Achtes Kapitel.

Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrath.

[46] Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause, als – wir ihn hier wieder sehen. Die süßesten Falten glätteten sein volles Gesicht und die Glätte ging über die sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf. Lächelnd der Mund, das Auge, den Hut in der Hand, hatte er an der Thür seine respektvolle Verbeugung gemacht, um, den Dreiecker an die Brust gedrückt, mit einer Bewegung, welche an die der Maus erinnern konnte, auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen:

»Mein theuerster Gönner!«

Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck, der ihm drohte, sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt, den er mit der Linken fasste und bewegte, um sich gelegentlich darauf zu stützen, während er mit der Rechten sich auch gelegentlich bewegte. Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um einen Kopf größer als der andere Geheimrath. Ob er es war, lass' ich ungesagt:

»Mein Herr Geheimrath, ich hatte nicht erwartet, daß wir uns so begegnen sollten.«

Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt. Den Hut noch fester an die Brust drückend, verneigte er sich noch tiefer: »Mein Herr Geheimrath, wer hat keine Feinde!«

»Um das kurz abzuschneiden, von Ihren Feinden weiß ich nichts, aber ich weiß doch Alles. Ich bin nicht Ihr Richter, das wissen Sie. Wie Sie sich vor dem weiß brennen wollen, ist Ihre Sache, zu mir kommen Sie aus andern Gründen. Einem Advokaten muß man Alles sagen.«

»Soll ich sagen, daß mich diese edle Gesinnung überrascht? Nein! Iustice et humanité, voilà le patrimoine de la famille de Bovillard! Si mon ami Bovillard est mon advocat, je suis l'homme le plus heureux.«[46]

»Herr, rasen Sie! Von Ihrer Kassation ist die Rede! Um des Himmels Willen, plagte Sie denn der Teufel! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst, wissen Sie nicht, wie man uns auf die Finger sieht, wie man die unschuldigsten Handlungen verdächtigt, und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen! Herr Geheimrath, Sie verdienten ja schon darum –«

»Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt –«

»Zum Geier mit Ihren Intentionen. Wissen Sie, wie der König die Lippen biß, wie die Königin blaß ward, wie ein Jemand, den ich nicht nennen will, die Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte: das sind die Freunde des Herrn Lombard! wie Seine Majestät, die Hände auf dem Rücken, stumm durchs Zimmer gingen: das muß anders werden! – heißt das Ordnung! Das nennt man Humanität, daß man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lässt. – Es muß, es soll anders werden! schlossen Seine Majestät. Beyme hat ihn noch nie so gesehen. Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug, er musste sie umschreiben. Was sagen Sie nun?«

Lupinus wusste nichts zu sagen. Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb mechanisch die Hände über den Hut, bis der Wirkliche ihm zu Hülfe kam: »Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein, aber verstehen Sie, ganz reinen, und bis auf den Grund.«

Ob der Wein ganz rein war, lassen wir auf sich beruhen. Es war so ziemlich derselbe, den wir in Lupinus' Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet. Nur blieb der tolle Sohn des Geheimraths aus dem Spiele. Der Zuhörer, welcher besonders am Schluß aufmerksam den Kopf wiegte, schien einigermaßen befriedigt, denn er sagte, als der Andere zu Ende war: »Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten, daß Sie nichts hinzugethan, noch davon genommen haben: ich meine, daß, wenn Sie vor dem Richter stehen, Sie ebenfalls nichts mehr, noch weniger aussagen wür den?«

»Wir sind Menschen, Herr Geheimrath, wir sind alle Menschen, und unser Loos ist irren.«

»Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen, die nicht irren sollen; sonst jagt man sie fort.«

»Seine Majestät der König kennt gewiß meine Loyalität.«

»Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz. Ich möchte Ihnen nicht rathen, sich darauf zu berufen. Ueberhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres Ranges, die gebildete Gesellschaft besucht, ist erste Pflicht, daß man sich um die Verhältnisse und Ansichten kümmert. Vielleicht liegt das in Ihrer Familie –«

»Herr Geheimrath meinen, meinen Bruder in der Jägerstraße. Ja, um die Dehors kümmert er sich allerdings wenig. Sollte er[47] sich vielleicht bei irgend einer Gelegenheit einen Verstoß haben zu Schulden kommen lassen! Gott, er hat ein gewissermaßen kindliches Gemüth, er kann kein Wasser trüben. Aber Gelehrte – Gelehrte, mein theuerster Gönner, ach, der Vers ist wie auf ihn gemacht:


Er weiß, wie man in Rom gegessen

Und zu Athen sich gab den Kuß;

Darüber hat er ganz vergessen,

Wie man die Gabel halten muß.


Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen, daß er sich doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte.«

»Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten!« fiel der Wirkliche wieder verdrießlich ein. »Mein Herr Geheimrath, es ist ganz unbegreiflich, wie Sie die Veränderungen übersehen haben, die sich in unsern Sitten zutrugen. Ja, ja, in unsern Sitten! Sehen Sie denn nicht ein, daß und wie sich alles geändert hat. Ein junger tugendhafter König ist unser Staatsoberhaupt, eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner Seite. Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität, von wirklich rührender Häuslichkeit. Fühlen Sie denn nicht, wie dies Beispiel schon auf das Publikum einwirkt? Anfangs war man etwas frappirt, man verstand es nicht, daß es dauern könne, man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel. Manche fürchteten sogar, daß die Königliche Autorität verlieren würde, ohne Gold und Silberapparat. Aber es war anders. Wird dieser König weniger geliebt, als der höchstselige? Ja, ich wage zu behaupten, der große Friedrich ward nicht so venerirt. Wenn dieser jugendliche Monarch mit zwei Rappen, die schöne Königin an seiner Seite, durch die Linden kutschirt, wie schlagen alle Herzen! Hören Sie die Bemerkungen der Leute. Das sind Symptome, mein Lieber, auf die man achten muß. Bemerken Sie denn nicht, wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen? Man muß sich fügen, mein Lieber, man muß mit dem Strome schwimmen, man muß sich kleiden wie die Andern, wenn uns auch die Mode nicht gefällt. Ou voulez-vous être un original, qui ne se désoriginalisera jamais? Glauben Sie mir, es gefällt Manchem am Hofe nicht, ich muß manche Klage hören, aber man fügt sich. Manche Liaisons sind stadtkundig, wer hatte bisher Arges daran, aber – man genirt sich jetzt, man fährt nicht mehr zusammen in den Thiergarten. Ich könnte Ihnen – aber n'en parlons pas à propos – man sagt mir, Sie besuchen noch immer das Haus der Schubitz.«

Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an.

»Mein hochverehrtester Gönner, auch das« – Offenbar wollte er, was man nennt mit etwas herausplatzen, vielleicht aus der Defensive in die Offensive übergehen, aber rasch sich besinnend, fuhr er in dem vorigen süß flötenden Tone fort:[48]

»Wenn ich sagen dürfte, wie anständig es dort hergeht! Ich kann betheuern, daß alles Unmoralische davon entfernt ist. In den untern Zimmern versammelt sich abendlich, gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen. Man trinkt Thee, man lässt sich eine Bowle brauen; in heitern Gesprächen vergehen die Stunden. Wie mancher Geschäftsmann, erdrückt von der Last des Tages, der keine Familie hat, oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet, sucht die Zerstreuung, die nothwendige Erholung, um sich wieder zu erfrischen für die Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages. Der Staat fordert von uns ungeheure Opfer, er muß uns doch auch etwas Erholung gönnen. Einige machen auch ein Spielchen, die Räume sind so gemüthlich und hell. Muß man denn immer Arges denken! Diese leichten anmuthigen Kinder der Natur – ich will im entferntesten nicht für ihre vertu sonst einstehen – aber in diesen Reunions, wenn doch auch nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre! Hüpfende Gazellen, Hebes mit der rauchenden Schaale, mischen sie sich in das Gespräch, man hält sie fest, wenn sie entschlüpfen wollen, man richtet Fragen an sie, und freut sich ihrer schalkhaften Antworten. Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich will auch nicht dafür einstehen, daß man nicht einmal, überrascht von einer naiven Antwort, den losen Schalk auf den Schooß zieht, und ihn dafür mit einem Kuß auf die Lippen belohnt oder bestraft. Aber, wie gesagt, il n'y a rien là d'immoral, Monsieur le conseiller! Man findet immer achtungswerthe Gesellschaft, die höchstachtungswertheste zuweilen. – Herr Geheimrath würden erstaunen, wenn Sie hörten, welche Equipagen vor dem Hause halten – oft die ganze Behrenstraße hinauf bis zur Friedrichsstraße. Man trifft sich auch mit den Künstlern, den Genies unserer Stadt. Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgespritzt. Da ist der berühmte Bildhauer, das Genie, – wie heißt er doch gleich – der macht Studien zum Basrelief für das neue Schauspielhaus. Der tiefsinnige Herr Adam Müller, ce génie mystique, las den Damen aus seinen Schriften vor, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi, pour les convertir. Reine psychologische Studien! Der Herr Hofrath Hirt versichert, bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde, was der Lichtenau so gefallen hatte, er hat es im Marmorpalais contrefeien müssen. Da sagte auch neulich Fleck – doch das erinnern sich Herr Geheimrath, – von der Auguste könnte die Schick agiren lernen, wenn sie die Dido singt. Enfin, je vous assure, mon génie protecteur, on n'y va que pour faire ses études artistiques, philosophiques, psychologiques –«

