Drittes Kapitel.

Eine Heimfahrt.

[15] Die Geheimräthin stieg die Hintertreppe hinab, auf der sie gekommen. Sie ging langsam, oft, schien es, in Gedanken versinkend.

Auf dem Podest blieb sie stehen, von wo man einen Blick durch ein Wandfenster in die Küche hat. Charlotte spielte mit den Kindern, oder vielmehr die Kinder spielten mit Charlotte. Sie zupften sie vom Herde fort. Malwine wollte ihr etwas ins Ohr sagen, derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den Herd und schüttete die Salzmetze in die Kasserolle. Malwine fing plötzlich an zu lachen und ätschte das Mädchen aus, Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen. Sie sträubte sich, schimpfte und suchte den Alp los zu werden, die Kinder tobten, sie schlug.

Eine charmante Erziehungsscene, dachte die Geheimräthin und unwillkürlich entschlüpfte es ihren Lippen: »Es wäre eigentlich nicht so übel, wenn der liebe Gott die Kinder zu sich nähme!«

»Warum den inkommodiren!« sagte eine Stimme dicht hinter ihr. Ein Fremder, in seinen Mantel geschlungen, der vom Regen triefte, stand auf der Stufe neben ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt, als er vom Hofe die Treppe heraufkam. Auch erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht, das Gesicht zu sehen, als er im Vorbeigehen den Hut lüftete. Es lag etwas Unheimliches für sie in der Begegnung. Wer lässt sich gern in seinen Gedanken belauschen.

»Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäß war,« setzte der Fremde hinzu.

»Wie meinen Sie das?«

»Der Muthwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen.«

»Das einzige Unglück wäre doch nur, daß er heut Abend eine versalzene Suppe auf den Tisch bekommt,« bemerkte die Geheimräthin, die, schnell zu sich gekommen, ihre Unruhe nicht merken ließ.[15]

»So treffe ich den Geheimrath zu Hause, was mir sehr angenehm ist,« entgegnete der Fremde, noch einmal den Hut anfassend, um die Treppe hinaufzusteigen.

»Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm,« konnte die Geheimräthin sich nicht enthalten zu bemerken. »Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung, um sich melden zu lassen.«

»Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe.«

»Auch wenn er zu Hause wäre, zweifle ich, daß ihm überhaupt Besuch gelegen kommt, da er selbst im Begriff ist, einen zu machen.«

»Ich weiß es,« entgegnete der Fremde, »und wenn auch nicht mein Besuch, wird ihm doch mein Rath nicht ungelegen kommen. Ich habe die Ehre, mich der Frau Geheimräthin gehorsamst zu empfehlen!«

»Seltsam!« sprach die Geheimräthin für sich, als der Fremde mit sichern, leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war. »Er kennt mich. Wer ist er? Er kommt gewiß in der Angelegenheit – was kann er aber für Rath bringen!«

»An der Hofthür stürzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen. Ihre Kutsche hielt auf der Straße vor der Hausthür. Sie überlegte, ob sie einen Versuch machen sollte, durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen trockneren Weg nach dem großen Hausflur zu suchen, als ihr Bedienter mit einem Regenschirm ihr entgegen trat. Auf ihr Befremden darüber, da sie beim Ausfahren keinen mitgenommen, antwortete der Diener, der fremde Herr, welcher eben durchgegangen, habe ihm den seinen zurückgelassen, mit der Bemerkung, ihn für die Frau Geheimräthin zu benutzen, damit sie über den Hof in ihren Wagen könne.«

»Kennt Er den Herrn?« fragte sie beim Einsteigen.

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Seltsam!« wiederholte die Geheimräthin nachdenkend. Nicht alle Gedanken drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus, und in einer dunklen Kutsche, nur erhellt von einem ungewissen Laternenlicht, wenn der Regen gegen die Fenster schlägt, lässt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen. Dem Dichter ist es indeß zuweilen vergönnt, eine andere Sonde in die Brust zu senken, wie er ja auch Geister und Träume citirt, wo er der Vermittler zwischen dem Reich des Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf.

Sie sann dem Fremden nach. Seine äußeren Umrisse waren ihr verwischt, nur war es ein blasses Gesicht mit scharfen, tiefliegenden Augen, dessen konnte sie sich entsinnen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Doch es waren damals viele Fremden in Berlin; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches. Aber was wollte er bei ihrem Schwager? Wirklich einen guten Rath geben?[16] Wenn auch der Geheimrath nicht eben persönliche Feinde hatte waren doch Viele, die auf sein einträgliches Amt lauerten. Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen, gerade ihrem Schwager zu helfen! Aber sie vertiefte sich im Aufzählen, wer wohl ihm auf den Dienst lauern könnte, bis ein leises Gelächter aus ihren feinen Lippen brach.

Die Geheimräthin fragte sich, woher denn ihr eigener Antheil an dem Geschick des Geheimrathes kam? – Achtete sie ihn? liebte sie ihn? Oder weil er der Bruder ihres Mannes war? Was war ihr ihr Mann? – Ein Mann, der sich in seiner Bücherstube vergrub, wo die Welt umher für ihn lachte!

Man hätte jetzt eine Röthe sehen können über ihr blasses Gesicht steigen. Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung, darum Intriguen, damit eines ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme! Sie kam sich selbst in dem Augenblick so ordinair vor.

