Cap. VI.


Vom überflüßigen Gebrauch und Mißbrauch des Tobacks.

[132] Daß man sich des Tobacks nicht so wohl zum Zeitvertreib / als vielmehr zur Artzney bedienen solle / ist mehr als einmahl gesaget worden; Denn weil bey dem erstern Gebrauch gar leicht über das gebührende Maaß geschritten wird / achtet die Natur aus beständiger Gewohnheit dessen Würckung[132] nicht sonderlich mehr / ja es verursachet der Toback sodann mehr Nachtheil als Nutzen. Wie wenig aber die Europäer sich hierinne zu mäßigen wissen / ist leider! mehr als zu wohl bekannt. Denn diese bedienen sich des Tobacks so offt / und mit solcher Begierde / gleich / als ob es das eintzige Mittel sey / so den Menschen in einem glückseeligen Zustand erhalten könne. Sie sehen ihn an als die allerkräfftigste panacée und universal-medicin, so nach ihrer Einbildung iederzeit gut seyn soll. Im Sommer rauchen sie ihn vor Hitze / im Winter vor Kälte; Bald soll er den Schlaff hindern /bald befördern; Bald soll er den Durst / bald den Hunger stillen / bald appetit erwecken. Und ich weiß nicht / worzu er ihrer wunderlichen Phantasie noch ferner dienen soll. Welchen aber der Autor der Welt Urtheile nicht beyzupflichten scheinet / wenn er in der 20. Pensee p. 1562. hiervon also raisoniret: »Mein eigensinniges Naturell kan sich nimmermehr überreden lassen / daß der Toback eine universal-medicin sey / und für alles helffe. Solte dieses die Wahrheit seyn / so würde mancher sich fast zu todte rauchen / nur daß er dadurch addresse bey Semanden erhalten / die hochmüthige Irminde auf seine Seite bringen / die spitzige Chloris vor sein Leiden gütiger /[133] und die nach andern Büffgens rennende Marinde an sich ziehen könte. Er würde Tag und Nacht rauchen / wenn diese universal-medicin vor die ehrgeitzigen Aufblehungen diente / und man sich ein feines Aemtgen mit einer Ausnahme von etlich tausend Thalern /oder sonst den character eines Doctoris oder Magistri erblasen könte. Er würde Tag und Nacht rauchen / wenn er sich dadurch nur allerhand delicate Lecker-Bißgen / allerhand galanterien und andere grosse Reichthümer zudampffen könte. Solte der Toback ferner eine universal-medicin seyn / so dürfften ihn nur die Krüpel / Lahmen und Blinden brauchen / und einer gewissen reconvalescenz gewärtig seyn; Es dürfften ihn nur alle banquerotte Kauff-Leute brauchen / und sich einer gewissen restitution ihres Glückes versehen. Es dürfften ihn nur die Mägdgens brauchen /wenn sie sich zu tieff in die Charte gucken lassen /und alsdenn keine Verletzung ihrer jungfräulichen Ehre befürchten. Es dürfften ihn nur die Advocaten brauchen / und die Versicherung damit fassen / keinen proceß zu verliehren. Es dürfften ihn nur die Mediciner brauchen / und lauter glückliche Curen[134] gewärtig seyn; Es dürfften ihn nur die Studenten brauchen / wenn sie kein Geld hätten; Es dürfften ihn nur die Kauffmanns-Diener brauchen / wenn sie Liebens-würdig seyn /und sich bey den Hauß- und Familien-Mägdgens engagiren wollen; Es dürfften ihn nur die Soldaten brauchē / wenn sie vor den Feind gehen wollen; Ja es dürfften ihn nur die Spitzbuben und alle Diebs-Rotten brauchen / weil sie sich dadurch vom Galgen loßblasen würden. So wenig du dir dieses als eine gewisse Wahrheit wirst aufbürden lassen / so wenig lasse ich mich auch überreden /daß der Toback so ein herrliches Kraut u. sey eine so vortreffliche Panacée, als offt du Wesens davon machest. Denn er bleibet ein eitler Zeitvertreib / und kan dir keine andere Gedancken eingeben / als daß du was flüchtiges aus dem Halse bläsest / und alsdenn voller Gestanck bleibest /wenn du eiligst unter die Augen eines Mannes treten sollst / der solchen nicht gewohnet ist / und eine verdrüßliche Miene macht. Daß ein Fumosus durch sein starckes Rauchen solle seyn befördert worden / ist noch nicht in den Historien aufgezeichnet / man findet aber sehr viele / die bloß[135] wegen Unterlassung dieser stinckenden Arbeit ihr Glücke gefunden. Ich muß allhier noch etwas mit denenjenigen reden / welche sagen / daß sie bey einer angezündeten Pfeiffe Toback recht schöne Gedancken und Inventiones zu einem Gedichte bekommen. Daß dieses mehr ein Schertz als Ernst /lasse ich dem geneigten Leser zur Untersuchung. Denn hat einer sonst keine genie zur Poësie, wird er nimmermehr der galanten Welt was ingenieuses zu lesen geben; gesetzt / er rauche auch allen Knaster weg / so nur in Leipzig zu bekommen. Es müsten denn in diesem Kraut geheime Geister stecken / die einem mit dem Rauch in die Nase zögen / und sich dahin verfügten / wo der Poëten-Kasten stehet / sonst kan ich mir keine Idée davon machen. Ich rauche gar keinen Toback / gleichwohl sind mir die Gedancken noch niemahls zurücke blieben; scheinen mir also die Inventiones durch die Tobacks-Pfeiffe mehr eine Phantasie / als würckliche Wahrheit zu seyn /etc.«

