Eilfter Auftritt.

[227] Olympie und Lysander besteigen singend den Felsen.


LYSANDER.

Offen ist das Thor des Lebens,

Und die Engel strahlen aus,

Treue Lieb harrt nicht vergebens

Und sie treten in ihr Haus;

Wo ein Engel eingegangen

Ist ein holdes Kind empfangen.

OLYMPIE.

Fromme Engel treuer Liebe,

Wachet über euer Kind,

Manche Nacht die ist so trübe,

Brausend geht dann rauher Wind,[227]

Engel spielt mit ihm im Schlafe,

Daß es lächelnd Sturm verschlafe.

Hör nur Lysander, ich glaube sicher du hast das Lied auf uns gemacht, das heißt doch weit voraus sehen im Leben, ich glaube gar du denkst schon an die Wiege und wir sind kaum vermählt.

LYSANDER. Und ich, ich glaube sicher du siehst mir durch die Augen in die Seele, ich schwöre dir, die Wiege war in diesem Augenblick mein einziger Gedanke, ich dachte mir ein Kripplein zierlich ausgeführt als Wiege unsres Kindes. Das sag ich dir voraus, wenn es erst laufen kann hier darf es nicht herauf, sieh nur an solcher Ecke hier, wo sich die Schwalben unterm Fuße kreuzen, wenn ich mein Kind da sähe, ich hielts nicht aus.

CARDENIO tritt aus der Höhle und umfaßt Lysander. Bewahr dich selber besser, tritt zurück, es ist nicht gut sich selber zu versuchen, wie weit des Geistes Übermacht gestellt, die ird'schen Mächte regen sich zum Kampf und hat der Mensch nur eine Sünde in der Seele, wie er mit Falschheit Lieb gewonnen, die Schwere stürzt den Trotzigen hinunter, wer nie geschwindelt schwindelt hier.

LYSANDER. Der Augen Licht vergeht mir, er ist von Sinnen und alle Kraft vom Widerstand verlöscht.

CARDENIO. Fühlst du dich überwiesen, so sei bereit zu sterben.[228]

OLYMPIE umfaßt Lysander. Dein Schicksal sei das meine auch!

CARDENIO. Wen liebst du mehr Olympie, mich oder ihn?

OLYMPIE. Sprich wie du willst, wenn ich Lysander nur errette.

CARDENIO. So lebt zu eurer Freud und meiner Qual in treuer Lieb beisammen, ich habe nichts zu fordern mehr sie liebt mich nicht. Er führt beide nach einem sichern Platze. Und Doris hatte mich getäuscht. Verzeih Lysander diese rauhe Probe, sie ward ein Zeugniß für Olympiens Liebe, doch wüßte sie wie durch Verrath du in ihr Zimmer eingedrungen.

OLYMPIE. Ich weiß es und es war auf mein Geheiß.

LYSANDER. Du heilige Unschuld klag dich nicht an, ich habe meine Fehler dir bekannt, du hast sie mir verziehen, kein andrer hat danach zu fragen, du Cardenio mußt mir gleich Genugthuung für diesen Frevel geben, womit du mich in sichrer Stunde überrascht.


Er zieht den Degen.


CARDENIO will sich hineinstürzen, jener wendet ihn. Auch diesen Trost versaget mir die Welt.

OLYMPIE knieend. Ich fleh dich an Lysander, wirf das Schwert von dir.

LYSANDER. Es sei, nach Mordthat hab ich nie gestrebt, doch meine Ehre.[229]

CARDENIO. Verzeih, wo ich beleid'gend war, ich sprach dies Wort zum erstenmal, so magst du es auch schätzen, du siehst ich bin zum Frieden fest entschlossen, ich suche Frieden, mögen jene beiden es betheuern, die aus der Höhle traurig furchtsam zu uns gehn.


Ahasverus und Celinde kommen.


LYSANDER. Sie sind verständig eben, den Wahnsinn straft kein Mensch.

CARDENIO. Bin ich vernünftig, thu ich recht?

OLYMPIE. Doch ach, wer giebt uns jetzt ein still Vertrauen, daß dies kein bloßes Spiel mehr ist, wie jenes an dem Hochzeittage, das mit verzweiflungsvollem Schluß geendet?

