Spazierende Gedanken

[277] 1849.


Schau' ich wandelnd die prächtigen Häuser mir an,

Wird's mir schier, als möcht' ich noch bauen,

Und sollte doch ein so steinalter Mann

Himmelauf nur und himmelein schauen;

Wird doch seinem flüchtigen Bleiben allhier

Rappell bald zum Abmarsch geblasen,

Und wird ihm auf Erden sein letztes Quartier

Gebettet bald unter dem Rasen.


Ei Fabel! Was fabl' ich das Alte mir vor,

Die Kluft zwischen Himmel und Erde?

Weitauf steht der Welten unendliches Tor,

Wo ich Kleiner schon durchschlüpfen werde:

Sankt Peter mit aller Kardinalpolizei,

Mit all ihrer schrecklichen Presse

Schaut meinen Paß an und rufet: »Passiere nur frei!

Dein Paß ist der beste der Pässe.


Dir flammet im Herzen der göttliche Mut,

Dir flammen im Kopfe die Blitze,

Für solche sind Himmel und Erde gleich gut,

Sie bauen nicht bleibende Sitze.

Frei durch denn! Und wolltest du wieder heraus,

Bei dem Tor sind unzählige Pforten:

Soweit Licht scheint, bauen Götter und Geister ihr Haus,

Ihnen tönt's nicht von Stätten und Orten.«
[277]

So pilgr' ich und finde mich leidlich zurecht –

Das übrige wisse Sankt Peter –

So schrei' ich über Erden- und Himmelgeflecht

Nicht kläglich Mordio! und Zeter!

Denn der's geflochten, das weiß ich, der wird seinerzeit

Alle Fäden aufs schönste entwirren:

Ihm trau' ich, drum lass' ich zu wild und zu weit

Die Gedanken mein Hirn nicht umschwirren.


Nein, kein Jung und kein Alt und kein Dort und kein Hier!

Weg, Gedanken, ihr grauen und falben!

Weicht von mir! Ich stelle mein lustig Quartier

Bei dem Ältsten, er heißt Allenthalben:

Bei dem Ältsten der Tage, da nehm' ich den Sitz –

Er blies auch durch mich seinen Odem.

Auf mit Flügeln, mein Geistchen! Und funkle wie Blitz!

Blitze Leben aus Kaltem und Totem!


Sei mutig! Dem Kühnen verwelket kein Kranz,

Ein ewiger Lenz ist sein Eigen;

Tanze mit in der Welten unsterblichem Glanz

Der Wonne unsterblichen Reigen.

Sei mutig! Und gleich wird das engste Revier,

Wo du weilest, der weiteste Himmel,

Das Unten und Oben, das Dort und das Hier

Verschwimmt in der Wonne Gewimmel.

Quelle:
Ernst Moritz Arndt: Werke. Teil 1: Gedichte, Berlin u.a. 1912, S. 277-278.
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