Es ist einmahl gewiß / daß der Toback nicht diejenigen Würckungen alle leiste / welche mancher aus einer verkehrten Einfalt demselben zuschreibet; Nur ist zu beklagen / daß ihrer viele[136] durch übermäßiges Schmauchen so unbesonnen in ihr Verderben rennen /und sich hierdurch nicht allein um ihre reputation, sondern auch so gar um das edelste Kleinod des Lebens / nehmlich um ihre Gesundheit bringen. Und eben aus der Ursachen möchte man wohl mit dem vornehmen Conringio wünschen / daß dasjenige Land / so den Toback zuerst gezeuget / denselben immer vor sich behalten / und nicht heraus schicken mögen / denn wir haben ohne dem Instrumenta dementiæ gnug bey uns heraussen. vid. Misand. Theatr. Tragic. p. 282.

Damit man aber wisse / wie schädlich das übermäßige Tobackrauchen sey / und wie gar leichte dieses Instrumentum dementiæ zu einem Instrumento mortis werden könne / wollen wir einige passagen aus etlicher berühmter Physicorum Schrifften hier anführen / und selbige mit einigen Exempeln erläutern. Es versichert demnach Thebesius in seiner Nachricht cap. 4. p. 25. daß der öffters geschmauchte Toback wegen seines sulphurischen Oels so schädlich und empfindlich sey / daß man dadurch schläffrich und dummen Verstandes werde. Massen er auch bey dem Wahrsagen der Indianischen Pfaffen den effect habe / daß sie davon als rasend und unsinnig niederfielen / eine Zeitlang[137] als todt in der Sonne lägen / und alsdenn ihre Träume und Antworten vorbrächten. Dahero auch diejenigen / die vom Morgen biß in die Nacht rauchten /des andern Tages langsam und schläffrich / und zu klugen und geschwinden expeditionen gantz ungeschickt wären. Es erfolgeten auch gerne unersetzliche Veränderungen der Gesundheit / und öffters ein plötzlicher Todt. Wie denn Joh. Beverocius bezeuge / daß ein Mann / der täglich 20. Pfeiffen gerauchet / endlich von vieler auf die Brust fallender oder zugezogener Feuchtigkeit ersticken müssen. Junge Leute machten sich dadurch kräncklich / und blieben hager / und man habe Exempel / daß etliche der Schlag unter dem Tobackrauchen gerühret / und sie plötzlich gestorben. Und weil in etlichen Sorten des Tobacks das scharffe flüchtige Saltz prævalire / welche sonst nach seiner alcalischen Natur eine zertheilende Krafft habe / verursachet es bißweilen höchstgefährliche Zufälle / als Schwindel / Kopff- Schmertzen / Würgen und Erbrechen / Husten und dergleichen / daher komme es auch / daß manche im Tobacksrauche nicht dauren können. Absonderlich thue der Tobacks-Rauch / der in die Lunge dringet / durch verursachte Geschwüre empfindlichen Schaden / und der dabey in den Magen geschluckte[138] Speichel hindere den Appetit und die Verdauung.


