Vierundsiebenzigstes Kapitel.

Ein treuer Freund seines Herrn.

[637] Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft, aber er war so durchlöchert, daß wer nur das Auge aufriß, durchsah. In Paris war der Rheinbund gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen, ja es hatte noch nichts davon erfahren. Die Fürsten, welche an der Leimruthe saßen, auffliegen konnten sie nicht mehr, aber frei mit ihren Flügeln flattern, und der Großmüthige hatte sie dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze, mit den freien Städten, den Gütern der Stifter, Klöster, der Reichsritterschaft, mit der Souveränität im eigenen Lande. Frei, von Niemand behindert, durften sie mit den Flügeln Die schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte,[637] die besiegelt standen in allen Verträgen, waren durch einen Federstrich ausgelöscht. Und die duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte: »Des Kaisers Absichten hätten sich hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt.« – Und wohin sollten sie schreien, wohin Hülfe flehend die Arme strecken? Der Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt, »da er außer Stande sei, seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen.« Wo war das Reich, wo das deutsche Volk! Osterreich, des langen, ehrenwerthen Kampfes müde, hatte sich in sein Schneckenhaus gezogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und nur Preußen stand allein im Winkel, ohne den Muth, ohne den Beruf, ohne die Mittel.

Das fühlte Jeder in Preußen. Wenn eine Ueberzeugung auf dem trocknen Boden aufschießt, von dem wir reden, so haben Spötter behauptet, daß sie, wie ein Unkraut, das die Wolken säen, plötzlich die Felder überwuchert, oder wie ein Haidebrand über Berge und Thäler sich ergießt. Dann ist kein Widerstand mehr. Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der Straße Wohnenden, die auf den Höhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen nur sich selbst leben, unbekümmert um was nicht ihre nächste Sorge angeht, berührt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen, was gehen den guten Bürger Staatsakte an! Darum haben sich Die zu kümmern, die dazu geboren sind, oder dafür bezahlt werden. Aber daß er den Buchhändler Palm in Braunau erschießen lassen, berührte das Gefühl des Menschen, sogar den Gedanken des Bürgers. War Palm nicht ein Bürger, eingeschrieben in die Bürgerrolle, der ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod, weil er Den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben zu schweigen! Das konnte Jedem »passiren!« Ist ein guter Bürger da, um den Heldentod zu sterben! Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die Entrüstung fand keine Worte dafür, und je gebundener die Meinung in dem andern gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preußen aus. Man fühlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, daß sie ein Gut, ein heiliges Menschenrecht ist. Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet, und die Regierung schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten Kollektirens.

So sah es in den Bürgerhäusern aus. Wie es in den Palästen der Großen, in den Hotels der Minister aussah?[638]

In dem des neuen Ministers saß in dem Zimmer, das wir schon kennen, Walter van Asten am Schreibtisch. Aber die Flügelthüren waren zu dem neben anstoßenden Audienzsaal geöffnet, wo der Regierungsrath von Fuchsius auf und ab ging. Zuweilen blätterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Sekretair, um Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon lange gewartet, der Minister war in den oberen Zimmern mit dem jungen Bovillard. Walter war bei einer Arbeit, aber er ließ oft selbst die Feder ruhen, und das gelegentliche Gespräch mit dem Rathe schien ihm keine unangenehme Unterbrechung.

»Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt,« sagte der Rath. »Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld und Herrn von Bovillard schließt er in seinen Intimis das Herz auf.«

»Das war die ihm zugedachte Stellung,« entgegnete Walter, die Feder weglegend, und stand auf. »Wir sind Jugendfreunde, die Verhältnisse haben darin nichts geändert, und wenn sie es hätten, was kommt es jetzt darauf an, wo der Beste ist – der handeln kann.«

»Wer handeln kann!« rief Fuchsius mit einem wehmüthigen Lächeln. »Welche bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!«

»Denen Herren von Fuchsius enthoben ist, weil er freiwillig seine Stellung aufgab.«

»Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. – Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere zurückgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegentheil zu glauben berechtigt.«

»Ich setze voraus,« sagte Walter und reichte ihm die Hand, »daß Sie nach dem, was zwischen uns dar über verhandelt ist, in mir keine persönliche Rancune mehr vermuthen. Sie wäre jetzt ein Verbrechen.«