»Et physiologiques,« unterbrach Bovillard. »Und was studirten Sie, Herr Geheimrath?«[49]

»Menschenkenntniß, Herr Geheimrath. Lernt man in der Schwäche sich nicht selbst am besten kennen?«

»Das will ich gelten lassen. Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl seine Pantoffeln in das Haus.«

Der Geheimrath senkte den Blick: »So viel mir bekannt, sind diese schon vor Monaten wieder abgeholt.«

»Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt. Denn, merken Sie noch etwas, eine Polizeiordre ist unter der Feder, in diesen Häusern soll künftig eine Präsenzliste geführt werden. Wer aus- und eingehet, muß seinen Namen einschreiben. An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen, wer sie besucht hat, und die Beamten werden höheren Orts gemeldet.«

Die beiden Geheimräthe sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke an. Es entstand eine Pause. Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten, als jener nach einem kurzen Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend, sich mit überkreuzten Beinen auf das Sopha setzte. Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern Ecke Platz.

»Und dann, warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Straße Konversation anfangen, und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen?«

»Mon Dieu, auch das ein Verbrechen, wenn das Herz uns treibt, unsere Mitmenschen zu uns zu erheben! Je vous proteste, ce n'est rien que l'inspiration d'un coeur humain.«

»Genialität, mon ami! Ces beaux temps sont passées. Sie werden mich gewiß nicht zu den Rigorosen rechnen, aber man muß doch auch mit einem gewissen Ernst, der unserer Stellung und unserm Alter ziemt, die Verhältnisse betrachten. Es musste anders werden. Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so viel Affröses verletzt. Man hätte sich nicht wundern dürfen, wenn er selbst mit rigoroser Strenge dazwischen fuhr. Aber in seiner milden, bescheidenen Weise zieht er es vor, nur durch sein Beispiel zu wirken. Und es ist überraschend, wie es schon gewirkt hat. Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe! Hört man noch das disgustirende Geplauder von sonst! Ein Wort, ein strafender Blick der Königin, und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein – die chocquirenden Konfidenzen verstummen. Kennen Sie die alte Voß wieder? Ganz die Airs einer würdigen Matrone! Wenn es auch noch nicht überall einklingt, so macht man doch Efforts. Selbst Comteß Laura, geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst? Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht, mit welcher Decenz geschieht es. Da kennt Keine die Andere, so tief maskirt! Ihre Wagen lassen sie schon an der Ecke[50] der Dorotheenstraße zurück. Nein, die Progressen in der öffentlichen Moral sind unverkennbar. Und die Minister! Was kann denn erhebender sein, als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat, und wie ein Patriarch unter den Seinen lebt. Die Frau Ministerin, wenn sie das schlichte Häubchen auf dem Kopf, die Schürze vor, als Hausfrau in Küch' und Keller waltet! Ein Fremder könnte glauben, daß er in eine gewöhnliche Bürgerwirthschaft geräth. Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüßen, ein Trunk Bier steht immer auf dem Tische.« –

»Trinken Excellenz jetzt Bier?« fiel Lupinus rasch ein. – »Wahrscheinlich von dem, was mein Freund, der Hofrath Fredersdorf in Spandow braut. Ein treffliches Bier, aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein?«