Ingleichen schreibet D. Simon Pauli, ein Dänischer Medicus, in seinem Commentario de Abusu Tabaci hiervon also: Es lehret die Erfahrung / daß gemeiniglich diejenigen / welche sich des Tobacks zu viel bedienet / den Geruch verliehren; so sind auch etliche dadurch um ihr Gesichte kommen / indem die erregten Flüsse sich in die Augen geleget / daß man solche hernachmahls nicht hat wegbringen können. Bey etlichen hat dieses Kraut ein starckes Niesen erwecket /dadurch ihnen die Adern im Leibe zersprungen. Nichts gemeiners aber ist / als daß der Toback das temperament des Gehirns verändere / welches ein Ursprung ist unzehliger Kranckheiten; Und weil der Rauch dieses Krauts leichtlich den Leib durchdringet / so verderbet er fürnehmlich die Lunge und das Gehirn. Ob auch wohl der Toback seiner Natur nach der Gesundheit eben nicht zuwider / so wird er doch dadurch verdächtig gemacht / weil die Handels-Leute u. Kramer denselben mit Eßig u. anderer unflätiger Lacke anfeuchten / oder gar / wenn er ausgetrocknet und dürre worden / in die heimlichen Gemächer eine Zeitlang versencken / damit er das Sal volatile des Unflats an[139] sich ziehen / und wiederum safftig werden möge.

Und Abelius läßt sich in seinem Leib-Medico der Studenten cap. 12. p. 222. also vernehmen: Man frage nicht / warum mancher / wenn er ein wenig zu Jahren kömmt / seinen vollkommenen Verstand und Gebrauch der Nerven nicht hat / er untersuche nur ein wenig den Mißbrauch des Tobacks und Sauffens / den er in seiner Jugend getrieben / dem wird die Wahrheit aber zu spät zuschreyen / und verkürtzet ihm wohl gar das Leben.

Daß der öfftere Gebrauch des Tobacks das Gehirne trockne / wollen einige in Zweifel ziehen / wie denn absonderlich Hr. D. Thebesius cap. 4. p. 33. durch Untersuchung des Kopffes innerlicher Beschaffenheit deutlich erweiset / daß solches unmöglich sey. Gleichwohl findet man hiervon hin- und wieder unterschiedene Exempel aufgezeichnet. Laurenbergius erzehlet in seiner Acerra Philolog. Cent. 1. hist. 72. daß zu Leiden vor einigen Jahren ein Ubelthäter gerichtet worden / welcher vor seinem Ende bekannt habe / daß er des Tobacks sein Lebetage mehr getruncken habe /als zwantzig andere. Wie nun der Anatomicus desselben Cörpers Haupt eröffnet / habe es sich befunden /daß nicht allein der Knorpel in der Nase / der wie[140] ein Sieb durchlöchert / gantz Kohl schwartz verbrannt und mürbe / sondern auch das förderste Gehirn neben dem gemeldten Knochen gleichfalls schwartz und vertrocknet gewesen. So erwehnet auch D. Abelius in seinem Leib-Medico cap. 12. p. 222. eines Bauers /der zuvor grosse Kopff-Schmertzen gehabt / auch sehr wunderlich und fast unsinnig gewesen; Als man diesem nach seinem Tode den Kopff geöffnet / habe er / Abelius, befunden / daß sein Gehirn von vielem Toback gantz schwartz und trocken gewesen / welches auch seine Unsinnigkeit und Todt verursachet habe. Ingleichen gedencket Zeilerus Epist. 598. eines Medici, welchem das Tobackschmauchen so gemein gewesen / daß er auch des Nachts desselben sich nicht enthalten können / sondern stets bey dem Bette eine Lampe mit Wachs-Lichtern u. Tobacks-Pfeiffen hangen gehabt; Als er nun gestorben/ und sein Kopff eröffnet worden / hat man das Gehirne so ausgetrocknet gefunden / daß es kaum so groß gewesen / als eine Nuß. Ernsts Del. Hist. p. 804. Es hat daher Misander in seinem Theatro Tragico p. 280. gar feine Gedancken / wenn er spricht: Es klinget das Wort Toback wie das Ebräische Dabak, das heist hæsit, er hat angehangen. (vid. Lyram Proph. Bythneri p. 359.) Also hanget und klebet der[141] Toback manchem an sein Gehirn / davon er hernach des Todes seyn muß / weil die Hitze des Rauchs ihme dasselbe austrocknet. Zu diesen Gedancken giebet dem seeligen Herrn Autori die Etymologie des Wörtgens Toback Anlaß / ob er aber physicè accurat gnug geurtheilet / überlassen wir denen Herren Physicis zu weiterer Untersuchung.