CARDENIO. Noch immer spricht aus dir mein böser Geist, du drehst das Herz mir um, jetzt fühl ich recht daß ich zum heilgen Grabe wandern muß, um deinen Blick aus meiner Brust zu tilgen. Willkommen du Gefährte meiner Reise und du Gefährtin meiner Sünden, jetzt bin ich euch zur Pilgerschaft verbunden.

AHASVERUS. Seid uns nicht abgeneigt, ihr lebensfrohen Seelen.

CELINDE. Verzeihet unsre Schuld, ihr Reinen.

OLYMPIE. Wir sind hier arme Sünder, wie auf Erden alle.

LYSANDER. Celinde, wie muß ich Sie so ganz entstellt hier wieder sehen, welch Unglück hat Sie überrascht?[230]

CELINDE. Mein Unglück! – das Einzige was mir auf Erden noch gehört, ich trag es schweigend.

CARDENIO. Lysander, noch einmal muß ichs wiederholen, verzeihe mir, dem Tod bist du entgangen den ich dir zugeschworen, zu rächen jene Nacht, wo du mein Glück vernichtet. Doch, als ich harrte so vor deiner Thür, in beiden Augen eine Flamme, in beiden Armen einer Spannung Wuth, dich umzubringen wenn du einsam kehrtest heim, um dann zu deiner Frau ganz heimlich einzuschleichen. –

OLYMPIE. Ha, welche Greuelthat, nicht Liebe kann so Schreckliches erfinden.

CARDENIO. Als ich der That so ganz gewiß da harrte, wie der Stein in den tiefsten Brunnen geworfen, nach langer Zeit doch endlich seinen Fall durch einen dumpfen Ton verkündet, erwartete ich zuversichtlich meines Plans Erfüllung zu genießen, da öffnet sich das Thor, da tritt ein Weib hervor, Olympie in allem ähnlich, in Größe, Gang und Sprache, ihr Angesicht verschleiert.

OLYMPIE. Der Himmel weiß ich war es nicht, ich war mit meinem Bruder bis zu deiner Ankunft mein Lysander, auf dem Balkon; wir hielten uns mit mancherlei Erzählung wach, um dich recht freundlich zu begrüßen.

LYSANDER. O dir vertrau ich ganz.

CARDENIO. Und die Gestalt gebot mir Schweigen,[231] mit einer Stimme daß ich dich zu hören glaubte. Ich konnte nicht errathen was dich mir zugeführt. Doch war mir wohl als ich dich faßte. Als du mich manche Straße fortgeführt, ich achtete des Weges nicht, da sagtest du daß meine Liebe dich gerührt, wie ich bei dem Hallorenfeste um deinen Preis so wüthig hätt gestochen – wollt ich Celinden ganz auf immer meiden, der ich an deiner Lieb verzweifelnd mich zugewendet hatte, so wolltest du mit hoher Gunst mir lohnen. Ich schwors mit leichtem Sinn, Celinden zu verlassen.

CELINDE. Liebt ich noch wie gestern ich dich liebte dies wär mein Todesstoß, und muß ich so schimpflich hier bestehen, und folgte nur der Schönheit ewigem Gesetz.

CARDENIO. Sei ruhig, dieses ist der Anfang deiner Buße, gehörest du Gott zu, so wird er deine Reue heiligen. – Ich fühlte mich so reich, so ruhig, ich ging mit der verschleierten Gestalt durch unbekannte Gassen weiter, wir sprachen wenig, fast verstummte sie, als wir ein rauhes hüglichtes Feld betraten. Da flehte ich ihr Angesicht zu sehen, mit heißem Kuß was ich gelobet zu besiegeln, ich schwor Celinden immerdar zu meiden. Da wurdens plötzlich zwei Gestalten die mir zu beiden Seiten standen, der Tod und eine schöne Todte, die ganz von blauem Licht durchwallt mit seeligen Augen mich beschaute; ich liebte sie im Augenblicke,[232] wie ich Olympien nie geliebt, sie schien Geliebte mir und Mutter, sie mahnte mich an mein Versprechen und warf als Zeichen, den Ring mir zu daß ihr Erscheinen mehr als Fieberwahn.

OLYMPIE. Mein wunderbarer Gott, es ist der Ring von meiner Mutter, den sie im Tode von ihrem Finger nicht entlassen, er ist mit ihr begraben in der Kirche unterm hohen Marmorsteine.