Der Rath drückte die gebotene Hand. »Ich bin keinen Augenblick in Zweifel über Ihre Intentionen, und eben darum thun Sie mir leid. Sie werden das Meer der Täuschungen von vorn an ausschlürfen. – Zugeben will ich Ihnen übrigens, daß jener Umstand vielleicht der äußere Anlaß war, aber der Entschluß datirt von länger. Der Gedanke, daß Seine Excellenz, von jetzt ab, meine Arbeiten mit einer Reserve von Mißtrauen kontrolliren dürfte, änderte meine bisherige Stellung zu ihm; indessen, werthester Freund, was sind Stellungen, wo Alles Schattenbilder sind in einer Laterna magica, wir Alle Tropfen in einem Meer – Sie einer, Bovillard, der Freiherr selbst, Alle, Alle, die das Bessere wollen.«

»Wer sich verloren giebt, ist verloren,« entgegnete Walter. »Wir sind künstlich isolirt, ja, umgürtet von Gräben, Wasser, Sandwällen, und unser Feuer droht in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist Vieler Ansicht. Aber wer berechnet die Macht des[639] Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag, einmal entzündet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die über Deutschland sich ergießt. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!«

»Und was dann! – Ich redete nicht davon. – Der Krieg liegt, ein so wüstes, trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. – Ihr wollt das Volk wecken, einen Nationalkrieg entzünden – die Idee liegt doch dunkel im Hintergrunde?«

»Und Sie theilten sie nicht?«

»Ich habe sie getheilt – aber das ist vorüber. Einen Sturm wollen Sie los lassen, und was wirbelt er auf? – Staub.«

»Und wofür leben Sie jetzt?«

»Für die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel conciser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie an, um rasch größer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht; dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.«

»Aber nichts, was das Gefühl erhebt.«

»Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt, wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu verbergen, ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt, gäbe das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da, in der großen Geschichte vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen, dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur giebt sich, wie sie ist, und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen besseren Schein zu geben, so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer, unlösbarer, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug, wie ein Licht aus bessern Welten, vorschießt, da kann dem Kriminalisten eine Thräne ins Auge treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muß. Ja, Theuerster, der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleißende Schein immer mehr reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln sollte, gewiß, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife ich die Völkerwanderung. Die Barbaren,[640] welche die römische Kulturwelt mit ihren Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter ihnen grassirten Laster, Blutsünde und Gräuel aller Art, aber sie waren der frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.«

»Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien? Ich konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbniß betrachten.«

»Nun, so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.«

»Aber wo unter hundert Fällen neun und neunzig nur die Verwechselung des Mein und Dein zum Gegenstand haben.«

Fuchsius sah ihn lächelnd an: »Ist das nicht die große Frage, die Alles regiert! Nur daß die Groben für Andere die Feinen für sich einen Mantel darüber hängen. Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen, es ist daher viel leichter, die Bemäntelung abzureißen und der Sache auf den Grund zu kommen. Uebrigens versichere ich Sie, daß ich die interessantesten Studien vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern Abklatsch der höheren Stände erblicken. So zergliedere, arrangire ich sie mir; ich finde die Erklärung für Vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem Schattenreich. Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien, auch in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die Zerlassenheit, das laxe Wesen, die Maximen, Prinzipien dringen von oben nach unten durch wie eine ätzende Säure. Hier verschenkt man freilich nicht Staatsgüter, die Hunderttausende werth sind, zur Erinnerung für gute Compagnieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Roués für eine Galanterie; man giebt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuß seiner Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen, damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft man auf vornehme Damen, die, wenn die Sünde sie verlässt, doch von der Sünde nicht lassen können, und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergnügen, und noch weniger verstehen meine Schelme, Betrüger, Galgenvögel, darüber den Schleier von Philosophie und Humanität zu breiten, aber – Sie werden vielleicht nächstens Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen aufreißen. Leben Sie wohl – Excellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von Bovillard.«

»Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur.« Fuchsius nickte. »Dann müssten Sie eilen. Mich dünkt, das große Ungeheuer Krieg verschlingt die kleinen.«

»Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Kriminalistik hat die Beständigkeit vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht[641] der Justiz und Polizei auf die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Räuber und Giftmischer liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Kourtoisie aus, und der Strick ist der sicherste Orden für den, der eine Expectanz darauf erwarb.« Der Rath schien doch noch etwas sagen zu wollen, als er den Thürgriff langsam aufdrückte, Walter kam ihm zu Hülfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mittheilen könne, möge er kommandiren; er glaube nicht zu versichern nöthig zu haben, daß er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne.

