Ischler Sommer

Giwril

[99] Einmal sass eine Dame an der Esplanade, in einem lichten Sürah-Kleide und mit einem Hute wie ein Strohkörbchen für Bonbons und sagte: »Giwril, ein eigenthümlicher Mensch sind Sie wirklich. Man sollte den Verkehr mit Ihnen aufgeben. Etwas Ungesundes, weiss der Teufel – – –.«

Ja, dieser Giwril hatte gar keine Anhänglichkeit, keine Freundschaft, keine Liebe und deren schöne und bedeutsame Consequenz, die Treue. Nein, dieselbe besass er nicht. Keine Liebe besass er, wie sie sich sonst in beträchtlichem und sentimentalem Maasse in den Nerven der Durchschnitt-Menschlein zu befinden pflegt und zarte Emotionen der Seele gebiert und träumerisch macht.

Wie die Sonne Alles zu beleuchten, zu erwärmen sich bestrebt, es zu eigenem Gedeihen zu befördern sucht, ohne diese verschiedenen Gegenstände selbst besonders zu estimiren oder denselben directement Gutes erweisen zu wollen, so funktionirte Giwril's Seele. Gleichsam in Kälte gab sie Wärme! Immer denkend: »Hole Euch übrigens der Teufel – – –.«

Die Menschlein aber, siehe, müssen sich mit ihrem[99] dünnen Bündelchen von Liebe, mit welchem sie durch das Leben hausiren gehen, an einen bestimmten Gegenstand heranmachen, ihn herumkriegen, seelisch hypnotisiren, um demselben in concentrirter Form, gleichsam mit der ganzen Fülle ihres Herzchens, Gutes und Liebes injiciren zu können. Sie müssen den geliebten und erkorenen Gegenstand ihrer »engeren Wahl« herauszerren aus dem Allgemeinen der Welten-Schönheit, ihn zu einer kleinen Welt an und für sich umträumen, um in der Lage zu sein, denselben zu erfassen und an ihr armseliges aber stimmungsvolles Herzchen zu drücken und ihn nicht mehr loszulassen! For ever! Ja, so ist Eure Liebe. For ever. Gerade ausreichend für einen einzigen und auserwählten Gegenstand, erhebt sie Eure Unzulänglichkeiten zum Gesetze unter dem Titel: »Treue der Seele

Giwril's Leben hingegen selbst war in seiner Totalität Freundschaft. Wie die Freundschaft der Sonne für die impassible Erde, der Erde für den kalten, ihr völlig unbekannten Mond. Nicht für diesen oder jenen Gegenstand entscheidet sich die Sonne und Giwril.

Wer durch Zufälligkeiten in seine Nähe kam, erhielt selbstverständlich ganze Strahlenbündel von Freundschaft und verständnissvoller Erkenntniss, welche den Menschen zu sich selbst kommen lassen, ihn ausreifen lassen zu sich selber.

Nicht wie die armseligen Liebhaber konnte er einem bestimmten Gegenstande seine Neigung,[100] seine ganze Wärme geben, sondern alle Menschen, welche im Schatten lebten, kleine Mädchen, Jungfrauen, vermälte Damen, stellten sich, je nach Bedarf, in seine milden Freundschaftsstrahlen und eilten, flüchteten gleichsam, wenn sie genug hatten, von dieser impassiblen Sonne wieder in die Nähe wärmerer Organisationen, welche ihrer Armseligkeiten wegen nicht Geber, sondern gerade umgekehrt nur Empfänger von Wärme und Glück sein wollten! So war Giwril liebelos und dennoch der Einzige, der voll war von Liebe! Voll war er, dass er des Nachfüllens mit Gegenliebe nicht bedurfte und lächeln musste über das zurechtgestutzte Liebesleben in Sentiments und Unzulänglichkeiten. – –

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Jolanthe aber erkannte dieses Herz. Anfangs versuchte sie es, dieses irregeleitete auf den rechten Weg schöner Begrenzungen zu leiten.

»Wem belieben Sie eigentlich den Hof zu machen, Giwril«, sagte sie einmal, »mir, bitte, oder der 12 jährigen Piròska oder der

4jährigen Anita oder der älteren ewig gekränkten Dame oder dieser Unverschämten, Sie wissen schon?! Und überhaupt, wie stellen Sie sich es vor, mein Lieber?! Den Spaziergang zum Beispiel willst Du in Einsamkeit geniessen, Alle stören Dich bereits! An den Mondabenden bist Du brutal mit uns, lässest uns links liegen. Was für ein Gesicht schneidest Du?!: »He, ist es für Euch, die Mondesnächte?! Nun also!« Verdienen wir die Schönheit der Natur?! Zerbröckeln[101] möchtest Du uns dann am liebsten. Oh Giwril, bald erhebst Du uns, bald spielst Du uns aus gegen Anderes. Wie?!«

Er gab keinerlei Antwort.