CARDENIO. Sie gab ihn mir und wandelte zur Kirche hin, doch ward sie immer leichter, wenger sichtbar wie der Mond beim Sonnenaufgang drüben an dem Hügel. Ich war schon über alle Schrecken weit hinaus, ich folgte ihr mit Liebe nach, doch an dem Grabmahl wo eine Frau den Stein durchbricht, da schwand sie ein mit einem tiefen Seufzer.

OLYMPIE. Es ist der Mutter Grab.

CARDENIO. Ganz traurig sank ich da nieder bis mich Celindens Schrei'n erweckt, die dort ein böses Geisterreich mit kühner Hand und schwachem Muthe aufgeriegelt hatte. O deine Mutter, wenn sie es war sie hat mein Schicksal umgewendet.

OLYMPIE. O meine Mutter, hörst du meinen Dank daß du aus weiter Ferne uns noch immerdar beschützt, die alles dir im Leben schon verdankten.

CELINDE. O hätte ich so eine treue Mutter auch zu meinem Schutz gehabt.[233]

AHASVERUS. Der Herr des Lebens weiß was du gesündigt und wer an dir sich hat versündigt.

OLYMPIE. O könnte ich den Unglücklichen Trost verleihen!

CARDENIO. Schon fühl ich mich erleichtert, seit ich von meinem Herzen alles frei erzählt, seit dieser Ring der Geisterwelt mich bindet.

AHASVERUS. Ernst ist die Zeit. Ich darf nicht länger weilen, der Stunden Rast ist mir verlaufen ich richte gen Jerusalem den müden Schritt.

LYSANDER. Du wunderbarer Greis willst sie schon auseinander reißen da sie sich kaum erkannt.

AHASVERUS. Nicht trennen will ich euch, könnt ihr zusammen glücklich Leben? Seht tief in euch hinein ob innrer Vorwurf es euch gestatte? noch mehr, seht um euch her; Cardenio, Celinde! Der Arm des weltlichen Gerichts schwebt über euch.

CARDENIO. Ich fürcht ihn nicht, er bringt mich jener heilgen Geisterwelt nur näher, die ihres Schutzes mich gewürdigt hat, – doch eine Sehnsucht treibt mich hin zum heilgen Grabe als sollte ich die vielgeliebte Todte dort einst wiederfinden, dort bin ich nah dem Himmel, hier fühl ich tiefes Weh. – Olympie, Lysander wärt ihr beide mir versöhnt, die Last des Fluchs ist schwer, ich habe einen weiten Weg.


Er kniet nieder.


LYSANDER. Wer könnte um Gedanken dir zürnen,[234] die nie zur That geworden, die erst dein offenes Gemüth uns kund gethan, nur Eines hast du mir gethan, durch deinen Stolz ward mir Olympie geschenkt, mein Glück ist ganz dein Werk.

OLYMPIE. Wie könnt ich zürnen, da ich glücklich bin, da meine Mutter dir ein Zeichen gab, so nimm ein anderes von mir und diese Hand, die ich auf deine heiße Stirne lege, o wäre ihr die Segenskraft verliehen, was dich noch quält in Milde aufzulösen.

CARDENIO. So möcht ich scheiden von der ganzen Welt, – und deine Mutter würde liebe Botschaft lesen, die du auf meine Stirn geschrieben hast, mir wird so frei und heiter!

CELINDE. Es giebt mir keiner hier ein Zeichen auf den Weg, es stehen alle tief in sich versenkt, doch diese Schmerzen die ich tief im Innern fühle, sie sind ein Zeichen mir daß ich zum Grabe gehe. O sagt Viren, er möge mich vergessen, er werde mich vergessen, wenn er sich ganz geschieden von dem Bösen.

AHASVERUS. Immer weiter muß ich schreiten, schüttle nie den Staub von meinen Schuhen, muß mit innrer Unruh streiten und kann nimmer nimmer ruhen.

CARDENIO UND CELINDE. Lebt wohl! Bewahret das Geheimniß unsres Weges.

OLYMPIE UND LYSANDER. Ach kehret wieder! Wir wollen für euch beten. Kommt glücklicher zurück.


Cardenio, Celinde, Ahasverus ab.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämmtliche Werke. Band 16, Berlin 1846, S. 227-235.
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