Meine Grablegung

[225] 1839.


»Wann ich gestorben, schlagt den schwarzen Mantel

Um meinen morschen Leib, wie er verschlissen.

Ihr wißt, warum: die Sünde, die Tarantel,

Hat mich in grüner Jugend scharf gebissen.


Drum mußt' ich taumelnd in dem tollen Tanze,

Der Leben heißt, durch böse Irren schweifen,

Am Becher wilder Lust, am bunten Kranze

Der Torheit wie an Blumen mich vergreifen.


Wie sollt' ich anders denn vor Gott erscheinen

Am Jüngsten Tag, als trauernd und zerrissen?

Ach! Mein Gefolg', mein Engel, der wird weinen

Und mein Vertrauter zagen, mein Gewissen.«


So sprach ich. Und mein Töchterlein, das feine,

Wischt' aus den Augen sich die hellen Zähren:

»O Vater, diese Farben sind nicht deine;

Wie kommst du auf die alten Heidenmären?


Ich weiß es besser, wie wir dann dich kleiden:

Dein Leichentuch muß grün sein, und ein rotes

Herz auf dein Herz genäht; denn diese beiden,

Das Grün und Rot, verkünden nichts Gedrohtes.
[225]

Die frohen Christenfarben sollst du nehmen

Mit grünem Christenglauben in die Erde.

Was spielst du so mit wüsten Heidenschemen,

Verzerrt durch Graun der düstern Nachtgebärde?«


So winkte mich das Kind zur Himmelspforte

Zurück, zurück zum Grün, zum grünen Hoffen,

Zurück zum Rot, zu dem, des Wunden offen

Geblutet an dem Kreuz, zum Liebeshorte.


Drum, wann ich sterbe, sollt ihr grün mich kleiden,

Ein rotes Herz mir nähn auf Herzensstelle:

Grün ist das Wort vom Christ und rot die Welle,

Die eine schwarze Welt gesühnt durch Leiden.

Quelle:
Ernst Moritz Arndt: Werke. Teil 1: Gedichte, Berlin u.a. 1912, S. 225-226.
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