III. Des Wächters Abenteuer.

[361] »Da liegen ja wahrlich ein paar Galoschen!« sagte der Wächter. »Die gehören sicher dem Leutnant, der dort oben wohnt. Sie liegen gerade bei der Thür!«

Gern hätte der ehrliche Mann geklingelt und sie abgeliefert, denn da war noch Licht, aber er wollte nicht die übrigen Leute im Hause wecken und deshalb unterließ er es.

»Das muß recht warm sein, ein Paar solcher Dinger am Fuße zu haben!« sagte er. »Sie sind weich im Leder. Sie paßten gut an meine Füße. Wie ist es doch drollig in der Welt! Nun könnte der Leutnant sich in sein warmes Bett legen, doch sieh, ob er es thut! Da geht er im Zimmer auf und nieder; das ist ein glücklicher Mensch! Er hat weder eine Frau noch Kinder, jeden Abend ist er in Gesellschaft; wäre ich doch er, ja dann wäre ich ein glücklicher Mann!«

Indem er den Wunsch aussprach, wirkten die Galoschen, die er angezogen hatte, der Wächter ging in des Leutnants Sein und Wesen über. Da stand er oben im Zimmer und hielt ein kleines rosenrotes Papier zwischen den Fingern, worauf ein Gedicht stand, ein Gedicht des Herrn Leutnants selbst. Denn wer hat in seinem Leben nicht einmal einen dichterischen Augenblick gehabt, und schreibt man dann den Gedanken nieder, so hat man ein Gedicht. Hier stand geschrieben:


[361] »O, wär' ich reich!«


»O wär' ich reich!« so wünscht' ich mir schon oft,

Als ich, kaum ellengroß, auf viel gehofft.

O, wär' ich reich! so würd' ich Offizier,

Mit Säbel, Uniform und Bandelier.

Die Zeit kam auch, und ich ward Offizier;

Doch nun und nimmer ward ich reich, ich Armer;

Hilf mir, Erbarmer!


Einst saß ich abends, lebensfroh und jung,

Ein kleines Mädchen küßte meinen Mund,

Denn ich war reich an Märchenpoesie,

An Gold dagegen, ach, so arm, wie nie –;

Das Kind nur wollte diese Poesie;

Da war ich reich, doch nicht an Geld, ich Armer;

Du weißt's, Erbarmer.


»O wär' ich reich!« so tönt zu Gott mein Fleh'n,

Das Kind hab' ich zur Jungfrau reifen seh'n,

Sie ist so klug, so hübsch, so seelengut;

O, wüßte sie, was mir im Herzen ruht,

Das große Märchen, – – wäre sie mir gut!

Doch bin zum Schweigen ich verdammt, ich Armer;

Du willst's, Erbarmer!


O, wär' ich reich an Trost und Ruhe hier,

Mein Leiden käme dann nicht auf's Papier.

Verstehst Du mich, Du, der ich mich geweiht,

So lies dies Blatt aus meiner Jugendzeit,

Ein dunkles Märchen, dunkler Nacht geweiht.

Nur finst're Zukunft seh' ich, ach, ich Armer!

Dich segne der Erbarmer!


Ja, solche Gedichte schreibt man, wenn man verliebt ist, aber ein besonnener Mann läßt sie nicht drucken. Leutnant, Liebe und Mangel, das ist ein Dreieck, oder, ebensogut, die Hälfte des zerbrochenen Würfels des Glückes. Das fühlte der[362] Leutnant recht lebendig und deshalb legte er das Haupt gegen den Fensterrahmen und seufzte tief.