»Fand in letzter Zeit eine Communication zwischen dem Minister und dem Legationsrath Wandel statt?« – »Ich glaube, es positiv verneinen zu können.« Der Rath schien zufrieden: »Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung?« – »In keine andere, als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der Geheimräthin Lupinus mit sich brachten.« – »Mit der schien er in Relation zu stehen –« »Welche das Geklätsch zu andern machte, als sie vielleicht waren. Sprach man doch auch, daß die Geheimräthin sich scheiden lassen und ihn heirathen wolle. Da, so viel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des Geheimraths sich gelöst hat, so war auch das gewiß ein falsches Gerücht.« – »Um so mehr, als jetzt verlautet, daß Herr von Wandel auf Freiersfüßen bei der reichen Braunbiegler aus und ein geht.« – »In der That?«

Der Rath fasste freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er: »Herr van Asten, verzeihen Sie die Indiskretion, an der Börse meint man, daß Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer Spekulation verrechnet –«

»Und wird hoffentlich, wenn sie fehl schlägt, der Mann sein, der seinen ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, löst.«

»Daran zweifle ich nicht, und wünsche ihm, daß er ohne dieses Opfer sich aus der Klemme zieht. Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel von ihm, er hat Mittel gefunden, während man glaubte, daß Wandel auf Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, daß er diese Wechsel in andere auf kürzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwürdig. Noch auffälliger, daß, während man Ursache hatte, an des Legationsraths Verlegenheit zu glauben, dieser aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.«

»Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes Geheimniß ist, daß Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten Relationen steht.«

»Pah!« sagte der Rath. »Spione hier werden nicht mehr theuer bezahlt, seit man die Geheimnisse wohlfeiler hat. So viel haben wir heraus: was seine politischen Mysterien anlangt, ist er ein Windbeutel, nur mit der Russin steht er noch in einer Verbindung.[642] Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit der Münze, die er bringt. Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von zehn- und zwanzigtausend Thalern. Ich will, mein theuerster Herr, nicht hoffen, daß Ihr Vater sich näher mit ihm einließ.« – »Sie erschrecken mich –« »Wenn Sie für Ihren Vater einstehen, gewiß ohne Grund. Aber warnen Sie ihn, soweit ein Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die Gerechtigkeit.« Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde, sprach er ihm ins Ohr: »Ich habe den dringendsten Verdacht, daß dieser Herr von Wandel –«

In dem Augenblick hörte man starke Fußtritte auf der Treppe. »Der Minister!« – »Und sehr ungnädig,« sagte Fuchsius, die Thür öffnend. »Die Audienz ist ungünstig ausgefallen. – Schade, daß Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornerguß Seiner Excellenz auf mich zu laden. – Von dem Bewussten ein ander Mal. Bis dahin Verschwiegenheit!«

Der Rath war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangsthür geeilt, ehe der Minister in jenes eingetreten war. – Der Minister war aufgeregt. Auf-und abgehend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im Unklaren. Ihm war es darum zu thun, dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben, die ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinnirt worden, daß er, um der Person des Ministers einen abschlägigen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig zurückstehen möchte.

»Excellenz' Feinde also auch da geschäftig!« – »Diesmal sind sie unschuldig.« – »Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit –!« Ein »Freilich! wer denn sonst!« sprudelte von den Lippen, und verbot dem Sekretär fortzufahren.

»Warum hat er nicht wie ein Karthäuser gelebt, warum hat er tolle Streiche gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Thränen um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen.« Also der Zorn war Ironie. Walter ließ eine Bemerkung fallen, daß für Jugendsünden die Zeit das beste Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune. »Jede Sünde rächt sich,« rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die Gedanken waren weit darüber fortgeflogen.

»Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die Andern? Warum sich nicht mit Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer. Brauchte nur seinen trefflichen Vater zu imitiren.«

»Geheimrath Bovillard ist mir in der That unbegreiflich. Wiegt ihm die Gunst, die Euer Excellenz seinem Sohne schenken, das Glück desselben auf! Ihm wäre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die Andern umzustimmen.«[643]

»Was kümmern mich Die! Die Königin will ihn nicht.«

»Die Königin! – Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.«

»Wenn sie's wäre! – Freilich, sie müsste drei Viertel des Hofes fortjagen. – Nun hat sie sich auf Diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Kavalier von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie hasst auch wohl im Sohn den Vater. Kurzum, Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen.«

Ein Ausruf des Sekretärs protestirte dagegen.

»Frauen, mein Lieber, wollen besonders behandelt sein, auch die ausgezeichnetsten. In ihren Vorurtheilen gegen Personen gehorchen sie dem Impulse. Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem, was sich schickt: Da fragt nur bei edlen Frauen nach! Und sie hätte Recht. Schöne Seelen werden nicht durch Gründe, nur durch eine schöne Regung überwunden. Wenn er nicht darauf eingehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.«

»Es stände in Bovillards Willen?«

»Seine Braut ist die schöne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer Majestät hatte. Ich weiß es bestimmt, die Königin ist, wie hohe Personen sind, für das Mädchen enthusiasmirt; wenn er den Vortheil benutzte –«

Der Minister hielt inne; nicht weil er die Röthe auf Walters Gesicht bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Erröthen fühlte. Ein ernster Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen, weil leider keine Staatskunst ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefährlich, daß er im Ernst sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch und schien von der Lektüre absorbirt, während Walter mit einem wehmüthigen Lächeln einer Erinnerung nachhing.


* * *


Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir müssen mit unsern Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen Ball thun, den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte. Die Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt und ein Dienstthuender mochte aus Unkenntniß eine mißverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet: »Was sind Sie für eine Geborne?« Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem jungen Mädchen zu Hülfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort gegeben: »Ach, Ihre Majestät verzeihen, sie ist gar keine Geborne.« – Nur die Gegenwart[644] der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten, was wie ein Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte. Ihre ganze Huld und Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu sprechen, die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind, und nach verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: »Ei, Frau Baronin, Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiß das junge Mädchen nicht kränken. Von Geburt sind wenigstens alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch Verdienst und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Werth nicht anerkennen und sich nicht selbst geehrt fühlen durch de Ehre, aus einer guten Familie zu sein! Aber Gott Lob, das gilt für alle Stände gleich und aus den untersten sind die größten Wohlthäter des Menschengeschlechts hervorgegangen. Stand und Würde kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch Alles ankommt, muß Jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die Selbstbeherrschung, und ich bin überzeugt, wenn ich in den Zügen des jungen Mädchens lese, daß ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat. – Ihnen, liebe Baronin, danke ich, daß Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung darüber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des Königs, lebt.« Der strafende Blick der Königin, der leichthin über die Reihen flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wieder traf. Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die Wenigsten hörten, aber Beider Augen verriethen den Sinn. Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorüber geschwebt.

Die Scene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die moquanten Mienen von vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mädchen war noch eben als ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isolirt hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tänzer sich ihr genaht. Welche Urtheile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden! Ach, selbst ihre Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen. – Ist das die! hatten zwei Hofdamen sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, über die Erinnerung zu erröthen, der indeß unter dem dicken Karmin erstickt war.

Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war Alles anders geworden. Woltmann berichtet von der Königin Luise, daß, wenn sie mit Häßlichen gesprochen, auch diese allmälig den Umstehenden schön gedünkt; solchen Zauber strahlte die Fülle ihrer Anmuth aus. Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt. – Nein, wie schön sie ist! hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern. Welcher Anstand! – Es ist etwas Geborenes darin! – Die Eitelbach war ohne Neid; mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet. Sie lächelte die Dame an, die sich[645] an ihren Arm hing: »Nein, liebste Baronin, was müssen Sie für eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist auch der besten Obhut anvertraut.« – Damen und Herren ließen sich Adelheid vorstellen. Ihre Antworten entzückten. – Da, um das Glück vollständig zu machen, hatte sich auch der König ihr genähert. Auch er sprach gnädig; freundlich sah er zum schönen Mädchen nieder, man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte; viel von gehört haben – sehr freuen – einen braven Vater haben. – Auch die jüngeren Prinzen waren herangetreten, der König scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den gewichtigsten Folgen. Bald durchflog die Säle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen mit der Alltag.

Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gespräches in den Equipagen, die nach Hause rollten. Ueber ihre Schönheit war nur eine Stimme. Nur etwas zu ernst! Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte der ältere Bruder, Prinz Louis, sich benommen? – Eine solche spirituelle Schönheit musste doch auf den galantesten Ritter wirken. – Er war an ihr vorübergegangen. – Unmöglich! hieß es; aber Viele versicherten es. Der unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. – Aber nein, er war zurückgekehrt, er hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehört. Er hatte sie wehmüthig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: »Was wollen Sie in dieser Atmosphäre? Die ist nur für kranke Seelen.« – Und sie, was hatte sie geantwortet? »Gnädigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebensluft in jede Atmosphäre mit.« – Unbegreiflich fanden es Viele – ein simples Bürgermädchen, die Tochter von dem alten Geheimrath Alltag! Er wird wohl nun geadelt werden, meinten Einige. Andere schüttelten schlau den Kopf: Wer weiß denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge, die an den vorigen König erinnerten.

Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schönen Adelheid. Dann waren andere Gegenstände gekommen. Die Königin hatte sie nicht rufen lassen, die Königin hatte an Anderes zu denken. Die Fürstin mochte auch an Anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adelheid sah, schien ihr lächelnder Blick zu sprechen: wenn eine Königin vergaß, uns rufen zu lassen, so wäre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unserer wieder erinnere. Zur Diplomatin ist sie nicht geboren.

Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben, indem er mit der Schrift sich auf das Kanapé[646] geworfen und mit dem Daumennagel Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken ließ.

»Lesen Sie!« sprach er.

Walter nahm das Papier, welches Jener auf das Kanapé fallen lassen. Der Minister schüttelte mit dem Kopf.

»Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben. Man muß sich diese erst vergegenwärtigen. Es wird nicht mehr Alles für heute passen.«

Walter griff nach einem andern Heft und las: ›Bedrohte Selbstständigkeit – Unwille der Nation über den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes.‹ Der Minister schüttelte den Kopf: »Dies bleibt nun weg. Wüster Lärm genug.« Walter las weiter: ›Affiliirung der Kabinetsregierung mit Haugwitz. An den Ministern haftet die Verantwortlichkeit für das, was sie nicht beschlossen, vor dem Publikum.‹ »Oeffentliche Meinung!« korrigirte der Minister. »Weiter.« ›Man schämt sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt.‹ »Habe ich das im April geschrieben?« seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln. – »Illusionen! Wenn sich Einige geschämt haben, jetzt haben sie sich anders besonnen. Das bleibt weg.« Walter fuhr fort: ›Das Ehrgefühl der Beamten wird unter einer solchen Regierung unterdrückt, ihr Pflichtgefühl abgestumpft. – Subalterne gehorchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Götzen des Tages.‹ »Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Für die Reputation ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter!« ›Der Monarch lebt in völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern. Von Allem, was geschieht, erhält er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinetsräthe.‹ »Sie halten inne. Haben Sie da Bedenken?« – »Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus der Sache lassen?«

»Wir leben nicht in England. – Wir leben in Preußen, wo der Monarch mit dem Volke identisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden könnte. Wo ein Fürst diese abnorme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper, muß er auch das vertragen können, was die anderen Glieder. Preußens König ist so wenig ein Kaiser Karl und König Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Köpfe höher als ihre Tafelrunde, als er ein Fürst ist, dem die Konstitution ein glänzendes Altentheil angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist. Exceptionell, ja, ja, durchaus exceptionell, aber so ist's. Wir dürfen's nie aus dem Auge lassen. Er muß empfinden wie wir – das Streicheln und die Schläge. Man muß ihn anfassen können, schütteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Verträgt er[647] es nicht – doch weiter, weiter!« – »Nun folgen die subjektiven Gründe. ›Wer hat dies unbedingte königliche Vertrauen? Beyme und Lombard, von ihnen ganz abhängig Haugwitz. Jener – guter Jurist, ward übermüthig, absprechend, korrumpirt – Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit – gemeine Aufgeblasenheit seiner –‹«

