Sechzehnter Auftritt.

[143] DER PREDIGER tritt mit Kuchen und Früchten herein. Celinde sieh, mein lieblich Weibchen, ich mußte dir recht schnell noch etwas von der Hochzeit bringen, so habe ich die Zeit um eine Stunde übereilt, ich[143] dachte stets bei Tische ... Er sieht Celinden in Cardenios Armen. Celinde, nichtswürdige Verrätherei, wer ist der Schurke, bei dem ich dich so zärtlich überrasche, Er faßt sich. ich komme hier als alter Freund des Hauses, die Mutter machte mir zur heilgen Pflicht dies gute Mädchen sittlich rein und gut ihr zu bewahren, des Hauses hier zu wachen, wenn sie abwesend auf dem Landgut ist, Sie haben sich vielleicht geirrt im Haus mein Herr, Sie haben sicher großen Schreck dem armen Kind gemacht, ich muß Sie bitten, dieses Haus gleich zu verlassen.

CELINDE. Verlaß mich nicht, weh mir, wir sind verloren. Sie sinkt in Ohnmacht.

CARDENIO. Halts Maul du dummer Pfaffe, ich laß mich nicht von deinen falschen Pfiffen blenden, kennst du Cardenio nicht besser, ich trage keinen Nasenring, daß mich ein solcher schwarzer Affe könnte durch die Gassen ziehen, ich habe meine Tatzen annoch frei und wär dies schöne Kind in meinen Armen nicht ohnmächtig, du möchtest wohl den Weg hinaus zum Fenster finden.

PREDIGER. Entschuldgen muß ich Ihre pöbelhafte Rede mit dem Trunke, der ihnen aus den Augen und den Backen strahlet, ich will Sie gern nach Hause führen, verlassen Sie nur dieses Haus.

CARDENIO. Du willst mich führen? Ha, da war ich auch verführt, wie dieses arme Kind; was[144] du ihr gabst an christlicher Moral, das hast du ihr mit allem, was Natur ihr gab, ohn heilge Scheu schon wieder weggenommen; du bist ein Schwein, das gierig frißt den eigenen Koth und seine Jungen, was du ihr vorgelogen von dem Glauben, hast du gleich wieder aufgeküßt, du bist ein Bock, der sich die eigene Nase ....

PREDIGER. He Bursch, so ist es nicht gewettet, du meinst weil ich mit Amt und Brod und Ehre in deiner Falle bin, du könntest ehrlos mich beschimpfen hier vor meinem vielgeliebten Mädchen; das ist unritterlich, erst zeige, ob du Muth hast deine freche Rede mit guter Klinge zu bewähren. Erst diese Ohrfeig meinem süßen Liebchen, daß sie zum Zusehn doch erwache. Er schlägt sie.

CARDENIO. Halt ein, ich hätte dein geschont, doch für den Schlag mußt du heut bluten, bereite dich zum Sterben, ich denke deiner Seele Luft zu machen, daß sie der geilen Brunst des Leibes kann entfliehn.

PREDIGER. Mit Worten laß ich mich nicht schrecken, ich war ein Senior der Schwarzen, du bist der erste Praler nicht, den ich hab auf den Sand gesetzt, hier werfe ich zwei Degen an die Erde, ergreif den einen, wehr dich Hund, sonst steche ich dich nieder.

CARDENIO. Die Klingen sind zum Stechen besser als zum Hauen, der Hieb ist sonst mein Zauberkreis,[145] doch macht der Stich hier weniger Spektakel, so wollen wir denn stechen; doch tritt dabei nicht allzuheftig auf, Celinde möchte sonst erwachen und uns stören.

PREDIGER. Nun meinetwegen, du Hund willst mich durch kaltes Blut ergrimmen; ich will bald fühlen, ob dein Blut so kalt.


Sie fechten.


CELINDE. Weh, welche Stille erwecket mich aus süßer Schlummertiefe. Jesus! Sie fechten, ich leid es nicht, ich kanns nicht sehen. Sie stürzt sich in Verzweifelung auf den Arm des Predigers, der dadurch in seiner Parade gestört Cardenios Stich erhält.