Oben haben wir gehöret / daß der Tobacks-Rauch /welcher den Leib durchdringet / grossen Schaden verursache; Solches hat jener zu seinem Unglück erfahren / welcher nicht gewust / daß er den Tobacks-Rauch wieder ausblasen müste / und dannenhero solchen verschlungen / hiervon aber die Gelbe-Sucht bekommen / wie solches Petrus Borellus Cent. 4. Obs. 3. erzehlet. Noch unglücklicher war der berühmte Ertz- Bischoff von Londen / Richardus Fletcherus, ein politer und prächtiger Mann: Dieser geriethe einsmahls in eine grosse Gemüths-Kränckung / welche er mit Tobackschmauchen zu vertreiben trachtete; Es fügte sich aber einsmahls unversehens / daß er den Rauch davon etwas zu lange in dem Munde behielte /von dannen er ihm in die Lufft-Röhre getreten / daß er augenblicklich daran ersticken muste. Ernsts Denckwürdigk. p. 402. Und von einem in der Wiegen schlaffenden Kinde erzehlt [142] Misand. in Theatr. Trag. p. 284. daß demselben ein leichtfertiger Soldat etliche mahl Tobacks-Rauch in das Gesichte und Nasenlöcher geblasen / worauf das unschuldige Kind hefftig angefangen zu niesen / und da die böse Kranckheit dazu geschlagen / seinen Geist elendiglich aufgeben müssen.

Hiernächst findet man hie und da noch andere gefährliche Unglücks-Fälle / welche sich einige durch übermäßiges Tobackschmauchen zugezogen / aufgezeichnet / von welchen wir diese wenige annoch anführen wollen. Der hocherfahrne Medicus, Theodorus Kerckring / erzehlet in seinen Observ. Anatom. 90. p. 172. Es habe sich einer dermassen an das Tobackrauchen gewöhnet / daß er / wo er gegangen und gestanden / die Pfeiffe in dem Munde geführet / endlich sey er in eine tödtliche Kranckheit gefallen / in welcher er eine abscheuliche und garstige Materie oben und unten von sich gegeben / biß ihm endlich die Seele mit ausgefahren. Erwehnter Medicus habe nach dessen Tode den Cörper geöffnet / und sey es ihm nicht anders fürkommen / als ob ihme das schwartze Rauch-Hauß des höllischen Plutonis eröffnet worden. Die Zunge sey in dem Munde gantz erschwartzet und aufgeschwollen gewesen. Der Schlund habe einem Camin gleich gesehen / so überall mit[143] garstigen Ruß überzogen. Die Lunge sey dermassen ausgedorret gewesen / daß man sie fast zerreiben können. Die Leber und Galle wären gantz entzündet gewesen / und hätten roth und grün gesehen. Das Eingeweyde habe in einer schwartzen Brühe geschwommen / die dermassen übel gerochen / als wenn man den Abgrund der Höllen aufgedecket und eröffnet hätte. vid. Misand. Theatr. Trag. p. 282. Diesem Tobacks-Bruder wollen wir aus dem Etwas für alle P. I. p. 170. mit Erlaubniß des Autoris folgende Grab-Schrifft setzen:


Mich hat das edle Kraut, der Toback, hingerafft,

Der trockn't mir unvermerckt den gantzen Lebens-Safft;

Ich kunte mich nicht satt in meinem Leben schmauchen,

Drum muß ich vor der Zeit, als wie Toback, verrauchen.


