Daniel in der Löwengrube

[241] Wende Dein Antlitz mir zu, o Herr,

Denn mich dürstet nach seinem Lichte!

Mich umnachtet Entsetzen und Grau'n.

Schick' Deinen Odem mir zu, o Herr,

Denn mich verlangt nach seinem Wehen,

In mir ringet Leben und Tod!

Du hörst mein Rufen, ich weiß es!

Ob ich stehe in Wolken des Himmels

Weit entrückt den Gefilden der Flur,

Auf des Gebirges zackigem Haupt –

Oder liege, umgähnt von Schlünden,

In der Erde gräßlichem Bauche,

Du vernimmst meine Stimme, o Herr!

Dein Blick ist auf mir, ich weiß es!

Ob Deine Sonne den Himmel durchwandelt,

Tränkend die Welten mit Licht,

Oder Orion die Nacht durchflammet

Und des Wagens siebenstirnige Pracht, –

Du siehst meine Nöthe, o Herr! –

Schrecken waffnen sich wider mich!

Brüllend lechzet nach mir der Tod![241]

Schaudernde Aengste, ein eisiger Strom,

Wälzen sich über den sterblichen Leib!

Recke die Hand, o Herr und rühre an meine Seele!

Daß sie auf himmlischen Schwingen sich hebe

Aus des Entsetzens erstarrender Fluth.

Haß und Verhöhnung umtoben mein Ohr –

Zagend verstummet die Stimme der Hoffnung –

Oeffne den Mund, o Herr und rede zu meiner Seele,

Daß sie erwache aus todtem Verstummen!

Gedenk' o meine Seele

Daß Du entstammst von Gott,

Sei muthig drum im Unheil

Und trage stolz den Spott!

Streb' auf, o meine Seele,

Sei würdig deines Herrn,

Er harret, daß du kommest

Und er empfängt dich gern!

Soll er herab sich neigen

So ringe du empor,

Dann kommt er dir entgegen

Und neiget dir sein Ohr;

Dann sei bereit, o Seele,

Dein Gott zieht in dich ein,

Groß wird und schwer dein Leiden

Doch du wirst größer sein!

Ich halt' es in Händen und lasse es nicht

Das Band, das, o Herr, mit Dir mich verbindet:

Glauben und brünstig Vertrau'n!

Ich wandle in Nacht, doch am Ziele ist Licht,

Da lodert die Leuchte, die Du mir entzündet,

Dahin denn, zum Ziel will ich schau'n!

Nicht gehört meine Seele der Erde

Keine Erdengewalt zerreißt dieses Band!

Dir, o Herr, gehört meine Seele,

Nichts entreißt sie aus Deinem Schooß!

Ihr Wüstenlöwen mit rollendem Schweif,

Die die Flanken ihr peitscht, die Tatzen spannt,

Ist's seine Kraft nicht, die in euch tost?

Ihr, deren Rachen wider mich schäumt,

Deren Auge mir glüht, deren Stimme mir schallt,[242]

Ist's nicht sein Donner, der aus euch grollt?

Seid ihr nicht Kraft seiner Kraft? Zorn seines Zornes?

Beugt euch vor mir, der ich Geist seines Geistes!


(Das Löwengebrüll verstummt.)


Und sieh, die Gewaltigen beugen das Haupt,

Es schleifet im Sande die lockige Mähne,

Sie wälzen die trotzigen Leiber im Staub –

Ihr Gebrüll verstummt und horch – es wird still.

Ich fühle dich Odem des Herrn, du umfließ't mich.

Erfüllst diese Schlünde, ich spüre dein Weh'n.

Gnädiger Vater, o Du mein Gott,

Der Du hörtest den Schrei des Kindes,

Mich befreitest von Tod und Verderben

Danken möcht' ich, wie dank' ich Dir?

Ach, wie faßt' ich in dürftiges Wort

Meines Herzens brünstige Fülle?

Stumme Zeugen des Menschen-Innern,

Fließet Thränen, redet für mich,

Gott-gespendeter, friedlicher Schlaf,

Schlägst du die Flügel um meine Schläfen?

Gerne sink' ich in deine Arme –

Unheil entschlief, so ruhe auch Du.


(Er entschlummert.)


Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 241-243.
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