Dreizehnter Auftritt.

[237] VIREN tritt in heftiger Bewegung auf, er sieht flüchtig umher und bemerkt weder Olympien noch Lysander. Nein nirgend, nirgend find ich sie, spurlos wie ein Traum ist sie entschwunden, je länger ich sie suche desto ferner unerreichlicher. Celinde, hat dich die Luft entführt, so fasse ich die Luft und jeder Athemzug ist mir zur Qual. Hat mir der Morgenthau selbst deine Tritte nicht verrathen, was zürne ich auf Menschen daß sie dich nicht verrathen wollen. Ach alles buhlt um deine Gunst.

LYSANDER. Wen suchest du Viren in dieser frühen Stunde?

VIREN. Auch ihr so früh schon hier, wie kommts, wen suchet ihr?

LYSANDER. Die Sonne schien uns in das Bett so früh.

VIREN. Vielleicht zu früh – ich wollt euch gerne einen guten Morgen bieten – ich bin so ganz erschöpft vom Suchen, Fragen, vom Laufen und Verzagen.

LYSANDER. Wen suchest du?

VIREN. Ich schäme mich es dir zu sagen, ich habe stets mein Ansehn gegen dich bewahrt, jetzt steh ich da ein Thor, belachenswerth, des Mitleids unwerth obenein. Die Schwester weiß wen ich meine. Sie[238] ist entflohn – mit ihrer Mutter fort und mit Cardenio, dies ist das Schmerzlichste. Jetzt fühl ich erst daß ich sie nicht lassen kann.

OLYMPIE. Du denkest noch daran sie zu besitzen!

LYSANDER. Ich rathe wen du suchst; du wolltest mit Gewalt von ihm verlangen, was dir die Liebe hat versagt, da hast du schweren Kampf.

VIREN. Wer wollte nie Unmögliches? Ich suche sie und wünsche doch sie nicht zu finden; ich weiß wie er mir überlegen ist – daß ich ihr schönes Aug der Blindheit müßt anklagen, wenn sie mich vorgezogen hätte.

OLYMPIE. Armer Bruder; es giebt ja noch der Mädchen mehr, kann deiner Schwester Liebe dir Trost verleihen?

VIREN. Du meinst es gut Olympie, aber du bleibst nicht hier, dann bin ich verlassen, hier bin ich allen andern Weibern gram.

OLYMPIE. Ja freilich trennt mich bald der Krieg der Welt von diesem schönen Boden unsrer Jugend.

VIREN. Ich weiß mich seiner nicht zu rühmen, in eitler Arbeit, Wettstreit, Sorge, in wilder Lust hat er die schönsten Jahre mir aufgezehrt wie ein schleichend Fieber; die fernste Fremde war mir lieber als diese Heimath, die ach das Einzige verloren, was mir in ihr noch reizend schien.

LYSANDER. So komm mit uns, es soll dir bei[239] dem Regimente an lustigen Gesellen nimmer fehlen, wenn sie auch nicht von der gelehrten Zeitung wissen.

VIREN. O führ mich hin wo niemand lesen kann, daß ich da sehen lerne. Die Bücher ekeln mich wie eine Speise, von der ich viel zu viel genossen, nur in der freien Luft will ich leben. Ihr beide seid so gut – ich stör mit meinem Kummer eure heitre Liebe.

OLYMPIE. Es wär nicht Liebe wenn sie sich stören ließe.

VIREN. Wenn ihr es mit mir wagen wollt, wohlan ich übergebe mich euch gänzlich. Du Schwester erziehe mich, denn du hast keine Schuld, du Schwager warest auch nicht ohne Fehler, du sei mein Vormund wenn sie zu viel von mir verlangt, sag ihr was die Gewohnheit thut im Bösen und wie die Sehnsucht uns beschleicht.

LYSANDER. Ein Wort ein Mann – ich schaffe dir bei meinem Regimente eine Stelle.

VIREN. Da hast du meine Hand, es wird schon werden.

OLYMPIE. Dich soll der Handschlag noch nicht binden, nur uns verpflichtet er dir beizustehn in trüber Zeit; wie thut es mir so wohl dem hochgelehrten Bruder zu dem ich staunend einst hinaufgeblickt auch etwas sein zu können.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämmtliche Werke. Band 16, Berlin 1846, S. 237-240.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Halle und Jerusalem
Ludwig Achim's von Arnim sämtliche Werke: Band XVI. Halle und Jerusalem. Studentenspiel und Pilgerabenteuer
Halle und Jerusalem: Studentenspiel und Pilgerabentheuer (Jahresgaben Des Verlages)