Quartett-Soirée

[86] Der Saal ist viereckig, schneeweis, überhaupt wie eine riesige Pappendeckelschachtel. Die durchscheinenden Kugeln aus dickem welligem Glase machen aus dem Bogenlicht im Inneren goldgrüne und weissgrüne Flecken, die wie glänzendes Wasser schimmern oder Öl, wie Milch im Mondschein.

Rechts neben ihm sass sein goldblondes Schwesterchen, in Sammt maron pürée und einer Blouse aus[86] gleichfarbiger Seide. Sie hatte zu Hause gebadet, sich getummelt, häusliche Unannehmlichkeiten gehabt, suchte nun Etwas, das entlastete, entfernte, blickte in die riesige Pappendeckelschachtel mit den goldgrünen glänzenden Flecken – – –.

»Man bleibt also der, der man ist, überall – –?!« fühlte sie.

Die Instrumente sagten: »husch aus dem Bade –!« »Marie, bitte, oh Marie.« »Aber Fräulein, machen die Brause zu – –. Wie schön Fräulein sind – –.« »Wo ist mein Seidentuch?! Bitte um Geld für die Garderobe – –.« »So geh' schon – –.« »Giebt es einen Frühling – –?! Was ist eigentlich Musik – –?!«

Links neben ihm sassen zwei Schwestern, junge Frauen, Bekannte. Die Eine hatte eine Pongis-Blouse mit Rubinschmuck und schwarze Augen, Augen wie Mitternacht. Diese Augen sagten: »Ich will brennen! Macht ein Feuer an! Ich will brennen – – –!«

Die Andere dachte: »Das Leben hat schöne Einzelheiten wie das Quartett. Aber was ist es?! Man zählt und zählt – – –. Anita ist müde, Zählen macht müde, nicht?! Und wenn ich Zehntausend habe?! Dann lege ich es in ein goldenes Kästchen und werfe das Schlüsselchen in's Meer – – –.«

Die Violinen sangen.

Sie träumte: »Helgoland – – oh meine Sommertage – – in's Meer – –.«

Das Fräulein in maron pürée dachte: »Die vier Herren da oben sind schwarz und zusammengeduckt,[87] sie müssen sehr unbequem sitzen und die Fräcke verdrücken sich. Es ist Kammermusik, der edelste Kunstgenuss, ja wirklich. Die Oper hat mehr Farben – –.«

»Die Oper hat mehr Farben – – –« dachte sie jetzt endgiltig und ihre gebadete Haut begann zu dunsten in der Concert-Luft.

»Habe ich das Eau de Cologne zugestöpselt, habe ich das frische Nachthemd hergerichtet, habe ich Reis herausgegeben – – –?!« dachte sie.

Die Dame sagte zu dem Herren: »Sie müssen Helgoland sehen – –. Ich habe den Tanz getanzt mit den Matrosen – –.«

Es hiess: »Jawol, ob Du es glaubst oder nicht, so Eine bin ich – – manchesmal.«

»Pst – – –« sagte man.

Süsse Töne füllten die weisse Pappendeckelschachtel wie mit Bonbons.

Da stieg das Cello in ihr Herz – – –.

»Was siehst Du mich an, Herr?! Höre lieber zu – – –.«

Pause.

»Helgoland – – – ich tanzte mit den Matrosen!«

»Zartes feines Geschöpf – –« denkt der Herr, »haben sie Dich nicht zerdrückt?!«

»Woher bin ich – –?!«, fühlt sie plötzlich, »wo hin gehe ich?! Ich wohne Ebendorferstrasse 17, I. Stock, Thür 5. Im Vorzimmer ist ein rother Teppich und Spiegelglas. Wie ein kleiner Kerker ist es – –.

Helgoland, ich tanzte mit Matrosen – – –!«[88]

Das Fräulein in maron pürée denkt; »Ich habe Niemand – – –.«

Andante.

»Wie Schatten – – –« sagt die junge Frau.

»Du bist affektirt – –« denkt das Fräulein; »wie Schatten – – –?!«

Die junge Frau wird roth, weil man es gehört hat. Sie senkt den Kopf, horcht auf die »huschenden Schatten« – – –.

Die Violinen machten »ti–ti–tiiiii – – –«, worauf das Cello noch ein bischen das alte Thema in Erinnerung brachte, aber nur so, husch – – –.

Wie Schatten – – –.

Alle sagten »bravo«. Wie wenn man sagt: »bravo, ein Kind ist gestorben.«

Eigentlich hätte man schluchzen hören sollen.

Die junge Frau zieht an ihrem Opernguckersäckchen aus Seide, zu, auf, zu, auf, zu – – –.

DasFräulein denkt: »War es fad oder blos traurig?!«

In der ersten Reihe sitzt Frau P. Sie bekommt Alles im Leben aus erster Hand. Sogar die Jacke ist Modellstück, hellgrüne Seide mit opalisirenden Glasperlen. Sie denkt: »Wie angenehm ist das Leben und so einfach und wie schön diese Herren spielen! Wird Herr Max zum Souper mitkommen?!«

Die ganze erste Reihe hält sich für König Ludwig, dem man extra vorspielt. Wirklich, die Töne fahren sonst in der Pappendeckelschachtel herum wie feine Schmetterlinge, zerstossen sich an den goldgrünen Flecken der Lampen – – –. Aber in der ersten[89] Reihe schweben sie über den Cercle-Sitzen wie über Blumen.

Der Musikkritiker sitzt ganz rückwärts. Er hat das Ohr mit seinen Labyrinthen. Ein Ariadnefaden führt zum Welt-Geist!

Alle sagen: »bravo – – –.«

Er fühlt: »Ein Kind ist gestorben – – –.«

»Sie müssen Helgoland sehen – – –« sagt die junge Frau zu dem Herren, »das wünsche ich Ihnen – –.«

»Sie sind wie eine Meermuschel«, sagt er, »in der das Meer noch singt, wenn längst – – –.«

Da begann ein neues Musikstück.

Das Clavier sagte: »wenn längst, wenn längst – –« und tanzte einen Matrosentanz. Das Cello griff in's Herz hinein, eigentlich drückte es das Herz zusammen und liess es wieder los. Da wurde es weit oder es schien nur so – – –.

»Es ist ein Meerbad – –« fühlt die Dame, »kurz wie Helgoland und wie der Sommer und wie eine Heerde gelber Schaafe, die durch ein sonniges Dorf getrieben wird und wie der Duft von Kartoffelfeldern am Abend, wie Hühner-Bouillon, wenn man krank war, wie ›bittersüss‹ und wie ›da bist Du endlich‹ – – –.«

Das Fräulein träumte: »Habe ich Jemand – –?!«

Der Herr blickt die Helgoländerin an: »bitte, nummerire diesen Blick nicht – –.«

»Nein – –« antwortet sie sanft mit ihren Augen, »ich lege ein eigenes Conto an – – –.«

»Und wirf das Schlüsselchen nicht in's Meer – –!«[90]

»Und werfe das Schlüsselchen nicht ins Meer – –.«

Clavier, Violino primo, Violino secondo, Cello, Viola, sangen: »Wirf es in's Meer, in's Meer, in's Meer – – –.«

Aber es war nur das Clavierquintett von G., zweiter Satz, Andante.

Das Fräulein in maron pürée dachte: »Diese Stelle klingt wirklich wie ›Ich habe Niemand, Niemand, Niemand‹ – – –!«

Quelle:
Peter Altenberg: Wie ich es sehe. Berlin 8–91914, S. 86-91.
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