In Holland haben sich zwey Brüder zusammen gesetzet / und einen Wett-Streit mit einander angefangen / welcher unter ihnen die meisten Tobacks-Pfeiffen ausrauchen könte / da denn der eine biß auf 17. der andere aber auf 18. Pfeiffen angestiegen / wiewohl mit einem sehr schlechten Ausgange. Denn sie fielen beyde nieder / als ob sie vom Schlage getroffen worden / und blieb der eine alsobald todt / der andere lag noch 2. biß 3. Stunden ohne alle Vernunfft / und gab alsdenn auch seinen elenden Geist auf. [144] Ex Ephem. Germ. Dec. 2. An. 8. Obs. 167. p. 321. ref. Misand. Theatr. Trag. p. 281.

D. Alard Hermann Cummenus, ein berühmter Medicus, bezeuget in Curios. Misc. Germ. An. 3. Obs. 185. daß ein Edelmann vom vielfältigen Tobackrauchen in eine Agrypniam oder Wachsucht gerathen /daß ihm in 16. Tag- und Nächten kein Schlaff in die Augen kommen. vid. Happel. Relat. Curios. Tom. II. p.m. 109.

Ein sonderbarer Unglücks-Fall war es auch / welcher jenem mitten unter dem Tobackschmauchen zustieß. Es erzehlet selbigen Joh. Muys Prax. Chirurg. rational. Dec. III. Observ. 6. Fol. 28. folgendergestalt: Es wäre nehmlich ein funffzigjähriger Mann /welcher auf der Gassen eine schmauchende Tobacks-Pfeiffe im Munde haltende seiner Geschäffte halber gegangen / unversehens zu Boden gefallen / so / daß vom Fall die Tobacks-Pfeiffe dem Manne in den Halß hinunter geritzschet / welche aber doch über ein halb Jahr / und zwar nicht ohne Beschwerde / wieder hervor gebracht worden. vid. Paulini Philosoph. Feyer-Abend / Them. VII. p. 237.