Der Minister wehte mit der Hand. »Die Frauen mögen jetzt fortbleiben.«

»Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: ›Physisch und moralisch gleich gelähmt und abgestumpft. Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei. Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt, frühzeitige Theilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches Gefühl erstickt.‹ Soll das auch bleiben?« – »Weiter!« – ›In den unreinen und schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines Roués, der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen, mit Spiel und Polissonnerien vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse, und in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihres Gleichen findet.‹ »Auch das?« – »Ist's nicht wahr?« – »Aber wozu der Vorwurf niederer Herkunft?« – »Das verstehen Sie nicht.« Der Minister war aufgesprungen. »Brüstet er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, daß er der Sohn eines Perrückenmachers ist! Ein Skandal! eine Verworfenheit ohne Gleichen. – Ja, wenn sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depravirt hätten, es stände anders. – Ihnen geschieht recht. – Laß sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.«

»Das folgende, persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft gesagt –« »Kann aber nicht oft genug wiederholt werden.« Walter las mit Zaudern: ›Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschrobenheiten oder Aeußerungen von Verderbtheiten. Sein Urtheil seicht und unkräftig, sein Betragen süßlich und geschmeidig. – Als Gelehrter Phantast – dann Mystiker aus Liederlichkeit – Geisterseher aus Mode – Herrenhuter aus Bequemlichkeit – verschwendet die dem Staate gehörige Zeit am Lhombretisch. Abgestumpfter Wollüstling, gebrandmarkt im Publikum mit dem Namen eines listigen Verräthers seiner täglichen Gesellschafter und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.‹

Walter hielt inne und blickte auf den Minister.

»War's eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder?« – »Ich frage mich nur, ob dieser persönliche Angriff nothwendig ist?« – »Man muß Personen ändern, wenn man Maßregeln will, habe ich Ihnen diktirt. Man muß die Personen niederschlagen, daß sie das Aufstehen vergessen, wenn sie zur Vordertreppe hinabgeworfen, auf der Hintertreppe immer wiederkommen. Man muß sie zertreten,[648] tödten, vernichten, wenn mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.«

»Wenn wir auf den Erfolg rechnen können! Seine Majestät erwiderten auf das erste Memorial, worin Excellenz auf Aenderung des Kabinets drangen: Sie wünschten nur, daß man Ihnen Beweise der Verrätherei dieser Leute gäbe, so würden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen. Die Beweise – sagt wenigstens das Publikum – liegen seitdem zu Tage – und –«

»Es bleibt Alles, wie es gewesen. – Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht unsere Pflicht zu thun? Nicht zu rütteln an den faulen Aesten, so lange wir Mark in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, so lange wir Athem haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?«

»Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrüstung.« – »Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sagen, dazu sind Sie hier; darum ließ ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein. – Sie meinen, auch diese Denkschrift wird ohne Wirkung bleiben?« – »Man weiß, daß auch der alte General Blücher deshalb vergebens an den König geschrieben hat.«

»Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis, Ferdinand, Rüchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir vorwirft, daß sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist, wird Johannes Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten. Wenn solche Namen zusammenklingen, solche Männer die Arme verschlingen, solche Gründe ihm ins Ohr donnern, über welche Zaubermacht müssten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. – Hier ist Müllers Konzept. Er schließt: ›Dieses Kabinet, welches nach und nach zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat, daß Jedermann weiß, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier Männer, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen längst eingebüßt. Ja, Majestät, die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und bestimmt von Bestechung.‹«

»So wird er Ihnen entgegnen: Beweis't es! Excellenz, dies eine Wort kann Alles verderben. Können wir, kann irgend Einer den Beweis führen? Ja, die Hand aufs Herz, kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die Betheuerung aussprechen: ich bin fest überzeugt, daß französisches Geld in ihren Taschen klimpert! Haben wir nicht vielmehr die moralische Ueberzeugung, daß sie mehr aus Indolenz, Eitelkeit, Dünkel, aus eigener Ueberhebung, aus Schlaffheit und Faulheit im Denken, sich gegen das Vaterland versündigen, als daß sie wirklich Verbrecher sind!«