»Der arme Wächter draußen auf der Straße ist weit glücklicher als ich, er kennt nicht, was ich Mangel nenne; er hat eine Heimat, Frau und Kinder, die bei seiner Trauer weinen, sich bei seiner Lust freuen! O, ich wäre glücklicher, als ich bin, könnte ich in sein Wesen und Sein übergehen, mit seinen Forderungen und Hoffnungen durch dieses Leben wandeln! Ja, er ist glücklicher als ich!«

Im selben Augenblicke war der Wächter wieder Wächter, denn durch die Galoschen des Glückes war er in das Wesen und Sein des Leutnants übergegangen, aber da, wie wir sehen, fühlte er sich noch weniger zufrieden und zog gerade das vor, was er vor kurzem verworfen hatte. Also war der Wächter wieder Wächter.

»Das war ein häßlicher Traum!« sagte er, »aber drollig genug. Es war mir, als ob ich der Leutnant dort oben sei, und das war durchaus kein Vergnügen. Ich entbehrte die Frau und die Kinder, die mich halbtot küssen!«

Er saß wieder und nickte, der Traum wollte ihm nicht recht aus den Gedanken, die Galoschen hatte er noch an den Füßen. Eine Sternschnuppe gleitete über den Horizont.

»Da ging die!« sagte er, »doch was thut's, es sind ihrer noch genug. Ich hätte wohl Lust, die Dinger etwas näher zu betrachten, besonders den Mond, denn der kommt einem doch nicht unter den Händen fort. Wenn wir sterben, sagte der Student, für den meine Frau wäscht, fliegen wir von dem einen zum andern. Das ist eine Lüge, könnte aber recht hübsch sein. Könnte ich doch einen kleinen Sprung da hinauf machen, dann möchte der Körper gern hier auf der Treppe liegen bleiben!«

Sieh, es giebt nun gewisse Dinge in der Welt, die man auszusprechen sehr vorsichtig sein muß, aber doppelt vorsichtig muß man sein, wenn man die Galoschen des Glückes an den Füßen hat. Höre nur, wie es dem Wächter erging.[363]

Wir kennen alle die Schnelligkeit der Dampfbeförderung, wir haben sie entweder mit Eisenbahnen oder mit Schiffen über das Meer hin erprobt; doch dieser Flug ist wie die Wanderung des Faultieres oder der Marsch der Schnecke im Verhältnis zu der Schnelligkeit, die das Licht hat; es fliegt neunzehn Millionen Mal schneller, als der beste Wettrenner, und doch ist die Elektrizität noch schneller. Der Tod ist ein elektrischer Stoß, den wir in das Herz erhalten; auf den Flügeln der Elektrizität fliegt die befreite Seele. Acht Minuten und wenige Sekunden gebraucht das Sonnenlicht zu einer Reise von über zwanzig Millionen Meilen; mit der Schnellpost der Elektrizität bedarf die Seele nur weniger Minuten, um denselben Flug zu vollbringen. Der Raum zwischen den Weltkörpern ist für sie nicht größer, als es für uns in einer und derselben Stadt Entfernungen zwischen den Häusern unserer Freunde sind, selbst wenn diese ziemlich nahe bei einander liegen. Inzwischen kostet dieser elektrische Herzensstoß uns den Gebrauch des Körpers hienieden, im Fall wir nicht, gerade wie der Wächter, die Galoschen des Glückes haben.

In wenigen Sekunden hatte der Wächter die 52000 Meilen bis zum Monde zurückgelegt, welcher, wie man weiß, von einem weit leichteren Stoff als unsere Erde geschaffen und weich wie frischgefallener Schnee ist, wie wir sagen würden. Er befand sich auf einem der unzählig vielen Ringberge, die wir aus Mädler's großer Karte über den Mond kennen. Innerhalb ging es in einen Kessel, ungefähr eine halbe Meile senkrecht hinab; dort unten lag eine Stadt, von deren Aussehen wir allein einen Begriff bekommen können, wenn wir Eiweiß in ein Glas Wasser ausschlagen; das Material hier war ebenso weich und bildete ähnliche Türme mit Kuppeln und segelförmigen Altanen, durchsichtig und in der dünnen Luft schwebend. Unsere Erde schwebte wie eine dunkelrote Kugel über seinem Haupte.