PREDIGER. Celinde! Du bringst mich um: Cardenio du hast dich ritterlich gehalten.

CELINDE. O Gott wie ist mir, beim Heilgen Geist, ich weiß noch gar nicht um die Missethat.

CARDENIO. Verfluchtes Eisen, ich brauchte nicht des Zufalls, der so mit Bosheit mir Ruhm und Ehre nimmt, und Sieg verleiht.

PREDIGER. Glaub mir, daß ich aus ganzer Seele dich von böslichem Verdachte losgesprochen, ich geb am Rand des Grabes zur Versöhnung dir die Hand, der Haß ist mit dem Blute mir entströmt. Hört, meine Zeit ist kurz.

CELINDE. Um meine ewige Seligkeit, Du mußt noch leben.[146]

PREDIGER. Ich bin ein Schüler Epikurs, ich weiß zu sterben, ich habe keine Scheu vor dem, was jenseits kommt, denn da ist nichts, nur hier auf dieser Welt schallt mir ein Ruf noch nach, ich habe ihn mit schwerer Müh gewonnen und meine Schriften gelten überall. Fand man mich hier – – die Lästrung würde allgemein dem schön geschriebnen Wort die Wahrheit nehmen – das läßt im Tod mir keine Ruh. Fänd man mich hier erstochen, es brächt euch beide auf das Rad; – Cardenio, du bist ein kühner Mann, du bist ein Mann von Ehre, – ich beschwöre dich bei dieser Ehre, trag mich fort von hier; – ich schwöre dir bei meiner Ehre, für die ich dreizehnmal gefochten, ich werde dich, ich kann dich für die Wohlthat nicht verrathen, trag mich nach meinem Haus: – ich will erzählen, daß mir von Trunkenen die Wunde sei geschlagen, und daß du mich auf deine Schultern mitleidsvoll genommen.

CELINDE. Cardenio, nein traue nicht dem bösen Mann, hier ist Geschmeide, hier ist Gold, wir wollen fliehen mit des Windes Eile, der über Gräber zieht.

PREDIGER. Das Wort hat tiefer mich gekränkt, als meine Wunde, ein Mann kann schrecklich sein, doch nur ein Weib ist fühllos grausam. Cardenio, nicht wahr, du denkst nicht so.

CARDENIO. Ich freue mich, daß ich dir noch zu etwas dienen kann, fast bin ich meines Lebens müde und willst du mich verrathen, ists mir einerlei.[147]

CELINDE. Doch mir ist es nicht einerlei, mit dir verlier ich alles, ich halte dich, ich lasse dich nicht fort.

PREDIGER. Die Zeit vergeht, das Leben flieht.

CARDENIO. Ich gebe dir mein Wort, ich trage dich nach Hause.

CELINDE. Nein, nein.

CARDENIO. Was ich versprochen, halt ich; schweig Celinde, wir sind auf ewig sonst geschieden.

CELINDE. Ich habe Mitleid, so wie du mit ihm, doch meine Liebe die dir einzig angehört Cardenio, macht mich der Löwin gleich, die ihre Jungen sieht durch böse Lust weglocken.

PREDIGER. Wie schmerzet dieses Mitleid meiner Liebe, gewähr mir einen Abschiedskuß dafür Celinde, sieh es ist die letzte Bitte.

CELINDE. Du hast den ersten Kuß mißbraucht, verfahre besser mit dem letzten der dich beschwört Cardenio nicht zu verrathen. küßt ihn.

PREDIGER. Ich hab ihn nicht bekommen diesen Kuß, der Schmerz hat ihn entführt.

CARDENIO. Es drängt die Zeit. Ist alles mir geglückt und alles treu gehalten so ruf ich dir Celinde einen guten Morgen zu von draußen, dann komme ich zu dir um dich zu trösten, mit jedem Troste den die Liebe wünscht. Er trägt ihn in seinem Predigermantel fort. Celinde leuchtet ihm vor.[148]


Quelle:
Achim von Arnim: Sämmtliche Werke. Band 16, Berlin 1846, S. 143-149.
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