Hieher gehöret auch das Exempel jenes einfältigen Schäfers / welcher durch seine unordentliche Tobacks-Begierde gar leicht um seinen[145] Halß kommen können / wenn nicht ein geschickter Advocat seine Sache so wohl geführet hätte. Es findet sich nehmlich ein Schäfer / dem es an Gelde zu Toback mangelt. Weil er sich nun auf einmahl für einen Pfennig oder Zweyer Toback zu kauffen gewohnet gewesen / so geräth er endlich auf die Gedancken / ob es nicht auch ihme angienge / wenn er sein Hirten-Zeichen auf ein Stückgen Kupffer machte / daß man solches für Pfennige annehmen möchte. Er bekommt demnach einen Kessel schneidet selbigen in runde Stückgen / in der Runde eines Pfenniges / und schläget ein Hirten Horn und einen Baum darauf. Als er nun auch ein Paar Stücke dem Tobacks-Krämer über bringet / nimmt er zwar dieselbe als Geld etliche mahl an / in Meynung / daß es vielleicht gangbare Pfennige seyn möchten / die ihm noch unbekannt wären. Weil ihm aber der Kerl zu mehrern mahlen kömmt / so fraget er ihn endlich /was denn dieses vor eine Art Pfennige wären / und wo er selbige herbrächte? Der Hirte antwortet ohne alles Bedencken / er machte solche selber / und hätte schon seinen halben Kessel damit verbrauchet / weil er sähe / daß man das Kupffer nicht besser als auf diese Weise an den Mann bringen könte. Hierauf wird der Hirte unter dieser seiner Bekäntniß eingezogen /[146] und in der Inquisition unter andern befraget: Ob er denn nicht wüste / daß die falschen Müntzer mit dem Feuer gestraffet und verbrannt wurden? Welches er denn sofort bejahet / daß ihm dieses zwar nicht unbekannt sey / er aber auch gewiß versichern könte / daß ihm niemahls in den Sinn gekommen / falsches Geld zu schlagen. Er hielte sich strafffällig / wenn er auf seine Stückgen Kessel eines andern Müntz-Herrn sein Cäpgen oder Müntz-Zeichen gemacht / und solches dafür ausgegeben hätte. Dessen keines aber würde man ihn iemahls überführen können. Nicht das erste / denn auf den Pfennigen quæstionis stünde sein Hirten-Zeichen; Auch das letztere nicht denn so bald ihn iemand gefraget / was das für Geld wäre / hätte er geantwortet /daß man aus dem Zeichen sehen könte / wie er als ein Hirte solches gemacht. Der Advocat, den er in seiner defension gebraucht / ist beständig dabey geblieben /zur falschen Müntze würde erstlich ein crimen falsi, und sodann auch ein Mißbrauch und Nachschlag der Müntze eines andern Müntz-Herrn erfordert; Dahero man den Inquisitum so wenig als einen Rothgiesser straffen konte / wenn selbiger aus Meßing Rechen-Pfennige machte / und noch dazu selbige mit einem Gold-Firniß überzoge. Es kunte auch nicht anders[147] kommen / als daß das Verbrechen falscher Müntzen hier wegfiele / iedoch dieser eigennützige Einfall mit einer mäßigen Bestraffung angesehen wurde / weil doch der Inquisitus wohl gewust / daß der Tobacks-Krämer vor seinen Toback Geld und keine kupfferne Schau-Stücken einlösen wolle. vid. Ludwigs Einleitung zum teutschen Müntz Wesen mittler Zeiten /p. 58. sqq.

Angeführte Exempel werden gnug seyn zu erweisen / daß das übermäßige Tobackschmauchen ein überaus schändlich und schädliches Laster sey / und daß man dahero dem berühmten Theologo, D. Geyern / allerdings beyzupflichten habe / wenn selbiger Comment. in Proverb. XX. v. 1. p. 1017. das Tobacktrincken stultam fumi ex tabaco sectationem genennet / und unter diejenigen Mittel gerechnet / welche durch ihren Mißbrauch lose und wilde Leute machen.

In Betrachtung dessen haben unterschiedene berühmte Männer ihren gerechten Eyfer hierinnen spüren lassen / und in einigen hartklingenden expressionibus ihre Lands-Leute von dem allzuofftern Gebrauch des Tobacks abzumahnen gesuchet. Wie denn Jacobus I. König in Engel- und Schottland / sein Misocapnum (in welchem Tractat er versuchet[148] durch richtige und artige argumenta das Tobackrauchen allen Menschen / absonderlich aber denen Engelländern verhäßig zu machen) also schliesset: Tandem igitur, o cives, si quis pudor, rem insanam abjicite, ortam ex ignominia, retentam errore, frequentatam stultitia: Unde & ira Numinis acceditur, dignitas gentis senescit domi, vilescit foris; rem visu turpem, olfactu insvavem, cerebro noxiam, pulmonibus damnosam, & si dicere liceat, atri fumi nebulis tartareos vapores proxime repræsentantem; welches auf Teutsch etwa so viel heissen möchte: Liebe Unterthanen / wenn ihr noch ein Füncklein Schaam bey euch habt / so werffet einmahl das unsinnige Ding von euch / welches aus Schimpff und Schande entstanden / aus Irrthum aufgenommen / aus Thorheit in Gewohnheit gebracht worden; Durch welches der Zorn GOttes entzündet / die Gesundheit verderbet / Haab und Gut vergeringert wird; Durch welches die Ehre unserer Nation bey uns selbst veraltet / und bey den Auswärtigen ins Abnehmen kömmt; Welches abscheulich anzusehen / unlieblich zu riechen / dem Gehirn schädlich /Lung und Leber höchst nachtheilig ist / und welches / wenn ich[149] teutsch reden darff / durch den schwartzneblichten Dampff den grätzlichen Hollen-Rauch auf das lebendigste vorstellet.