Der Minister machte, die Hände auf dem Rücken, die Augen niederschlagend, wieder seine Zimmerpromenade: »Sie mögen[649] Recht haben, Gott hat sie nicht in seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Mißmuth: daß, zu unserer Beschämung, auch solches Gewürm herum kriechen muß.« – »Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch aufrecht gehen, und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen, sie müssen sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wüsten Taumel erwachen, müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken.« – »Was kümmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollgeschlagen, die Taschen gefüllt, so weit es die Honettität erlaubt, das heißt die Rücksicht vor den Leuten, mit denen sie mal Lhombre spielen können, und nach ihnen die Sündfluth!« – »Das Gefühl für Schimpf und Schande –« »Prallt von den bunten Blechschilden ab, vorausgesetzt, daß sie mit Gehalt, Pensionen, Güterschenkungen gefüttert sind.« – »Excellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini er klärt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz lässt den Kopf hängen –« »Weil sie sich vor'm Pöbel fürchten.« – »Kann der Strahl nicht auch in Ihnen gezündet haben?«

»Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmeiß sie zur Thür hinaus, so kommen sie zur Hinterthür wieder hereingetänzelt und fragen mit einem süßen Händedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen einen Schurken ins Gesicht, so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz. Was ist ein Fußtritt in einen Plunderhaufen! Sie wollen Minister bleiben, Geheimräthe, weiter nichts, und sie haben Recht. Was wären sie, wenn sie es nicht sind!«

»Und wenn denn doch eine innere Röthe der Scham –«

»Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit sich wie der Pharisäer. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen, ist ja ein treuer Diener ihres Königs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel für diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht, was sie vor Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können, haben sie es nur als treue Diener ihres Herrn gethan. Alles für ihren König! Mag Land und Volk darüber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft salvirt sind. Scham in diesen Lakaienseelen! Die sich nicht schämen, ihre eigenen Fehler und Sünden Dem aufzupacken, als dessen Götzendiener sie sich anstellen! Der, den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen, als Kratzbürste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! – O dies Gezücht schämt sich auch nicht, wenn es umschlägt, die Achseln zu zucken und mit den Augen zu zwinkern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts thun! Wer seine eigene Menschenwürde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert Alles, zuletzt den Götzen selbst, wenn ein mächtigerer da ist.«[650]

Walter sagte nach einer Pause: »Sind Eure Excellenz überzeugt, daß Haugwitz auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat?« Der Minister fasste leicht seinen Rockzipfel: »Ein König, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch nicht ein Chamäleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und Joseph, die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der Fürsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glücksrad. Da ist es Pflicht der gewissenhaften Räthe, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben liegt. Da müssen sie das Rad stille halten, sie müssen es, sage ich, auf die Gefahr hin, daß es sie ergreift und zerdrückt. Trauen sie sich das nicht zu, sollen sie in der Schreibstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit Kammerherrnschlüsseln genügen lassen. – Wer so dreist ist, da oben stehen zu wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem Könige selber die Pflicht, ihm dreist ins Gesicht zu sehen. Nicht seine gute Launen soll er belauschen, um Gefälliges sich und Anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festhalten, mit eisernem Händedruck, er darf die Runzeln des Unmuths nicht sehen, er soll den sprudelnden Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm, über Beiden steht ein anderer König, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. – Und dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Könige sich neigen und sprechen: ›nimm das Amt zurück, das noch rein ist in meinen Händen! Wehe dem, der ein leichter Gewissen hat, es zu beflecken.‹ Das ist ein wahrhaft treuer Diener. Die armen Könige, die keine Männer finden, nur treue Diener wie diese hier!« setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat, die Arme unterschlagend, ans Fenster. – »Die armen Könige!« wiederholte er, »ich könnte sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Throne unterhöhlt, Dynastien gestürzt. Ein arglistiger böser Staatsmann hinterlässt Flecke; die kann man auswaschen, ausbeizen. Ein Chamäleon, das von jedem Regenbogenstrahl der königlichen Laune durchschauert ist, und ihn in Reskripten und Gesetzen austräufen lässt in alle Adern des Landes und Volks, dem Flüchtigen den Stempel der Autorität aufdrückend, der verdirbt die Völker und die Monarchien. Ich sage Ihnen, –«

Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn, zugleich brachte der Diener Licht. Es war Abend geworden.[651]

Quelle:
Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländische Romane, Berlin: Otto Janke, 4[1881], Band 7, S. 637-652.
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