ich sehr bedaure.«

Der Abgesandte, der vorhin um einen Kopf höher schien als der Fürst sah jetzt fast kleiner aus: »Jetzt kein Wort mehr!« flüsterte ihm ein Brandenburger Herr zu. » Heut ist alles verloren.« – »Er ist fürchterlich in seiner Heiterkeit,« erwiderte der Graf, der nun seinen zweiten Auftrag: daß wenigstens von jetzt ab kein adliges Blut mehr vergossen werde, auf einen anderen Tag verschob.

Und wie er heiter umherging, mit so vielen sprach! Von geringfügigen Dingen, als beschäftigten sie allein die Seele. Den Hofleuten ward unheimlich: »So sahen wir ihn nimmer.« Ihnen war wohl, als er sie entließ.

»Es ist gar keine Hoffnung! Was soll daraus werden!« sprach Einer zum fränkischen Abgesandten.[283]

Der Graf schüttelte den Kopf: »Und doch hat er Recht, die Luft ist hier anders als im Reiche. Wer hier bauen will, muß andere Fundamente legen und anders richten, das kann ein groß Gebäude werden! Wir, die wir leben, sehen es freilich nicht mehr.«

»Was wird's werden,« brummte ein verdrießliches Gesicht. »Alles wird schlimmer und gemeiner. So die Edelleute nicht mehr auf die Straße sollen, wird sie dem Gesindel gehören, das keine Ehre und Sitte kennt, und vor dem Alle gleich sind. Schneider und Landsknechte und Roßkämme werden im Graben liegen, und das arme Volk schatzen, man spricht schon viel von dem Roßkamme Kohlhas; wollen doch sehn, ob sie die Zeiten dann loben thun.«

Da drückten viele dem Sprecher die Hand und schüttelten den Kopf: »Er hat Recht, es kommen schlimme Zeiten.«

Der junge Kurfürst saß mit lächelndem Gesicht in seinem Zimmer, und doch lag in den Augen etwas, das Hans Jürgen erschreckte, ein Glanz, der ihm nicht von dieser Erde schien, aber ob er vom Himmel kam, das wagte er sich nicht zu sagen.

»Die sind alle nicht Lindenbergs!« hatte Joachim vor sich gesprochen. »Ich stünde allein, meinst Du, nicht vollbringen könne ich's, was ich begann? O matter, schwacher Nachhall des Einen; aber auch sein Schatten ward ehrerbietig vor der Macht, die über mir schwebt. Ich will's vollbringen, ich werde es. Ich bin mir selbst genug. Denn unter einem Höhern stehe ich. Er wird die Spitzen der Dolche, die Bolzen aus dem Hinterhalte, die Kugeln aus dem Rohre von mir ablenken. Der ist's, der Dich an mich gesandt. Sei mein treues Werkzeug, aber nie bilde Dir ein, mehr zu sein. Er wird auch ferner seine Engel herabsenden, und mit Weisheit mich umleuchten. Ich brauche Diener, aber keine Räthe. Plaudern will ich sie hören, in ihrer Art; mein Rath bin ich selbst.«

Und wenn er aufgestanden und an einen Tisch mit Himmelskugeln und astronomischen Instrumenten getreten, wo Joachim mit seinem Hofastrologen, dem berühmten Carion, zu arbeiten pflegte. Die Hand auf den Globes legend, antwortete er auf die ungesprochene Frage des Jünglings mit seltsamem Lächeln:

»Und auch denen, die nach mir kommen, wird es gelingen. In den Sternen zeigte mir der Meister das Glück' meines Hauses, groß, wie auch nur zu wähnen, Vermessenheit gewesen wäre. Ich bin glücklich und sicher, was ich unternehme, gelingt, und was ich weiß, ist Wahrheit.«

Fußnoten

1 Historische Antwort.

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3.
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