Sie verlangt ihn bei Aufgang der Sonnen

[48] 1

Die Sonne kommt heran

In unsern Himmelsplan!

Ich seh schon ihre Strahlen

Auf allen Höhen prahlen.

Wo bleibt denn meine Sonne,

Mein allerliebstes Licht?

Mein Jesus, meine Wonne,

Daß ich ihn sehe nicht.


2

Was hilft mich Sonn und Tag,

Wenn ich nicht sehen mag

In meines Leibes Höhle

Die Sonne meiner Seele?

Mein Himmel bleibt doch trübe,

Wenn das wahrhafte Licht

Der Sonnen, die ich liebe,

In ihm nicht auch anbricht.


3

Wie fröhlich würd ich sein,

Wenn der geliebte Schein

Nach so viel dunkler Nächte

Mir meinen Tag herbrächte!

Nun aber muß ich leben

Wie einer, dem sein Licht,

Das ihm soll Freude geben,

Noch fehlet und gebricht.
[48]

4

Ei, brich doch auch herein,

Mein liebster Sonnenschein!

Vertreibe meinem Herzen

Die Finsternis und Schmerzen.

Laß deine güldnen Strahlen

Mich deine ganze Welt

Erfreun und schöne malen:

Komm, komm, du Himmelsheld.


Quelle:
Angelus Silesius: Sämtliche poetische Werke in drei Bänden. Band 2, München 1952, S. 48-49.
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