1.

Reue über die Sünde

[112] Hilf, Herr! Wir haben viel gesündigt,

Drum drückt uns Schmach und Unglück schwer.

Dein heilig Wort, das du verkündigt,

Das kannten wir im Trug nicht mehr,

Des Glaubens süßes Himmelslicht

Schien unsern blinden Herzen nicht.


Umnebelt waren wir von Dünsten,

Vom gauklisch bunten Höllenschein,

Und spannen uns mit eitlen Künsten

Stets dichter in die Lüge ein,

Das Leben schwankte ohne Ziel,

Und jeder tat, was ihm gefiel.


Die fromme Liebe war erkaltet,

Die stille Demut war dahin,

Was droben auf den Sternen waltet,

Erkannte nicht der trübe Sinn,

Von eigner Weisheit aufgebläht

Vergaß er Gottes Majestät.
[112]

Drum liegen wir so tief darnieder,

Drum plagt uns fremde Tyrannei,

Daß Gott der Herr mit Schrecken wieder

Gesuchet und gefürchtet sei,

Daß wir erkennen, wie wir sind

Vor ihm wie Sand und Spreu im Wind.


Du Höchster in des Himmels Höhen,

Des Name Huld und Gnade heißt,

O laß uns doch nicht gar vergehen!

O sende deinen treuen Geist

Erleucht' uns mit des Glaubens Schein

Und hauch' uns deine Liebe ein!


Dann stehn wir wieder auf in Freuden,

Dann kommt uns wieder Sieg und Glück,

Dann heben wir aus langen Leiden

Zu dir empor den frohen Blick,

Dann klingen und dann singen wir:

Gott bleibt der Helfer für und für.

Quelle:
Ernst Moritz Arndt: Werke. Teil 1: Gedichte, Berlin u.a. 1912, S. 112-113.
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