Er wurde sogleich eine Menge Geschöpfe gewahr, die sicherlich das waren, was wir »Menschen« nennen, aber sie sahen[364] ganz anders aus, als wir; die reichste Einbildungskraft hatte sie geschaffen; würden sie in Reihe und Glied aufgestellt und so abgemalt, so würde man sagen: das ist eine hübsche Arabeske! Sie hatten auch eine Sprache, aber es kann niemand verlangen, daß die Seele des Wächters sie verstehen sollte; dessenungeachtet konnte sie es, denn unsere Seele hat weit größere Fähigkeiten, als wir glauben. Zeigt sie uns nicht in unseren Träumen ihre erstaunliche schöpferische Kraft? Ein jeder Bekannter tritt da sprechend auf, so völlig in Gewohnheiten und Worten ähnlich, daß niemand von uns wachend es nachahmen kann. Wie weiß sie uns Personen zurückzurufen, an die wir in vielen Jahren nicht gedacht haben! Plötzlich treten sie in unseren Träumen lebendig bis auf die feinsten Züge hervor. Im Grunde sieht es mit unserem Seelengedächtnis ängstlich aus; jeden bösen Gedanken wird sie ja wiederholen können, dann wird es dar auf ankommen, ob wir Rechenschaft von jedem ungebührlichen Worte im Herzen und auf der Lippe werden geben können.

Die Seele des Wächters verstand auf diese Weise die Sprache der Mondbewohner sehr gut. Sie unterhielten sich über unsere Erde und bezweifelten, daß sie bewohnt sein könne. Die Luft müßte dort zu dick sein, als daß ein vernünftiges Mondgeschöpf dort leben könnte. Sie hielten den Mond allein für bewohnt, er war der eigentliche Weltkörper, wo die alten Weltbewohner lebten.

Sie sprachen auch von unserer jetzigen Zeit; doch wir begeben uns nach der Oststraße zurück, und sehen da, wie es dem Körper des Wächters ergeht.

Leblos saß derselbe auf der Treppe, der Stock war ihm aus der Hand gefallen, und die Augen blickten zum Monde empor, auf dem die ehrliche Seele herumwandelte.

»Was ist die Uhr, Wächter?« fragte ein Vorübergehender. Wer aber nicht antwortete, das war der Wächter; dann gab ihm der Mann ganz sacht einen Nasenstüber, und nun verlor er das Gleichgewicht; da lag der Körper, so lang er war, der[365] Mensch war tot. Alle seine Kameraden erschraken sehr, tot war und blieb er, er wurde gemeldet und es wurde besprochen, und in der Morgenstunde trug man den Körper nach dem Hospital hinaus.

Das konnte nun einen ganz hübschen Spaß für die Seele abgeben, im Fall sie zurückkehrte und aller Wahrscheinlichkeit nach den Körper auf der Oststraße suchen, aber keinen finden würde; wahrscheinlich würde sie dann auf die Polizei laufen, daß von dort aus Nachfrage unter den fortgekommenen Sachen darüber angestellt werden könnte, und dann nach dem Hospital hinaus wandern; doch wir können uns damit trösten, daß die Seele am klügsten ist, wenn sie für sich handelt, nur der Körper macht sie dumm.

Wie gesagt, des Wächters Körper kam nach dem Hospital, wurde dort in die Reinigungsstube gebracht, und das erste, was man hier that, war natürlicherweise, daß man die Galoschen abnahm, und da mußte die Seele zurück; sie nahm sogleich die Richtung gerade nach dem Körper, und ein paar Sekunden darauf war wieder Leben in dem Manne. Er versicherte, daß es die schrecklichste Nacht seines Lebens gewesen sei; nicht für einen Thaler wollte er solche Empfindungen wieder haben, aber nun war es ja überstanden.

An demselben Tage wurde er wieder entlassen, aber die Galoschen blieben in dem Hospital.

Quelle:
Andersen, H[ans] C[hristian]: Sämmtliche Märchen. Leipzig 31[um 1900], S. 361-366.
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