Fast gleiche Expressiones gebrauchet der bekannte Poilander von Sittewald / wenn er in seinen Satyrischen Gesichten Vis. VII. p.m. 515. dieses Laster also vorstellet: In währenden diesem Handel sahe ich unter der Versammlung einen Teufel / welcher einen ewigen Rauch zur Nase und dem Schnabel ausbliese. Was ist diesem Teufel? sprach ich / und wurde mir gesaget: Es wäre der Tobacks-Teufel / dessen ich mich nicht wenig verwunderte. Zwar hatte ich mir vor diesem wohl eingebildet / es möchte irgend ein Teufel seyn / der die Leute zum Tobacksauffen also triebe /


Weil er nur truncken macht und voll

Ohn alle Wollust närrisch, toll,

Und giebt von sich ein'n Teufels Rauch

Ohn eingen andern Nutz und Brauch.


Aber nimmermehr hätte ich fast glauben können daß es alles im Werck also wäre. Ich habe / sprach der Teufel / die Indianer redlich an den Spaniern gerochen wegen des Gewalts so sie ihnen angethan / denn indem ich den Spaniern den Toback in den Kopff gebracht / habe ich ihnen mehr geschadet / als der König in Spanien[150] mit allen seinen Columbis, Pizarris, Cortesiis, Alkmeiris und andern Tyrannen gethan hat. Denn es ja redlicher und verantwortlicher ist /unter den Waffen durch eine Kugel oder Piqve das Leben verlieren / als unter dem rauchenden Niesen /Blasen und Türmeln des gifftigen Tobacks. Wenn solches Unglück / sprach ich / nur bey denen Spaniern allein blieben wäre / so ließ ich es seyn / allein es ist auch bey denen nachäffenden Teutschen; also /


Daß, wenn sie sind gereiset aus,

Und kommen wieder heim nach Hauß,

Sie nichts, als von dem Teufels-Rauch

Und seinem Halß- und Hosen-Brauch

Zu sagen wissen, daß ich meyn,

Sie müssen all vom Teufel seyn.

Offt sitzen da, sauffen Toback,

Und habn nicht ein Stück Brodt im Sack.

Meynen, es sey ein Gravität,

Wenn der Rauch ein- der Dreck ausgeht:

Ich glaub, daß die Leut Narren sind,

Denn man Weiber und Bauren findt,

Die es nachthun. Darum zur Rach

Kömmt über uns Welsch Ungemach.


Die Toback-Säuffer sind doch eigentlich nur den besessenen Menschen zu vergleichen / welche man beschweret; Jedoch ob ihnen schon der gifftige Rauch und Gestanck zum Halß heraus fähret / bleiben sie doch nichts desto minder ohn Unterlaß mit dem Tobacks-Teufel besessen /[151] an dem sie abgöttischer Weise hangen / und rühmen denselben über Himmel und Erden / als ihren Gott / und trachten / wie sie jedermann zu gleicher Thorheit bereden mögen. Aber desto besser lernen sie also der Höllen Rauch gewohnen. Probatum & pronunciatum.

Nicht weniger hat ein ingenieuser Kopff in seiner Erklärung der wunderseltsamen Land-Charten Utopiæ oder Schlaraffen-Landes das Laster des übermäßigen Tobackrauchens p. 193. sqq. in einer besondern Provintz mit unterschiedenen läppischen Städten / Flecken und Dörffern auf eine Satyrische Art vorgestellet und censiret. Er hat mit gutem Bedacht diese Insul mitten in das grosse Luder-Meer gesetzet /und das Königreich Bettelmannien und den Lumpen Sund derselben zu Gräntzen gestellet; Der Bier-Strohm / der Brandtewein und Meth sind der Einwohner gewöhnliche Flüsse / in welchen sie sich täglich baden / und wie die Säue drinnen herum schwimmen. Die Läuse müssen ihnen zur Jagd und Wildpret dienen. Die angenommene Grobheiten und heßliche Sitten machen / daß sie wie die Berge andern Leuten ins Gesichte kommen / und aller Welt zu einem abscheulichen Spectacul werden. In Summa / es ist dieses abscheuliche Leben / in welches eine nicht geringe[152] Anzahl der Menschen gerathen / allhier so entsetzlich und eckelhafft nicht fürgestellet / daß es nicht mit der That selbsten viel heßlicher und abscheulicher allenthalben angetroffen wird.