Die Kutsche hielt vor ihrem Hause. Der Diener öffnete den Schlag. Er schien aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen. Sie warf einen Blick auf die erleuchteten Fenster: »Herr Geheimrath erwarten Frau Geheimräthin zum Piquet.« – Sie hatte schon einen Fuß auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick stehen, als thue der Regen, der in unverminderter Heftigkeit fiel, ihr wohl, dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl: »In die Komödie!«

Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage. Es war seit lange keine Hinrichtung vorgefallen. Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus den Schenken zurück, es gab mancherlei Unruhe, kleine Aufläufe, Verhaftungen. Der Kutscher zog es, der tobenden Menschenschwärme wegen, vor, durch eine der Quergassen zu fahren, welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden. Auch hier stopften sich die Fuhrwerke, und die Dame hatte Gelegenheit, durch die Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten, was Frauen ihres Standes sonst nicht aufsuchen – an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der kleinen Häuser die Schönheiten, welche sich den Vorübergehenden zur Schau stellen.

Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab. Sie fühlte auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen: Sie schlürfen des Lebens Gluth in vollen Zügen, aus einem Taumel in den andern gestürzt, kaum dazwischen erwachend, bis sie verwelken und man sie fortwirft. Und das ist unser Aller Loos – ob früher, ob später? Was kommt es darauf an. Wer nur sagen kann: er hat sein Leben genossen!

Das Komödienhaus war nicht gefüllt. Die Geheimräthin saß allein in ihrer Loge. Ihr schien das Haus dunkel. Es war nicht dunkler als gewöhnlich. Die Talglichter, die der Lampenputzer vor[17] den Augen des Publikums ansteckte, duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut. Man sah wohl damals schärfer, denn man sah mehr, aber das Licht kam aus der Darstellung, versichern uns Die, welche aus jener Zeit das deutsche Theater kennen. Für die Geheimräthin aber blieb es dunkel, obgleich Fleck als Odoardo seine ganze adlige Kraft entfaltete, die spätere Händel-Schütz als Orsina das Publikum entzückte. Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen, das sie sich nicht erklären konnte; der jungen Schauspielerin, welche die Emilie zum ersten Male gab, hätte sie nachhelfen mögen. Wenn sie sich Rechenschaft gab, war es aber nicht die Schauspielerin, sondern sie hätte ihrer Rolle, ihrem Charakter eine andere Richtung geben mögen. Ihre Phantasie beschäftigte sich, eine welche andere Rolle Emilie spielen können, selbst glücklich und beglückend, glänzend und Glanz um sich verbreitend, wenn sie den Pulsen folgte, die für den Prinzen schlugen. Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der stolzen Orsina, vermöge ihres Liebreizes, ihrer geistigen Vorzüge. Sie hatte es in ihrer Macht, auch dieses Prinzen Wankelmuth zu fesseln, und Tausende, ein ganzes Land glucklich zu machen. Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoß, der alle unglücklich macht und – die Thörin bat selbst darum!

Die Geheimräthin war gewohnt, in ihrer Loge Besuche zu empfangen. Entweder zeigte sich heut kein Bekannter, oder sie hielten sich entfernt. In einer Loge gegenüber, wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß, hörte das Klappern der Logenthür nicht auf. Ihr war diese Störung unangenehm, das Schauspiel fing an sie zu langweilen. Sie besann sich, daß sie zwar die Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt hatte. Sie hatte nur gesagt, sie fürchte einer Migraine wegen nicht erscheinen zu können. Sie hatte, oder wollte jetzt keine Migraine haben und verließ die Loge.

Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit. »Er zittert ja.«

Sie hätte kaum nöthig gehabt, sich nach dem Grund zu erkundigen, der Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern, in welchen er auf dem langen Doppelwege aufgestanden. Der zugigte Korridor hinter den Logen war nicht geeignet, die Naßkälte zu vertreiben. Johann sagte, das Fieber sei noch immer nicht ganz fort. Die Geheimräthin erwiderte nicht unfreundlich, er müsste endlich etwas dazu thun.

Der Regen goß noch immer in Strömen, als sie wieder in die Kutsche stieg und Johann hinten auf. Der arme Mensch! dachte die Geheimräthin. Seltsam, daß es so sein muß! Es musste so sein; über diesen Damm kam sie nicht hinweg, ja sie lächelte über[18] den närrischen Gedanken, daß sie Johann auffordern könnte, sich in den Wagen zu setzen. Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach. Er litt nicht vom Regen, sondern an einer inneren Krankheit, deren gelegentliche Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten. Sie glaubte etwas von der Arzneikunde zu verstehen und den Schluß ziehen zu dürfen, daß er nie vollständig genesen werde. Was wird nun aus solchem Menschen? Eine Zeitlang hält man es noch mit ihm aus. Wenn er aber immer wieder zurückfällt, muß man ihn entlassen. Dann findet er wohl noch einen Dienst. Aber auf wie lange? Die neuen Herrschaften werden nicht so lange Geduld mit ihm haben. Er wandert ins Krankenhaus, vielleicht ins Spital, vielleicht auf die Gasse. Und wäre es ihm nicht besser, wenn er durch einen Blutsturz, eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände? Er ist auch eine verfehlte Existenz!

Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen, dem die Ausdrücke fehlten, bis der Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt.

Quelle:
Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländische Romane, Berlin: Otto Janke, 4[1881], Band 7, S. 15-19.
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