Hoffnung des Zusammentreffens

[291] Tochter.


Waldige Hügel, grüne Auen,

Frühlingsheimath, heimisch Glück,

Freude, endlich euch zu schauen,

Freude strahlet ihr zurück.


[291] Mutter.


Sieh wie dein befriedigt Lächeln

Ziehet über'm grünen Wald,

Und die Winde dich umfächeln,

Alles dir entgegenschallt.


Tochter.


Wie der Frühling wieder waltet,

Neu gestaltet ist mein Glück.


Mutter.


Weiße Unschuld sich entfaltet,

Hell in deinem frohen Blick.


Tochter.


Unschuld findet hier den Frieden.


Mutter.


Frieden finden hier die Müden.


Tochter.


Alle Waffen sanken nieder

In der warmen stillen Flur,

Ew'ge Feinde wurden Brüder

In der himmlischen Natur.


Mutter.


Keiner kann sich mehr begreifen,

Was ihn hielt in Stahl so fest,

Nun sie leicht durch Wälder schweifen,

Baut die Taub' im Helm ihr Nest.


Tochter.


Als wenn gar nichts wär' geschehen

Sieht das neue Grün uns an.[292]


Mutter.


Pfauen stolz die Farben drehen,

Sehen drauf die Blumen an.


Tochter.


Diesen Baum hab' ich gepflanzet,

Diese Blumen rings gesät.


Mutter.


Die der Schmetterling umtanzet

Und der Duft zum Himmel weht.


Tochter.


Unvergänglich ist Vertrauen.


Mutter.


Sehnsucht kennen nur die Frauen.


Tochter.


Blätter dringen zu dem Himmel,

Worte dringen aus dem Mund,

Sel'ge Fülle, froh Gewimmel,

Grün ist Hoffnung, Freude bunt.


Mutter.


Wie die Farben niedersinken

Von dem Himmel tagelang,

Alle Wesen froh sie trinken,

Ach so such' ich Hoffnung bang.


Tochter.


Und ich muß hier niedersinken

Hier an meiner Rasenbank,

Betend zu dem Himmel winken:

Bleibt der Vater denn noch lang?


[293] Mutter.


Fromme Priester, heil'ge Bäume,

Alte Freunde bleibt ihr stumm?


Tochter


Hörst du nicht der Vögel Träume,

Und der Bienen Sum, Sum, Sum?


Mutter.


Nein der Vater müßte kommen,

Daß mich freute der Gesang,

Bienenfleiß ist mir willkommen,

Daß der Tag nur nicht so lang.


Tochter.


Mach' uns beide nicht beklommen,

Frühlingsluft macht schon so bang.


Beide.


Wie in den gewohnten Orten

Mir des Vaters Bild noch weilt,

Und ich meine, daß von dorten

Er schon grüßend zu uns eilt.


Tochter.


Sieh die Bilder in dem Bache,

Jedes Bild hat seine Blum'.


Beide.


Schwimmend Auge, wache, wache,

Balde kehrt er zu uns um.


Tochter.


Wenn es doch recht bald geschähe,

Sag' es Kukuk in dem Wald.


[294] Beide.


Kukuk rufend in der Nähe,

Wie von Vaters Stimme schallt!

Schmerzen wußt' ich zu ertragen,

Aber diese Freude nicht.


Tochter.


Frühling hilf mir Freude tragen,

Daß mein Herz davon nicht bricht.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 291-295.
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