Es wird dem geneigten Leser nicht entgegen seyn /wenn wir zum Beschluß dieses Capitels annoch einen sonderbaren Leichen Conduct anführen / welchen etliche Boots Gesellen ihrem verstorbenen Schiffer von der Holländischen Flotte (als einem grossen Liebhaber des Tobacks) zu Ehren Anno 1695. auf der Insul Bombaye in Ost-Indien folgender gestalt gehalten: Erstlich gieng einer / welcher einen langen rothen Flor oder Binde von dünnen Flaggen-Tuche auf dem Hut hatte / und wohl 6 Ellen lang hinter sich her schleppte; Diesem folgten 2 mit langen Tobacks-Pfeiffen rauchende im Munde / und dann 2. mit Flaschen voll Arack oder Brandtewein / auch etliche mit Gläsern; Wiederum ihrer viere / welche einen grossen Stein auf einem Brete trugen / und die letzten alle mit rauchenden Tobacks Pfeiffen. Als sie an die Grabe-Städte kamen / redete dieser / so den Flor hatte / die andern also an: Manne, Brœders, jy weten, wel wat vor een fent steden begrafen is, he vermende hem een grooten Ruhm't: maken met desem, dat man hem in Indien Moy[153] Sibert jen naendte, maer dese, Menschen plaeger soude wel een ander Begrafnis hebben, maer scheint dat hem de See effe so min als de Boots-Leuten liden magh, en om dier Orfake wellen wie hem ök so versegeln, dat he niet weder opstan sal, want de Dieffel he scau dennok schlimmer macken, en darum legt hem de Liksten, de wie mede gebracht, worop de Diefel de Grabschrifft maken sall, en wie wellen ter Vregde eens trinke, en't: last sal noch een jeder een Steen op syn Graf schmitten, op dat het hem desto swarder sal vallen op te stan. Welches auf teutsch so viel heissen kan: Männer und Brüder / es ist euch gar wohl bekannt / was dieser Schiffer vor ein Holuncke gewesen / und wie er sich damit / daß man in Indien ihn den schönen Sibert nennte / was rechtes eingebildet /als ob nach seinem Tode dieses ein unsterblicher Nahme vor ihn seyn würde. Es hätte zwar dieser Menschen-Plager noch lange nicht so ein gut Begräbniß haben sollen / es scheinet aber / daß die See ihn eben so wenig als die Boots-Gesellen habe leiden wollen. Und damit er nicht etwa unverhofft wieder aufstehe / und uns noch arger plage / so wollen wir sein Grab so versiegeln / daß wir dessen[154] keine Sorge haben dürffen. Darum leget den Stein / so wir mit gebracht / auf sein Grab / und zu mehrer Gedächtniß schmeisse ein iedweder noch einen Stein darzu; Wir wollen zuletzt noch seine Gesundheit trincken / und ihn dem Teufel /der ihm seine Grabschrifft machen soll / lassen befohlen seyn. Darauf gieng es an ein Sauffen und zu letzt schmiessen sie noch alle Gläser und Tobacks Pfeiffen auf dem Grabe in Stücken / und dieses war also das Begräbniß. vid. Langhansens Ost Ind. Reise. p. 487. seqq.

Quelle:
Das beliebte und gelobte Kräutlein Toback oder Allerhand auserlesene Historische Merckwürdigkeiten. Chemnitz 1719, [Nachdruck Leipzig 1971], S. 132-155.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte

Der historische Roman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt die Geschichte des protestantischen Pastors Jürg Jenatsch, der sich gegen die Spanier erhebt und nach dem Mord an seiner Frau von Hass und Rache getrieben Oberst des Heeres wird.

188 Seiten, 6.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon