Das Lateinische Veni sancte spiritus

[337] 1

Komm, o heilger Geist, o komm,

Wirf deins Lichtes Strahln herum

In meins finstern Herzens Schrein.

Komm, der Armen Aufenthalt,

Komm, du reicher Geber, bald,

Komm, o lieber Glanz, herein.

Komm, o heilger Geist, o komm.


2

Bester Tröster, liebster Gast,

Meines Geistes Ruh und Rast,

Süß Erquickung, sei nicht weit.

In der Arbeit meine Ruh,

In der Hitz mein Trunk bist du,

In Betrübnis meine Freud.

Komm, o heilger Geist, o komm.


3

O du selges Seelenlicht,

Laß das Herz, das dir verpflicht,

Deine reiche Güte spürn.

Denn ohn deinen Glanz und Schein

Kann in uns nichts fruchtbar sein,

Nichts sich regen und berührn.

Komm, o heilger Geist, o komm.


4

Mache rein alls, was befleckt,

Grünend, was verstocket steckt.

Heile, was verletzt und wund,

Beuge, was verstarrt und alt,[338]

Pflege, was erfrorn und kalt,

Leite, was nicht fort gekonnt.

Komm, o heilger Geist, o komm.


5

Gib uns, die wir dir sind treu

Und auf dich vertrauen frei,

Deiner sieben Gnaden Flut.

Gib der Tugend schönsten Lohn,

Gib des selgen Ausgangs Kron,

Ewge Freud und ewges Gut.

Komm, o heilger Geist, o komm.

Quelle:
Angelus Silesius: Sämtliche poetische Werke in drei Bänden. Band 2, München 1952, S. 337-339.
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