Bald aber erkannte sie, dass dieses Herz von Natur aus ziemlich übermässig zugeschnitten sei und dann von selber geradezu unförmlich ausgewachsen war nach verschiedenen Richtungen. Von diesem Augenblicke an gab sie nach und betrachtete dieses Herz mit ziemlicher Rührung wie ein seltenes aber unbrauchbares Phänomen in dieser Welt voll Kleinlichkeiten. Er hingegen schloss eines Abends den wahrsten Bund mit ihr, den zwei Menschenseelen hienieden schliessen können. Er nahm ihre Hand und sagte: »Jolanthe, wir Beide rechten nicht mehr, wir erkennen! Daher sind wir Freunde. Nicht?!« »Ja«, sagte sie; »übrigens, wie meinen Sie es?!« Und dann dachte sie dabei an irgend einen warmen Menschen, welcher ihr Lebensseelchen betreuen könnte, während sie dem »Herren über ihre Weltenseele« kalt in die Augen sah.

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Nach ihrer Abreise blieb er drei Tage lang einsam in seinem Garten, welcher voll lila und gelber Astern war, in Beeten herumgereiht um einen kleinen dünnen Springbrunnen. Nach diesen drei Tagen ging er wieder aus, machte wieder den Hof der 12 jährigen Piròska, der 4 jährigen Anni, der ewig gekränkten älteren Dame und der Unverschämten. Spaziergänge unternahm er, liess Alles wieder links liegen,[102] dass es zerbröckelte, verwehte, um Platz zu machen – – –!

Eine Dame sass an der Esplanade bereits in einem warmen Pelzchen und sagte: »Eine eigenartige Persönlichkeit ist dieser Giwril. Schade um ihn. Man sollte ihn verheirathen – – –.«


***


Mann und Mädchen

Sie gingen einen Waldweg an einem Herbstabend.

Um 1/2 7 sagte sie: « Jetzt beginnt in Wien die »Götterdämmerung« –. Bitte, singe mir das Rheintöchter -Lied!«

Er sang es.

Sie war ganz versunken. Er aber gab sich dem friedevollen Herbstabende hin.

Sie wiederholte sanft: »Jetzt beginnt in Wien die ›Götterdämmerung‹, und wir sind hier?!«

»Sehen Sie, Maria,« sagte er, »Sie haben noch nicht die Kraft, die Musik der Natur zu vernehmen. Sie brauchen noch den Künstler, den Vermittler!«

»Das verstehe ich nicht,« erwiderte sie. »Hörst Du vielleicht die Rheintöchter singen und Siegfried in diesem Waldesrauschen?!«

»Ja – – –.«

Maria ging schweigend. Sie dachte an ihre »Götterdämmerung«, welche jetzt in Wien, um 1/2 7 begann und kümmerte sich einen Plunder um diese[103] Herbststimmung im abendlichen Walde an der Seite des gereiften Menschen, welcher Dinge vernahm im Herbsteswalde, die sie nicht vernahm – – –.

Beim Abschiede sagte sie: »Singe mir noch einmal das Rheintöchter-Lied!«

Er sang es.

»Wie schön Du es singst! Nun, ist es vielleicht nicht wunderbar?!«

»O ja. Aber der Redtenbach singt es noch schöner und die Buchenblätter im Abendwinde.«

Sie gab keine Antwort. Sie dachte: »Jetzt, 1/2 7, beginnt meine geliebte Götterdämmerung im Wiener Opernhause!«

Nach Jahren fanden sie sich wieder.

Sie machten einen Spaziergang im abendlichen Walde.

Er sagte: »Jetzt, 1/2 7, beginnt die »Götterdämmerung« im Wiener Opernhause. Wissen Sie noch?! Das Rheinestöchter -Lied?!

Sie aber hatte die Kraft gewonnen, die Musik der Natur zu vernehmen! Sie brauchte nicht den Künstler, den Vermittler – – –.

Sie lehnte an der Brüstung und lauschte dem Gesänge des Redtenbaches und der Buchenblätter im abendlichen Walde – –.[104]

Quelle:
Peter Altenberg: Was der Tag mir zuträgt. Berlin 12–131924, S. 99-105.
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