Jesus der treue Hirte sucht die Psyche und verlobt sich mit ihr

[240] 1

Hört Wunder, hört, des Königs Sohn,

Der sprang herab von seinem Thron

Und ließ sich Schäfer grüßen.

Damit er nur die Hirtenmagd,

Die Psyche, die der Feind verjagt,

Liebkosen möcht und küssen.


2

Er suchte sie durch Feld und Wald,

Er schrie und ruft' ihr mannigfalt

Mit herzlichem Verlangen.

Er lief durch Berg und auch durch Tal

Inbrünstig und schrie überall;

O Psyche, komm gegangen.


3

Bis endlich fand er sie allein,

Verirrt in einer Wüsten sein,

Im Schlaf dazu versunken.

Da trat er liebreich zu ihr hin,

Berührend ihren Geist und Sinn

Mit seinen Liebesfunken.


4

Ach, ach, sprach er, du armes Kind,

Wie schmerzts mich, daß ich dich so blind

Und voller Schlaf hier finde.

Steh auf, steh auf, ich komm zu dir,

Daß ich dich in mein Reich einführ

Und dich mit mir verbinde.


5

Ich suche dich und bin verliebt,

Verliebt bin ich und sehr betrübt[241]

Um dich, mein ander Leben.

Gib mir dein Herz, sei meine Braut

Und bleibe mir allein vertraut,

So will ich dich erheben.


6

Da sprach die Psyche: Jesu Christ,

Der du in mich verliebet bist,

Sei tausendmal willkommen!

Ich kenne dich schon, weil dein Brand

Im Schlaf dich mir gemacht bekannt

Und mir mein Herz genommen.


7

Ich liebe dich und danke dir,

Du meines Lebens ewge Zier,

Daß du mich hast erwecket.

Ich würde sonst gleich wie ein Schaf

In meinem Irrtum, meinem Schlaf,

Noch immer sein gestecket.


8

Ich liebe dich, du liebster Freund,

Ich such zu sein mit dir vereint

Und mich dir einzuleiben.

Hier ist mein Herz, hier ist die Braut,

Nimm mich, ich bin dir schon vertraut

Und wills auch ewig bleiben.

Quelle:
Angelus Silesius: Sämtliche poetische Werke in drei Bänden. Band 2, München 1952, S. 240-242.
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