»Das thut wohl nichts zur Sache. Ich meinte nur –«

»Vielleicht nur des Magens wegen – Excellenz leiden an Indigestionen – da würde ein bitteres Magenbier, zum Exempel das Zerbster – der Magen eines Ministers ist etwas kostbares für das Land – ich habe da eine gute Quelle. Meinen Herr Geheimrath vielleicht, daß Excellenz es nicht ungütig nehmen würden, wenn ich mir erlaubte, ein Fässchen –«

»Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen,« sagte Bovillard aufstehend, »denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen!« Aber der Alp auf der Brust des Geheimrath Lupinus schien sich doch allmälig gelöst zu haben, als er die Theilnahme seines Gönners bemerkte. Die Sache war nicht durch einen Scherz zu beseitigen. Man sprach auch von einem Dritten, der seine Vermittlung schon angeboten. »Wenn man dem nur ganz trauen kann,« sagte Lupinus. Der Wirkliche lächelte leichthin: »Das zu prüfen ist meine Sache. Ihre: Anstand, Ernst, Moralität zu zeigen – und vorsichtig zu sein. Denn mir ist gar nichts darum zu thun, daß Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hinterthür schlüpfen, sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen. Verstehen Sie mich, mein Herr Geheimrath? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung, weil unser Interesse damit zusammenhängt. Verstehen Sie mich! Wissen Sie auch, daß der Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat?«

»Womit habe ich das verdient!« Beinahe entfiel ihm der Hut, als er mit der Hand über die Stirn fuhr.

»Das machen Sie mit sich selbst aus. Dann kann ich Ihnen auch nicht verbergen, daß das Verhältniß mit Ihrer Köchin Seine Majestät choquirt. Sie thäten besser, sie wegzuschicken, oder wieder zu heirathen.«

»Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte – mein Gott, ich bin ja zu allem bereit – jeden Augenblick.«[51]

»Warten Sie's doch noch ab,« – entgegnete der Wirkliche, wirklich von diesem Zeichen der Devotion überrascht. »Es kann sich manches wieder ändern. Ueberhaupt müssen wir warten,« setzte er hinzu, »denn ich besinne mich, daß der Minister morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist.«

Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug. Bovillard schien schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt, als er, die Hand an der Thür, ihm ein à propos nachrief:

»A propos, wissen Sie nicht, was aus der Jenny geworden ist!«

Lupinus, halb schon aus der Thür, war im Augenblick zurückgeschnellt, und mit derselben Elasticität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck, der das grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war. Es war die allmächtige Natur, welche die Folterbande gesprengt hatte.

»Die ging ja nach Leipzig – nach dem Vorfall –«

»Das weiß ich. Aber von da?«

»Man sagte, nach Paris. Ah! ces souvenirs!« Der Geheimrath von der Vogtei küsste seine Finger.

»Wie eine Gazelle,« sagte der Wirkliche.

»Und eine Taille!«

»Quand elle pirouettait autor d'elle-même –«.

»En petit comité viel ravissanter, als hinter den Lampen. Diese Grazie!«

»Augen wie eine étincelle.«

»Et sont esprit!«

»Witzig! Sie konnte fünf Mann todt machen.«

»Et ses délicieux petits pieds! Erinnern sich Herr Geheimrath noch an jenen Abend, wie sie auf den Tisch sprang?« –

»N'en parlons pas!« Bovillard wehrte mit der Hand. Mit einem eigentümlichen Blick setzte er hinzu. »Mon cher conseiller, c'est à vous taire – et surtout à présent!«

»A moi!« Lupinus senkte die Augen, die Hand auf der Brust. »D'ailleurs ces souvenirs dureront plus que ma vie.«

»Ja, sie hat manche Erinnerungen hinterlassen,« schmunzelte Bovillard.

»Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen,« setzte der Andere hinzu. »So was kommt doch nicht wieder. Sind Herr Geheimrath nicht auch der Meinung, es verschlechtert sich Alles in der Welt.«

»Es kann aber auch Einiges besser werden,« sagte Bovillard. Noch einmal rief er dem Scheidenden nach: »Also, un peu plus de morale et – de modération.«[52]

Quelle:
Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländische Romane, Berlin: Otto Janke, 4[1881], Band 7, S. 46-53.
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